Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 168 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711786--2205-2715481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 168 DIE NEUE WELT Seife 5 Jüdi'sdinafi'onale Kulturpolitik« Iii Brünn 70.000 Schilling für jüdische Schulen, in Wien nichts. Die tschechoslowakische Republik steht vor der Volkszählung. Sie ist ein Nationalitätenstaat und eine Volkszählung hat daher große politische Bedeutung. Vielleicht im einzigen Nachfolgestaat ist hier die jüdische Nationalität verfassungsrechtlich zu freiem Bekenntnis festgelegt. Während alle anderen Nationen der Tschechoslowakei sidi deutlidi durch eigene Sprache kenntlich machen und als soldie erfaßbar sind, ist es den Juden gewährt, trotz des Fehlens einer einheitlichem Sprache sich zur jüdischen Nation zu bekennen, indem sie im Volkszählüngsbogen eine Rubrik mit „Jüdisch" ausfüllen dürfen. Das ist eine große Errungensdiaft der tschechoslowakischen Jtidenbeit, ganz besonders in einem Staat, der nidit frei ist von Nationalitätenkämpfen, da ihr somit Gelegenheit gegeben ist, s i c h diesen Kämpfen zu entziehen.. Alle Assimilantooi deutsdier, tschechisdier, magyarischer Couleur bemühen sich nun reichlich, gegen das jüdische Nationalbekenntnis Stimmung zu machen, in der Slowakei und in Karparhorus sogar mit einiger Mithilfe der Landesbehötden! Die tschechoslowakische Judemheit betreibt eine eigene Politik. Eine jüdische Politik. Sie hat zwei Abgeordnete im tsdiechoslowakischcn Parlament, fast jede von Juden, bewohnte Stadt hat eigene jüdische Gemeinderäte, die; Judenheit der Tschechoslowakei besitzt ein j üd i s c h e s und h q b r ä i« c.h e s Schulwerk. Kurz, sie ist auf dem Wege, ein würdiges jüdisches Eigenleben herauszukristallisieren. Der Kampf um die im Friedensvertrag garantierten Minderheitsrechte hat zwar noch lange nicht seinen Abschluß gefunden, der Staat als solcher wird seinen Verpflichtungen der jüdischen Bevölkerung gegenüber in diesem Sinn noch nicht gerecht, aber immerhin sind jetzt schon da und dort ansehnliche Erfolge zu verzeichnen. Die Stadtverwaltungen zumindest beginnen aus der Tatsadie, daß die Juden ihre Forderungen geltend machen, ihre Konsequenzen zu ziehen. Dies erhärtet eine Kleidung, die wir aus der Tschechoslowakei zu verzeichnen haben. Danach hat der Stadtrat der mährischen Landeshauptstadt Brünn den Beschluß gefaßt, dem B rünner jüd isphen Schalwerk eine jährl<i c b e S u b v e n ti o n von 25 0.0 0 0 Tscbechenkronen (50.000 Schilling) zu bewilligen, ein Beschluß, der als e n d g ü 11 i g zu betrachten ist in dem Öinne, daß die alljährliche Auszahlung einer weitereal SjtadtratsibewilHgup.g nicht mehr bedarf. Auch ändere, kleinere Städte beginnen ihre Verpflichtungen zu erfüllen. So hat Uzhprod (Karpathorus) für das hebräische Schulwerk eine Summe von 20.000 tsch. K in das Gemeindebudget eingestellt, während Mähr. Ostrau mjt 15.000 tsch. rK die jüdisch« Gewerbeschule und mit $000 tsch. K die jüdische Bibliothek subventioniert. ■[ Das sind die Früchte der jüdischen nationalen P o 1 i t i k. Qäbe es keine jüdischen Gemeinderäte, so würde die Judenheit dieser Gemeinden nicht diese prinzipiell wichtige Anbahnung zu weiterer Erfüllung ihrer Rechte buchen können. Wir in Oesterreich wissen ja davon ein Lied zu singen. In Wien gibt es eine Bevölkerung von mehr als 220.000 jüdischen Seelen, ein Element, das kraft seiner wirtschaftliche»u Schichtung zu schwersten, bedrückendsten Steuerleietuhgen verhalten wird. In Wien müßte analog Brünn die jüdische Bevölkerung für ihre Kulturbedürfnisse sage.ujjd schreibe 750.000 Schilling erhalten. Müßte zumindest diese Summe erhalten, wenn es eine jüdische' Politik gäbe. Sie erhält nichts, denn es.gibt keine jüdisch& Politik. Hier, in dieser Stadt, wo der jüdische Nachwuchs am schwersten gefährdet ist, schwerer als anderswo, hier, wo gerade die kulturelle Assimilation erschreckenden Umfang angenommen hat, wo der Entjudungsprozeß politisches Programm ist, wo schon im zartesteu Alter die Seele des Kindes in Gemeinde- und Bundessdiulen systematisch dem Judentum entfremdet wird. Hier in Wien wird von einer Seite, von