Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 167 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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tft. 16; DIE NEUE WELT Seife 5 Der Verband demokratischer Zionisfen veranstaltet am Sonntag, den 14. Dezember eine große Makkabäer. Feier in sämtlichen Räumen des Verbandsheimes unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte. Wie im Vorjahre finden auch diesmal in der Chanukka-Woche zwei Kinderfeiern im Theater Reklame statt. Näheres in der Voranzeige. Chewra Kadischa, der seinen Einfluß dazu miß« brauchte, die Israelitische Landeskanzlei zur Stellung* nähme zugunsten des arischen Mannes seiner getauften Tochter zu veranlassen. Der wackere Chewra*Präses heißt Ludwig Adler und gilt als einer der anerkann« testen Führer der Budapester jüdischen Gemeinde. Es ist klar, daß diese Führer untereinander bleiben . wollen und jede demokratische Bewegung in der Ge» meinde zu vereiteln trachten. Die Budapester jüdische Gemeinde zählt 60.000 Steuerträger, von denen jedoch nur ein Sechstel das Wahlrecht besitzt. Die Abänderung des vorsintflutlichen Statuts, auf dem die Freunderlwirtschaft basiert, wurde schon einigemal versprochen, es ist aber vorläufig hur beim Versprechen geblieben. Die Demokratisierung des jüdischen Gemeinde» lebens wird sich aber nicht mehr lange aufhalten lassen, denn alle Palliativmittel versagen und die jüdische Oeffentlichkeit verlangt einen modernen Ausbau der Ge« meinde nach dem Muster der großen jüdischen Gemein» wesen im Westen Europas. Und damit sind die Tage der Notabeinwirtschaft gezählt. * Vor einigen Monaten hat dieser Kreis unter Aus* Schluß der Oeffentlichkeit die „U n g ar i s ch =■ J ü d U sehe Union" zur Anknüpfung von Beziehungen zum ausländischen Judentum ins Leben gerufen, eine Grün« dung, die die „Neue Welt" von vornherein als unernst be* zeichnet hat. Wie recht sie damit hatte, beweist der Um« stand, daß diese Union jetzt nach wenigen Monaten eines sanften Todes gestorben ist . . . Die neue Zeit fordert ihre Rechte und so dringt auch der zionistische Gedanke immer mehr und mehr ins Land. Eine der erfreulichsten Erscheinungen hiebei ist das Erstarken der Jugendbewegung und die'.'Vorbereitung der Chaluzim, die „Hachschara", für die- Arbeit in Erez Israel. Es entstehen Chaluz«Gruppen, die; auf den Gütern oder Pachtungen jüdischer Landwirte im Sommer und Herbst schwere Bauern« arb!eit verrichten, dadurch für ihre Zukunft in Palästina Kraft und Fähigkeit gewinnen und eine wirk« saniff Propaganda der Tat unter der Judenschaft der Um« gebung. entfalten. Und der magyarische Bauer blickt ehr» furchtsvoll auf diese neuen Juden. Auch die Schomer* Bewegung, macht, namentlich in, der Provinz, bedeutende Fortschritte. Je mehr die offiziellen orthodoxen Kreise den Zionismus verdammen, um so mehr geht ihre Jugend inszionistische Lager über. Auch in Ungarn zeigt sich dieselbe Erscheinung wie in den übrigen Ländern der Diaspora. Die Judenheit auf dem flachen Lande läßt sich viel leichter für die zioni* stische Sache , gewinnen als die oft schon sehr assimilier« ten," ihrem/Vplke1 fentfremdeten Großstädter. So haben viele Gemeinden gegen das Weißbuch des Lord Passfield protestiert, Budapest hat wohlweislich geschwiegen. Aber auch hier ging es nicht ohne Sang und Klang ab. Ober« rabbiner Dr. H.evesi hielt an einem der letzten Sabbate eine. Predigt,., in der er unter scharfer Betonung seiner Ansicht über die Zukunft des Judentums, die er einzig und allein in der Mission in der Diaspora, in der Vorbe« reitung des Reiches Gottes auf Erden erblicke, Protest gegen Englands