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Die neue Welt · 1930-12-26 · Heft 171 (26.12.1930) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 171 (26.12.1930)
Date
1930-12-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljahrig S 4.20, ganzjährig S 18.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monat* ilch Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50« HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 4 Freitag, den 26. Dezember 1930 Nr. 171 RUNDSCHAU Bäsch und Blum» Bäsch, und Blum glaubten etwas unternehmen zu müssen, um eine friedliche Verständigung zwischen Franzosen und Deutschen anzubahnen. Ihr Versuch ist sachlich gescheitert; persönlich hat ihnen die Geschichte das" Gegenteil von dankbarer Anerkennung eingetragen. Dabei sind Bäsch und Blum nicht Irgendjemande. Alexander Bäsch ist Präsident der französischen Liga für Menschenrechte und angesehener Pariser Universitätsprofessor, und Leon Blum ist Chef der großen französischen Sozialisten« partei. Alexander Bäsch veranstaltete und leitete eine große Versammlung mit der Tagesordnung: „Wir und Deutschland", deutsche Gäste waren als Redner ange« kündigt. Kaum hatte Bäsch seine Absichten zu erklären begonnen, da fielen Versammlungsteilnehmer über ihn Her, beschimpften ihn als „jüdischen Verräter" und ver» prügelten ihn, den hochangesehenen Mann, in brutaler Weise. D i e ,„G utgesinnten" schwiegen. Leon Blum sprach in einer großen Pariser' Versammlung über das wichtige Problem der Revision der. Friedensverträge. Von deutscher und französischer Seite her' die Antwort: „Jüdischer Verräter!' D i e „G u t g e si n n t e n'- s c h w i es .g e.n. JDie.deutschen und Franzosen .sind,.durch Bäsch und •Blum nicht - nähergebracht, eher weiter aüseinanderge* bracht. Wie kommt das? Bäsch und Blüm sind doch sonst so tüchtige Männer! - Weil beide über die Grenzen hinaus wollten, welche der Wirksamkeit auch des tüchtigsten jüdischen Politikers gesteckt sind. Da müssen sie scheitern, wie viele vor ihnen, wie viele nach ihnen. Solange Juden innerhalb einer nationalen Gruppe dienen, duldet man sie, schätzt sie manchmal. Wenn sie, durch diese Duldung und Schätzung verleitet, als Repräsentanten einer Nation zuranderen sprechen wollen, erleben und erleiden sie Ablehnung; von' allen Seiten. Es gibt nur ein Volk, in dessen Namen sie sprechen könnten, ohne daß ihnen das Recht abgesprochen wird: Dasjüdische Volk. Wenn Präsident Bäsch und Parteichef Blum als Franzosen ..sprechen, dann fallen die Würde des Präsidenten und die Würde des Führers von ihnen ab. Dann sind und bleiben sie: Bäsch und Blum. Lady Passfield und die Juden« Der frühere englische Gewerkschaftsführer und sozialistische Schriftsteller Sidney Webbs, der nunmehr englischer * K .0 1 o n i a 1 nii n i s.t e r und Lord P a s s f i e ld geworden ist, steht im Mittelpunkte der jüdischen Diskussion. Ist doch er. der verantwortliche Herausgeber des berüchtigten „Weißbuches 1930", welches die Zertriinunorung des zionistischen Aufbauwerkes in Palästina und Englands Abrücken von allen den.. Juden, gegebenen heiligen Versprechen . bezweckt. tu englischen,Kreisen, ist man der Ansicht, dali auch das Wort „Gherdiez la fernme!" seine Geltung hat. Lord Passfield hat sich, so heifit es, unter dem Einfluß seiner Frau, der Lady Passfield, gegen den Zionismus gewendet, und zwar, in einer Weise, die direkt antisemitisch ist. Denn Lady Passfield, vordem Frau Webbs, gilt als .Autisemitin. Sie ist keine gewöhnliche Frau. Seit Jahrzehnten Füihreriu der. Arbeiterpartei und gleichwertige Miteribeiterih an den Werken ihres Mannes. Wenn im politischen Leben vom Einfluß der Frau auf den Mann gerochen >' wird, denkt mau an. K/latsdi und. Tratsch. Hier scheint' die Sache doch anders zu liegen.. Lady Passfield hat vor kurzem ein Gespräch mit dem jüdisdien Dichter S c h,a 10 m A s c h .benütart, uini sich in a 111 is.emitis ph en . A u.sf all en zuergehen.' Und jetzt, ■hat .sie, ein• Buch• heuausgegeben, „Meine Lehrzeit", in welchem folgende Stellen zu finden sind: 1 „Meine Großmutter war eine bochgewach- «ene, dunkle Jüdin mit ausgesprochen jüdischem Typ, die immerfort über hebräischen, Büchern saß und, .