der man es am wenigsten hätte erwarten dürfen, von offiziell zionistisdter Seite, jüdisch-politisdior Selbstmord gepredigt, werden Männer und Frauen beschimpft, die es wagen, die Juden zu eigener jüdisdter Politik zu führen. In Brünn 50.000 Schilling für das jüdisdie Sdvulwerk, in Wien — nichts! Das sind die Früchte jüdisdier und assimilatorischer Politik. Der rumänische JustizskandaL Der Freispruch der Pogromhelden. — ein Kommando zu neuen Unruhen. Bukarest, 1. Dezember. Der Freispruch der Rädelsführer der Borschaer Judenexzesse und der Teil* nehmer an den Exzessen durch das Gericht in SatUsMaro hat in der jüdischen Oeffentlichkeit starke E m p ö* r u n g ausgelöst, um so mehr als die öffentliche Gerichtsverhandlungen klar und deutlich ergeben haben, daß die Juden von Borscha lange vor der Niederbrennung ihrer Häuser ein furchtbares Martyrium a u s z u* stehen hatten. Die einvernommenen Acrzte hatten ausgesagt, daß die mit barbarischer Grausamkeit mißhan» Sun^ Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke deltcn Juden und Jüdinnen sowie diejenigen älteren jüdi* sehen Bürger, die in der Nacht aus ihren Betten gezerrt und gezwungen wurden, in das eiskalte Wasser des Flusses zu springen, meist mehrere Wochen lang das Bett hüten mußten. Der Experte des Gerichtes von SatusMare bestätigte die Aussagen und erklärte, die Wunden der von ihm untersuchten mißhandelten Juden waren von einer Art, daß sie 14 bis 20 Tage zur Heilung brauchten. Der Gendarmeriehauptmann Carol Sfetca be* stätigte, daß er am 16. Juli 1930 in Borscha vier fremde Studenten in das Gemeindehaus brachte, weil sie keine Ausweise hatten, woraufhin. die beiden Borschaer Priester Berindei und Dumitrescu der durch sie und an» dere Agitatoren verhetzten christlicNen Bevölkerung durch Glockenläuten in den Kirchen das Signal zum Auf» stand gaben. In wenigen Minuten erschienen sämtliche Bauern und Bäuerinnen des Dorfes mit Aexten und Sensen bewaffnet vor dem Gemeindehaus. Die Gattin des feinjte engUfttie (ftoffe ALBERT HARDT \j2&r dedvAr19'l ^s^> WIEN I. FREI SINGERG ASSE 1 Telephon U 2o<S-4l Wer Photographien, hat mehr vom Leben - und mehr vom Leben — ist unser aller Wunsch Erfüllen «ie Ihren Lieben diesen Wumch und schenken Sie Ihnen eine Ob es eine etn'ache, bMl'tfe oder teure Voigtlänäer^Ketmera Ist, ein« ist «Icher: Es Ist ein Geschenk, auf das Sie i folg se>n kOnnen Aal Wunsch kortenlote Zusendung des Voigiiänder'Kaialogft Nr. 32, der Sie Ober alle Kameramodelle unter lichtet Sdiertng-Kahlbanm A. G. Repr. Wien VI, Webg. 2 a Pfarr rs Berindei führte die bewaffnete Menge an, so daß sich die vier ihm, Sfetca, zur Verfügung stehenden Gendarmen zurückziehen mußten. Auch in den Kreisen der Regierung hat, wie „Lupta" meldet, der Freispruch starkes Befremden und Aerger her« vorgerufen, da die gesamte öffentliche Meinung und die Judenheit in Rumänien und im Ausland ein anderes Urteil erwarteten. Man befürchtet, daß das Verdikt des Gerichts von Satu*Mare sich besonders jetzt, wo die Wahrung der Ordnung im Lande eng verbunden ist mit dem Kredit des Staates im Ausland, sehr schädlich aus» wirken werde. Auch die Wirkung auf das Inland werde eine schlechte sein. Es verlautet, daß die obersten Regierungsstellen sich die Gerichtsakten haben kommen lassen und daß die Staatsanwaltschaft gegen das frei« sprechende Urteil, welches zeigt, daß dio rumänische Justiz wieder einmal im Schutze gegen antisemitische Aus« schreitungen versagt hat, Berufung eingelegt hat. ♦ Bukarest, 2. Dezember. Der Schriftsteller Oktavian Goga, der seinerzeit als Minister des Innern in der Regierung Averescu eine antisemitische Politik betrieben hat, erklärte in einer in Kischineff abgehaltenen Versammlung, er bemerke, daß Juden in der Versamm« lung vollständig fehlender wisse das richtig einzuschätzen und werde, wenn er wieder zur Mächt gelangt, „es den Juden schon zeigen". Jassy, 2. Dezember, Nach einer Versammlung der ChristlichenStudentenliga jn Jassy kam es zu umfangreichen Straßenkundgebungen der antisemitischen Studentenschaft. Mehrere jüdische Passanten wur« den insultiert, eineBank und zwei Kinos wurden gestürmt. Starke Polizeikräfte