Vorgehen erhob. Am nächsten Sabbat erwiderte ihm in außerordentlich klaren Ausführungen der Ofner Oberrabbiner Dr. K i s s, der die Haltlosigkeit der Missionsthepfie nachwies und erklärte, daß das moderne Judentum nur einen Weg gehen könne, den des Zionismus ,,» _ J. L. Neuer Bericht über die antisemitische Politik des : . Heeresministers Gömbös. r . Budapest, 24. November. (J. T. A.) Während der Debatte über das heue Militärversorgungsgesetz hielt der Abgeordnete Bela Fabian eine große Rede, in der er sich mit der Politik des rassenschützlerischen Honved« mi.nisters Gömbös befaßte. Das Militärversorgungsgesetz, führte Fabian aus, räume den Unteroffizieren, die in der Armee gedient oder den Weltkrieg mitgemacht haben und invalid geworden sind, Vorteile ein. Aber ich be« fürchte, daß dieser Entwurf nicht denjenigen zum Vorteil gereichen wird« dje im Felde waren, sondern vielmehr denjenigen, die gegenwärtig als Unteroffiziere in der nationalen Arm.ee dienen. Die Politik des jetzigen Heeres« mjnisters illustriert die folgende Tatsache: Im Golde* nen Bnch-d^r ungarischen Nation, in dem die Helden« ' taten der Be^jtger von goldenen Tapferkeitsmedaillen verewigt sind, heißt es, daß der Offizier Danko auf dem Monte S^n Gabriele am 2. Oktober 1917 auf Befehl einen Hügel genonimen hat. Er drang mit einem Fähnrich und einigen Infanteristen in einem höllischen Trommel* teuer gegen die italienischen Stellungen vor und nahm den Hügel im, Nahkarnpf. Dennoch wurde sein Gesuch an das Honv^dmjnistflrium, in den Heldenorden aufgenommen zu werden, mit der Begründung abgewiesen, daß er «ine Jüdin gaWcJratet hat. Ich muß mit Bitterkeit im Herzen feststellw, daß die Mentalität, die in diesem Lande herrscht, noch immer nicht einer besseren Einsicht weichen will, die uns die Errichtung einer einheitlichen nationalen bürgerlichen Front ermöglichen soll. Honved« minister Gömbös unterbrach den Redner mit der Be« merkung, daß Danko die Aufnahme in den Heldenorden nicht darum verweigert worden ist, weil seine Gattin Jüdin ist, sondern weil er mit ihr nicht kirchlich getraut ist. Fabian fährt fort: Es ist furchtbar erniedrigend für einen jüdischen General, wenn er bei den Zusammenkünften der ehe« maligen Regimenter seinen Soldaten begegnet, die Mit« glieder des Heldenordens sind, während er, der alle Gefechte mitgemacht und die Soldaten zum Sturm geführt hat, nicht Mitglied des Ordens werden könne, weil er Jude ist. Es ist für jemand, der sein Bein für das ungarische Vaterland in der Hölle von Doberdo gelassen hat, schreck« lieh, zu erfahren, daß er kein Ungar ist. Es ist furchtbar für eine Mutter, die dem Vaterland vier Söhne gegeben hat, von denen drei auf dem Schlachtfeld blieben, wenn man ihr jetzt zum Entgelt sagt, daß der vierte Sohn kein Ungar ist. Ein beleidigter jüdischer Student wird relegiert. Budapest, 24. November. Aus Debrecen wird gemeldet: Die ganze Stadt steht unter dem Eindruck einer drakonischen Maßregelung eines jüdischen Stu« denten durch den Universitätssenat, bzw. den Unterrichts« minister. Tatbestand: Der Student Josef Kovacs wollte am 15. Oktober mit vier Kameraden vor dem Dcry*Museum photographieren. Im Park des Museums hielt sich der jüdische Hörer der Medizin Georg Klein in Gesellschaft einiger Kommilitonen gleicher Konfession auf. Als Kovacs ihrer ansichtig wurde, rief er mit lauter Stimme: „Gehen wir fort von hier, da kann man nicht photo« graphieren, sonst wird der Hintergrund ver« judet!" Auf diese Provokation zog Georg Klein den reformierten Studenten zur Verantwortung. Kovacs rief dem von ihm so schwer beleidigten Universitätshörer-zu: „Sie sind ein