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Die neue Welt · 1930-11-28 · Heft 167 (28.11.1930) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 167 (28.11.1930)
Date
1930-11-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE NEUE WELT Nr. 167 S 26.- S 36.- S 45.- UH, Ktetroße 123 IX, fllscrstrnße 6 Schaft Whitechapels ausmachen, spielt die P & l a* s t i n a * F r a g e in der Wahlpropaganda aller drei großen Parteien und auch der Kommunisten die Hauptrolle. Während jüdische Sozialisten den Labour^KandiHateri; unterstützen und viele Juden geneigt sind, ihre Stimmen dem liberalen Kandidaten, der Zionist ist, zu geben, mobilisieren die Konservati venalle Kräfte'für' ihren Kandidaten. Lord Melchett hat durch seinen Sohn, Henry Mond, einen Aufruf an die Wählerschaft Whitechapels gerichtet, den Kandidaten der Konservativen zu wählen. In dem Aufruf weist Lord Melchett' darauf: hin, daß er in jeder möglichen Weise für den Aufbau Erez Israels tätig war, und bezeichnet das Weißbuch ' der Arbeiterregierung als eine wohlüberlegte Beleidig u n'g; der Welt juden hei t im allgemeinen und der Juden« heit Palästinas im besonderen. „Ich bin dessen müde", erklärt Lord Melchett, „über unsere Anstrengungen, Opfer und Aufwendungen für unsere Arbeit sowie über Prüfungen, die unsere Pioniere durchzumachen hatten, nichts als Kompli» mente zu hören, Komplimente, die uns stets verleitet haben, Konzession auf Konzession hinsichtlich unserer in der ßaifoürsDeklaration und im Mandat nieder« gelegten ursprünglichen Rechte zu machen. Wir wollen nun Taten sehen, nämlich die aktive Mithilfe der Mandatarmacht bei der Errichtung des Nationalheims' an Stelle ~der' femdseligehr^eütfälftai, 1 die wir so-länge ertragen müßten! "Dem'Versuch der ReV! gierung, eine Politik einzuleiten, die die. künftige ^Aus> dehnung des^ jüdischen Nationalheims hindert und die6 .zu* ■ gunst&n-der . arabischen Bevölkerung;, den;, Einwohner^; Palästinas und dem britischen Steuerzahler schwere.. Lasten '.dklerfegt,Ymüß energischer 'Widerstand entgegen? gesetzt •-■werden; "Zum Schluß richtet Lord Melchett "deif AppeÜ iatäri Jtftfe"rr, für' den konservativen Kandidaten4 zu" stimmen und auf diese Weise gegen die Regierung zu demonstrieren, die ^Q'^i>^^n;^^!^#^ Vä#6^: ' *%':'$ Erstgeburtsjecht des jjidiscjben^ Volkes um das Linsen« : ^erients leerer Phrasen zu verkaufen. Budapesfer Brief* Heldenkäpitel. —^ Der christlicli-iiatiönale Sclrwie- ' gersohn.; — Die entschlafene Ungarisch-Jüdische Union. — Zionistische Jugend. — Protest gegen : England und Missionstheorie. Wie vor dem Kriege die Beschwerden, der assimila* torischen Judenheit in Deutschland immer wieder in der Klage darüber äusklangen, daß die deutschen Juden noch immer nicht der Auszeichnung gewürdigt werden, den Leutnantsr'ock anziehen zu dürfen,, so geht der höchste Ehrgeiz manches magyarischen Juden von heute nach der Aufnahme in das Heldenkapitel. Dies ist eine staatliche Einrichtung zur Belohnung von Offizieren lind Soldaten, die sich im Weltkriege durch heldem mutiges Verhalten ausgezeichnet haben. Diese ^Helden" werden mit einem „H e 1 d e n be s i t z" be« lehnt und sind .berechtigt, ihrem Namen das Wort „Held" beizufügen. Na schön! Die ungarischen Juden aber, die auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gedemütigt und zurückgesetzt und in der