Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 169 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711787--2220-2715497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 169 DIE NEUE WELT Seite 5 1 Leumi sich mit dem Parlament einverstanden erklären sollten. Vor meiner Abreise aus Palästina war ich in einem Jerusalemer Beth Hamidrasch und hörte dort einen alten Maggid predigen. Er sagte: „Wer hat sie gebeten, uns zu versorgen?" Das war die Antwort auf das Telegramm einer berühmten jüdischen Persönlichkeit im Zusammenhang mit den Todesurteilen über einige Araber. Nicht nachgeben, das ist die allgemeine Stimmung des Jischuw. Außer einigen Arbeiterführern sind in Palästina alle gegen die Politik Prof. Weizmanns. Der Waad Leumi war ja auch der erste, der Weizmanns Demission verlangt hat. Zieht man die Kräfteverhältnisse auf der letzten A.-C.-Sitzung in Betracht, so kann man behaupten, daß der kommende 17. Kongreß Weizmanns Demission zur Kenntnis nehmen werde. In dieser Frage werden wahrscheinlich die Allgemeinen Zionisten, der Misrachi, die Revisionisten und ein Teil der amerikanischen Zionisten zusammengehen. Was die nächste Aufbautätigkeit anbetrifft, so steht jetzt zunächst die 'Verwirklichung des Planes im Vordergrund, jOOO Mittelstandsfamilien in den nächsten drei Jahren auf dem Bodeu des Keren Kajemeth anzusiedeln. Boden und Menschenmaterial sind vorhanden. Cwoße Makkabäewsfeiew* Der Verban d demokratischer Zi ou i a t e n veranstaltet am Sonntag, den 14. Dezember d. J., um halb 9 Uhr abends, im Verbandsheime, IL, Untere Augartenstraße 58, eiue große Makkabäerfeier. Die Festrede wird der hebräische Dichter Avigdor Hameiri, der vorübergehend in Wien weilt, halten. Herr Oberkantor Landerer wird die Chanukalichter anzünden. Es wirken ferner mit: Konzerf Sängerin Frau Martha Blank, Vortragskünstlerin Frau Esti Freud-Drucker und die Herren Oskar Teller und Viktor Schlesinger, welche ganz ueue politische Chansons vortragen werden. Karten von S 1 bis 3 in der Administration der „Neuen Welt4', IL, Untere Augartenstraße 58, Tel. A-45-6-34. S Der Verband demokratischer Zionisten veranstaltet - auch heuer die so beliebten Kinlderfeiern im , Theater Reklame, IL, Praterfitraße 54. Es gelangt ein von Frau Else Nebenzahl verfaßtes Stück „D er W uude rpuppe nladen" zur Aufführung, in welchem ausschließlich Kinder mitwirken. Die Nachfrage nach Karten ist sehr groß. Für die erste Vdrstellung am Sonntag, den 14. Dezember, sind sämtliche Karten vergriffen, für die zweite Vorstellung am Samstag, den 20. Dezember, nehmen Kartenbestellungen uoch entgegen: Frau Margit? Buchbinder, Tel. R-48-1-38, Frau Else Nebenzahl U-12-2^16, Frau Paula Striekel* R-45-6-89. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß es keine Tageskassa gibt, daß daher die Karten rechtzeitig bestellt werden müssen. Beide Vorstellungen beginnen um 4 Uhr nachmittags. Judfcdie Abende* Auoh in den Tagen der Not, Empörung und Verwirrung wollen wir stark genug sein, hebräische Feste zu feiern, uns Erinnerungen an Zeiten her.ois.cher Größe des jüdischen Volkes hinzugeben. Ja, mehr denn je, haben wir es heute notwendig, uns jene Epoche zu vergegenwärtigen, in der uns jüdische Helden aus Schmach und Verrat zur Freiheit emporgekämpft haben. Das nationale Judentum rüstet zu Makkabüerf eiern. Jüdische Abende sind in einer Stadt, deren jüdische Erziehungsmittel bis auf einige kümmerliche Reste gleich Null sind, ein Teil zu leistender Erziehungsarbeit. In vielfachem Sinne. Jm Sinne der Wieder Verknüpfung mit jüdischer Vergangenheit und heutigem Schaffen des positiven Judentums. Jüdische Abende haben zunächst die Aufgabe, jüdisch Zu sein. Was sich in vielen Jahren eingebürgert hat, wirkt in dem von uns angedeuteten Sinne keineswegs positiv. Mau ist oft erstaunt, auf Abenden, die dieser oder jener jüdischen Feier gelten, Darbietungen zu begegnen, die eher der Verherrlichung der schönen blauen Donau und des Backhendels dienen, als dem Tag des Gedenkens an jüdische nationale Werte. Es kommt nicht selten vor, daß zwischen