Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 171 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Ä Nr. i?l itiomtfjnimitMitwtnm»! itimwMJ SIEGM. KORNHEHL 0ROSSFLEISCHHAUERI1 Zentrale IX., Berggasse 19, Tetephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant tür Heilanstalten Abteilungen für «^-Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kul« ] tusgemeinde Wien Autozustellung kostenlo» IX.; Bttrggasse 15 ✓ XVIII., Wäiiringerstr. 97 er, „will die Welt versklaven und unter die Herrschaft der Judcnheit bringen. Dagegen gäbe es nur eine Rettung: Die Vereinigung aller A n t i s e m i t c u i n d c r W e 11." Diese Worte Cuzas riefen einen Sturm der Entrüstung hervor, man hielt Cuza entgegen, daß eine Re- \ision der Friedensverträge ja Rumäniens Grenzen bedrohe. ..Der Yersailler Friede ist ein jüdischer Friede!" schrie Cuza. Minister Madgey ru: ..Der Friede, durch den wir die nationale Vereinigung vollziehen konnten. ist ein jüdischer F r i e d e?" Nachdem sich der Sturm gegen Cuza etwas gelegt hatte, erklärte Cuza noch, man verleumde den König, wenn mau ihm unterschiebt, er wolle eine Regierung bilden, der der Jude Aristide Blaue als Finanzminister angehören soll. Diejenigen, die das behaupten, werden Rechenschaft abzulegen haben. Titulescu umgibt sich mit zu viel Juden. Man müsse alle Juden aus Rumänien ausweisen; es ist dies die einzige Lösung. So machte es das alte Aegypten und so s p ü t e r auch S p a n i e n. Am nächsten Tage setzte Cuza seine unterbrochene Rede fort. Er führte ans, die Juden seien für die Verträge von Versailles und St. Gennain verantwortlich, diese Vertrüge müssen revidiert werden. Minister Madgcaru und einige Abgeordnete unterbrachen Cuza und bezeichneten ihn als den Advokaten Ungarns im rumänischen Parlament. „Wenn wir zur Macht kommen", erwiderte Cuza, „werden wir allen christlichen Mi n cl e r Ii e i t e n volle Gleichberechtigung geben, die Juden a b e r w erde n w i r n ach U g a n d a a u sw eis e n. Nach Palästina dürfen sie nicht gehen, denn dort werden sie die armen Araber unterdrücken." Im Parlament fiel es auf, daß die Magyaren -Abgeordneten diesem Teil der Rede Cuzas applaudierten. Der jüdische Abgeordnete Dr. Michael Landau verwahrte sich dagegen, daß ihm in der letzten Sitzung das Wort entzogen worden war, und protestierte sodann energisch gegen die Haltung der Kammer während der Rede Cuzas. Kein Mensch hätte über andere Religionen oder Rassen so reden dürfen, wie Cuza über die e i n e M i 11 i o n Bürger z ä hlende jüdische Bevölkerung Rumäniens und ihre Religion gesprochen habe. Trotzdem habe ihn die Kammer, selbst als er von der Revision der Friedensverträge sprach, nicht öffentlich desavouiert. Einem anderen Abgeordneten wäre es sicher nicht gestattet worden, in dieser Weise in der Kammer zu reden. Abgeordneter Landau richtete au die Regierung die Frage, warum sie sich solchen R e d e c x z essen gegenüber so schwach zeige, und ob Reden, wie-die Professor Cuzas, die noch in derselben Nacht zu „T a t c n" geführt haben, als bloß „ideologische" Aeußerungen des Antisemitismus zu werten seien. Die jüdische Bevölkerung habe zur Regierung kein Vertrauen. Die jüdischen Abgeordneten seien daher nicht in der Lage, für die Antwort auf die Thronrede zu stimmen. t beim Pflügen von Beduinen überfallen. Ein Kolonist wurde verletzt. Fünf Beduinen wurden verhaftet. Nach seiner Verhaftung erklärte einer der Beduinen, er habe geglaubt, durch das Weißbuch sei der Boden Palästinas landlosen Arabern zugesprochen w o r d e n, und