Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 168 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711786--2204-2715480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bette 2 DIE NEUE WELT Nr. T60 P TELEPHON 11-22*3-69 ELZHAUS GEBRÜDER BRAININ WIEN I. B\UER«MARKT 2« antworten, worauf er gelungen':$ary unter Abzugsrufen die Versammlung zu yerlassen. * Wie immer das Wahlresultat sein mag — die,; Juden Whitechapels sind ja, nur, «in Drittel der Wählerschaft — das jüdische/ Whitechapel, das Ghetto, hat würdig demp n.,s t r i e r t. « i. ' " Das Ghetto! Das jüdische .Proletariat von Whitechapel hat sich nicht imponieren lassen von den Vertretern der Regierung, die eine antijüdische Politik in Palästina betreibt. Das jüdische Ghetto hat sich nicht dazu hergegeben, Ghettopolitik zu betreiben mit den Herren Kaplansky, Sprinzak und Arlosoroff, ' den zionistischen Arbeiterführern, welche im Auftrage des jüdischen, Volkes in London weilen. Im Auftrage des jüdischen Volkes gegen die treulose A r b ei t e r r e g i e r u n.g zu kämpfen! Und die hingingen, dieser treulosen Regierung zu dienen! Sil reden von „Cienossen". Würde der Nation steht über jeder Genossenschaft! Das sollten zionistische Führer begreifen, wie 'es der kleine, organisierte Jude' in Whitechapel begriffen hat. *"' * ■ ■ Aufregung wegen der Haltung der PoalerZion in London. Das Warschauer Tagblatt - „Hajnt"meldet aus London: Bei den jetzt im Judenviertel Whitechapel statt« findenden Ergänzungswahlen für das. Parlament unter* stützen die Poal*Zionisten den sozialistischen Kandidaten. Für eine große Wahlversammlung waren die Mitglieder der zionistischen Exekutive Kaplansky und Sprinzak,, fernes--das Mitglied der politischen Kommission Arlo* soroff als .Redner angekündigt. Bei den allgemeinen Zio* nisten in England hat das Auftreten der Genannten einen Sturm der. Entrüstung ausgelöst. Sie haben hei der Zionistischen" Exekutive. Verwahrung: dagegen 'eingelegt, daß" Mitglieder' der' obersten Zionistischen Leitung in den Wahlkampf zugunsten der englischen sozialistischen Re* gierung eingreifen, welche den Zionismus verraten hat. Da große Skäridalszerien zu befürchten waren, haben die gekannten poale*zionistischen Führer im letzten Augen* blick ihre Teilnahme an der Versammlung abgesägt! Massendemonstration der amerikanischen Zionisten zu Chanukah. New York, 28. November. Der Obmann der New Yorker Zionistischen Organisation, Richter Bernard A. Rosenblatt, kündigt edne R.i es e n-Ma k ka b ä e rf e i'e i1 äh, die'Samstag, den 'Ü. Dezember, in Mad is o n Square Garden abgehalten werden soll. Als Ehren? Vorsitzender der Feier ist Nathan § t r a u s ausersehen. Gleichzeitig hat der ehemalige Präsident der Zionistischen Organisation von Amerika Louis Lipsky einen Aufruf zu dieser Makkabäerfeier erlassen, in der( er erklärt, die Feier werde der Judenheit Gelegenheit bieten, ihren solidarischen Willen zum Aufbau des jüdischen Nationalheimes zu bekunden. Kiein§fadt(ragödie^ Das Umsichgreifen des Antisemitismus in Deutsch* Und bereitet den Juden in den großen Städten gewiß manch bittere Stunden. Aber, die Sache ist schließlich zu ertragen. Der deutsche Großstadtjude findet seinen Trost darin, daß er unter dem Schutze von Behörden lebt, welche wohl nicht judenfreundlich, aber doch bestrebt sind, die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, auch gegen die Antisemiten. Sein bedrücktes Herz wird erleichtert, wenn er die großen Zeitungen liest, die ja alle