Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 171 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711789--2244-2715523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
N*.!W DIE NEUE WELT Seit« S Gummistiefel sowie Sclllllie aller Art in größter Auswahl" und feinster Ausfuhrung zu Original Fabrikspreisen Georg Helwlng, II, Große Sperlgasse 2 Mezzanin Telephon A-42-0-88 Mauer von Haß. Dieser Haß aber brachte ihn zur Selbstbesinnung. Der Zionismus erstand: der Keim einer Volkserneuerung. Denn wenn bei den frühesten Führern, bei P i n s k e r und Nordau und selbst noch bei dem herrlichen Theodor Herzl, der Zionismus zunächst nur eine nüchterne Gegenwehr war — aus Trotz, aus Stolz, aus Helferwillen, aus Mitleid oder ganz gleich aus welchen reaktiven Gefühlen —, so konnte es doch bei einem solchen negativen Zionismus nicht lange sein Bewenden haben. Schon die nächste Generation war zionistisch, weil sie jüdisch fühlte; nicht, weil sie sich als Juden verletzte fühlte. m * Die Macht ist träge. Das Kapital ist feige. Die Sattgewordenen werden lau. Wo die Vereine der europäischen Bürger mosaischer Konfession auf dem bequemen Wege der Mitte verharrten, wo Liberalismus, Demokratie, Fortschritt und Freiheit ihre nicht eben den Kopf kostenden Spiele trieben, da sammelte sich die ganze Hochansehnlichkeit der jüdischen Bürgerwelt, der ganze „K o w e d". Da waren die großen Namen und die großen Titel. Die führenden Persönlichkeiten der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Uns Abseitigen aber, die wir es für unvergleichlich heldischer halten, ein ungesicherter Nomade zu sein als ein wurzelfester Bürger Europas, uns sei an diesem zweihundertsten Geburtstage des Mannes, seit dem hebräische Sprache und Schrift, Ritus, Tracht, Volksbrauch, Fest und Mythos der Zerstörung anheimzufallen begannen, einmal eine kurze Phantasie gestattet, welche aber doch immerhin im Bereiche des Möglichen zu bleiben scheint, wenn wir auf das Schicksal eines anderen, von der „christlichen Kultur" nicht minder bedrohten Volkes blicken, des indischen: auf jene „Non- Cooperation-Bewegung" die seit 1900 in dem von England .vergewaltigten Indien entfesselt wurde. Nehmen wir einmal an, auch die Juden hätten eine „N o n - C o o p e r a t i o n - B e w e g u n g" entfesselt. Sie hätten um 1750, als der gelbe Fleck am Gewände, der Druck der Judengesetze und die Kammerknechtschaft erlassen und die bürgerliche Emanzipation an ihnen vollzogen werden sollte, folgendermaßen geantwortet: „Wir haben durch zwei Jahrtausende für den Messias gelebt, der, wie es verheißen ward, uns in die Heimat zurückführen wird. Nun bietet eure Güte und Freundschaft uns das schöne Europa und das große Amerika zum Vaterland. Aber ihr fordert, daß wir unsere geschichtliche Ueberlieferung abbrechen, um in die Ueberlieferung und Geschichte der großen abendländischen Nationen hineinzuwachsen. Das können wir nicht! Nie haben wir von euch gefordert, daß ihr zu uns übertretet. Nie haben wir Sendboten unter die Völker gesandt, sind nie eroberungssüchtig gewesen. Wir wollen ruhig unsere Schläfenlocken und den gelben Fleck weitertragen. Wir bewahren auch unsere hebräische Sprache und die he- Es wird mich der Abschied vom Leben nicht dauern, Nicht kränken, wenn einstens die Welt untergeht. Um ein's nur, das mir vor der Seele stets steht, Um HubersLikör, um den werd' ich trauern. bräischen Namen. Wir lehnen es ab, eure Feste und Gedenktage mitzumachen, deren jeder uns nur an eine erlittene Marter erinnern kann. Wir lassen euch gern eure Bilder und Götter! Aber ihr sollt uns auch das Unsere lassen. Wir sind verschieden und müssen verschieden bleiben. Nicht wir, ihr allein habt der Welt es verkündet: Gott sei ein Mensch geworden. Wir folgten nie, dieser Botschaft von der Vermenschlichung Gottes. Denn unser Gott lebt jenseits von Form und Name und wahrlich auch jenseits von Mensch und all dem Greuel der menschlichen Weltgeschichte. Verachtet uns. Aber wir lehnen es ab, eure