daß die Juden kein Recht auf Landbesitz in Palästina haben. Amerikanische Chaluzini auf der Reise nach Palästina. Paris, 18. Dezember. Im großen Saale des Majestic Hoteis in Paris fand eine von etwa 1000 Personen besuchte Versammlung statt, auf der die Schckelkanipagno für den bevorstehenden XVII. Zionistenkongreß eröffnet wurde. Der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, hielt eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede. Eine Gruppe von dreizehn u m e r ikanischen Chaluzini, die sich auf der Durchreise nach Palästina in Paris aufhalten, wurde von der Versammlung mit lebhaften Sympathiekundgebungen empfangen und von den Veranstaltern feierlich begrüßt. Ausspeisung der Stadtgeineinde Amsterdam für jüdische Arme. Amsterdam, 20. Dezember, (j. T. A.) Der Gemciuderat von Amsterdam hat beschlossen, im kommenden Winter eine Aüsspeiseaktion speziell für jüdische Arme durchzuführen. Bei der Zubereitung der Speisen wird auf die jüdischen religiösen Speise Vorschriften Rücksicht genommen werden. * Die Stadt Wien rühmt sich ihrer sozialen Fürsorgetätigkeit. Die Juden zahlen fast 40 Prozent der Steuern. Jüdisches Elend gibt es in gewaltigem Maßstab. Aber so was wie in Amsterdam gibt es hier nicht. Ucberfäüe auf Kfar Jehosehua. — Wie Beduinen das Weißbuch auffassen. Jerusalem, 19. Dezember. In der Kolonie - K f u r Jehosehua bei Nahallal wurden jüdische Kolonisten 300 arabische Arbeiter aus dem Hauran ohne Einreiseerlaubnis in Haifa. Haifa, 19. Dezember. (J. T. A.) Die Polizei in Haifa hat in der letzten Woche die Papiere der arabischen Arbeiter aus dem Hanrnn, die bei verschiedenen privaten und öffentlichen Unternehmungen beschäftigt werden, nachgeprüft. Sic hat dabei festgestellt, daß nicht weniger als 300 solcher Arbeiter ohne Erlaubnis nach Palästina gekommen sind. Arbeitskonflikte in Palästina* Wir haben in der letzten Nummer über die in Palästina ausgebrochenen Konflikte zwischen jüdischen Orangenpflanzern und jüdischen Arbeitern berichtet. Die weiteren Meldungen lauten: Jerusalem, 19. Dezember. (J. T. A.) Die jüdischen Pflanzer von Ncß-Ziona, wo kürzlich im Zusammenhange mit der Forderung der jüdischen Arbeiter nach erhöhter Beschäftigung während der Erntezeit Arbeitslosenunruhen ausgebrochen sind, haben die Vermittlung von Vertretern des Waad Leumi und der Jewish Agency in dem entstandenen Konflikt akzeptiert. In das Gefängnis, von Ranil eh wurden weitere vier jüdische Arbeiter eingeliefert, so daß die Gesamtzahl der Häftlinge nunmehr auf 16 gestiegen ist. Britische und palästinensische Polizei wurde zur Verhütung weiterer Unruhen in Neß-Ziona stationiert. Jerusalem, 20. Dezember. Sechs von den im Verlaufe der Unruhen in Neß-Ziona verhafteten jüdischen Arbeitern 'wurden zu je drei Wochen Gefängnis verurteilt. Die übrigen zehn Verhafteten wurden freigesprochen. In einem gemeinsamen Aufruf erklären die Exekutiven der JewishÄgency und des WaadLeumi, daß unter keinen Umständen eine Wiederholung der von einem Teil der Arbeitslosen in Neß-Ziona verübten Gewalttaten zugelassen werden dürfe. An die Öffentlichkeit und insbesondere an die organisierte Arbeiterschaft wird der Appell gerichtet, jedem Versuch zur Gewalttätigkeit energischesten Widerstand entgegenzusetzen. In einer Proklamation der Arbeiterschaft von N e ß - Z i o n a wird idarauf hingewiesen, daß die Kosten des britischen* Polizeiächutzes für die Kolonie höher sind als die Gesaintlohnsiimme von zwölf Tagen. Repressivmaßnahmen gegen die Arbeiterschaft seien nicht geeignet, den Hunger der Arbeitslosen