alltäglich gegen den Nationalsozialismus schreiben und haarscharf beweisen, daß die Hakenkreuzlerei ein Stumpf« sitin ist, eine widersinnige Abscheulichkeit, zu baldigstem Tode verurteilt. Aus dieser Stimmung kommt er dann zu ungefähr demselben Urteil wie der, jüdische Haupt« redner in einer vor wenigen Tagen in Berlin abgehaltenen antifaschistischen Versammlung des „Republikanischen Reich sbundes". Dieser Herr erklärte, , daß die Nationalsozialisten wohl auch die, Juden nicht mögen, das sei aber nnr eine Begleit* erscheinung. Gewiß, man werde im Ernstfall einige Fensterscheiben bei jüdischen Geschäften ein« schlagen, vielleich auch einige Juden-schikanieren oder verprügeln, aber, der Antisemitismus sei ihnen nur Mittel zum Zweck, In Wirklichkeit gehe es darum, den deutschen Staat zu erobern. Die Juden müßten im Kampfe gegen den Antisemitismus den per.sön* liehen Mut aufbringen und den .Nationalsozialisten die Maske herunterreißen. Ob der optimistische Herr recht hat, ob der Antisemitismus der Häkenkreüzfcr bei den von ihm gezogenen Grenzen, bei Fensterscheiben und Stockprügeleien stehen» bleiben muß, sei dahingestellt; Es redet sich so leicht;— in Berlin. Aber in der deutschen Provinz sind die" Folgen dieser „Begleiterscheinung" entsetzliche. In den mitt* leren und kleinen Städten Deutschlands leben an jedem Orte einige jüdische' Färnilien, Geschäftsleute, Gewerbe* treibende, Händler, isoliert, fit einem Meere von Haß und Verachtung, der feindseligen' Umgebung -schutzlos preisgegeben. Alles Antisemiten! Der Bürgermeister, der Richter, der Polizeichef, die Lehrer, der Arzt, alles Anti« semiten. Wer es wagt* mit Juden ein Wort zu wechseln oder gar bei ihnen zu kaufen, wird im Lokalblatt an den Pranger gestellt. Nach Anbruch der Dunkelheit wagt der Jude nicht, das. Haus zu verlassen. Er* wird, geächtet, ruiniert. Tag für Tag spielen* '"sich Tragödien' ab, groß«: mächtige Tragödien in der kleinen Stadt. Eine von vielen: Caub. ) (Tra-gi s che '-Fol gen des Stahl« .helmrummels.) Der Stahlhelmrummel am Rhein vor drei Wochen hat ein junges Menschenleben als Opfer . gefordert. Von übelwollenden .Geschäftsleuten waren die Inhaber des Hotels Grünewald in Caub, die Familie Meyer, dem Stahjhelmern als Separatisten , ^denunziert worden. Daraufhin wurde das Hotel von den Stahlhelmern nicht nur gemieden, sondern sie stellten auch einen Posten auf, der alle, die dort ein« kehren wollten, davon abhielt. Diese Denunziation entbehrte Jeder Grundlage. Die Gemüter waren aber derart aufgepeitscht, daß eine Menschenmenge das Haus stür.mte, so daß die Familie flüchten mußte. Die furchtbare Aufregung hat dje Tochter des Hauses gesundheitlich, derart angegriffpn, v daß..: sie ^an^den Folgen starb.' 1 "'.';'', ''Erzählet doch dem Hotelier Meyer, wenn er am Grabe,, der Tochter und. vor den Trümmern .seines Ge* Schaftes steht, daß alles „nur eine Begleiterscheinung" Was nützet * Speer Dir, Schild und - Wehr '• 'Gegen die grimmige Kälte? Trinke nur ein Glas HubereLikör, Die wärmende Wirkung spürst Du in.,Bälde. sei,' cfoß' es eigentlich nicht um ihn, sondern um die! Macht' in Deuts c hlan d geht, daß er- Mut fassen und den Nationalsozialisten die „Maske herunter*' r e i ß ö n" müsse'. Gehet hin, ihr Herten vorn Kürfürsten* dämm, und erzählet das 'dem' HbteTief Meyer irt Caub! Er wird getröstet sein. f" ' V :''-5 *' Pänik' Hat •>-sicn'',;der"i»|üäen,':i-ir/.1dein Kleinstädten* Deutschlands bemächtigt. "Viele -..