echtem alten Volkslied uud neuhebräischer Musik ein landesüblicher Schmachtfetzen auftaucht, zwischen die „alten Kasche" und die Dybuk-Suite Joel Eugels eine Variete-Nummer eingeschaltet wird, daß neben Schaloin Alejchems Humor Lozelach von der Frau Pollak „zum besten gegeben werden". Ebensowenig selten ist das Auftreten irgeud einer subalternen Größe von der „Staatsoper" oder vom Kabarett eine Angelegenheit dieser „jüdischen Abende", der Feste, die jüdischem Bewußtsein gelten' sollen. Geradezu grotesk wirken auf diesen Podien Tanzdarbietungen, die sich als jüdische Kunet gebeji und mit ihr so viel gemein haben, wie das Theater der Komiker (Erbschaft nach Eisenbachs „Budäpestern") mit den Sprüchen.der Väter — traurig in einer Stadt, von der aus so manche jüdische Kultur bestrebung ihren Weg in die Welt gefunden hat, in der auch heute noch eine Reihe von Männern und Gruppen sich um ernste jüdische Kulturarbeit müht. Wien hat genug jüdische Komponisten, Virtuosen und Beieber altjüdischer musikalischer Formen, die aus gezeichneten Chorvereinigungen Neue jüdische Gesangs Vereinigung und Wiener Jüdischer Gesangverein. Sie können Gewähr bieten für ein anständiges jüdisches Programm. Auch Interpreten des Wortes und der Musik gibt es in beträchtlicher Anzahl. Was fehlt, ist eine leitende zusammenfassende Institution, die ein Kulturprogramm für die Wiener Judenheit zu verwirklichen hätte. Jüdische Abende ohne jüdischen Inhalt sind unfruchtbar, ja korrumpierend. Von Bayreuth« Ueber Rotschild und Levy. In der soeben erschieneneu Biographie der Cosima W a g n e r vou Dr. Moulin-Eckart findet sich manches über die Stellung des Hauses Richard Wagner zu den Juden. Ein besonderes Kapitel ist Cosima Wagners Verhältnis zu ihren jüdischen Freunden, und der Biograph hat es nicht leicht, eich durch die verschiedenen Widersprüche zwischen Denken und Tun der Frau hindurchzuwinden. So schreibt sie einer Freundin nach Paris: „Wie recht hast Du getan, die Loge von Rothschild uicht anzunehmen. Du kennst gewiß das hübsche Wort Auerspergs, wie Pauline Metternich, um ihn dazu zu bringen, Nathaniel Rothschild zu sehen, ihm versicherte, dieser sei ganz Aristokrat, sähe gar keine Juden. „Wenn Herr v. Rothschild keine Juden sieht, warum soll icb welche seheu, sagte der alte Fürst." Recht schwierig gestaltete sich der Ausgleich zwischen Ueberzeugung und Verlangen nach Erfolg im Falle Levy. Der Münchner Kapellmeister Hermann Levy war von Wagner selbst zum „Parsifar'-DirigenteD beumso THiaUTTEJL tmna. hc GARANTIERT gfffiE WATUHl stellt, worden. Wagner war - selbstein ganz schlechter Dirigent und Levy war der erste Kapellmeister von Ruf, der sjeih ihm selbstlos zur Verfügung stellte. „Indem ,ich des Rabbiners Sohn nenne", schrieb Frau Qosima, „fühle: ich -mich wie im Herzen, der Frage". Man half sich damit, daß man erklärte, in Levy wohnten zwei, oder wenn man sagen dürfe, drei Seelen. „Sobald er in Bayreuth war und sich an das Pult am'mystischen Abgrund setzte, war er ein anderer als in München..." Auch würde darauf hingewiesen, daß Levy üuter dem Fluch seiner Geburt leide. Wie Frau Cosima in Wirklichkeit dachte, erhellt blitzhäft eine Bemerkung: „.y.;;da# der S c mi t, sagen wir besser der Jude, Verräter eb ipso is t. Ja, er weiß nicht, wann ei' verrät. Die m-.a n g e l u d c Nationalität läßt ihn..keine Grenzen empfinden. Wiehtigtuerei, Gefälligkeitswesen tuen das ihrige dazu, und so. hören wir die ungeheuer Ii c hs t e n Dinge mit einer gewissen Naivität sagen, und .begehren." 