zu stillen. Die dringende Arbeiterfrage erheische °inc sofortige Lösung. Die paläsfinensi§dkte Laaid Wirtschaft* Der Bericht der Johnson Crosbie-Kommission, Die . sogenannte Johnson Crosbie-Kommission, die in den letzten Wochen gründliche Studien über die ökonomische Lage der landwirtschaftlichen Bevölkerung Palästinas und die Auswirkung der staatlichen Stcuermaßnalunen angestellt hat, hat soeben ihren Bericht veröffentlicht. Obwohl die Wirtschaftslage der Fellachen in diesem Bericht in äußerst düsteren Farben geschildert wird, gelangt die Kommission doch zu dem Schlüsse, daß mit wenigen Ausnahmen jedes arabische Dorf die Mittel für den Lebensunterhalt seiner Bewohner produziert. Der arabische Bauer oder Pächter hat zwar fast immer mit Geldknappheit zu kämpfen, Notlage infolge ungenügender Versorgung mit Lebensmitteln konnte jedoch die Kommission nirgends feststellen. Der jüdische Kolonist ist mit landwirtschaftlich-technischen Hilfsmitteln besser ausgestatet als der arabische Landwirt, sein Lebensstandard ist ein höherer, seine sozialen und kulturellen Errungen-' schalten sind dem Araber unbekannt. Die Untersuchungen der Kommission erstrecken sich auf 10 4 arabische Dörfer in allen Teilen des Landes, wo die erforderlichen Daten von den Regierungsbeamten zur Verfügung gestellt wurden, während die Informationen über jüdische Kolonisation von dem jüdischen Kolouistcuvcrband stammen. Der Bericht nimmt das Gesamtausmaß des kulturfähigeu Bodens Palästinas mit 12 Millionen Dunam an. Die landliche Bevölkerung hat sich seit der Volkszählung i. J. 1922 um 33 Prozent vermehrt. Der durchschnittliche Bruttoertrag eines Dunains beträgt 10 Schilling. 25 bis 50 Prozent dieses Betrages muß der Pächter dem G r u nd b esi tz e r abführen, so daß Reinertrag und Pacht annähernd gleich hoch sind. Die Kosten des Lebensunterhalts für eine sechsköpfige; arabische Familie schwanken zwischen 25 und 3 8 Pfund und betragen durchschnittlich 27 Pfund im. Jahr. 8 Pfund jährlich, sind für Verzinsung und Abzahlung von. Schulden erforderlich. Der durchschnittliche Bodenbesitz beträgt 56 Dunam, während nach Ansicht der Kommission der selbständige Bauer 75 Dunam, der Pächter 130 Dunam besitzen müßte, um ohne Nebenbeschäftigung nur vom Ertrage seiner Wirtschaft leben zu können. Die Steuerlast beträgt 19 Prozent des Reinertrags, über 10 Prozent des Kapitalseinkommens und ebenso viel vom landwirtschaftlichen Rohertrag. Der Lebensstandard der jüdische«* Bevölkerung ist nach Gegend und Siedlungsform sehr verschieden. Während in Jawniel, einer Kolonie der PJCA. in Galliläa, eine sechsköpfige Familie mit 33 Pfund im Jahre auskommt, beträgt der Lebensaufwand einer ebenso großen Familie in Nahallal 125 Pfund im Jahre. Der Aufwand für Gemeindcabgaben, Steuern und Zinsen schwankt zwischen 6 Pfund in der Kwuzah Bcth Alpha und 28 Pfund in Nahallal. Nach einer Schätzung von Agronom Smilansky beträgt der Reinertrag einer gemischten Wirtschaft von hundert Dunam 49 Pfund. Die Kosten der Lebenshaltung einer fünfköpfigen Familie werden* von Smilansky auf 46 Pfund geschätzt. Orangenpflanzungen liefern einen Reinertrag von durchschnittlich 19,5 Pfund pro Dunam. Die Gesamtverschuldung der palästinensischen Fellachen beträgt nach den Untersuchungen der Johnson Crosbie-Kommission 2 Millionen Pfund, der Zinssatz zumindest 30 Prozent, im allgemeinen 50 Prozent für 5 Monate. Von der gleichen Bodenfläche erzielt der jüdische Landwirt , ungefähr den doppelten Bruttoertrag wie der arabische. Dagegen sind die Kosten seines Lebenunterhaltes