•sind^ schon vertriebet worden; di6< anderen wollen'' weg1; WohCh mit ihnen? Dast Geschäft 'verschleu'dernV^tttddernV^ GeJSdrest in die Hoffnungslosigkeit der -überfüllten ^Gifoßstadt?' »Sie sind tüch* tigfe. 'Menschen, : diese : •Kkiristad.tjuden, aber -einfache, welche , der Großstadt .n i e h,t gewachsen, sind. Zu Ver/ wandten und Freunden^ die .iS.elfast kämpfen müssen und bald ..müde sein werden. Es gibt eine Lösung: Palästina! Ja, Palästina! Diese tüchtigen Menschen, die Fleiß, Zähigkeit und auch ein gewisses Kapital besitzen, müßten nicht vergehen. Palästina hat weniger gerüsteten' mittelständischen Men* sehen Entwicklungsmöglichk'eit 'geboten. Wirtschaftsnot und Antisemitismus lassen den Zionismus immer deut* licher als das erscheinen, als'-»was ihn HerzI schuf: Einzige Rettung aus :der'Judennot! r. .. Die Liberalen erobern die Berliner Juden9emeinde» Majorität der Liberalen: 24 Sitze. — 14 Zionisten. — Der Kampf um die Volksgemeinde. (Von unserem Berliner Korrespondenten J. Klinow.) Berlin, 1. Dezember. Amtlich werden die Resultate der Wahlen zur Ber* liner Jüdischen Gemeinde erst später veröffentlicht wer* den. Kleine Aenderungen'in' der Stimmenzahl, die' diese oder jene Partei erhalten hat, sind noch möglich. Aber KÖRPERLICHE UND GEISTIGE FRISCHE sind die kostbarsten Güter des Lebens in der Jugend wie insbesondere IM ALTER Bewahren und mehren Sie diese Schätze durch, ständige sorgsame Pflege Ihres Körpers. Das beste Mittel für alle Zwecke der Körperpflege — Einreibungen Packungen (Umschläge), Mundwasser usw. —, ist FRANZBRANNTWEIN mit Menthol; in Jedem biuifwi QMChalt« erhältlich Verlangen Sie auedrfloklloh „ DIA N A" und . nehmen Sie nur „D ANA" l Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen im Grunde ist das Bild schon jetzt in den ersten Stunden nach der Wahlschlacht absolut f klar. Ob noch jemand von den paar hundert vorläufig noch ungültigen Stimmen profitieren wird und wer* ist nicht' sehr wichtig. Wesent* lieh kann sich die Lage keinesfalls ändern. Das Resul« tat ist da und stellt fest, daß die Liberalen, die im Jahre 1926 die fast 40jährige Allein* herrschaft verloren haben, am 30. Novein« her 1930 die Oberhand in der Gemeinde wiedergewannen. Die Liberalen haben gesiegt. Ob die nationale Gruppe eine Niederlage erlitten hat, ist eine Andere Frage. Aber zunächst spricht die Stimmenanzahl für einen Sieg der Liberalen. Die Stimmenzahl für die Parteien sieht sb aus: Li* berale 41.704, Jüdische Volkspart'ei 25Ü526, U eberparteiliche Vereinigung 2333, Po ale Zion 1911, Religiöse Mittelpartei 1776, Kon* s.ervative 1390, Deutsche Liste 1344, Positiv* Liberale Vereinigung 721,' 'Klal»Israe:,l 113, Demokratischer BT ock 109. Das bedeutet, daß die Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, die 41 Mandate umfaßt, ungefähr so aussehen wird: Liberale 24, Jüdische Volkspartei 14, Poale Zion 1, Religiöse Mittelpartei 1, Ueb er parteiliche Vereinigung 1. Ein Mandat kann noch nach rechts oder links verschoben werden, den allgemeinen Charakter aber nicht ändern. Mi- . t Man kann sich denken, daß die Liberalen bei ihrer Siegesfeier der Welt erklären werden, sie hätten die Zio* nisten zerschmettert; die nationale Volksstimmung, die die Zionisten in die Kehillastube auf der Oranienburger« Straße hineintragen wollten, sei eine Episode gewesen; die jüdische Bevölkerung wolle vom Zionismus nichts mehr wissen. Wenn die Liberalen eine solche Xehre aus den Wahlen ziehen wollen — und sie werden eine solche ziehen—, dann werden sie an der Wahrheit scharf , vor« beigehen. Denn: Die Zio. nisten haben ihre Stimmen an zahl im Vergleich zum Jahre 192 6 nicht verringert, im Gegenteil, sie haben sie um ungefähr 8000 vergrößert. Die Zionisten hab.en kein Mandat verloren, sondern alle behauptet. Im Jahre 1926 hatten sie von 21 Mitgliedern der Repräsentantenversammlung 7 Man* date. Jetzt besetzen sie von 41 Plätzen (die Zahl der Mandate ist fast verdoppelt worden) 14 Stück. Die Wahl« beteiligung betrug im Jahre 1926 ungefähr 40 Prozent, dies* mal fast 60 Prozent. Die Wahlziffer war daher diesmal sehr. hoch. Die Zionisten haben es verstanden, ihre Reihen zu ^.verbreitern, neue Massen, tausende. Stimmen .zu ge?, Winnen.- Ihnen . haben, die Liberalen keine Stimmen Jabße* ■• « ' ' J* ' *V J. \ ' f i — - - ■ ■. i Ä i V*»* Yvonnen, v sie. . haben. von . den ^nlahtzioriistiscjhen, den Splitterparteien,.profitiert/ Die kleinen Gruppen sind wirklich vernichtend gesohlagen worden, und das "ist eine positive Erscheinung. Der Wähler verstand, '. worum es geht. Er sah klar die Grenzlinie: hier die Liberalen, die alte Welt, der Ruf zurück zu den alten Methoden — dort die nationale Volkspar'tei, dier Ruf nach vorwärts zu neuen Methoden, zum Umbau der Gemeinde, zur Vereinigung mit dem jüdischen Volksauf bau in der ganzen Welt. Der Wähler hatte klare Programrae vor sich und lehnte die verschwommenen Credos der Gruppen und Grüppchen, die nicht Fisch hoch Fleisch sind," ab. Von den zehn kandidierenden Parteien ziehen nur fünf in die Gemeinde, ein. Die kleinen Gruppen verloren durchwegs an Stimmen, die den Liberalen zugute kamen, so daß dies« bei Betrachtung der gegenwärtigen Proportion 4 Mandats* gewinne buchen können, allerdings nicht auf Kosten der zionistischen Liste Volkspartei, obwohl sie, die Liberalen* mit der lärmenden Parole „Bankrott des Zionismus" in die Wahlschlacht zogen. Das zunächst. Dann: Die Liberalen entwickelten diesmal eine gewaltige Agitation. Man. sparte nicht mit Geld, man warf eine riesige Propagandaliteratur in den. Kampf, man putzte sich mit Namen,, die. in Berlin von besonderem Klang sind. Man rief den freundlichen Wähler durch persönliche Telegramme zur Urne, Man schreckte den d e u t s ch * j u d i s ch e n B ü r g e r mit jüdischinationalistischen Gespenstern, in einer Zeit, da Hitler siegreich marschiert. Man redete ihm ein, daß er sich der nationalsozialistischen Verfolgung entziehen könne, wenn er sein Jüdisches ablege und weniger in die Augen steche.. Die äußeren reaktionären. Faktoren schufen eine günstige Konjunktur für diese Stimmung, die die Libe* ralen weidlich ausnützten. * Praktisch, vom Standpunkt der jüdischen Gemeinde, eröffnet sich eine traurige Perspektive. Die Liberalen können nun diktieren. Das bedeutet, daß wieder ein anderer Geist In die Oranienburgerstraße einzieht. Ich, weiß nicht, ob die neuen Herren den Mut haben werden, die Institutionen, die die Volkspartei schuf, und den pröduk* tiven Charakter, den sie der Gemeinde aufgeprägt hat, zu zerbrechen. Jedenfalls wird nicht weitergeschritten werden. Man wird nichts hören^ .von Schulejngründvng, nichts von selbständigen jüdischen ökonomischen Auf« gaben. Anstatt Sozialpolitik der Volkspartei wird wieder die Schnorrbüchse der Liberalen einziehen.. Statt der lang» ersehnten Volksgemeinde wird sich wieder' die altbekannte Kultusgemeinde mit allen ihren Attributen auf tun. Der Zionismus hat wohl, keine Niederlage erlitten!, aber die Idee von der demokratischen Vblksgemeiride hat reine Schlacht verloren.