Wohltaten anzunehmen. Eure Aemter und Schulen, Titel und Mittel. Wir wollen nicEI teilhaben an euren Wissenschaften und Künsten. Wir tragen Galuth und Ghetto weiter, freiwillig, und erwarten aus Bethlehem den Messias." Wäre es möglich gewesen, so zu antworten? Es war möglich damals, als ein Wort des Rambam, eine Strophe Halevis, ein Brief des Raschi noch die Welt des Juden war, als das Volk in der Verbannung von seinen Weisen gelenkt wurde. Man pflegt überall zu preisen, was der Jude durch seinen Eintritt in die europäische Kultur und was Europa durch die Juden gewonnen habe. Aber man sieht es nicht oder man sagt es nur leise, um welchen Preis die Juden zu Europas Bürgern geworden sind: Durch r£Ufteile ftberötmonsfcaK t. ©imöHS&rot ncrbicut fll§ 33otf§itiQTjnititg§intWet beit etffeiit fttaitfl eh^uneftmeit ltrob ftcüt hwljl ba§ Söcftc auf oem ©cfctetc ber föcformeritälfcwita bar. 2. ©iroonäl&töt ift Icidjt bei-bftrttltrfi, reflwlicrt 5>ic Sjerfciaimutg wtlb üfatlrifft an g3Ji>I>Tfliefd>nta(f utetncS ©wdjienä icbe§' arcbere ^rnl&tot., 3tt bot guten Seittföftbdtt&ItMöCtt unb «ärfeteien ctffäWidj. Simottlbrotföbrif $8icn*Jt<iar<m 11 - Säfllic&er ^«Ptttffanb — ©fpotl — den Verrat an den Geschichten ihrerHoffn u n g. Durch das Opfer ihrer zeitlosen Träume. Heute wird das Volk nicht mehr von frommen Weisen gelenkt, sondern von Rechtsanwälten und Großbankiers organisiert. Die modernen, freigesinnten, liberalen, fortschrittlichen, hochkultivierten Juden tun sich viel darauf zugute, daß im letzten Jahrhundert auch Juden Staatskanzler, Minister, Generäle, hohe Offiziere, große Forscher, Professoren, Autoritäten, Theaterlenker, Schriftsteller, Dichter und ich weiß nicht, was alles, geworden sind» Besser aber wäre es: Wir schämten uns der vielen Vermünzer unseres Volkshortcs. Denn sie waren vielleicht nur ein phosphoreszierender Glanz des zerfallenden Volksleibes. Sie waren vielleicht nur das Flammenspiel eines kurzen aufleuchtenden europäischen Lichttages, darin unser Adel sich verbrannte. Schmach allen Söhnen, die es vorziehen, für die Luxuswclt westlicher Weltstädte „sich der Literatur zu widmen" oder „die akademische Laufbahn einzuschlagen", statt Steine zu tragen zu der Landstraße nach Jeruschalajim. Ein mtere§§anter Herzl'Brief* Herzl über die Mischehe Max Nordaas. Der Umstand, daß der zionistische Führer Max Nordau Ende der neunziger Jalire eine Christin heiratete, hatte seinerzeit großes Aufsehen erregt und antizionistischen Kreisen, insbesondere den orthodox eingestellten, Anlaß geboten, gegen den Zionismus und Theodor Herzl heftige Angriffe zu richten. Zionisten aller Länder wandten sich an Herzl und fragten ihn, in welcher Weise sie gegen diese Angriffe Stellung zu nehmen hätten. Herzl selbst hatte das Problem öffentlich nicht behandelt. Nun ist ein Brief bekanntgeworden, welcher Herzls Stellungnahme zur Frage der Nordau-. sehen Ehe klar und eindeutig zum Ausdruck bringt. Audi aus diesem Briefe spricht Herzls Geistes^- und Herzensgröße. Wie allen anderen Fragen, gibt er auch dieser eine geniale, einfache, menschliche Antwort. Der Brief, welchen der Herzl-Forscher Dr. Tulo Nußenbla'tt *~ den auch die „Neue Welt" oft als Mitarbeiter begrüßen kann — dem „Neuen Wiener Journal" zur Verfügung gestellt hat, ist an einen Mainzer Zionisten gerichtet. Er lautet: „26./V. 1898. Sehr geehrter Herr! Ihre Depesche habe Ich erhalten. Die Meldung ist wahr. Und dennoch haben die Gegner, die sie verbreiten, schweres Unrecht. Erstens, weil das Privatleben nicht in öffentliche Diskussionen gezogen werden soll. Zweitens, weil Nordau diese Verpflichtung schon früher eingegangen hatte, bevor er durch mich zum Zionismus bekehrt wurde. Bei den eigentümlichen Verhältnissen,, dje hier in Frage stehen, kann man nur sagen, daß er als Ehrenmann gehandelt hat. Der private Abraham Goldfaden Anekdotisches vom Begründer des jüdischen Theaters. Wiewohl über Abraham Goldfaden, den Begründer und Vater des jüdischen Theaters, den Schöpfer unzähliger jüdischer