Niemand — mit Ihnen verhandle ich nicht!" Auf diese abermalige Beleidigung versetzte Georg Klein seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht. Die Angelegen« heit gelangte vor den Universitätssenat, der kurzerhand die Entscheidung fällte, daß Klein für vier Semester von der Universität zu relegieren sei. Georg Klein appellierte gegen diesen Beschluß an den Unter« ^Urteile übcr6imonsöroK 1. ©imon§6rä>t te»bient als %oli$xbafymriQämitiel ben crftcit Statta. cin$iMtcbnren lrrob fteltt ft>o$ ba§ auf &em ®cf>tete fcer Steforniernähruna bav. 2. ©tmon§i&rot' ift letäjt toenbaiultä), reffuilicrt bie ^rfeaiititnifl wrtb übertrifft an SE&otylflcichntad roerneS (gwdjtenS |eke§ artikve Sboxnfozot. $tt ben guten gctttfoftfornMunflcn Uno $3ä(fctctcn erffälilid). Simonöbrotfabrif Söten^agran 11 ■** Xäglicfyer Vojinerjonb — (Sgpoil .-j richtsminister und verantwortete, sich dahin, daß er in gutem Recht zu handeln geglaubt, wenn er zur Verteidi* gung seiner schwer gekränkten Glaubensgemeinschaft und, seiner nicht minder verletzten Ehre den frivolen Kommi« litbhen insultiert habe. Heute wurden sowohl der Senat wie Georg Klein in, einem' Reskript,des Unterrichtsmini« steriums verständigt, daß der Minister den Beschluß des Senats genehmigt habe. Dns Martyrium der jüdischen Studentenschaft in Szeged. Budapest, 25. November. (J. T. A.) Nachdem Universitätsprofessor Dr. Albert Szentgyörgyi in Szeged öffentlich die christliche Studenteuschaft aufgefordert hat, sidi an den Juden ein Beispiel zu nehmen und ernstlich dem Studium zu obliegen, haben die jüdischen Studenten in Szeged ein wahres Martyrium auszustehen. Ruhe und Ordnung können nur dadurch aufrechterhalten werden, daß die jüdischen Hörer den Vorlesungen und Seminaren fernbleiben. In einer von etwa 400 Studenten besuchten Versammlung in der Zentraluniversität wurde ein Schreiben von Prof. Szentgyörgyi verlesen, in dem er feststellt, daß seine Worte mißdeutet worden seien. In der Versammlung wurde die Forderung erhoben, daß jüdische Mediziner nur Leichen von Juden sezieren dürfen, weiters wurde dagegen protestiert, daß die Zahl der jüdischen Studenten in einzelnen Semestern 25 bis 30 Prozent betrage. In der Versammlung ergriffen Rektor Dr. Franz Kovacs und die Dekane Kiss und Ditroi das Wort und ermahnten die Studentenschaft wohlwollend, die Ordnung nicht weiter zu stören. Die Studentenschaft versprad* dies, aber die Juden werden nach wie vor mißhandelt. Ein weißer Rabe. ' Berlin, 23. November. Die „Deutsche Krie^orjfe^ Zeh^VQi$an für, die, Interessen ^ejrjde,u^gj^$|ie^ beschädigten,Kriegshinterbliebenen, ehemaligen Kfiegjj^ gefangenen und Krieg|teüneniner< ,$|tss ,;- Mjiaehen,;^in||v ein«a JUitartfkel von Hermann Geiß e r, der sieh t»it dg|f Stellung' der neuen Parteien zu den- Forderungen 40t Kriegsopfer befaßt. An die Feststellung, daß die NaU'ftiJ'' 1 rja|Sozialisten ihr unentwegtes Eintreten für &| deutschen Kriegsopfer betonen, knüpft Geißer Betracht tunken Uber die Juden frage. Geißer fragt die Natjflfe nalipzialjsten, ob sie bei jener Zusage der. unabweisbare^ fl«gr.1i60 Gegr. 1*60 Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft „PHÖNIX" (ZosammensdiloB von Jktfr,Jener o. „Providentia") flegp. 1880 1881 1898 Direktion und General-Repräsentanz: Wien, IX.9 Otto Wagnerpl. 5/ Alserpl. 