Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 169 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife I ME NEUE WELT Nr. 160 S 26«"— S 36*"" S ♦Sa— Uli, Kalserstrnße 123' IX, AlsersfraBe 6 in die sozialdemokratischen Reihen be* geben hat, bevor diese ihre feindliche Steh lung zum Zionismus revidiert hatte, unsere Reihen von innen her unterminiere! Es ist eine Verhöhnung des Zionismus, wenn man in unsere Or* ganisation kommt, um sich mit der Zugehörigkeit zu derjenigen sozialdemokratischen Landespartei zu brüsten, die es zuwege gebracht hat, eine wohlwollende Stellungnahme der sozialistischen Internationale zu der wundervollen sozialen Neuschöpfung in Erez Israel zu vereiteln, deren Haltung auf die englische Arbeiterregierung vielleicht nicht ohne Einfluß war und die für den Austritt aus dem Judentum mit allen verfügbaren Macht* mittein wirbt. Unsere zionistischen Sozialdemokraten sind eben genug lange bei dieser Partei; wir sehen nichts von irgend* einem Einfluß. auf die sozialdemokratische Politik. Wir sehen nur, daß der zionistische Landesverband und daß leider zionistische Jugendverbände zum Vorzimmer dieser Partei geworden sind. .... '; '. >• . Wir sind nicht überzeugt, daß die Vertreter einer jüdischen Partei im Parlament für die Wirtschaft weniger leisten würden, als irgend ein Wirtschafts*Kirchturm» Politiker der kleinen und kleinsten Interessengemeinschaften und ob ihre notwendigerweise vermittelnde Stellung nicht vielmehr ein Segen für den Staat wäre. Es mag auch dahingestellt bleiben, warum , die österreichischen Sozialdemokraten so oft von' jüdischen Kapitalisten und so selten von jüdischen Proletariern reden. ... Es kann für uns Juden die Frage, gut oder schlecht leben, niemals die erste sein. Ühsere Grundfrage lautet: als Jude leb.en oder — nicht 1 eb e'n. Wäre gut oder schlecht leben% das P r i m ä r e, so hätten wir "uhsJ zweitausend Jahre jüdische Geschichte ersparen können, und es wäre nicht. einzusehen,' warum wir von der von1 offizieller Seite befürworteten Bündnispolitik die äntisemiV tischen Parteien grundsätzlich aussch'lößenY " vielleicht' böten die uns wirtschaftlich mehr als die Sozialdemokrat ten! Es'ist doch nicht so wesentlich, bei welcher -Partei wir Schütz suchen," oder (nach "einer heuen Begriffsbestim* mung der Juden, die nicht gezwungen sind, für eine jüdi* sehe Liste zu stimmen*, •'äö'fttfe1rtovdntf-andere5 Partei' wählen können) Staatsbürgererrs'ter Klasse sind! Hauptsache, daß die Juden keine Staatsbürger zweiter Klasse (1). sind, d. 'h,, daß sie, die ihrer Kopfzahl nach 6 bis 8 Abgeordnete stellen könnten,- sich nicht zwingen ließen, auch nur einen einzigen Mann, KINDER^HANUkAH FEIER I (tat Verbände* demokratischer Zioriisten. In der Chanukah-Woche finden I de« Verbandes demokratischer Zioriisten. In der Chanukah-Woche finden 9 KlNDERFEIEftN am Sonntag, 14. Dezember und Samstag, 20. Dezember um 4 Uhr im THEATER REKLAME statt Theatervorstellung und Tanzvorführungen. Es wirken ausichUeöHch Kinder mit Vormerkungen auf Karten — mit Rücksicht auf den erfahrungsgemäß großen Andrang - nahmen schon jetzt entgegen die Damen: MARGIT BUCHBINDER R-48-1-38, ELSE NEBENZAHL U-12-2-16, PAULA STRICKER R-45-6-89 Keine Tageskasse der sich zum Judentum