übrigens auch sehr viel Musik trieb. Allerdings Ijjat man »e schon immer al« einen Schandfleck . in der F!"aimiiie betrachtet," „In ihren letzten Jahren wurde sie sehr senil. Sie war von der fixen Idee besessen, alle Juden müßten nach Jerusalem zurückversetzt werden, und sie selbst hat sidi unter dem Einfluß dieses Wahnes auf die Reise gemacht und «mißte in Paris abgefangen werden." „Diesem Erbteil habe ich es zoizusdireiben, daß ich ohne künstlerische Talente auf die Welt gekommen bin, ohne Begabung zum Tanzen, Schauspielern, zu Musik oder Malerei, zu Prosa oder zu Poesie. Dies Erbteil bat mir nur die eine Fähigkeit verschafft, midi ducken zu können, um so zum Herrseihen zu g c 1 a n g e n." „In meiner Jugend ist die Wirkung dieses Bluterbes sdhr stark gewesen und ich habe mich aiur mit jüdischer Geschidvte und englischer Judispnudenz befassen können." Jetzt wird vieles vers-tändlidi. Ganz leer sdieint das englisdie Gerede vom bösen Einfluß dieser Frau nicht zu sein. Wenn das Wort „Cherchez la femme" widereimmal eine Bestätigung erfährt, so auch das Wort „Alles Böse für Juden komimt vom Juden!" Als Abköniimiling von Tauf juden, von Renegaten, wütet die Frau gegen das eigene Bikiti Ihr Renegatentum .erweist sich in-der Judenfrage stärker als ihre englische und sozialistisdie Ei^e^ung,,,^ ^»r* Von Volk zu folk. In Jugoslawien leben 75.000 Juden. Eine verhältnismäßig .geringe Zahl, gemessen an der Zahl der Juden in anderen Ländern, Angesichts dieses Umstand es ist die Leistung der jugoslawischen Juden für den Zionismus erstaunlich;'Dem Bericht vom Verbauclstag der Zienisten Jugoslawiens, der am- 7. und 8. Dezember in Novisad stattfand, ist zu entnehmen, daß dort im abgelaufenen Jahr für den Jüdischen Nationalfonds 1,630.000 Dinar, für den Keren Hajessöd 546.000 Dinar eingebradit wurden. Das kongreßlose Jahr, in dem bekanntlidi. die Sdiekel-Arbeit nicht sehr rege ist, weist in Jugoslawien 6177 Sclhekalim auf. Das sind imimense Ziffern. Daß für den Nationalfonds dreimal so viel wie für den Keren Hajessöd geleistet wurde, ergibt den Beweis, daß der Zionismus in Jugoslawien Angelegenheit des k 1 e i n c n jüdischen Mannes ist, denn für den Nut.ionalfonds summieren sich die kleinen freiwilligen Spenden, während für den Keren Hajessöd Einzelleistungen wohlhabender Spender ins Gewicht fallen. Der Veribandstag hat übrigens nodi eine interessante Er,sdieinung gezeitigt. Er hat das Verhältnis-der jugoslawischen Regierung und des jugoslawisdien V 01k e s zum jüdischen B e f r e i un g s i d e a1 in Gestalt des Zionismus aufgezeigt. Wir. Juden sind meistenteils gezwungen, bittere Klage zu führen gegen das Verhalten von Regierungen und Völkerschaften, liier ist ein Land — und das sei rückhailtslos einbekannt —, das seiner Tradition treu bleibt, liier ist ein Volk, das seine gerühmte Tapferkeit und Ehrenhaftigkeit auch in der Judenfrage bezeugt. Wir konnten das Verlhalten des jugoslawischen Vertreters im Völkerbund, Außenminister Dr. V. Mai'inkovic, bei der Behandlung des P a 1 ä s t i n a- Problems rühmen, ebenso wie seinerzeit die loyale Regelung der jüdischen G e m e i « d e o r d n ü n g in Jugoslawien durdi die Regierung. Anläßlidi des