3 Telephon: B 43 5 - 80 Serie Uebernahme sämtlicher Schadenversicherungen zu den kulantesten Bedingungen und Prämien Tatsache eingedenk gewesen sind, daß unter den Begriff „Kriegsopfer" in verhältnismäßigem Ausmaß auch Juden zählen, die durch den Krieg ebenso mit körperlichen Un* bilden belastet sind, und daß mancherorts im deutschen Lande Juden leben, deren Söhne als Opfer des Krieges unter einem Hügel hinter den deutschen Grenzpfählen schlummern, und wie es gewährleistet werden soll, daß auch diesen Menschen das moralische und mater i e 11 c Recht unbeschränkt zuteil wird. Geißer berichtet über beschimpfende Behandlung jüdischer Kriegsbeschädigter und schreibt: Wir sind der Ansicht, daß das erste Eintreten für die Kriegsopfer« belange die nachdrückliche Forderung auf Respektierung und Achtung des Kriegskrüppels sein müsse, auch wenn er ein Jude ist. Wir wehren uns ganz entschieden da« gegen, daß an den Kriegsopfern mit zweierlei Maß ge* messen werden soll und werden von dieser unserer Eins Stellung zur Ehre der deutschen Kriegsopfer nicht um ein Jota abweichen. Soeben erschienen: I" faus der Revue M von VIKTOR BEROSSI Erhältlich bei: KerenKajemeth, 1,Kärntnerstraße28 Buchhandlung Moses Rath, 11, Taborstraße 20 a / Buchhandlung Alois Fäntl, iX, Liechtensteinstraße 23 PPC*IS $ 1 Der Pogromprozeß von Borscha* Vor dem Gericht in Satu*Mare begann am Montag, den 17. November, der Prozeß gegen etwa 90 rumänische Antisemiten, die das hauptsächlich von Juden1 bewohnte Städtchen Borscha eine Zeitlang vor dessen Nieder*, brennung durch bis jetzt nicht zur Verantwortung ge« zogene Täter unter einem scharfen Terror gehalten und eine Reihe Untaten gegen Borschacr Juden begangen haben. Die Anklage richtet sich außerdem noch gegen 17 jüdische Bürger von Borscha, von denen be* hauptet wird, daß sie sich am 7. März d. J. „zusammen« gerottet und den Danila Constantin (den bekannten auti« semitischen Agitator) gezwungen haben, das Schul« gebäude, in welchem er einen Vortrag für die christliche Bevölkerung halten wollte, zu verlassen". In der An« klageschrift heißt es ferner, die Juden hätten die Fenster* Scheiben im Schulgebäude eingeschlagen und den Ver« such gemacht, durch Fenster und Türe einzudringen, um Danila am Reden zu verhindern. Gegen die Hauptangeklagten, die Antisemiten Da« nila Constantin, Berindei Andrei und Dumitrescu Ioan, wird in der Anklage ausgeführt, sie hätten am 4., 7. und 10. Mai 1930 zu Grausamkeiten gegen die Juden aufgehetzt, hätten erklärt, die Juden seien die Feinde des Landes und müßten ausgetrieben werden. Dumitrescu Ioan hätte die in den Straßen demonstrierende christliche Menge direkt aufgefordert, die Juden Jacob Gancz und Bentiu anzugreifen. Danila Constantin hat die zu einer Versammlung vor dem Stadthaus erschienene Menge aufs gefordert, den Stadtsekretär Martin Roth, einen Juden, aus dem Stadthause herauszuzerren und zu schlagen. Danila Constantin und Dumitrescu Ioan haben sich per* sb'nlich an der Mißhandlung des Juden Israel Gancz beteiligt, der schwere Wunden am Kopfe und Rücken da« vontrug und 20 Tage im Bette liegen mußte. Danila Con« stantin hat den Juden Marcu Pollack so schwer mißhan« delt, daß dieser 20 Tage bettlägerig war. Danila Con« stantin, Dumitrescu Ioan und Petru drangen in der Nach't des . Mai in das Haus des Hersch Juda Stein, mit R e« volvern und Messern bewaffnet, ein und zwangen diesen unter Todesdrohungen, das Haus zu ver* lassen und in den Fluß Vischeu zu springen. Anstifter und Mitwirkende war das Ehepaar Andrei und Emilia Berendei, die, als Stein ins Wasser geworfen wurde, seinen Peinigern zuriefen, sie sollten. , ihn noch tiefer unter Wasser halten. Das gleiche Verbrechen wurde von diesen Angeklagten an dem Juden Chaim Salomon Stein begangen. Die übrigen Angeklagten sind versphiedener, zum Teil sehr grausamer Kollektiv* und Einvselverbrechen an Juden angeklagt. Die Verteidigung der Antisemiten haben der Präfektenraörder