bekennt, in das Parlament zu entsenden. Wir. können auf die ..Staatsbürgerschaft erster Klasse ebenso stolz sein wie auf die sozialdemokratische Gesinnung! Wir sind nicht dafür, daß die Sozialdemokraten von unserer Organisation ausgeschlossen werden, sofern ihre Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei eben nichts mehr als eine wirtschaftliche Angelegenheit ist* Es ist, wie gesagt, nicht unsere Saehe, die geschäftliche Gebarung unserer Mitglieder zu überprüfen. Allerdings müssen die Leute, denen die: Führung des zionistischen Landesverbandes obliegt, mit einem anderen Maßstab gemessen werden. Vollkommmene Unabhängigkeit vonjeder anderen Partei ist eine selbstverständliche Sache für alle, die. sich berufen fühlen, Wortführer desZio.nisr mus zu sein. . Der Streit geht nicht um den Sozialismus. Was uns an der sozialdemokratischen Partei nicht gefällt, beginnt dort, wo der Sozialismus und die schönen Grund* sätze vergessen werden. Ein Sozialist hat, falls er in erster Linie Jude ist, in unserem Verbände Platz, Der Zionismus .braucht Menschen. .Allerdings nur ganze Menschen.- •. ..... Die Stimmung in Palästina* Erhöhte Baubewegung. — Erez Israel ist revisionistisch. — Der Kongreß wird Weizmanns Demission bestätigen. Von Rabbi Fischmann (Jerusalem).' Der bekannte Führer des palästinensischen Misräclii; der zurzeit für den Karen Erez Israel -in Pölert weilt, gibt dem ,,-Hajn.t" über die Lage in Paläsfma die", nachfolgende interessante iDarstellungV '! - Der J i sc h ti w in Pa 1 ästina durchlebt durchaus keine Tage des Verzweifeln* als F.olge der;Veröf fentjicjiung. des Weifllfu«Hie"s.^ä;s;jit«ftte.-englisdie|)ökuiaeritist für ihn nicht unerwartet;, -glommen. M^n^^aif;^iirff,.äeft».% artige* gefaxt,:' sodaß «las-.' Statement'de'n^;.!ßijaQi^'. geist;;der Palästinenser keinen wesentlichen.. Einfluß ausüben konnte; So ist jetzt wz. -B. .eine yjel geringer e R ü ekAwra-n^'^^^.^-^gr'^'^l^ch'nen^'ais. -früher Es haben 'viele zeitw-eilig -nach Amerika zu" gehen. 'Der Jischuw' "häT in den letzten Monaten viel Stolz Und Opferwilligkeii -gezeigt. Noch nie war in Jerusalem eine so; i n.t e n s i v e B a ubewegung zU verzeichnen wie jetzt. In. Tel- Awiw ist die Bäubewegung sogar immens. Nur in Ha i f a ist sie ein wenig geringer, da die Inhaber unbebauten Baugrundes sich im Aasland befinden. Die Arbeit in den Kolonien ist sehr intensiv. Man bemüht sich, den kleinsten Flecken freien Bodens zu bearbeiten. Palästina zeigt die größte Opferwilligkeit. Während die Juden in Amerika in den letzten drei bis vier Monaten 4500 Pfund für den Nationalfonds sammelten, hat der Jischuw in derselben Zeitperiode 2400 Pfund aufgebracht. Der Jischuw spürt, daß die beste Antwort auf die englischen Angriffe die verstärkte Aufbauarbeit im Lande ist. Die Niedergeschlagenheit der Galuth beeinträchtigt natürlich den Jischuw. Ich habe jüngst viele Länder bereist und nirgendwo, eine so günstige ökonomische Situation vorgefunden wie in Palästina. Es gibt im Lande gegenwärtig 1200 bis 1500 Arbeitslose, aber anch diese werden jetzt in der Orangenerntezeit bis auf ein Minimum herangezogen. Charakteristisch ist, daß jetzt der ganze Jischuw ausnahmslos revisionistisch gestimmt ist. Alle sind gegen die bisher, geübte. schwächliche zionistische Politik. Und was sonderbar ist» sogar der alte Jischuw, die Chaluka-Juden. Die schärfsten Gegner der bisherigen Politik sind die Sephardim. Sie haben erklärt, auch dann nicht das geplante Parlament zu beschicken, wenn die Zionistische Exekutive und der W a a d Gegr. 1830 Gagr. 1860 Allgemeine Versicherungs-Clesellschaft ff GttsaMHSililiiJ von Jioir, „Wieneru. JinMft Gegr. 1860 . 