Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 170 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 170 DIE NEUE WELr Seite 3 WIIHEU1 POHLE VA, i g ki vi, MARI AH I LF E R STR. 5 beamter. Und Staatsanwälte und Richter sind es, welche dieses Treiben von Amts wegen fördern. * In Berliner Gastwirtschaften werden auf die Tische, an denen junge, christlich aussehende Damen mit jüdisch aussehenden Herren zusammensitzen, gedruckte Karten folgenden Inhalts gelegt: „Sie verkehren mit einem Juden! Wir nehmen an, daß Sie sich der Tragweite Ihres Tuns nicht bewußt sind. Da wir nicht wünschen, daß Sie in absehbarer Zeit moralisch und körperlich die Folgen zu tragen haben, werden Sie hiermit gewarnt. Es ist einer deutschen Frau unwürdig, überhaupt einen Juden zu beachten, geschweige gar sich mit ihm zu ver* mischen. Falls unsere Beobachtungen ergeben, daß diese Warnung ohne Einfluß auf Sie geblieben ist, resp. Sie werter verjuden, wird Ihr Name in das Register derjenigen Frauen aufgenommen, die keinen Rasse« stolz besaßen und sich an einen Juden wegwarfen. Zur Kennzeichnung für jeden deutschen Mann wird diesen Personen in einem neuen Deutschland ein sichtbares Zeichen ins Gesicht einge* ätzt und tätowiert werden. Glauben Sie ja nicht, dies wäre ein Scherz oder leere Drohungen. Sie sind gewarnt — und werden weiter beobachtet." Auch in Berlin fällt es keiner Behörde ein, diesem Treiben entgegenzuwirken. Die 97. Friedhofsschändung. Berlin, 11. Dezember. Auf dem alten jüdischen Friedhof in Hattingen a. d. Ruhr, der im Mittelpunkt der Stadt gelegen ist, wurden 14 Grabsteine teils umgeworfen, teils vollständig zertrümmert. Es handelt sich um einen alten Friedhof, der seltener aufgesucht wird, so daß der Zeitpunkt dieser Tat nicht feststeht. Es ist jedoch nach verschiedenen Anzeichen an- E Verband demokratischer Zionisten | E Mittwoch, 24. Dezember 1930 um 7S9 Uhr abds. E im Herzl-Saal des Verbanasheims, iL, Untere £ E Augartenstraße 38 I Versammlung I zunehmen, daß die Tat um die Zeit der ersten Reichstagseröffnung liegt. In Hattingen wurden für die Liste der Nationalsozialisten 2880, für die der Kommunisten 2000 und für die der Sozialdemokraten 1600 Stimmen abgegeben, so daß ein gewisser Schluß naheliegt, welchen Kreisen die Täter angehören. Es wurde eine hohe Belohnung für die Ermittlung der Täter ausgesetzt, jedoch hat die Polizei bisher keinen Erfolg aufzuweisen. Eine neue antisemitische Spielart. — Eine Krankenversicherungsgesellschaft, welche keine jüdischen Kunden will. Berlin, 15. Dezember. Die Versicherungsanstalt o s t* deutscher Handwerkskammern in Berlin hat ihren Werbern verboten, in Zukunft jüdische Personen für die Krankenversicherung zu werben. Die Gesellschaft begründet diese eigentümliche Anweisung damit, daß die jüdischen Versicherten angeblich die Vorteile der Krankenversicherung über Gebühr ausnützen. Da» hingegen ist die Versicherungsanstalt ostdeutscher Hand» werkskammern nach, wie vor gern bereit, Juden in die Lebensversicherung aufzunehmen! Der „Reichsbote" rühmt Theodor Fritsch' „Handbuch der Judenfrage*4. Berlin, 14. Dezember. Der protestantisch-kirchliche „Reichsbote" empfiehlt seinen Lesern das berüchtigte „Handbuch der Judenfrage" von Theodor Fritsch als eine der wichtigsten Quellen zur Beurteilung des jüdischen Volkes und sagt von Fritsch, daß seine Freunde ihn „in Liebe und Verehrung den Altmeister der deutschen judengegnerischen Bewegung nennen". Antisemitische Skandalszeile im Reichstag. Berlin, 14. Dezember. In der Sitzung des Reichstages vom 10. Dezember unterbrachen die nationalsozialistischen Abgeordneten die Rede des Kommunisten Dr. Löwenthal mit den Rufen „Unverschämter Judenjunge!" „Was geht den Jud' das deutsche Recht an?" „Der Jude riecht uns zu sehr nach Knoblauch!" Der Nationalsozialist Dr. Frank II begann seine Rede mit den Worten: „Der Proletarier Löwenthal hat die echt jüdische Unverschämtheit besessen . . ." Die Rede des Sozialdemokraten Dr. Rosenfeld unterbrach Dr. Goebbels mit den Worten: „Was hat dieser Jude im deutschen Reichstag zu suchen?" Präsident Löbe erteilte mehreren nationalsozialistischen Abgeordneten Ordnungsrufe. Der Nationalsozialist Dr. Frank II führte aus: Der Zweikampf, den man bestrafen will, ist der Auswuchs echten Mannestums. Die Schächtung wird nur betrieben vorn jenem asiatischen Volk und zur gemeinsten Quälerei des Schlachttieres. ftinftt engUfttte «Stoffe ALBERT HARDT E Gegenstand: £ Die Juden In der deutschen S Gegenwartsliteratur | E Referent: E | Dr. Oskar Rosenfeld | E Freie Aussprache! Gäste willkommen! llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll^ ^z$zr gegr.V191 WIEN I. FREI SINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-4/ Wer photographiert, hat mehr vom Leben - und mehr vom Leben — ist unser aller Wunsch Erfüllen Sie Ihren Lieben diesen Wunich und schenken Sie ihnen eine K a m c r Ob ei eine einfache, billige oder ieurc Voigtländer-Kamera ist, eins ist sicher: Es Ist ein Geschenk, auf das Sie stolz sein können Auf Wunsch kostenlose Zusendung des Voigtiänder-Kataloiet Nr. 32, der Sie Aber alle Kameramodelle unterrichtet Schering-Kahlbaum A.G. Repr. Wien VI, Webg. 2 a Wir Nationalsozialisten führen das deutsche Volk zu ethischer Höhe hinauf." Der Dichter Sclialom Asch aus der Pariser Liga gegen den Antisemitismus ausgeschlossen! Paris, 11. Dezember. Die französische Sektion der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus hat am 6. und 7. Dezember im Festsaal des Bezirksamtes IX zu Paris ihren zweiten Landeskongreß abgehalten, an dem zahlreiche Delegierte und Gäste teilnahmen. Simon Goldenberg erstattete einen Bericht über die Einwanderung jüdischer Landwirte nach Frankreich. Auf Basis dieses Berichtes wurde nach kurzer Debatte eine Resolution angenommen, in der die Förderung der landwirtschaftlichen Siedlung der Juden empfohlen wird. Nach Anhörung eines Referates von Marcel Feder über die jüdische Wanderbewegung wurde eine Resolution gefaßt, in der der Kongreß für die systematische und geordnete Einwanderung der Juden nach Frankreich eintritt, gleichzeitig aber die künftigen Einwanderer vor den Schwierigkeiten warnt, deren sie angesichts der augenblicklich in Frankreich herrschenden Wirtschaftskrise gewärtig sein müssen. Der Präsident der französischen Sektion der Liga, Bernard Lecache, sprach über „Die theoretischen Grundlagen der Liga" und in einem zweiten Referat über „Die Beziehungen der Liga zu den politischen Parteien". In einer Resolution, die auf Grund dieses Referats gefaßt wurde, wird erklärt, daß die Liga zwar dem Zionismus fernstehe, die Zionisten aber nicht bekämpfe. * Unmittelbar vor Abschluß des Landeskongresses kam es wegen der Frage der Wiederaufnahme von Sclialom Asch in die Liga zu einer stürmischen Debatte. Sclialom Asch war anläßlich eines im Vorjahr in Paris stattgefundenen Protestmeetings der Liga gegen antisemitische Ausschreitungen in Lemberg wegen seiner polenfreundlichen Haltung aus dem Ehrenkomitee der Liga ausgeschlossen worden. Eine Reihe von Delegierten stellte nunmehr den Antrag auf Aufhebung des damaligen Beschlusses. Dieser Antrag löste eine stürmische Debatte aus, die sich zu tumultuari"chen Szenen steigerte Der eingebrachte Aufhebungsantrag wurde abgelehnt. Si§die/ der Sdiammes* Erinnerung von B. Epelbaum. Jetzt, da draußen trüber Herbsttag ist, der Himmel in düstere Wolkenfetzen gehüllt, und dünner Regen herabfällt, stiller kalter Herbstwind über nasse Dächer fährt, jetzt hat der Nebel sich geteilt, der meine Augen in vergangenen Jahren bedeckt hat, und ich sehe die Gestalt des Schammes Sische. Ich habe in sein eingefroenes Gesicht geblickt und gespürt, daß sich dichte Sohatten um meinen Leib