traten den Demon* stranten entgegen und verhinderten eine weitere Aus* dehnung der Ausschreitungen. Nach den Nationalraf §wahlen* Eine Kundgebung für aufrechte, würdige jüdische Politik. Am 27. November veranstaltete die „Lese- und Rcdehalle Jüdischer Hochschüler" eine öffentliche Tagung, die eine würdevolle Kundgebung für national jüdische Diasporapolitik und für Prinzipientreue war. Man sah im Festsaale des „Hotel Post" jüdische Akademiker und jüdische Jugend in einer Zahl, ■wie seit Jahren nicht mehr. Der Vorsitzende der »Lese- und Redehalle" be- Major Bardadi, Edler von Chlümberg* Der erste jüdische Offizier in Oesterreich. Ein tragisches' Geschick ereilte unlängst den 33jähri» >jüü Wiener Dichter Hans von Ghlumberg. Er starb am Tage nach der Uraufführung seines Dramas „Wunder um Verdun" — uwi erfuhr nichts von dem starken Ein« chjuck dieser Uraufführung. Bei einer der letzten Proben von „Wunder um'Verdun" stürzte er von einer Leiter im Leipziger Theater, und als ihm wirklicher Ruhm zuteil wurde, lag er in Agonie. Hans von Chlümberg ward von Geburt an für die militärische Karriere bestimmt. Während des Krieges wurde er als vielversprechender Militär« Akademiker ausgemustert. Der Zusammenbruch der Monarchie stellte ihn vor die Nötigung, einen neuen Beruf zu wählen. Ein innerer Drang wies ihn zum Drama. Vor einigen Jahren errang er in Wien jmit seinem Erst« lipgsdrama „Eines Tages", das auch den Volkstheaterpreis erhielt, einen starken Erfolg. Hans Ghlumberg ist der Sohn eines jüdischen österreichischen Stabsoffiziers, der es vom gewöhnlichen Soldaten zu hoher Stellung, dank seiner Tapferkeit, ge* bracht hatte. Wolf Bardach stammte aus der Umgebung der Stadt Stryj in Galizion, wo noch heute viele Verwandte leben. In einem Dorfe aufgewachsen, war ihm das Reiten eine natürliche Sache und als er zum Militär mußte, kam er zu den Husaren und beschloß dann, bei ■ Militär als „Längerdienender" zu bleiben. Husar Wolf Bardach machte den Feldzug bei Königgrätz mit und nahm insbe« sondere an dem Kampfe in Ohlum bei Königgrätz, der für den Feldzug entscheidend war, teil. In diesen Kämpfen erwarb sich der Husar Bardach, einer der wenigen, die goldene Tapferkeitsmedaille. Nach dem Feldzug fand eines Tages im Prater in Wien die Inspizierung des 7. Husarenregimentes durch den Kaiser statt. Franz Josef bemerkte unter der aus* gerückten Mannschaft nur einen einzigen Husaren, der mit der goldenenTapferkeits« medaille dekoriert war. Der Kaiser winkte den Oberst des Regimentes zu sich: „Warum ist der Husar, der die höchste Auszeichnung im Kriege erkämpft hat, nicht Offizier geworden?" „Majestät, weil er Jude ist" meldete der Oberst. Auf einen Wink des Kaisers sprengte der Husar heran. „Wie heißen Sie?" — „Husar Bardach, Majestät." — „Wo haben Sie die goldene Tapferkeitsmedaille er» worben?" — „Im Gefecht bei Ohlum habe ich die RegimentSfStandarte zurückerobert." — Der Kaiser be» lobte den Husaren und ernannte ihn an Ort und Stelle stim Leutnant. Auf diese Weise wurde zum ersten Male seit dem Bestände der vielhundertjährigen österreichischen Armee ein Jude zum Offizier ernannt. Es war der galizische Jude Wolf Bardach, der es bis zum Major brachte und nach dreißig Dienstjahren in den Adelsstand mit dem Prädikat Edler von Chlümberg erhoben wurde. Die merkwürdigen Schicksale des Vaters und des Sohnes sind wert, der Vergessenheit entrissen zu werden. JuloNussenblatt. Maria Theresia, die Judenfeindin Zum 150. Todestage. In der Brünner „Jüdischen Volksstimme*" schreibt Uabb. Dr. Alfred W i 1 Im a n n: Am 29. November 1930 jälbrt sich zum 150. Male der Todestag der habsburgischen Regentin Maria Theresia (1740—1780) und die verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften werden länger oder kürzer gehaltene Würdigungen der Persönlichkeit und des geschichtlichen Wirkens dieser großen Kaiserin der ehemaligen Donaumonarchie in ihren Spalten bringen und die Verdienste und Reformen hervorheben, die diese Herrscheria auf Habsburgstbrone durchgeführt bat. Man wird insbesondere daran erinnern, daß unter Maria Theresia die grausame Gerichtspflege femUdert und die Folter abgeschafft und du traurife