Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 169 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711787--2221-2715498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite « DIE NBU6 WELT Nr. 169 iimw wwniiiiiniiWmmiuirmTWiwmiw tii^iiiiununiMiiiiiniiimnuiiiiiiinniiiiiiiumliiiminMioiiniiiii»iir«iilii«iiiiHimiwii<«iiiii<«i«« SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUfftll Zentrale IX., Berggasse 19, Telephon 17»3«99 n. 16-9-34 Lieferant tiir H el I in l tal t in Abteilungen für ^ty3«Wjt|C|L unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinatt der Itr. Kttlttisgemeinde Wien Autoitietellung Koet«niee IX., Berggasse IS r XVIII., Wftftrlittjarstr« t? Bürgermeister ist Chef der konservativen Partei — machte den Zwischenruf: „Zum Tettfel mit den Juden!" Der Bürgermeister griff diesen Zwischenruf beipflichtend auf und sagte: „Gut gesagt! Die Juden haben jetzt ein neues Land bekommen. Wenn sie sich hier unseren Forderungen nicht fügen wollen, dann sollen sie schauen, nach Palästina zu kommen." Er schloß seine Rede mit der Versicherung, dafl der Aufbau des jüdischen Schulwerkes verhindert werden wird. Ucber eine Reaktion der kanadischen Judenschnft auf die antisemitische Kampagne des Bürgermeisters und seiner Partei ist bis jetzt nichts bekannt geworden. Nur die englischen Montrealer Zeitungen „Gazette" und „Herald" haben den Bürgermeister lebhaft getadelt. Der Vorfall zeigt, wie verfehlt es ist, vom Antisemitismus als einer auf bestimmte Länder und Rassen beschränkten Bewegung zu sprechen. Die Wirtschaftskrise in Australien und die jüdischen Gemeinden. — Rabbiner müssen auswandern. — Synagogen werden belehnt. — Katastrophale Lage der jüdischen Kolonien. M e l b o u rn e, 3. Dezember. "(J. "T. A.) Die in" Australien gegenwärtig herrschende Wirtschaftskrise trifft die jüdische Bevölkerung besonders hart und legt der Arbeit der jüdischen Gemeinden und Wohlfahrtsinstitutio* nen bedeutende Hindernisse in den Weg. Zahlreiche Ge* meinden sind nicht mehr in der" Lage, ihre Rabbiner zu besolden, so daß diese genötigt sind, das Land zu verlassen. Unter anderen reist der Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Ost-Melbourne, Rabbi Mestel, der früher Rabbiner der Gemeinde von Nottingham war, mit seiner Familie anfangs Dezember nach England ab. Die Rabbi Mestel von der Melbournef Jüdischen Gemeinde bewilligte Abfertigungssumme von 1100 Pfund kann hur durch Aufnahme einer Hypothek auf das Synagogengebäude aufgebracht werden. Auch Rev. David Hirsch, der Rabbiner der Gemeinde von Adelaide, der früher im East End Wellfare Committee der United Synagoge in London wirkte und nach mehrjähriger Tätig» keit in Adelaide sein Amt im vergangenen August nieder* legen mußte, weil die Gemeinde außerstande war, sein Gehalt zu bezahlen, wird demnächst mit seiner Familie nach England zurückkehren. In Brisbane hat die Gemeinde eine Kürzung des Gehaltes ihres Rabbiners verfügt. Da dieser jedoch in die Gehaltsreduktion nicht einwilligt, wird eine gerichtliche Entscheidung notwendig werden. Zahlreiche andere australische Rabbiner mußten eine einschneidende Kürzung ihrer Bezüge hinnehmen. Die wirtschaftliche Situation in Australien ist so verzweifelt, daß der Zionistische Verband tele» graphisch die Zustimmung der Londoner Zionistischen Exekutive zu. einer Ermäßigungdes australischen Schekel« Preises auf einen Schilling eingeholt hat, da zu befürchten war, daß im Falle eines höheren Schekelpreises keine nennenswerte Anzahl von Schekolim zum nächsten Zio* nistenkongreß hätte abgesetzt werden können. Erst vor kurzem hat das jüdische Hilfs» leomitee von Victoria erklärt, daß es ihm angesichts der finanziellen Depression im Lande in diesem Jahre nicht möglich sein werde, wie in früheren Jahren eine Sammlung zugunsten der Gesellschaft Ort, Ose und Emigdirekt durchzuführen. Sobald die wirtschaftliche Lage sich einigermaßen gebessert haben würde, würden diese' Organisationen als erste bei der Einleitung von Sammlungen berücksichtigt werden. Der australische Obstbau ist infolge von Ueberproduktion in eine so schwierige Lage geraten, daß NGELEN U6 der vollendetste Radioapparat Europas! empfang aller Wcitstatlonen. Ueberaus preiswert cm allen besseren