Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 172 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 BIT NEUE WEt/i Nr. 172 haben, selbst mit dieser Verleumdung sksmpagne abzurechnen, die vielleicht nicht auletst du Ziel ▼erfolgt, das gute Einvernehmen zwischen der tscheehoslo« wakischen Nation und den hier lebenden Juden zu trüben." Gründung einer „Jüdischen Reicfc*pftrteiM in der Tschechoslowakei. Prag, 26. Dezember. (J. T. A.) Für den 6. Jänner ist nach Mähriseh-Ostrau eine Konferenz zur Gründung einer einheitlichen Jüdischen Reichs partei für die gesamte Tschechoslowakei einberufen. Durch die Gründung dieser Partei aoll den durch die Politische Reichskommission des zionistischen Landesverbandes vertretenen WHhlern in den historischen Ländern, der Slowakei und Karpathorußland, sowie den durch die Jüdische Partei für Sloveneko vertretenen Wählern in der Slowakei, eine einheitliche Parteiorganisation gegeben werden. Die Grtfndungskonferenz der Jüdischen Reichspartei wird auf Grund eines auf dem Zionisfentag im Dezember 1929 gefaßten Betschlusses einberufen. Judenhaß in der tschechischen PHdagogik. Prag, 28. Dezember. In dem vom Unterrichtsministerium geförderten tschechischen pädagogischen „K o m e n s k y - V e r 1 a g" in Prag ist eben ein Buch des bekannten tschechischen Pädagogen und Schuldirektors Josef U1 e h 1 a erschienen, das den Titel „Untersuchungen Über die Erziehung des Menschen" trägt. Ein Kapitel des Buches befaßt sich auch mit der Judenfrage. Ulehla, der die Tschechen alsein bereits aus prähistorischen Zeiten her mit hohen kulturellen Missionen bedachtes Volk den Deutschen gegenüberstellt, kommt 2u folgender Anschauung über die Juden: „Sie bilden ein seßhaftes, ausgeprägtes Volk. Der Weltkrieg hat gezeigt, daß sie ein einheitliches, aber auch grausames und blutrünstiges Volk sind. Die Machthaber im heutigen Rußland sind Juden. Die Beamten sind Juden. Rußland ist ein jüdisches Zarenreich. Von 50 sowjetischen Machthaber n sind 45 Juden. Als in Deutschland die Revolution ausbrach, der Kaiser abdankte, die Regierung demissionierte, nahmen Juden ihre Plätze ein." Ulehla schildert dann, wie der kriegerische Stamm der Deutschen die Welt im Kriege bezwingen wollte, und sagt von den Juden: „Zu ihnen * gesellten sich die Juden, ein Volk, das weder Gewerbe noch Ackerbau kennt und sich bisher durch nichts anderes als durch räuberischen Handel fortgebracht hat." Unerhörte Steuerschikane gegen die jüdische Bevölkerung Karpathorußlands. Prag, 28. Dezember. (J. T. A.) Die Lage der jüdi-; sehen Bevölkerung in K a rp a th o r u ß 1 a nd, die in diesem' Jahre durch einen harten Winter, die bestehenden Wirtschaftsverhältnisse und die nunmehr eingetretenen Rückschläge aus dem Abbruch der tschechoslowakisch-ungarischen'-' Handelsbeziehungen noch besonders erschwert wurde, hat durch eine rücksichtslose Steuer-Eintreibungskampagne, die in den letzten Tagen einsetzte, eine neuerliche und so schwerwiegende Verschärfung erfahren, daß sich der jüdischen Bevölkerung in vielen Orten große Aufregung bemächtigte. Die Steuerexekutoren haben in den Städten, insbesondere in Munkac z, und auf' dem flachen Land eine Reihe rücksichtsloser Exekutionen vorgenommen, und zwar auch bei gänzlich verarmten Familien, denen in vielen Fällen buchstäblich das letzte K o p fkiss'en weggenommen wurde, und die nun der nackten Not preisgegeben sind. Die Jüdische Partei wird sich an den Finanzminister mit dem' dringenden Ersuchen um eine Abstellung dieser rücksichtslosen Steuereintreibungskampagne wenden Und auf das Beispiel anderer Länder hinweisen, in denen angesichts der bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse die Steuergesetze milder gehandhabt werden. Die erste öffentlich-rechtliche Judengemeinde in Spanien. Madrid, 27. Dezember, (J. T. A.) Zum erstenmal seit 1492, dem Zeitpunkt der Vertreibung der Juden aus Spanien, konnte sich in Madrid öffentlich eine jüdische Gemeinde zum Gebet in einem jüdischen Gotteshause, das als solches anerkannt ist, versammeln. Ein Kreis von etwa 30 Männern hat mit Genehmigung der Regierung die erste spanische Synagogengemeinde gegründet. Die Feierlichkeit selbst spielte sich in schlichtem Rahmen ab. Anwesend war auch ein Vertreter der Madrider Polizeibehörde. Der französische Bankier Bauer, der als finnischer Generalkonsul fungiert, und dessen Familienmitglieder in nahen persönlichen Beziehungen zu König Alfons von Spanien stehen (die Tochter von Bankier. NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BOCHfiRSTUBE M. RATH *IIN, lt., TAftdftSTRASSE Nr. 20« fEL.: R-43-1-68. ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL M MMAIKA UNO JUDAIKA! MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBOHR I TÄGLICHER UMTAUSCH! Batter gehört zur Suite der Königin), wurde zum P r äsidenten der Gemeinde gewählt. Seinen Interventionen beim König ist es vor allem zu danken, wenn jetzt nach langen Bemühungen die jüdische Gemeinde anerkannt worden ist, und er war es auch, der einen Erlaß durchsetzte, nach welchem — entgegen dem Willen der kirchlichen Behörden — auf dem Zivilfriedhof von Sevilla ein Feld für jüdische Gräber reserviert wurde. Bankier Bauer hat auch diö: finanziellen Lasten, die aus der Unterhaltung der Synagoge entstehen, übernommen. Nach der Gründungsfeier wurde ein Protokoll und vorläufiges Gemeindestatut durch den anwesenden Polizeioffizier verlesen und unterzeichnet. Der von einem Gemeindemitglied gestellte Antrag auf Anstellung eines Kultusbeamien wurde aus Mangel an finanziellen Mitein abgelehnt. —'Das Gebäude, in dem sich die Synagoge befindet, liegt im Zentrum der Stadt. Das Bethaus seihst trägt sep bardische Prägung, in einem Nebenraum ist eine kleine Bibliothek und eine Sammlung von Kultgeräten, aus Privatbesitz und staatlichen Museen stammend, tintergebradit word"*». Lord Passfield — kein Judenstämmling. Die antisemitischen und antizionistischeri Bekenntnisse der Frau des englischen Kolonialministers, Lady Passfield, welche einer jüdischen Familie entstammt, hat besonders in der amerikanischen Presse lebhafte Diskussionen ausgelöst; Da Lord Passfield' ziemlich -viele Beziehungen zu amerikanischen Persönlichkeiten unterhält, wandte man sich'an"diese, tim. mögliehst viele Einzelheiten über das durch seinen Vorstoß gegen den Zionismus so interessant gewordene Ehepaar zu erfahren. Das führte zu einer pikanten Auseinandersetzung zwischen dem englischen Kolonialminister und einer seiner. amerikanischen Freundinnen: New York, 27. Dezember. (J. T. A.) Die bekannte amerikanische Frauenrechtlerin und Präsidentin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, Äffiß Jane Ad da ms, behauptet in einem Artikel im ^Chicago Courier" mit aller Bestimmtheit, daR Lord Passfield jüdischer Abstammung sei. Er sei in Whitechapel als Kind armer jüd isolier Eltern geboren. Miß Addern« ist die Leiterin des „H u II- Haufies" in Chikago, einer durch sie im Jahre 1889 begründeten WohlfahrtsirtStitution. Seit 15 Jahren steht sie als Präsidentin an der Spitze der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Sie hat eine Reihe von Werken über Frauenbund Friedensfragen veröffentlidit, unter denen „Demokraitsche und soziale Ethik" und „Neuere Friedensideale" hervorzuheben sind. London, 25. Dezember. (J. T. A.) Auf eine im Zusammenhang mit obiger Nachricht von Lord Passfield gerichtete Anfrage teilt Passfields Sekretär, E. B. Boyd, der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit, Lord Passfield empfinde die Behauptung, daß er vott armen jüdischen Eltern in Whitechapel abstamme, durchaus nicht als diffamierend und hätte sich unter gewöhnlichen Umständen nicht veranlaßt gesehen, die Nachricht zu dementieren. Doch müsse er erklären, daß er, in einem Stadtteil Londons geboren sei, der noch weniger vornehm ist als Whitechapel. Seine Eltern, die dem kleinen Mittelstand angehörten und für seine Erziehung und Ausbildung große Opfer gebracht haben, hätten wohl in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt, doch könne er nicht sagen, daß er Not gelitten, hätte. Schließlich müsse Lord Passfield im Interesse der historischen Wahrheit feststellen, daß auf Grund seiner genauen Kenntnisse - weder seine Eltern, noch seine Groß e 11 e r ri, noch irgendwelche seiner ihm bekannten Vorwärmen jüdischen Stammes oder Glaubens, sondern durchwegs reinblütige Angelsachsen aus Kent und Essex waren. Er könne, nicht annehmen, daß Miß Jane Ad da ms, für deren Lebensarbeit er höchste Bewunderung hege, wirklich die Autorin des Artikels im „Chicago Courier'' sei. da ihr seine, Jugend und seine Familienverhältnisse nicht bekannt sein können. Die zionistische .Welt steht Vor ..dem 17. f Kongreß.