wickeln und Schrecken in mein Herz dringt. * Er hieß Sische, war Schammes des einzigen Beth Hamidrasch und der einzigen Chewra Kadischa des Städtchens. Man nannte ihm aber „Der Leichnam". Wer ihm diesen Namen gegeben hat, weiß ich nicht mehr. Er war mittelgroß und stark vornübergebeugt, hatte eine verwachsene Schulter, so daß es den Eindruck machte, als läge die ganze Armut des Städtchens auf ihm und krümme seinen Rücken, Deshalb auch sein schwerer Gang, sein ausgemergeltes, aschfahles Gesicht. Er hatte große Augen, die wie vor Schreck starr waren. In seinem kleinen, sehr dichten, dunkelblonden Bärtchen waren viele weiße Fäden zu sehen. Seit ich ihn kannte, sah das Bärtchen so aus. Das Hütchen war an den Rändern schartig, der ganze Mann sah immer aus, wie wenn er ewig Trauertage hätte nach einem Taten. Sische war, scheint's, nie jung gewesen, hat keine Freude gekannt und niemals hat ein Lächeln sein« Lippen um' spielt, als hätte ihn keine Mutter geboren und als wäre er von einer fremden Welt heruntergekommen, um Schammes zu werden. So wurde er Schammes. Aber aus seinen erstarrten Augen blickten verborgene Klugheit, Bitternis und Ironie, das Wissen um die Welt als Eitelkeit der Eitelkeiten: der Weg führt ohnehin nur vom Beth Hamidrasch zum Friedhof. Was soll dann eine Unterscheidung! Sische war ein gelehrter Mann und ein großer Schweiger. Er blickte nur drein, sah und schwieg mit unerhörter Zähigkeit. Zu den Bürgern des Städtchens verhielt ei sich völlig fremd. Fragte ihn jemand etwas, so antwortete er kurz, abgehackt. Wenn Jankel Schmul, der Reiche des Städtchens, ihm vor Augen kam, kejirte er ihm einfach den Rücken, wollte ihn nicht sehen. „Sische", rief der Reiche ihn an, „warum schwelen die Lampen im Beth'Hamidrasch so?" Sisches Augen zeigten Zorn. Er blickte nur und antworte nicht. „Bist du Schammes oder nicht?" „Ich bin Schammes." „Und warum schwelen die Lampen?" „Weil sie schwelen." „Man muß sie putzen." „Man muß." Sisches Gesicht wurde dabei so finster, daß der Reiche Schreck empfand und wie verloren und verirrt hüstelte. Sische schwieg, aber in seinem Schweigen lag lautes Schreien. Keinen Blick wandte er jetzt von Jankel Schmul. Was er dachte? Wer kann das wissen? Bei der Chewra Kadischa fühlte er sich heamischer, Lebte mit ihr in Frieden. Ob deshalb, weil er dort eher ein paar Gulden verdiente oder weil ihm der Tod vertrauter war, wer weiß das? Aber ich glaube eher das letzte. War einer im Städtchen gestorben, sah man Sische sofort auf der Gasse. Seine Schritte waren plötzlich rascher, flinker. Seine Schulter machte keinen so gekrümmten Eindruck mehr. Er ging zu Berä, dem Gabbe der Chewra Kadischa. Der schickte ihn zur Familie, damit er dort über die Begräbniskosten verhandle. Sisches Gesicht war irgendwie heller, sogar* so etwas wie ein Lächeln zeigte sich unter seinem dichten Schnurrbart. So ging Sische zur Familie des Todes und wieder heim. Dann in die Gäßchen, um zum Leichenbegängnis zu rufen. Er rief mit unheimlicher Stimme: „Geht zur letzten Ehrung!" Ein Zittern ging durch die Gäßchen. Es war wie das Rufen des Todes selbst. „Geht zur letzten Ehrung!" Die Läden wurden gesperrt, die Kinder in die Stuben gebracht. „Geht zur letzten Ehrung!" Schwarze Flügel flatterten über den Gäßchen. Männer traten aus den niedrigen Häuschen, sahen fromm, erschrocken, niedergedrückt drein. Keiner sprach zum andern. Man sah sich nur furchtsam an und schritt so traurig, als würden sie alle ihre Söhne ' zu Grabe tragen. So versammelte man sich um das Haus des Verstorbenen und alle waren so bleich,'als spürten sie den Atem des Todes. Nur Sische war nicht betroffen, bewegte sich mit sonderbarem Vergnügen um die Leiche, verwandt mit dem Tode, ihm war leicht ums Herz. Vor dem Beth Hamidrasch hielt der Leichenzug. Sische klapperte mit der Büchse „Zdoke tatzel mimowes!" Allen war un-