FachseschAften die jüdische landwirtschaftliche Siedlung von Shepparton, die vorwiegend auf der Grundlag der Obstkultur aufgebaut ist, in ihrem Bestände gefährdet erscheint. Die australischen Obstvorräte sind so groß, daß sie den Bedarf des kommenden Jahres vollkommen decken könnten, und die Preise sind so gesunken, daß die Höhe der Produktionskosten die Obsternte unrentabel macht. Ungeheure Mengen von Obst wurden auf den Bäumen gelassen und fallen dem Verderben anheim, Sir Alfred Isaac Isaacs zum Generalgouverneur von Australien ernannt. London, 8. Dezember. Der König hat den obersten Richter Australiens, Sir Alfred Isaac Isaacs zum Generalgouverneur von Australien er nannt. Die Ernennung geschah auf Empfehlung des australischen Premierministers Scullin. Es ist dies das erstemal, daß ein Australier und nicht ein Engländer Generalgouverneur ist. Schon seit mehreren Monaten ging ein Kampf der öffentlichen Meinung in Australien und in England darum, ob diese einschneidende ver fassungsrcchtliche Änderung vorgenommen und ein Australier - der höchste Repräsentant der englischen Regierung in diesem Dominion werden solle. Nachdem aber auf der jüngst geschlossenen Reichskonferenz die Befugnis zu solchen Aenderungen den Dominions erteilt worden war, stand der Ernennung Isaacs' nichts mehr im Wege. Sir Alfred Isaac Isaacs wurde 1855 in Melbourne geboren, ist also 75 Jahre alt. 1892 wurde er Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung von Victoria, 1897 stellvertretender Premierminister von Victoria und Mitglied der Nationalversammlung, die die Verfassung des australischen Staates schuf, 1901 wurde er Mitglied des ersten Bundesparlaments, 1905 Oberstaatsanwalt, dann Richter am Obersten Gerichtshof in Australien und zu letzt Vorsitzender des Obersten Gerichtshofes. Die Laufbahn des neuen Generalgouverneure erinnert an \ die des früheren Vizekönigs von Indien, jetzigen Marquis of Reading, dessen Familienname auch Isaacs (als Vazekönig trug er den Namen Sir Rufus Isaacs) war. Beide sind jüdischer Abkunft, treue Anhänger des jüdischen Glaubens und haben sich aus kleinsten Verhältnissen zu höchsten Positionen hinaufgearbeitet. Sir Alfred Isaac Isaacs ist Sohn eines Schneiders, war, bevor er sich dem Rechtsstudium widmete, zuerst Laufbursche, dann Lehrer und Journalist. Er ist die größte verfassungsrechtliche Autorität Australiens und Mitautor der australischen Verfassung. i Union der Zionlsten-Revisionisten Oesterreichs jf | Dienstag, den YS. Dezember 1930, 7,9 Uhr § | abnds Im Calö „Produktenbörse", II, Taborstr | |Vers^ j „Der Kampf um das englische! I Weißbuch" l KIT Zahlung) Diskussion frei Gaste willkommen Die Union der Zionisten-Revisionisten Oesterreichs teilt mit, daß die Montag-Versammlungen im Cafe Arkaden nicht mehr stattfinden. Die Frage eines neuen Versnminlungslokales ist noch nicht endgültig gelöst und findet daher der nächste Abend am Dienstag, den. 16. d. M„ im Cafe" Produktenbörse, IL, T a b o r s t r a ß e, über „Der Kampf um das englische Weißbuch" statt. •»' Goebbels und Miinchmeyer leiten einen antisemitischen Theatertumult. Berlin, 10. Dezember. Durch wüste Tumulte erzwangen die Nationalsozialisten am vergangenen Freitag abends, die Unterbrechung der Aufführung des Sprechfilms „Im Westen nichts Neues" im Theater am Nollen* dprfplatz. Obwohl der Film und dessen Autor, Remarque, nichts mit Judentum zu tun haben, trugen die Kund» gebungen einen ausgesprochenen antijüdischen Charakter. Der Abgeordnete Goebbels selbst leitete vom Rang aus die Sprechchöre der Exzedenten, in denen die Worte „Juden raus!", „Hitler vor den Toren!" vor* kamen. Viele Theaterbesucher, in denen die National» Sozialisten Juden zu sehen glaubten, wurden angepöbelt. Der ehemalige Pastor von Borkum, Münchmeyer, hielt eine Ansprache. Stinkbomben, Mäuse und Ratten wurden ins Parkett geworfen. Die Vorstellung mußte unterbrochen werden, die Polizei räumte das Theater und den Platz davor. Es wurde festgestellt, daß der Tumult planmäßig organisiert worden war. Gefährliche nationalsozialistische Drohungen. München, 6. Dezember. Die nationalsozialistischen Zeitungen teilen mit, daß man in der Pfalz einem großangelegten kommunistischen Attentatsplan gegen die