Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 171 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711789--2243-2715522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite) DIE NEUE WELT Nr. m P TELEPHON U-22-3-BÖ ELZHAUS GEBRUDER BRAININ WIEN I. B\UERNMARKT 2 a sondern daß die Flugzettel den Namen und die genaue Adresse der Herausgeber und Verfasser tragen. Im ersten Falle waren es hohe Geistliche, im zweiten ist es ein politischer Funktionär. Für den Herrn Staatsanwalt liegt also gar kein Hindernis vor, gegen die Ver letzung der Rechte der jüdischen Staatsbürger vorzu> gehen. Aber bis jetzt hat der Herr Staatsanwalt nichts dergleichen getan. Trotzdem wollen wir es versuchen, ihm durch Bekanntgabe eines krassen Falles die Er füllung seiner Pflicht zu erleichtern. In Wien und im Industriegebiet an der Südbahnstrecke wird eine von Herrn Josef Widek, Gemeinderat, Wiener Neustadt, Pottendorfer Straße i2, verantwortlich gezeichnete, bei Julius Czap, Wiener Neustadt, Bahngasse 3, gedruckte Flugschrift verbreitet. Sie enthält unter anderem folgende Ausführungen: „Weihnachten naht, das Fest der Freude, zu dem jeder seinen Lieben eine Freude bereiten will. Traurigerweise lassen sich viele durch die schreiende Reklame der jüdischen Warenhäuser betören und lassen sich dort billige Ramschware anhängen. Es wäre gerade jetzt dringend notwendig, daß die Priester und Seelsorger an die Gläubigen einige Worte der Aufklärung richten, etwa folgenden Inhaltes: Traget nicht euer schwer erarbeitetes G e 1 d i n j ü d i s c h e G e s c h ä f te, in denen eure Brüder und Schwestern, von den jüdischen Kaufherren ausgebeutet, ein freuden- und sonnenloses, mit kärglichem Lohne bemessenes Sklavenleben führen, sondern geht in die kleinen Kaufläden, wo eure blutsverwandten, c h r i s 11 i c he n Gewerbetreibenden schwer unter der wirtschaftlichen Not leiden. Wenn ihr beim Juden kauft, unterstützt ihr den erbittertsten Feind .christlich-deutscher Belange!... Da drängen sich die Gläubigen in die Kirchen und nachher in.die jüdischen Kaufhäuser. Kann's da wundernehmen, wenn der Jude mit maßlosem Hohn und tiefer Verachtung auf den dummen Goy (Nichtjuden) JierabhHckt und behauptet, d i e A n d e,r sg 1 ä u bi gen seien bloß . . . Tiere?I Wie lautet doch:ein Zität ausseien jüdischen ,^il»ti)pkentttn4s,sen?.. - „Das beste Geschäft machen; wir Juden zu den christlichen Feiertagen. Es es wirklich schade, daß die J'niagfrau Maria den Christen nicht auch im Sommer einBübl ein geboren hat. Dann würden wir den schönen Rebbach des Weihnachtsgeschäftes zweimal im. Jahre einheimsen!" . . . * . f Aus dem gewiß nicht judenfreundlichen Deutschland wird gemeldet: „Das Weihnachtsfest gibt wie in jedem Jahre so auch diesmal willkommene Gelegenheit zu unerhörten Verunglimpfungen und zu den gehässigsten Boykottaufforderungen gegen jüdische Geschäftsleute. Die Gerichte schreiten gegen derartige Auswüchse des politischen Kampfes und des Wirtschaftslebens energisch ein. Das Landgericht Bielefeld hat kürzlich durch Beschluß vom 5. Dezember 1930 in den Akten 2 Q 158/30 dem Drucker eines Hetzflugblattes und dem Ortsgruppenführer der Nationalsozialisten in Gütersloh die Verbreitung eines derartigen Flugblattes untersagt und die Boykottaufforderung gegen jüdische Geschäftsleute unter Strafandrohung gestellt. Das fragliche