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Die neue Welt · 1930-12-12 · Heft 169 (12.12.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 169 (12.12.1930)
Date
1930-12-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. m DHE NEUE WELT Seite 3 WIEN VI, MARI AH I LF E R STR. 5 mordet hatte, ins Gefängnis, traf dort Urfali und als dieser ihn fragte: „Wie konntest du mich so ins Unglück bringen?" antwortete er: „Das habe ich nicht freiwillig getan. Der Polizeioffizier N a s i a r hat mich dazu veranlaßt." Urfali teilte dies seinem Rechtsanwalt Dr. E Hasch mit und die Regierung ließ die Sache durch den Polizeioffizier Schitrit untersuchen. Turdjeman wurde der Bestechung angeklagt, die beiden Araber waren Belastungszeugen und im Namen der Verteidigung waren Dr. Eliasch, Schitrit und eine Reihe von Gefängnispolizisten und Sträflingen geladen. Die beiden Belastungszeugen verwickelten sich in Wlidersprüche und der Richter erklärte, daß ein solches Zeugnis nicht ausreiche, um Turdjeman zu verurteilen und daß er ihn von der Schuld freispreche, auch ohne seine Entlastungszeugen zu hören. So waren Dr. Eliasch und Schitrit, deren Aussagen nicht nur für Turdjeman, sondern vor allem für den Fall Urfali ausschlaggebend gewesen wären, zum Schweigen verurteilt. Was geht hier vor? Wer hat Interesse daran, die Wahrheit im Falle Urfali zu vertuschen? Es ist klar, daß es im Tatbezirk Araber gibt, die wissen, auf welche Weise zwei Araber vorigen Jahres ums Leben gekommen sind und daß es heute leichter ist als vor einem Jahre, den Fall durch Zeugenaussagen klarzustellen. Warum werden keine solchen Versuche gemacht? Zwei Zeugen sagten vor dem Friedensgericht f ü r, und vor dem Berufungsgericht gegen Urfali aus. Warum werden sie nicht, wie jeder andere Zeuge in solchem Falle, der falschen Zeugenaussage augeklagt? Was hat es mit dem Polizeioffizier Nasair auf eich, der angeblich die Zeugen veranlaßt hat, ihre erste entlastende Aussage zu widerrufen? Hat die Untersuchung des Polizeioffiziers Schitrit etwas ergeben? Und was war ihr Ergebnis? Dunkle Kräfte sind hier am Werke, um' die Wahrheit zu verhüllen. Einmal wird die Unschuld Urfalis offenbar werden, daran ist kein Zweifel. Aber das Gewissen kann sich mit dem „einmal" nicht zufrieden geben. Es sollte Pflicht aller derer sein, die für die Gerechtigkeit in diesem Lande verantwortlich sind, der Wahrheit zu ihrem Sieg« zu verhelfen." Darf die Zionistische Orgam'i satioit den Sozialdemokraten ausgeliefert werden! Von Ernst Hoffmann (Wien). Die Veröffentlichung dieses Artikels irrt offiziellen Parteiorgan wurde vom Landes* komitee untersagt, mit der Begründung, daß im zionistischen Parteiorgan gegen die öster* reichische Sozialdemokratie der Vorwurf poli* tischer Unmoral nicht erhoben werden darf. Der Artikel wurde uns vom Verfasser, einem allgemeinen Zionisten und Obmann einer großen akademischen Organisation, zur Ver* fügung gestellt. Nachdem wir Kennzeichnung politischer Unmoral nicht nur als Recht, sondern als Pflicht jedes aufrechten Zionisten ansehen, bringen wir den Artikel. Man kann einem jeden, der auf die Dringlichkeit der Entscheidung der landespolitischen Frage in der österreichischen Zionistischen Organisation hinweist, nur beipflichten. Eine Entscheidung, die zugleich reinliche Scheidung wäre, täte not! Jedermann, der mit rückhaltloser Offenheit die Wurzeln der sozialdemokratischen Tendenzen im österreichischen Zionismus aufdeckt, verdient Dank. Dieser Dank gebührt nun dem Zionistischen Landes« komitee, dem dies in einer vor einiger Zeit erfolgten offiziös inspirierten Veröffentlichung vielleicht über Absicht gut gelang. Es ist begreiflich, wenn ein Zionist unter dem Drucke der Not der sozialdemokratischen Organisation beitritt. Es ist sogar verzeihlich, wenn ein Mensch, be« vor er mit Frau und Kind verhungert, auf die Straße ge* worfen oder ausgewiesen wird, einen Wisch unterschreibt. Dieser Mensch ist nicht unanständig. Unanständig ist die Partei, die durch korrupte Anwendung ihrer Machtmittel ihn dazu zwingt. Wenn er dann in der geschlossenen Wahlzelle jüdisch stimmt, ist er ebenso» wenig unanständig, wie die antimarxistisch organisierten Wehrmänner und die Arbeiter