nationalsozialistische Bewegung auf die Spur gekommen ist; es soll sich um ein Bombenattentat auf die nationalsozialitischö Gaugeschäftsstelle in Kaiserslautern handeln; es soll sogar ein Anschlag auf Adolf Hitler anläßlich seines Besuches in Kaiserslautern geplant gewesen sein. Der „Völkische Beobachter" und die anderen nationalsozialistischen Zeitungen knüpfen an diese Mitteilungen gefährliche Drohungen an die Adresse der Juden. Der „Völkische Beobachter" schreibt: „Das sind nun die .politischen Kinder* des Herrn Severing, die in ganz folgerichtiger Weise vom Dolch und Revolver zum Säure- und Giftattentat, vom Schlagring zur Bombe übergehen. So, wie es eben die jüdischen Hirne ihrer Hintermänner ausgesonnen haben. Der geplante Anschlag auf unseren Führer Adolf Hitler zeigt blitzartig, daß Juda gewillt ist, jedes Mittel in Anwendung zu bringen, um die verhaßte Freiheitsbewegung der Deutschen zu vernichten. Aber auch hier wird der gewünschte Erfolg ins Gegenteil verkehrt werden. Wir wollen keine Judenpogrome, aber wehe den jüdischen Drahtziehern, wenn auch nur einem einzigen Führer ein Haar gekrümmt werden sollte! Einen solchen Sturm der Volkscmpörung wird Deutschland noch nicht gesehen haben, wie er dann über die Häupter der Schuldigen kommen wird! Es gibt nun keine Wahl mehr als die: Deutschland besinnt sich in letzter Stunde, oder das Chaos bricht unweigerlich herein." Schmerzerfüllt teilen wir allen Freunden und Bekannten mit, daß unsere innigstgeliebte und allverehrte Mutter, bzw. Großmutter Frau Klara David nach kurzer Krankheit im 85. Lebensjahr sanft verschieden ist. Die Beerdigung findet Freitag, den 12. d., IOV2 Uhr, am Zentralfriedhof (israel. Abteilung), III. Tor, statt. Wilhelm David Ernestine Ja ekel RadieUa Wiesen als Kinder Mariscbka David Josef Jaekel Prof. M A.Wieien als Schwlegerklflder Amalla Einleger Dr. Joief Einleger Max Jaekel Hdnridh Jaekel als Enkelkinder Wien, im Dezember 1930. Jüdische Studenten in Bayern. Drei Universitäten gibt es im Lande Bayern: München, Würzburg, Erlangen. In München studierten im Sommersemester 1930 247, Würzburg 146 und Erlangen 35 Juden. Insgesamt also 426 jüdische Studierende. Ein Viertel von ihnen sind weiblichen Geschlechts: 102. Die Reichsausländer jüdischer Konfession betrugen 58, die in ihrer Mehrzahl in Würzburg (30), nicht in dem Zentralpunkt München (26), wie man etwa denken und vermuten sollte, dem Studium oblagen. Auf sämtlichen bayerischen Hochschulen . beliefen sich die ausländischen Studierenden auf 640, so daß das jüdische Element unter ihnen 9 Prozent ausmacht, hingegen waren im oben angegebenen Semester von 100 Studierenden insgesamt 5,1 Prozent Juden. Die konfessionelle Verteilung zeigt die folgende Aufstellung: Im Sommersemester 1930 waren von 100 Studierenden Universität evang. kath'. jüdisch sonstig Erlangen . « « . 72,5 24,1 1,9 1,5 München .... 45,3 49,4 2,7 2,6 Würzburp . . s . 34,5 59,3 4,8 1,6 Bayern msges. . . 46,5 48,3 3,1 2,5 In Bayern gibt es neben den genannten Univer« sitäten die Technische Hochschule in München mit 36 Juden unter 3721 Studierenden oder 0,79 Prozent, die Handelshochschule in Nürn-i berg mit 7 jüdischen Studenten unter einer Gesamtzahl von 328 oder 2,1 Prozent und schließlich noch die Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephan mit einem einzigen jüdischen Studenten. Wenn auch die Zahl der jüdischen Universitätsbesucher in Bayern im ständigen Rückgang begriffen ist (im Sommersemester 1910 zählte man 819 Juden (8 Prozent], im Sommersemester 1928 435 [3,6 Prozentl, im Sommersemester 193Q 426 (3,1 Prozent], ist ihre Zahl noch immer groß. Milderung der Sonntagsruhebestimmungen in England zugunsten sabbattreuer Juden. London, 5. Dezember. Die neuen Sonntagsruhebestimmungen für New Castle sehen Erleichterungenfür sabbattreue Juden vor. Während Friseurläden im allgemeinen Sonntags geschlossen halten müssen, werden jüdische Inhaber von Friseurgeschäften, die Samstags geschlossen halten, Sonntags ihre Betriebe offen halten dürfen. Die neuen Sonntagsruhebestimmungeu treten mit dem 1. Jänner 1931 in Kraft. Laut einer Verordnung, die für das gesamte Gebiet Englands Geltung hat, müssen ab 1, Jänner 1931 alle Detfulfleischerläden Sonntags geschlossen