Flugblatt, das die Ueberschrift trug „Sei ein Christ! — Kaufe nicht beim Jaden!", warnte die christliche Bevölkerung vor Einkäufen in jüdischen Geschäften und beschimpfte die jüdischen Geschäftsleute." Im gemütlichen Oesterreich, dessen große politische Parteien für „Ruhe und Ordnung" schwärmen, ist bis jetzt ein Fall, in welchem Behörden gegen antisemitische Gesetzverletzer einschreiten, nicht bekannt. Die Solidarität der Assimilation* Im Zeitalter der „erweiterten" Jewish Agency. Die jüdische Assimilation überall und auch in Deutschland wittert Morgenluft. Die politischen Schwie* rigkeiten des Zionismus und die Unnormalität der politi» sehen Verhältnisse in den Ländern der Galuth, die kraft der anormalen Situation des jüdischen Volkes die zjonisti* sehe Galutharbeit erschweren, kurz, dieser zeitbedingte Umstand kommt ihnen, den Assimilanten, sie wissen nicht wie, vom blauen Himmel in den Schoß gefallen. Helden über Nacht, buchen sie sich diese Umstände. auf das Konto ihrer Arbeit, als das, Zeichen ihres Auf» stiegs und kurzsichtig, wie sie sind, unfähig, historische Zusammenhänge zu erkennen, als die Niederlage dts nationaljüdischen Ge<f*nkens. Sie müßten nicht Assimilanten sein, würden sie nicht ein wenig nachhelfen — mit einer Portion Fälschung hand« greif Ii chster Tatsachen. Die am besten organisierte Assimilantengilde gibt es natürlich in Deutschland, wo bekanntlich alles gut organisiert ist. Der dortige Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sogenannte C. V., fiwehrt den Antisemitismus ab" und den Zionismus, be* kanntlich beides mit hervorragendem Erfolg. Es gibt nämlich in Deutschland, wie jeder weiß, keinen Anti« semitismus mehr und keinen Zionismus. Im letzten Wahl« kämpf zur Jüdischen Gemeinde in Berlin hat dieser Sympathische Assimilarttenverein den Wahlkampf unter der Parole „H ihaus m i t'd cn polnischen Jud enl" geführt, wahrscheinlich um sie vor Hitler zu retten. Denn sie haben -ja döch ein Herz für die Ostjuden, diese Zentralyereinler. '' Sö* bringen1 sie in ihrer C.*V.«Zeitung einen Bericht des Bieiitzer Zeitgenossen Dr. Fritz Seifter über das jüdische Wahlergebnis in Polen. Der Mann läßt das Herz der Herren im Zentralverein höher schlagen. Die nationale Disziplin des polnischen Judentunis war den deutschen Israeliten, die im Krieg gemeinsam mit den deutschen Okkupationstruppen aus polnischen Juden Mosaisch«Konfessionelle machen wollten, seit jeher ein Dorn im Auge. Seitdem es eine polnische Re« publik gibt, ist dort jeder Versuch, eine politische Assimilation aufzurichten, kläglich gescheitert. Ja, wenn man will, ist sogar der Anhang der Agudah nicht durchwegs als an einem Flügel der Assimilation stehend zu betrachten. Nun sind in Polen Umstände eingetreten, die alles andere als günstig sind für die nationalen Minderheiten, für die Deutschen, Ukrainer, Weißrussen ebenso» wenig wie für die Juden. Was Wunder, daß auch das nationale Judentum bei den letzten polnischen Wahlen Einbuße erlitt, die, gemessen an den andern Minderheiten, nicht übertrieben werden darf. Das Blatt des Zentral* Vereins erhebt ein großes Geschrei von der „N i e d e r* läge der Zionisten", als würde es im Mond leben und nicht wissen, was los ist in Polen. Da es dies aber weiß, fälscht es. Es spricht von der Agudah als der „stärksten jüdischen Organisation Polens", was das Wahl« ergebnis gezeigt habe. In Wirklichkeit hat das Wahl* ergebnis gezeigt, daß die Agudah trotz Unterstützung seitens der Regierungskreise sage und schreibe ein Mandatchen ergattern konnte und auch das nur gemein« sam mit einer Reihe jüdischer Wirtschaftsorganisationen, während die anderen drei nichtzionistischen Kandidaten ihre Wahl der Gnade der Pilsudski«Liste verdankten, die sie mitschleppte.