der Alpine, die sozialdemo* kratisch gestimmt haben. Es ist tatsächlich nicht Aufgabe unserer Organisation, das Verhalten ihrer Mitglieder im Wirtschaftsleben feinde enshfehe (Stoffe ALBERT HARDT degr. 119*1 ~s*s^ WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-4/ Wer photographiert, hat mehr vom Leben - mmnmmmämmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm und mehr vom Leben — ist unser aller Wunsch Erfüllen Sie Ihren Lieben diesen Wunich und «henken Sie ihnen eine Ob es eine einfache, bfUfge oder teure Voigtländer-Kamera, ist, eins Ist sicher: Es ist ein Geschenk, auf das Sie itolas sein können Auf Wunsch kostenlose Zusendung des Voigtländer'KataXo&et Nr. 32, der Sie Über alle Kameramodelle unterrichtet Schering-Kahlbaum A. G. Repr. Wien VI, Webg. 2 a zu überprüfen, besonders da es durch Zwang und Not bedingt ist. Müssen aber die Leute, die sich unter einem wirtschaftlichen Druck sozialdemokratisch organisiert haben, aus ihrer Not unbedingt eine Tugend machen und auf ihre aufgezwungene Parteizugehörig* keit auch noch stolz sein? Kann die Zionistische Organisation hier ebenfalls ein Auge zudrücken? Diese Menschen freilich zeigen sich nur stolz, weil sie im tief* sten Innern das Beschämende und Erniedrigende an diesem Unterliegen einem unbarmherzigen Drucke gegenüber fühlen. Man hat nun Mitleid mit diesen „Bedauernswerten" und meint, sie hätten, da sie das Baseler Programm, das zionistische Programm anerkennen, das formelle Recht, unserer Organisation anzugehören. Das Baseler Pro« gramm ist aber gar nicht das zionistische Programm; es besagt lediglich, was das jüdische Volk von den Völkern, nicht aber, was es von sich selber zu fordern hat. Das zionistische Pro« gramm ist: aus krummrückigen, in der jeweiligen Wind« richtung gebogenen Ghettogestalten innerlich freie Menschen zu machen, die ihre äußere Freiheit selber zu erringen wissen. Das zionistische Programm ist: Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Judentum ist aber vor allem freies, würdevolles Menschsein! Wir halten diese Menschen, für die man an verantwortlicher Stelle nur ein Bedauern übrig hat, auch für bedauernswert. Doch dürfen wir dabei nicht stehen blei* ben, wir haben sie als Zionisten zu befreien und aufzu« richten. Wir müssen diese Partei, die jüdische Menschen korrumpiert, besticht und ents würdigt, bekämpfen! Wenn wir den zionistischen Landesverband als Organisation der österreichischen Zionisten erhalten wollen, darf es nicht weiter geduldet werden, daß die große Anzahl von Zionisten, die sich Eine jüdische Eisenbahn« Von David Bergeison. „Schejke. der Frechling! , . . Kaum, daß er vom Fleck kommt." — „Schejke der Frechling, trabt, als hätte er Rizinusöl im Magen." — „Doch, doch, Freitag abends, beim Lichtanzünden, da geht es vorwärts. Wie ein Pfeil aus dem Bogen!" So ließen sich die Juden jener Gegend hören. Oder auch so: „Leer wie Schejke der Frechling, am Sabbat." — „Der Teufel hole ihn, Schejke, den Frechling!" Da begriff ich; erstens, daß Schejke der Frechling, ungemein bedächtig und faul, zweitens daß er um die Wertschätzung, die ihm die Juden angedeihen lassen, wahrlich nicht zu beneiden ist. Später erst erkannte ich, daß ich mich ein klein wenig geirrt hatte. Schejke der Frech? ling — so erfuhr ich —, ist nicht nur ein Mensch, sondern auch eine Eisenbahn längs der Strecke von 50 Werst von der Stadt Skwire bis zur Station Popilne bei Kiew, eine schmalspurige Bahnlinie, wie alle jene abseitigen schmal» spurigen Bahnlinien. Wie alle, aber doch anders. Denn sie liegt in jüdischen Händen und hat ihre besondere Geschichte. Angelegt wurde sie von den Besitzern der großen Skwirer Zuckerfabrik, die später in Schwierigkeiten ge* riet. Sie ging dann in den Besitz einer Gesellschaft reicher Juden über. An der Spitze dieser Gesellschaft stand ein überaus schlanker und überaus roter Jude mit dem Namen Schejkeder Frechling. Ein Name, mit dem die Juden auch die Eisenbahn belegten. Vor dem Krieg geriet ich zufällig nach Skwire und hatte Gelegenheit, diese Eisens bahn, richtiger eine Fahrt mit Schejke dem Frechling, zu verspüren. Wie das schmeckt, ist schwer zu vermitteln. Man kann es mit dem Gefühl eines Juden vergleichen, der