1881 . . 1898 Direktion und General Repräsentanz: Wien, IX., Otto Wagnerpl. 5/ Alserpl. 3 TeSephon: B-43*&-80 Serie Uebernahme sämtlicher Schadenversicherungen zu den kulantesten Bedingungen und Prämien ammtmamommom tmmm Der Jude im Marder: „Was es Neues gibt? Eine Fahrkarte will ich." Schojkeder Frechling: „So? Wirklich? Eine Fahr« karte willst du? Schön von dir. Was für eine Fahrkarte willst du, Schlojmale?" Der Jude im Marder: „Was heißt das? Eine Fahr* karte wie jeder Jude. Bin ich schlimmer als alle oder besser als alle? Alle Juden fahren dritter Klasse und ich fahre auch dritter." .•Schejke der Frechling (mit stechenden Augen und giftiger Stimme): „So? Dritte Klasse wirst du bei mir fahren und die zweite Klasse wird leer laufen. Das dik* tiert dir die Gerechtigkeit? Wenn ich dich schon da habe . . . Sag* mal, bitte, wieviel hast du vorige Woche am Piontjschker Weizen verdient? Zehntausend, sagt man. Wieviel hast du für den Marder bezahlt? Und bei mir willst du Blut abzapfen, Geizhals? Dritte Klasse wirst du bei bei mir fahren? So, hier hast du eine Fahrkarte zweiter Klasse, willst du zahlen, gut , . . nicht, dann bleib' zu Hause und genieße deine Gesundheit!" Mit dem Juden im Marder fertig geworden, folgt Schejke der Frechling, an einen gleich acht Fahrkarten dritter Klasse aus und schimpft: „Habenichtse! Rascher mit dem Geld! Wie das die abgeschabten Kreuzer zu« sammenrafft! Na, und du? Was willst du? Was für Teufel hat dich hiehergeführt? Diese Frage gilt einem herausgeputzten Jüngling mit Mantel, Samtkragen und Samtmanschetten. Der her» ausgeputzte Jüngling: „Was für Teufel? Ich bin hieher gekommen, weil ich fahren muß." Schejke. der Frechling: „So? Wohin mußt du fahren? „Ich muß rasch nach Kiew!" „Nach Kiew mußt du? Rasch? Sehr rasch? Gefahr in Verzug, nicht wahr? In Kiew so umherspazieren, mit dem Spazierstöckchen, was? Das kann nicht aufgeschoben werden, wie? Und ausgerechnet heute, wo es bei mir so eng ist, hat ihn der Teufel hergebracht! Na, geh' nur, geh'l . . . Kiew wird dir nicht davonlaufe».. Nicht herum* stehen da, hörst du! Lass' die schwangere Frau da vor? Siehst du nicht, daß die Frau schwer stehen kanri? Muhme, was gibt's?" Die . schwangere Frau: „Ohl. Ohl Oh! Was kann ich sagen? Sehen Sie es mir denn nicht an? Ach . und Wehe raeinen Jahren! Ich bin nun einmal aus einer sol* chen Familie ... " „Was für eine Familie?" „Aus einer solchen Familie ... Alle in unserer Fa« milie entbinden schwer . . ... Man hat mir gesagt, ich soll es ja nicht, wagen,, zu Hause zu entbinden .. ... Ich soll nach Kiew fahren ... Es kann auch eine „Reperation" nötig sein." Schejke der Frechling: „Geld haben Sie mitge*. bracht?" Die schwangere Frau: „Gebracht . . . Wie dennt sonst, für eine halbe Karte . . ." Schejke, der Frechling ist ganz aus dem Häusel: „Da hast du's! Unsere