mehr als doppelt so hoch A\ic die des arabischen Landwirts. Unter dem katastrophalen Sinken der Preise für landwirtschaftliche Produkte hat der jüdische Kolonißt in demselben Maße zu leiden wie der Fellache. Der Bericht stellt fest, daß es iu Palästina mit Ausnahme der Ebene von Beer, Schcba des Jordautals und des Huleh-Gebiets, deren Kultivierung große Invcstitutionen für Bewässerung und sonstige Meliorationen erfordern würde, nur mehr sehr wenig freien k u 11 u r f ä hi ge n Boden gib t. Dem dringenden Bedürfnis nach landwirtschaftlicher Schulung der bäuerlichen Bevölkerung ist die Regierung bisher nur durch vereinzelte Bemühungen entgegengekommen. Größeres auf diesem Gebiete haben jüdische Institutionen geleistet. Ein entscheidender Einfluß dieser Bestrebungen auf die palästinensische Landwirtschaft als Ganzes konnte jedoch nicht festgestellt werden. Die Kommission schlägt die Errichtung von M u s t e r f a r m e n durch die Regierung vor, auf denen die Anwendung verbesserter landwirtschaftlicher Methoden praktisch demonstriert werden soll. Das gegenwärtige Steuersystem ist durch eine progressive Einkommensteuer zu ersetzen, nach deren Einführung die Vi e h s t e u e r aufgehoben werden soll. Der Zeheiit ist auf 7,5 Prozent zu ermäßigen. Als Notstandsmaßnahme soll die Regierung den Betrag von 100.000 Pfund für kurzfristige Darlehen zur Verfügung stellen. Die Einfuhr ausländischen Weizenmehls ist vorübergehend zu verbieten. Fürst Bulow* Sigmund Münz, der sich durch sein jahrzehntelanges publizistisdiesv Wirken einen guten Namen im In- und Ausland erwarben hat, veröffentlicht jetzt ein Budi*) über den Fürsten Bülow, zu dessen Bekanntenkreis er über ein Mensdien alter zählte. Das Münzsche Budi ist die Schrift eines gediegenen Politikers, der die Dinge richtig 'beurteilt. Von einem disziplinierten Gedächtnis unterstützt, gibt uns Münz in seinem Bülow- Büeh wertvolle autobiographische Mitteilungen, die uns seine besondere und einflußreiche Stellung in der Welt der Journalistik vor 'Augen führen. Sigmund Münz gehörte mit Theodor Herzl zu den bedeutendsten Mitarbeitern der „Neuen Freien Presse". Man kann atidi in den Tagebüchern Henzte nachlese«, wie Herzl durdi Münz den Weg zu den vatikanischen Kreisen suchte. Aus dem Polnaer Prozeß, in welchem Hilsner wegen eines angeblidien Riluaknordos verurteilt wurde, ist Münz der jüdischen wie niditjüdischen Welt gut bekannt. Er war es, der den damaligen Albgeordneten Masaryk beweg, seine Persönlichkeit in den Dienst der sdiwer bedrohten Judenschaft zu stellen „Ohne Sie", schrieb ihm Masaryk, „wüßte ich noch heute vielleicHt nicht, wo Polna liegt." Es ist naheliegend, audi dun Bülow-Buch von Münz nadi jüdischen Erinnerungen zu suchen. Trägt ja das Budi oen ergänzenden Untertitel: „A uf zeichnung,€n, E rin ne r u ngem u nd Erwägungeo*\ Um nicht viel sa<gen zu müssen, erzälhlt Münz, schwenkte Bülow ab, wenn die Rede auf Dar eyfus kam. Der besondere Fall gab Gelegenheit, die Judenfrage zu berühren. Bülow wunderte sidi, daß das ganze Judentum iu Eui'opa und A m e r i k a für Dreyfus Stellung nehme. Er fragte, ob dies vom jüdischen Standpunkt angezeigt sei. Münz erwiderte: „Sie mögen, Exzellenz, bedenken, daß wenn ein Arier irgendwo Verrat oder Mord begeht, solch eine Untat als das Werk eines einzelnen angesehen wird. Anders, wenn ein Jude Verrat oder Mord übt. Dann hat nach der Auffassung der Allgemeinheit nicht der einzelne verraten oder gemordet, son» *) Sigmund Münz: Fürst Bülow, der Staatsmann und Mensch. Verlag für Kulturpolitik. Berlin,