sich, in einem Flugzeug sitzend, in den Lüften bewegt und dabei Schaleth verzehrt Ich habe einen Bekannten, der gerade am Samstag ein Flugzeug bestieg und nicht vergaß, Schaleth mitzunehmen. Er erzählte mir nachher, daß er auf dem Wege während der Fahrt sowohl das Ge» fühl großer Annehmlichkeit ab auch Brechreiz gehabt habe. Mich erinnerte das lebhaft an meine Reise mit Schejke dem Frechling — fast dasselbe Gefühl; sehr an* genehm und — man will erbrechen . . . Vorabends. Ein kalter Wintertag. Draußen ein wil« der Schneewirbel. Außerhalb der Stadt, auf einer vor Wind geschützten Anhöhe, in einer Holzbude mit der Tafel „Haltestelle Skwire", ähnlich einer großen löchrigen jüdischen Laubhütte, hatte sich eine große Menge von Juden angesammelt, Männer, Frauen und Kinder. Wegen der grimmigen Kälte waren die Männer in Frauentücher gehüllt und die Frauen — in Männermäntel. Juden glau« ben, daß dieser Kleiderwechsel Wärme bringt. Von Zeit zu Zeit kommen immer neue Menschen hinzu. Wer die Bude nur betreten hatte, wandte sich an die, die früher gekommen waren: „Was gibt es? Wird heute gefahren oder nicht? Wann wird gefahren? Der Fragende bekam regelmäßig die melancholische, fast böse Antwort: „Weiß ich, ich warte hier schon an die vier Stunden!" Man sprach untereinander: „Gestern ist Schejke der Frechling, überhaupt nicht gefahren. Es waren ihm zu wenig Passagiere!" — „Die vier Ellen im Grabe mögen ihm zu wenig sein, allbarmherziger Vater!" — „Meine Schmerzen in seinen Schädel!" — „Wenn er nur noch, die Kraft hätte, Passagiere zu führen, wie ich die Kraft habe, auf den Füßen zu stehen!" Draußen wird der Schneesturm immer wilder, von Minute zu Minute wird es düsterer. In der Bude selbst ist es stockfinster. Die Juden stehen in langer Reihe vor der versperrten Kassenöffnung. Sie warten auf die Stunde des Glückes, da Schejke. der Frechling, das Loch öffnet und mit der Fahrkartenausgabe beginnt. Wenn es still wird, die Menge zu sprechen aufhört, vernimmt man drei oder vier böse Stimmen, die aus dem Kassenraum kommen. Aus dem Inhalt ergibt sich, daß eine Art von Gericht vor sich geht, ein Rechtsstreit, wie er beim Raw ausgetragen wird. Zwischen drei oder yier Personen, dar« unter Schejke der Frechling. Lauter als alle läßt sich Schejke der Frechling, hören. Der erste in der Reihe der Wartenden ist ein Jude von ungefähr 40 Jahren, gehüllt in einen nagelneuen Marder. Er verzehrt sich in Ungeduld und zeigt sie durch nervöses, böses Hüsteln und durch unsichere Stöße an das Loch. Jenseits des Loches kommt die Antwort auf dieses Pochen des Ungeduldigen in Form des Geschreis von Schejke, dem Frechling: „Ruhe! Ruhe dort! Was klopfst du? Hast keine Zeit? Man wird ohne dich bestimmt nicht fahren!" Endlich sieht man in der langen Reihe der War« tenden, daß im Kassenraum Licht angezündet wurde. Die Gerichtsverhandlung ist dort zu Ende. In der Menge zittert es. Das hcllerleuchtete Loch öffnet sich. Es zeigt sich der lichtumrahmte Kopf von Schejke. dem Frechling. „Kondukteur!" ruft er mit der Stimme eines Zere* monienmeisters beim Rabbi, „zähl* nach, wie viele es gibtl" Aus der Mitte der Wartenden erhebt sich ein Stimmengewirr: „Hundertachtzig! "— „Zweihundert!" — „Zweihundertzehn!" Schejke. der Frechling, wird böse: „Ruhel Wer dort? Wenn du gefragt wirst, dann antworte! Kondukteur!" Ein behaartes, verschlafenes Geschöpf kommt näher, mit einer Laterne bewaffnet. Das Geschöpf ruft in seiner nicht zu überbietenden Bedächtigkeit die Erinnerung an die Gestalt des Tempeldieners wach, der Chanukageld er* bitten geht. „Hundertneunundvierzig," gähnt das Geschöpf, wie ein Mensch, dem das Leben sehr langweilig erscheint. „Genau Hundertneunundvierzig." Schejke. der Frechling, raunt dem Haarigen irgend etwas ins Ohr. Er steckt den Kopf dann wieder durch das hellerleuchtete Loch und heftet die Aeuglein auf den mit dem Marder bekleideten Juden, der als erster in der Reihe steht. „Seht doch! Schlojmale, der Bösel Meiner Seel', ein Gast! Schon lange nicht mehr gesehenl Wie geht's? Zeig' her, ein neuer Marder! Komm' nur näher! Schmeißt nur so herum mit dem Geld, habe ich gehört, wirst reich! Na, was gibt es Neues?"

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