- Vor einem Kongreß, der in - der Tat entscheidende Veränderungen bringen muß.,, Wenn auch... da., und dort leichtes Wahlgeplänkel zu .verzeichnen, ist. so kann man. dennoch konstatieren, daß im .ganzen und großen jene Leidenschaft und ^Spannung fenlt, „ .die angesichts der bevorstehenden . wichtigen L^ntscheidungen zu. erwarten wäre. Das hat allem Anschein nach darin seinen Grund, daß die bis jetzt alleinherrschenden, die zionistische Politik bestimmenden Gnippen sich in eine Sackgasse vermint haben, M Iii d i g k e W und Apathie in ihren Reihen herrscht, ein nahezu tötender Skeptizismus ihre Aktivität außenpolitisch'und innenpolitisch lähmt. Von diesem Geist getragen ist z. B. ein Le'itäufsntz' der „J ü d i s c h e n H u n d s c h a u" (der Autor birgt sich hinter drei Sternchen), des unentwegten Orgaus des Weizmann-Systems und des Bhlationalisimi's.' Darin wird mit melancholischer Resignation eingestanden, daß wohl die Zionistische Organisation nach dem karlsbader' Kongreß nicht mehr Weizmann zum Präsidenten haben' werde, und auf eine Spekulation eingegangen. indem die möglichen Nachfolgekandidaten, und zwar „Der Führer der Revisionisten" und die Herren Louis B r a u d e i s, Menächem Mendel Ussischkin, Harry S a c h e r und Pinchas 11 u t h e nberg derart zugestutzt werden, daß. sie als uaimöglich erscheinen; wobei es einzelnen, z. B. Ussischkin, sehr schlimm ergeht, den der Leitaufsatz als abgebraucht hinstellt. Die „Jüdische] Rundschau" findet es anscheinend für notwendig, schon in Opposition z^ gehen. Sie bemerkt, sie wolle dem künftigen Präsidenten durch vorweggenommene Kritik die Arbeit nicht erschweren, tut aber mehr als das. Trachtet, ihn unmöglich zu machen. Die Taktik ist durchsichtig. Weizmann sollte gehen. Aber es ist kein anderer da. Also muß Weizmann bleiben! Außer der brennenden Leitungsfrage bemerkt man kaum ein Eingehen auf die noch schwierigere Frage des verfahrenen Finanz- und W i r t s c h a f ssystems der Organisation. Aber ganz unabhängig von •all diesen. Problemen ist die Debatte über die Juden- . s t,a a t f r a g e immer noch, auf dem Tapet. Die große Aufgabe. Man kennt in der jüdischen Welt den Namen Oskar Osipowitsch Grusenberg. Man weiß, daß dieser ehemalige Petersburger Rechtsanwalt seinerzeit in den großen R i t ai a I m o r d p t o z e s s;e n des ..zaristisdien Rußland eine mutige Verteidiger- und Anklagerolle gespielt und sich .nach-.Ausbruch der bolsdiewiki-, 'sehen Revolution \n Riga als Advokat niedergelassen hat. Das lettländische Judentum entsandte 'Grusenberg in den'Rat der erweiterten Jewish Agency, seit welchem Zeitpunkt er,' der Nichtzionist, häufig über zionistische und Palästina-Fragen das Wort ergreift. In" •einem Gespräch mit dem Vertreter des Warschauer „Hajnt" äußert sich Grusenberg charakteristischerweise folgendermaßen: ' ,J3ie alten Methoden der zionistischen Arbeit gehen ihrem Ende entgegen. Es ist mit einem Erfolg im Kampf gegen England vorläufig nicht zu rechnen. Man muß den letzten Versuch machen und die Leitung der Organisation dem-'begabten und ergebenen Führer des Revisionismus, Jabot i'n s k y, übergeben. Ich bin nicht sicher, daß dies die gewünschten Resultate bringen wird Nach dem lyrischen Tenor des Professors Weizmann der tiefe Baß Jabotinskys — ob die Aenderung der Modulation etwas bringen wird, ist zweifelhaft. Es war unsererseits ein Fehler, daß wir nicht sofort unsere Maximalforderungen aufgestellt haben: Die Forderung nach einem j.üdis c h en Staatund nicht nach einem Natio-' n a 1 h e i m. Damals in der eruptiven Epoche hätten wir ihn bekommen können. Jetzt ist die Gelegenheit verpaßt. Das heißt aber nicht, daß ich an einen Erfolg unserer Sache nicht glaube. Der Erfolg wird kommen, aber auf ganz anderem Wege. Schon jetzt reift der Gedanke der Vereinigten Staaten Europas. Nach diesen muß es zu einer Vereinigung der Kulturstaaten des nahen Orients kommen. Hebräisdies Konzert Großer Konzerfhaussaal 1* PebwiÄf mi^^