Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 171 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr.!T1 DIE NEUE WELT Seitot dem acht Millionen Juden, die heute auf Erden leben." Wie wir sehen, hat Münz Bülow einen, allerdings ohne sich dessen bewußt zu sein, einen Gedanken aus Pinskers „Autoemanzipation" ausgedrückt. Für Dreyfus suchte auch, wie Münz berichtet, die edle Malwida von Meysenburg durch die Gattin Bülow« auf den Mann Einfluß zu erlangen, damit er doch, in Kenntnis der Schuldlosigkeit des Kapitäns, vor aller Welt dessen Unschuld bekunde. Münz gibt auch ein Gespräch mit Bülow über Theodor He„rzl wieder. Bülow, wir wissen es aus den Tagebüchern HerzJs, war der zionistischen Sache nicht sehr geneigt. Auch aus dem . Gespräch mit Münz entnehmen wir, wie falsch Bülow die zionistische Bewegung einschätzte. Für Bülow war Palästina ein unrettbares, unfruchtbares Land. Weiter nichts. Im Jahre 1908, nach dem seinerzeit weltbekannten Gespräch mit Lloyd George, worin sich der englische Minister für eine Kooperation Englands mit Deutschland aussprach, unternahm es Münz, eine inoffizielle Zusammenkunft von Lloyd George und Bülow herbeizuführen. Der überaus interessante und umfangreiche Brief an Bülow findet eich in dem Buche. Eine Stelle, die besonders vom jüdischen Standpunkt charakteristisch ist, sei hier wiedergegeben. Münz schreibt an Bülow: „Vergeben Sie, daß ich an der Krankheit aller;kontinentalen Liberalen leide, der Vorliebe für England. Ich gebe zu, daß dabei auch ein atavistisches Unterbewußtsein walten mag, die Erinnerung [daran, daß England den Juden in den Tagen Crom- •wells ein Asyl geboten und dieser ihren Sprecher 'Menasse ben Israel hochherzig in seine Arme ge- 'schlossen." Damit wollen wir diesen kleinen Rundgang durch die von Siegmund Münz in seinem prächtigen und lesenswerten Buch mitgeteilten Betrachtungen •schließen... Tulo Nassenblatt. Jüdische Ärzte. Jüdische ftrzte als Pohühev und Diplomaten. - Blatten als Ställe der Zuflucht» — Marlin Luthers Hetze geigen jüdische Arzte» Von Ludwig Bato (Wien). Auf Jahrtausende geht die Pflege der Heilkunst unter den Juden zurück, die für diesen Wissenszweig seit jeher besondere Vorliebe hatten. Ein jüngst erschienenes kleines Werk des Wiener Forschers Professor Dr. Samuel Krauß über die „Geschichte der jüdischen Aerzte vom frühen Mittelalter bis zur Gleichberechtigun g"*) gibt dem jüdischen Arzte das Geleite auf seiner wechselvolleh Wanderung durch fünfzehn Jahrhunderte. Durch alle Länder der jüdischen Diaspora führt dieser dornige, hindernisreiche Weg, auf dem der jüdische Arzt gegen allerhand Vorurteile und Beschuldigungen anzukämpfen gezwungen war. Und doch ist das Schicksal des jüdischen Arztes nicht identisch mit dem des jüdischen Menschen schlechthin. Gar oft befand sich der jüdische Arzt zu Zeiten und in Ländern, in denen die Juden den größten Verfolgungen ausgesetzt waren, gleichsam auf einer Insel der Seligen. Wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte mutet die Tatsache an, daß die Päpste, die es den katholischen Gläubigen des öfteren verboten, sich der Kunst der ungläubigen jüdischen Aerzte zu bedienen, ihren eigenen Leib mit Vorliebe der Obsorge jüdischer Mediziner anvertrauten. Und die Kaiser, Könige und Fürsten des mittelalterlichen Europa hielten es in diesem Punkte nicht anders. Von Karl dem Größen bis auf, Franz I. gab es keinen Herrscher in Frankreich, der nicht einen jüdischen Leibarzt an seinem Hofe gehabt hätte. Auch in Oesterreich bedienten sich die Herrscher gerne der Heilkunst jüdischer Aerzte. Kaiser Friedrich III. hatte Jakob ben Jechiel Loans zum Leibärzte, der ihn bis zu seinem in Linz erfolgten Tode getreulich pflegte und den er sogar zum Ritter schlug. Die Herzoge Friedrich und Siegmund von Tirol und die; Töchter Ferdinands 1., die in Innsbruck lebten, hatten gleichfalls jüdische Leibärzte. Selbst deutsche»Städte im Mittelalter sahen sich oft veranlaßt, jüdische Aerzte anzustellen, wobei ihnen das Trägen des gelben Fleckes' nachgesehen wurde. Unter den jüdischen Aerzten des Mittelalters ragen zahlreiche berühmte Rabbinen hervor, Gelehrte zweier ' Wissensfächer. Der Berühmteste unter ihnen ist der große jüdische Religionsphilosoph des Mittelalters Rabbi Moses M a i m o n i d e s, der sich als gesuchter Heilkünstler und zeitweilig als Leibarzt des ägyptischen Sultans Sa lad in hervortut. Maimonides betrachtet die Heilkunde als eine, höhere, edlere Kunst, deren Studium er sogar für eine religiöse Pflicht erklärt. Er tritt, mit aller Schärfe gegen die Meinung mancher damaliger strenggläubiger Kreise auf, wonach es sündhaft sei, in Krankheitsfällen die Hilfe des Arztes an- , zurufen. Auch Dichter befinden eich unter den jüdischen Aerzten, wie Jude Haie vi, Männer auf der Höhe der Bildung ihrer Zeit, wie Jakob Mantino in Venedig und später in Rom, der gefeierte Philosoph der Renaissance Leone Ebreo,'mit seinem bürgerlichen Namen Juda Abravanell, dessen Werk „Dialoghi d'amore", auch Goethe gerne las, und der mit Reuchlin befreundete päpstliche Leibarzt B onet de La tt es. Viele der jüdischen Hofärzte werfen zur Zeit der Not ihren großen Einfluß zugunsten der bedrängten ■ Brüder in die Wagechale. Auch als Diplomaten treten jüdische Aerzte hervor, wie Salomo Aschkenasi, der 1574 als türkischer Gesandter mit Venedig Frieden schließt, und ein Jahrhundert später Israel *) Preisgekrönte Arbeit, durchgesehen vom Dozenten Dr, Isidor Fischer in Wien. Verlag der A. S. Bettelheim-Stiftung in Wien. Canegliano, der in venezianischen Diensten steht und auf dessen Bemühungen der Friede von Karlowitz (1699) zurückzuführen ist. Der Studiengang wurde dem jüdischen Arzte nicht leicht gemacht, sintemal es nicht alle Hochschulen der Christenheit über 6ich bringen konnten, ihre Studiensäle jüdischen Lernbegierigen zu öffnen. Da erwies sich Italien als ein Hort der Freiheit, denn von der Gründung der Universität zu Salerno angefangen, nahmen die italienischen Hochschulen ohne weiteres jüdische Hörer auf. Der den Juden nicht allzu sehr gewogene Frankfurter Orientalist S c h u d t beklagt es zu Beginn des 18. Jahrhunderts, daß die Juden in Italien — im Gegensatz zu Deutschland — Doktoren der Medizin werden können, was aber „gegen das Konzil von Basel gesehen e'\ welchen „Skanda 1" er natürlich nur bedauern könne. Da die Pforten der deutschen Universitäten meistens verschlossen blieben, strömten aus deutschen und polnischen Landen die jüdischen Studenten viele Jahrhunderte hindurch nach Italien, namentlich nach Padua, um dann mit dem Doktortitel geschmückt in ihre Heimat zurückzukehren. Auch in Wien, am Sitze einer alten, Universität, waren die Juden, vom Studium der Medizin ausgeschlossen, und üdie bekannten Aerzte. im-Ghetto-am .untern Wcrd, der jheutigen^Leop ol dstad.t,!'ini 17. Jahrhundert: Juda Löb Lucerna (Maor Kutan) und Leo Winkler;sowie dessen beiden Söhne holten sich den Doktorhut in Padua.., ' Es ist leicht verständlich, daß die Tüchtigkeit und die Erfolge der jüdischen Aerzte die Feinde nicht ■ schlafen ließen. Es,, regnet Anfefndu ngen gpgeri sie. Sie werden' alis ,tya-'i?c&*%:-Th% r untf" K.u f p'f ü's eher verschrien, ja .als Giftmischer und Mörder angeklagt und' müssen oft', grausame" '-Strafen erleiden. Anno 1541, erscheiut :in Ingolstadt ein Büchlein, worin die jüdischen Aerzte arg beschimpft werden . . . „wir sein so närrisch" — heißt es darin — „und nemmen artzney von den schalckhaftigen juden, die unserm gut. leib und leben feind sind: wann sie ain gesund machen, so tödten sie zw ain zig: das auch sie, wann sie auff ire fest zusammen kommen, jeder sich rümt, wie viel er Christen erwürgt hab mit artzney: und welcher zu den maisten erwürgt hat, der würdt gelobt, und ist der best". Dieser strenggläubigen Aeuficrung steht Martin Luther, der auf .die Juden nicht gut zu sprechen;ist, weil sie den evangelischen Glauben nicht annehmen wollen, in seiner Meinung über die jüdischen Aerzte durchaus nicht nach: „Die Juden, so sich für Aerzte ausgeben, bringen die Christen, welche Arznei brauchen, um Leib und Gut, denn sie meinen, sie tun Gott einen Dienst, wenn sie die Christen hur weidlich plagen und heimlich, umbringen. Und wir tolle Narren haben noch Zuflucht zu unseren Feinden und Widerwärtigen in Gefahr unseres