~ ' Die 'Ziönisten ' hingegen" erlangten trotz schärfster obrigkeitlicher Bedrängung's e c h s Mandate. Die auf die Zionistische Liste abgegebene Stimmenanzahl in Kongreß* polen allein übertrifft um nahezu die Hälfte die Stimmen* anzahl-'aller jüdischen Parteien zusammen« genommen, also die Stimmen der Agudah und ihres Wirtschaftsanhängsels,, des Bund, der linken Poale Zion und diverser anderer Grüppchen. Von Galizien gar nicht zu reden, wo sich nichtzionistische Gruppen mit eigenen Listen den Zionisten entgegenzustellen nicht einmal wagen. Die dummdreiste Berichterstattung fälscht sich in die klerikale Agudah hinein, die die freisinnigen liberalen Juden plötzlich so sehr ins Herz geschlossen hat als die „stärkste Organisation" der polnischen Judenheit. Von ähnlicher Wahrheitsqualität ist demgemäß die daraus ge* folgerte Behauptung, die Juden Polens hätten sich für eine nichtnationale, der Regierung unbedingt folge* leistende Anti*MinderheitenpoIitik entschieden. Jedenfalls zeigt diese Methode, daß sich im .^lu* alter der „erweiterten" Jewish Agency eine wüste anti* nationale Solidarität unter den divergierendsten, weltanschaulich entgegengesetztesten Assimilanten heraus« zubilden im Begriffe ist. Im Zeitalter der „erweiterten" Jewish Agency, von der man sich etwas ganz anderes versprochen hat. Was machen Sie jeden) Abend? „Ich lasse mich mit Diana-Franz- » br mntwein massieren!" - ,Warum gerade mit Diana Franzbranntwein?"- „Weil ich mich überzeugt habe, dass nur Massage mit DIANA FRANZBRANNTWEIN] mit Menthol solche Schmerzen lindert, welche von Ueberan strengung und schwerer Aibeit herrühren. Bber< darum kaufe ich nur Diana Franzbranntwein und nichts anderes." Mthmta Sl« nur Diana I W«rtlo«a •cnah<nt*re«n weisem «l«surllekl Ubarall «rhaitlich J Helene Herz Jan Junger Wien IT. Wien XX. empfehlen sich als Verlobte Wien, im Dezember 1990 Der Klassenkampf, Antisemi* iismus und Zionismus. Von Theodor L e s s i n g. Soeben ist im Jüdischen Verlag, Berlin, unter dem Titel „Jüdisdher belbsjhafl" ein Werk tiefschürfender" Psychologie des jüdischen Gei6tes vom bekannten Philosophen Theodor L e s s i n g erschienen. Der Autor stellt an den Lebensgeschichten von sechs bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten, die meist durch Selbstmord geendet haben, mit außerordentlicher Einfühlungskraft das Phänomen des jüdischen Selbsthasses dar. Mit restloser Offenheit und unter Blofilegung der tiefen seelischen Abgründe dieser genialen, dabei oft krankhaften Menschen zeigt Lessing auch den Weg, der au« Verfall und Negation zur Gesundung und Befreiung führt. Wir veröffentlichen einen interessanten Abschnitt aus dem Buche, dessen kritische Betrachtung wir uns vorbehalten Der Klassenkampf setzte ein, als das Industriezeitalter heraufdämmerte. Er wurde der wichtigste aller Kämpfe, als Maschine, Technik, Geldwirtschaft, Industrie die ganze Erde unterjochten. Was bedeuteten jetzt noch die alten