Jüdchen! Glücklich kann man werden! Im .ganzen braucht sie ein»' undeinhalb Fahrkarten) Geld'hat sie für eine halbe ge« bracht 1 Da, hier ist die Karte! . . . Mit einem Wort, Wohl* Tätigkeit, immer Wohltätigkeit . . . Na, und du?" Das gilt einem fest gebauten, rotwangigen Mädchen, das nach billigem Parfüm riecht. Sie erstickt vor verhal* tenem Kichern und bringt es nicht über sich, die wenigen Schritte zu machen, die sie von der Kasse trennen. Schejke der Frechling schreit sie an: uWarum trägt es dich gerade jetzt her, wenn es so enge ist?" Das Mädchen bringt es nur zu den drei Worten: „Ich muß .. .• ich . . , " Schejke der Frechling gerät in Wut: „Was mußt du? Wirst du sprechen 1" Das fest gebaute Mädchen hält die Hände vor den Mund und lacht und lacht . V . Von einem hinter ihr stc* benden Weiblein wird sie immer wieder am Kleid gezupft und zum Sprechen ermahnt: „Nun, so sag* doch . .; Sag' doch . . . Ja, ja, ja, sie muß fahren ..." Das geht so lange fort, Bis eine alte Frau, die rück* wurts in der Reihe steht, es nicht mehr erträgt" und sagt: „Ich verstehe nicht . , . Warum schämt sie sich ... Sie muß fahren . . . Sie muß einen Bräutjgam sehen." „Nun, und du", wendet sich Schejke der Frechling an ein dümm lächelndes, frommes Jüngelchen, der immer wieder sein Kinn betastet, um sich zu überzeugen, ob es •seine Richtigkeit habe mit dem sproßenden Bärtchen. „Was, ein Zettelchen, von deinem Papa hast du? Sag' deinem Papa, er soll damit aufhören, mir hieher Bitt* briefchen zu schicken. Hörst du oder nicht? Sag' ihm, er soll sich trösten. Wenn ich ihm bei mir zu Hause nichts borge, so werde ich ihm hier erst recht nichts borgen. — Na, und ihr, Reb Jud! He,' Reb Jud! Was bewegt ihr so sonderbar mit den Lippen? Wohin wollt ihr fahren?" Der so Angeredete ist der Letzte in der Reihe —- ein fremder, schäbiger und frommer Jude mit zur Hälfte: kahl gewordenem Pyramidenbart und großen, grauen Brauen, die die Augen verdecken. Er hatte genug vom langen Warten, so daß er sich die Zeit mit dem Mincbe* , Beten vertrieb, Als noch immer Zeit genug' war, fügte er das.Maref=Gebet an. Jetzt, da er an die Reihe kam. war er gerade mitten im Achtzehn»Gebet. „So redet doch!" fuhr ihn Schejke der Frechling : an: „Wohin fahrt ihr?" Des betenden Juden Lippen bewegen sich nur noch rascher. Er zuckt mit den Augenbrauen. Schejke, der Frechling, brüllt ihn wie einen Tauben an: „Ein Ende damit! Wohin fahrt ihr?" Der Jude bewegt die Lippen rasend^rasch, wie einer, der am Erwürgen ist. Er zeigt Schejke einen Finger, dann zwei Finger. Dann, tut er jene zwei Finger zusammen, die man; wenn man sie mit Schnupftabak füllt, benützt, und formt ein Loch. Aber Schejke versteht nicht. Er brüllt: „Wohin? Wohin -, . ." Der fremde Jude winkt rasch mit den Augenbrauen und schluckt die letzten Worte des Gebetes hinunter. Er zuckt mit den Achseln, dem Gesicht und mit allen Gliedern und sieht Schejke an, wie wenn er ihm alle bösen Träume wünschte. „Ein Jude, und doch so dumm! Ich zeige euch so klar, daß es deutlicher nicht mehr sein kann: Ein Finger ist eine Fahrkarte, drei Finger sind dritte Klasse und das Loch ist — Station Lochwitz . . . Ich fahre nach Lochwitz. Ich bin selbst aus Lochwitz ..." (Aus dem Jüdischeu von P. Haller,)