'Nun konnte trotz solcher; Anschauungen ' Frau Cosima. nicht umhin, die außerordentlichen Verdienste,, die sich der „Parsifai"-Dirigent Levy um Bayreuth erworben hatte, anzuerkennen und dankbar zu empfinden* „Wenn .sich hier ein Gegensatz zeigte", erklärte" der Biograph» »,so lag er nicht auf dem Boden des Antisemitismus und auch nicht ausgesprochen in dem Jüdc'utuni Levys, sondern vielmehr in seiner eigenen Stellung zu seiner Religion und zu seiner Rasse, die ihn iu gewisse innere Konflikte und Widersprüche brachte." Interessant iu diesem Zusammenhang ist Frau Cosinias Urteil über Bismarck zu verzeichnen. Ihrer Freujttdin Frau v. Schleinitz gestand sie: „Bismarcks Haltung gegen Bayreuth hat ihn uns entfremdet, und vpn:$i|u; -'entfernt, jetzt aber haben wir eine von seinen früheren "Reden gelesen über die Juden,. über die Zivilehe, über den preußischen Adel, über das Recht der Steuerverwejgerung, über die Gewerbeinnung, mid man 'kann nicht anders, als durch diese Kraft und diese Wahrhaftigkeit erfrischt zu sein. Einstimmig haben„wjr gesagt, er hätte Dich zur Frau haben sollen, dann hätten wir eine deutsche Kultur." Der gemeinsame Antisemitismus versöhnte die Familie Wagner mit Bismarck. Vom Hilfswerk für die russischen Juden. In Wien weilt gegenwärtig der jüdische Schrift» steiler W a c b s ro a n n, der im Auftrage der F q d e* ration der jüdischen Hilf 6 v er bände Mittel' i vuifcivcckk Stc^e [fi^KUuiu^ WtMVL HARiAHUPE*$T!t-71 europa bereist, um für das Hilfswerk für die russischen Juden Propaganda zu machen. Herr Wachsmann wjll auch hier in Wien durch Vorträge, individuelle Aufklärung und Zeituugsaufsätze die Wiener Judenheit mit der furchtbaren Lage der russischen Juden vertraut machen und ihr ein Bild von der bisher geleisteten Arbeit der Föderation für die Juden der Ukraine geben. Unsere Leser kennen durch eine Reihe von Schilderungen die katastrophale Lage der russischen Juden zur Genüge, so daß mit einem positiven Erfolg der Aktion des Herrn Wachsmaun gerechnet v/erden kann. Einzelne Wiener jüdische Persönlichkeiten und Organisationen haben sich dieser humanitären Sache bereits angenommen. 4 in Die jüdische Schulfrage. — Der antisemitische Parteichef. In Kanada, dessen jüdische Bevölkerung in den letzten Jahren stark'angewachsen ist, gab es bisnun keine Diskussion über die Judenfrage. In letzter Zeit aber mehrten sich die Anzeichen dafür, daß gewisse politische Kreise und Persönlichkeiten bemüht. 1 sind» / die antisemitische Note im politischen Leben Kanadas zur Geltung zu bringeu. Anfangs beschränkteu ,iie}t diese Faktoren auf versteckte Ausfälle und Andeutungen, jetzt sind sie zum offenen Angriff übergegangen; und den ersten wuchtigen Vorstoß unternahm der Bürgerin e i s t e r der Landeshauptstadt M o n t r ea 1 in offener Sitzung des Stadtparlaments. - ' Den Anlaß bot eine Debatte über dip S ch u if r a ge. In Kanada, das ansonsten eine sehr liberale Verfassung besitzt, ist das Schulwesen streng konfessionell. Katholische Franzosen und protestantische Engländer bilden die Bevölkerung. Beide sind!romm bis zur Bigotterie und haben sich dahin geeinigt, das Sdiulwesen rein religiös zu erhalten. Die staatlichen Schulen sind katholisdi oder protestantisch; Die Juden, deren Zahl vordem eine sehr kleine war, mußten sich wenn sie ihre Kinder in öffentliche Schulen schicken wollteu, für eine der konfessionellen Schulen; entschließen. Sie entsdiieden sich für die protestantischen Schulen, welche, entsprechend dem^ Wachstum der Judenheit, einen größeren Zuzug von jüdischen Kindern zu verzeichnen hatten. Dieser Zustand, welcher natürlich eine Entfremdung der jüdischen Kinder von ihrem Volkfctuwe und ihrer Religion zur Folge hatte, wurde den Juden unerträglich. Es setzte, insbesondere mit dem Erstarken des Zionismus, welcher heute fast alle kanadischen Juden umfaßt, eine Bewegung für die Errichtung öffentlich e-r j ü d is c b e r Schulen ein. Die Bewegung hatte Erfolg, und das kanadische Staatsparlament erließ ein Gesetz, wonach öffentliche jüdische Schulen einzurichten sind und der Staat und die Gemeinden verpflichtet werden, die Schulen aus Steuergelder zu erhalten wie die protestantischen und katholischen. Der Bürgermeister von Montreal, Cainiltes Hur, nahm nun die Gelegenheit wahr, in «einer Sitzung des Stadtparlameuts über die Vordringlichkeit der Juden zu sprechen, welche sich den Gesetzen und B/mucbeu des Landes nicht „fugen" wollen. Er sagte u. a.: „Es freut mich, mitteilen zu können, daß da« Gesetz Uber das jüdische Schulwerk in Kürze wieder abgeschafft werden wird." Einer seiner Parteifreund©/ — der