Volksmotive in Melodie und Vers, den Verfasser zahlreicher Singspiele, den Regisseur, Dramaturgen und Direktor, sehr viel geschrieben wurde, liegt bisher ziemlich wenig Authentisches über sein privates Leben vor. Der New Yorker Schriftsteller Salinen Silberzweig, der es unternommen hat, eine Lexikographie des jüdischen Theaters herauszugeben, veröffentlicht einige interessante Anekdoten, die er aus dem Munde von Freunden, Mitarbeitern und Verwandten Goldfadens empfangen hat, Einige von ihnen lassen wir hier folgen. „Das Volk.4* Der Dirigent David Hirsch erzählt: „Ich' war im Goldfaden-Theater Dirigent und hatte die Aufgabe, seine Kompositionen zu fixieren, da Goldfaden selbst der üblichen Notenschrift nicht kundig war und eine Melodie, die ihm einfiel, durch eigenartige, nur ihm bekannte Zeichen festhielt. Er pflegte seine Melodien zunächst einem Manne namens Meir Begelträger, dem Vater der heute noch wirkenden jüdischen Schauspielerin Lea Weintraub-Graf, vorzusingen. Nur dann, wenn diesem die Melodie gefiel, durfte ich sie aufschreiben, und zwar in kunstgerechter ordentlicher Notenschrift Für ihn war Meir „das Volk". Ein© Melodie, sagte er, die dem „Volk" nicht geklarf »tote gebjpren Ay-erden." Erst Mensch werden. Schema ja Goldfaden, Abrahams Bruder, erzählt: „Ich kannte Abraham fast überhaupt nicht, da er in meiner frühesten Jugend Alt-Konstantin verließ. Als ich schon ein herangewachsener junger Mann und bei meinem Bruder Judel in Kiew wohnte, erschien Goldfaden mit seiner Truppe in dieser Stadt. Judel und Abraham lebten nicht gut miteinander, weshalb es Judel ablehnte, Abraham zu empfangen oder zu besuchen. Ich aber hatte nicht wenig Lust, meinen damals schon sehr berühmten Bruder zu sehen. So ging ich also ins Theater, traf aber dort erst nach der Vorstellung ein. Ich wartete, bis die Schauspieler weggingen und mit ihnen Abraham. Ich erkannte ihn alsogleich, schritt auf ihn zu und streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen. Er beeilte sich durchaus nicht, seine Hand zum Gegengruß zu-bieten, blieb ruhig stehen und fragte: „Wer bist du?" „Ich bin Schema ja, dein Bruder.*' Er faßte mich am Kinn und sagte: „Ja, wirklich". Du bist mein Bruder. Die Hand reiche ich dir aber erst, bis du ein Mensch geworden bist." Und richtig, ich durfte erst 20 Jahre später seine Hand ergreifen, drüben in Amerika bei einer neuerlichen Begegnung." Der sichere Theaterblick. Der gegenwärtig im New Yorker Theaterleben als Komponist und Dirigent bekannte Josef Rumschinsky erzählt; „Goldfaden berichtete mir einmal, .wie er es anstelle, die richtige Begabung bei Menschen herauszufinden, die er zu Schauspielern heranziehen wolle.* Oer Kandidat wird ins Theater gesetzt und hat einer Verstellung beizuwohnen. Goldfaden achtet darauf, in welcher Weise der Kandidat auf die Vorgänge auf der Bühne reagiert. Lacht er bei komischen Szenen, dann eignet er sich für das dramatische Fach. Ist er aber bei solchen Szenen ernst geblieben, wird er für das komische Fach . bestimmt. .!. Es war ein Verfahren, das gewöhnlich das Richtige traf." Der berühmte Goldfaden. Rumschinsky ging einmal mit Goldfaden ein. Jahr vor dessen Tod auf der Second Avenue in New York spazieren. Als sie an einem Delikatessengeschäft vorbeikamen, machte Goldfaden halt und warf begehrliche Blicke auf die feinen Sachen. Rumschinsky, der wußte, daß Goldfadens Barschaft gleich Null war, revidierte seine Taschen und fand 2 Dollar darin. Sie betraten den Laden und Goldfaden wählte. Wählte so lange, bis die Rechnung fast 10 Dollar ausmachte. Rumschinsky erschrak. Aber Goldfaden sagte seelenruhig dem Ladeninhaber: „Schicken Sie mir das Paket samt Rechnung in meine Wohnung." Nur Gott konnte wissen, wie Goldfaden die Rechnung werde bezahlen können. Als Rumschinsky am nächsten Morgen in Goldfadens Wohnung kam, fand er dort ein doppelt so großes Paket als das bestellte, aber keine Rechnung. Von einem so berühmten Mann wie Goldfaden twoflte der Ladenbesitzer kein Geld für seine. Mmfk