Religionszwiste? Auch völkische Unterschiede der Menschen waren nicht mehr so entscheidend wie die Unterschiede der wirtschaftlichen Klassen und ihre Not. Karl Marx, der Theoretiker des Klassenkampfes, sah in seinen Glaubens- oder Stammesgenossen nichts anderes mehr als „den wurzellos gewordenen Anhang der Kapitalistenklasse und ihrer Geldwirtschaft". Die sogenannte Emanzipation der Juden bedeutete für Marx nur ihre Verbürgerlichung, und Verbürgerlichung war ihm gleichbedeutend mit „Auslieferung an die kapitalistische Gesellschaft, welche in ferner Zukunft durch die sozialistische Gesellschaftsordnung abgelöst werden soll". Ein jüdisches Volk im Volkskampfe kannte Marx nicht. Ein solches wäre nur im Osten zu finden gewesen, wo die Juden vorwiegend Handwerker und Arbeiter waren, denn jene Historiker, die die Juden als ein Volk von Wucherern schildern, wissen nicht einmal, daß gerade Zinsnehmen und Wucher durch die^mosaische Gesetzgebung verboten und ganz unmöglich waren, bis, Vom 13. Jahrhundert ab, das feudale Zeitalter den Juden das Münz- und Finanzwesen schlechtweg aufdrängte. Im Westen sah also das Auge von Karl Marx nichts als Partei- und Interessenkämpfe. Ein Kommunist wie Moses Heß, der zugleich ein nationaler Jude und ein Zionist war, stand in der Partei des Proletariats und im Kampfe wider die bürgerliche Welt ganz einsam. Mit tausend Freuden aber nützte die Welt des bürgerlichen Erfolges das Dasein der Juden und der Judenfrage 1 Ihr konnte es nur recht sein, daß die Gegner der bürgerlichen Gesellschaft die Juden einfach dieser Sündenwelt des Kapitals zugesellten. Denn eine Sündenwelt benötigt eines Sündenbocks. Alle Widrigkeiten der bürgerlichen Koloriisätions* und Erdversklavungswirtschaft, auch die an den Juden selber verübten, wurden somit aus der Geschichte oder aus dem Wesen der Juden „erklärt". War es denn nicht ein wahres Kinderspiel, das Vorhandensein des vielgeschmähten „Kapitalismus" mit Natur und Wesen der Juden in Verbindung zu bringen? Selbstliebe und Selbstsegnung . . . worauf sonst käme das meiste Menschenleben hinaus? „Theologie", sagt Goethe, „ist die eigenbezügliche Selbstvergottung des Menschen." — Eine neue Theologie erstand, für welche (völlig im Gegensatze zur Theologie des Mittelalters) das Christentum (und mithin auch die Sünden des Christentums) zum — Werke der Juden wurde. Paulus trug Schuldl Das „Christentum Christi", das sogenannte Urchristentum, das war unjüdisch gewesen, das war (auf irgend einem mystischen Weg* aus der Seele arischer Völker entstiegen. Aber dann war Paulus, der Hebräer, gekommen. Und so war die, Vernüchterung und Entseelung der Erde im Gefolge der christlichen „Kultur" eben nicht wirkliches Christentum, sondern: „verjudetes". Erst heute beginnt es der Kulturwelt zu dämmern: nicht der Jude hat die Menschheit in den Geist hineingetrieben, sondern der Weg zum Geiste, den die Kultur nehmen muß, hat mit dem Heidentum auch da« Judentum gewandelt. * Aber es muß gesagt sein —• so bitter diese Erkenntnis ist —, daß just der Rückschlag das jüdische Volk gerettet hat. Die Assimilation wäre in Westeuropa glatt weitergegangen. Sie wäre uaeh einigen Geschlechtern voraussichtlich vollendet worden, wenn nicht die Gegenwelle des Hasset gekommen wäre. Der an allen Tischen Europas mittafelnde „F o r tachrittsjude" stand plötzlich vor einer dicken