Lebens." Ein Jahrhundert später wird der Ton noch gehässiger. Da schreibt Ludwig von Hörnigk in seinem in Frankfurt a. M. 1638 erschienenen Buche „Politia;m e d i c a": „Die Judenärzte sind wahre Christenfeinde . . . Öffentliche vermessene Betrieger . . Mörder, verführen' im Glauben" und ähnliches mehr. Selbst in Italien verstummt nicht die Stimme des oft durch Brotneid genährten Hasses gegen die jüdischen Aerzte. Gegen diesen vielstimmigen Haßgesang ertönt hie ,und da eine Stimme, die die jüdischen Doktoren in Schutz nimmt. So stellt ihnen Papst Bonilaz IX. Zentralsparkasse HtinHnnjiniinnininninniHnrtnnnnmTntnFTTTnfurnTiHrmnnmMirHinnTfriMHiriiFmt der Gemeinde Wien 8 s m 22 i 1 1 N <N M Wien l Wipplingerstrafie 8 j Fernruf: U-23-5-60 | ü Kreditverein der Anstalt: § Vll, Neubaugasse 1 | Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlagen in der Anstalt;ein glänzendes Zeugnis aus, indem er sagt: „Jüdische Aerzte sind in der Ausübung ihres Berufes freundlich, wohlwollend und entgegenkommend, sie sind eifrig, den Armen und Dürftigen beizustehen, sie drängen nicht auf Bezahlung und zeichnen sich durch Tüchtigkeit aus". Ein beachtenwerter Beleg dafür, daß sich die jüdischen Aerzte auch der Pflege armer kranker Menschen mit Hingabe widmeten. Auch in der medizinischen Wissenschaft dieser Periode betätigen 6ich die Juden mit Erfolg und fast unübersehbar ist die von ihnen in zahlreichen Sprachen im Laufe von anderthalb Jahrtausenden geschaffene ärztliche Literatur. Das kleine Werk des Professors Krauß ist ein bedeutsamer Beitrag zur jüdischen und allgemeinen Kulturgeschichte, dem ein aus allen Ecken und Enden mit emsigen Fleiße sorgsam zusammengetragenes reiches Material zugrunde liegt. Zum ersten Male wird hier mit tauglichen Mitteln der Versuch unternommen, die Bedeutung des jüdischen Arztes im Zuge der Jahrhunderte aufzuzeigen. > Es ist wirklich zu bedauern, daß dem Umfang der Veröffentlichung die knappen Mittel der durch den! jüdisch-amerikanischen Mäzen George Kohut errichteten Bettelheim-Stiftuhg enge Grenzen zogen und so mußte sich der Forscher oft damit begnügen, auf verschiedene wichtige Quellenwerke nur hinzuweisen, ohne sie verarbeiten zu könneu. Hundertachtzig Seiten für ein solches Buch sind wahrhaftig viel zu wenig! Die Wiener jüdischen Financiers dürften wohl im Besitze eines „goldenen Wiener Herzens" sein, aber für jüdische Forschung haben sie herzlich wenig übrig. Vor einiger Zeit starb in Wien ein sehr bekannter und angesehener jüdischer Großindustrieller, der sich auf den literarischen Salon, den er in seinem vornehmen Palais etabliert hatte, sehr viel zugute tat. Sein Drang zur Förderung der Literatur fand allerdings Befriedigung darin, daß er das Geld zur Herausgabe einer Sammlung alter steirischer Volkslieder herausgab ... Jüdische Geistesarbeit interessiert diese Kreise nicht und daran mußte auch die vorliegende Publikation glauben. Von der Chanukkafeier« Auch die Wiederholung der Kinderfeier des Verbandes demokratischer Zionisten fand vor vollem Hause statt und erregte den Jubel der Kinder und Erwachsenen. Wieder fanden vor allem die von Frau Pepi S c h a 1 i t arrangierten und von ihren Schülerinnen durchgeführten Tanzszenen und rhythmischen Uebungen begeisterte Anerkennung. Sie gaben dem von Frau Else Nebenzahl verfaßten Stücke einen würdigen Rahmen. T heatev, Kunst und iililillllllllliililliiliillliilii Literatur« Wilnaer Truppe (Praterstraße 60). Das Ensemble der Wilnaer Truppe unter Führung von Alex Stein schließt an ihre .normale Vorstellung („Sintflut" von H. Berger). Mittwoch, den 31. Dezember, halb 11 Uhr nachts, eiue zweite bunte Vorstellung an, innerhalb welcher ein interessanter Sketch, ferner jüdische Volkslieder und Tänze dargeboten werden. Für diese Nachtvorstellung ist bereits der Vorverkauf eröffnet worden. Jüdische Bühne, II., Taborstraße 12 (Hotel Stefanie). Im Rahmen der Jubiläumswoche anläßlich des 30jährigen Bestandes der Jüdischen Bühne gelangte das Lustspiel „R e i s e 1 e" zur Aufführung und erzielte einen großen Erfolg. Sehr gut gefielen die Damen Erwest, H ebräisdies Konzerl Großer Konzerthaussaal 1« Febiwai»