Verbandstages hat die Regierung ihre sympathische Haltung zum Zionismus neuerlich bekräftigt. Sie hat eich nicht mit einem konventionellen Begrüßungstelegraanm begnügt. Der Ministerpräsident General Pera Zivkovic entsandte als speziellen Delegierten den Banus Rudoslav D u n j i c, der den Satz spradi: „D i e g a n z e jugoslawische Nation steht zu euch, weil sie jederzeit bereit ist, den Schwächeren z u schützen." So spricht ein freigewordenes Volk zu einem anderen Volk, das die Freiheit erst erringen muß. Diese gegenseitige Freundsdiaft ist der natürliche Alle im redaktionellen Teil befindlichen' entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bpsciebnot. KOHLE —■ KOKS ANTHRACIT hdchstar AualMM BÄSCH, IV. ArgentlnlerttroOo 22 TAlAnhAH ü-46-403 Teiepnon 11.41.2.87 Wegen Feiertagsruhe im Druckereibetriebe erscheint diese Nummer ausnahmsweise nur 10 Seiten stark. Reflex aus dem Verhalten der jugoslawischen Juderiiheit, die aus dem Zionismus ihre Haltung gegenüber der eigenen und der Staatsnation der Jugoslawen bezieht. Der indisdie Weise von Zi'on» Der junge indische Prophet K r ish namu-rti, Haupt einer theosophischen Sekte, hat die Gewohnheit, seine Lehre dann und wann in Europa zu verkünden, das'Reich Gottes, Menschenliebe, Völikerbrüderung...und .was.'. s^ri$V.''a^'.fiiei'[^en Dingen "'dazu ''g&ört, Iii" seiner Heimat und ähderswö'wird' er von MillioaiejivWehrt. Er dürfte, nicht in Indien, aber vielleicht ahdersw^ erfahren haben, daß es ein Land namens Rumänien gibt, fern am Karpathenraiid, und hatte die Idee, auch' dieses Land zu besuchen. Nun ist Rumänien im Augenblick nicht disponiert, die Lehre vom Reich Gottes und von Menschenliebe zu empfangen. Es ist damit besdiäftigt, jüdische Städtchen anzuzünden, Synagogen zu verbrennen, alte Juden, junge Studenten totzuprügcln; die Ueberfallenen vor Gericht zu stellen und den Ueberfallern ein Zeugnis' paf rioitischen WohlVerhaltens 'auszustellen-. Krishna' murti kommt dem C u z a, der sich auch mit geistigen Dingen beschäftigt, sehr ungelegen. Sdion die Tatsadie, daß er sich Prophet nennt, muß den Mann, verdächtig machen. Prophet? Ein alttestamentarischer Begriff. Jesaja war es, Jeremia, Jesus. Lauter Juden. Außerdem, das weiß alle Welt, halben die Propheten Neigung, Gelieimsdiriften abzufassen. Geheimschriften? Da denkt man dodi gleich an die Protokolle der Weisen von Ziorn. Und richtig. KrisJinamurti kommt nach Bukarest, wo. er auch riditig wie ein Prophet empfangen wird. Das Blatt. „Antijudäo-Mason" begrüßt ihn,* indem es schreibt, Krishnamurti predige die geistige' Internationale, die den Nationalismus vernichten wolle, und — natürlich — sei der Inhalt seiner Vorsdilägc j ü d is c he n G e h e i m.ß chriften entnommen. Cuza und seine Herren Studenten fordern zu Demonstrationen gegen diesen Weisen von Zion auf. Wir wissen zur Zeit nod\ nicht, ob Krislhnamurti mit einem Steinhagel empfangen wurde oder sonst mit einer echt eucistischen Begrüßung. Recht geschieht dem Inder. Was hat er sich Prophet zu nennen und sich damit in den Geruch .eines geistigen Menschen zu bringen, was auf Judentum schließen läßt? Boykott* Im antisemitisdien Deutschland finden sich Richter, im im gemütlichen Oesterreich rührt sich nichts, Wir haben in der letzten Nummer über eiue gegen die jüdisdien Kaufleute und Gewerbetreibenden gerichtete, von der katholischen Geistlichkeit ausgehende Boykottpropaganda berichtet. , Heute sind wir in der Lage, auf die von d e u t s ch na tional e r Seite eingeleitete Hetze gegen die jüdischen;KauHeute zu berichten. Bemerkenswert ist, daß es sich in beiden Fällen, nicht um anonyme Schmähschriften handelt,

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