Wirtschaft immer mehr zurückgedrängt werden, haben wahrhaftig andere Sorgen als die, ob sie in diesem etwas romantisch angehauchten, mittelalterlich anmutenden Ritterschaftsersatz Platz nehmen dürfen oder nicht. Sie waren denn auch nicht wenig erstaunt, als vor iyenigen Tagen der „P e s t e r Lloyd" einen Aufsatz brachte, in dem Hofrat V e s z i, dieser alte Kämpe des seligen Liberalismus und nunmehriger deutscher PublU zist der . ungarischen ^Regierung, gewissermaßen als wichtigsten Belang der ungarischen Judenheit die Forde« rung vorbrachte, daß auch Juden ins Heldenkapitel auf* genommen werden mögen, . r" Die . Antwort ließ -nicht länge auf sich warten. Schon nach wenigen Tagen hielt der LandesverteidigungS* minister G ö m b ö s, bekanntlich das Oberhaupt der Rassenschützler, eine sehr bemerkenswerte Rede in Kecs* kernet, in der er den Artikel Veszis als provozierend bezeichnete und ^feststellte, daß in Ungarn in der Juden* frage eine ruhige Atmosphäre herrsche. Was nun den Kern der Sache betreffe, "ließ, es/sich der Minister nicht nehmen, klipp und klar ■ jsxt erklären: „Im Heldenkapitel wollen Wir' Magyaren sein und die Judenheit möge uns erlauben, daß wir wenigstens in dieser einzigen Einrichtung Magyaren unter uns' I seien." Diese offizielle Erklärung, die klar und deutlich, zwischen Magyären und Juden unterscheidet, hat nicht verfehlt, auf die alten assimilatorischen Führer der un* garischen Judenheit erschütternd zu wirken. Trotz, der letzten' zwölf Jahre, trotz all dem, was sich in. dieser Zeit ereignet hat, haben die Hefren noch immer nicht zur Kenntnis nehmen wollen, daß sie nicht als Magyarert beträchtet werden. Sie haben trotz der Ereignisse der Nachkriegszeit nicht aufgehört, feierliche' 'Demonstrationen zu veranstalten, bei denen sie'' sich g'£gerts eitig immer wieder Versichert haben, daß' sie Vib 11 b e'r e c h t i g t e M a gy.a r e n seien, die sich n u r dtjrch ihre R e'l i g i o n' von den andern Magyären unter» scheiden-, -und" nun-— "drer Enttäuschung!- Was Wunder alfeo., daß i;.Sämuel G sdhrjeb,. jn; dem ery- 4ie; schwernaütige' Frage. aufwirft,., ob, »■?e£ glicht .richtigeh^wäre, .. .wenn jvsich:'> nach; dem? Vor* ^efaillenen die1 Jüden> die im2öf^HtUfc&& ^eB^n.;steh|Mi,[ Stv ö n Ii Ux er Tat Xf^ ö'f £e nfrilcü eh Lie b e ri ^■jy. 'i ,i< 4. ..><v,»v .<jk>23.. .. «m. :".*r.v*-"'-' '•...... zuruckziehet\,woUten? ..... v«i••• ■■<•■' •■'••- ■-■ .V. ,.tL'.. .C.C>iYl:rt?.a--: r.i .'««iK»?.- .• ■•<--. ■ ••■ iuifiiijiiiiiiiiiiiiiiimimiuiniritiiiiiiutiinuiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ I Verband demokratischer Zionisten~ | ••t ■■■'■f,7,l!,l,!fW^"B,,^ffl91l,IBW'*^,WW'",''WPWll"W'^*"'^^ '.«• Mittwoch, 3. Dezember 1030 um '/s9Uhi abds. .5. E im Herzl-saat des Verbahäsheims, 11., Untere ' S S Augartenstraße 38 : . '"•' . ■•-B uuu nun — uic .cui.iauai.uuug t was vv uuuci einv ji\üisc£e# 1 iL c-k Wh i i/^nün-i i&$v'4sk' eiherr-iöf feneh $Mc£: 5 Gegenstand : | Geburten, Sterben ' s und Trauungen bei den Juden s Referent: ' ■ j-'^ v. -\ ""' 's' S MatrikenffUhrer Julius Rosenfeld s. Gäste wUlkommehl; g ^IllllllllllllllllllllllllllllllirillllllllllllllllllOIllllIIIIIIIIIIIIIIlr- MATURA-KURS rUR EXTERNISTEN I . . Billig und raschest, 1 bis 2 Jahre. Gediegene Lehrkräfte Auch ohne Vorkenntnltte. Sprechstunden täglich 7 bis ,8 Uhr . abends, IX^ Zimmermannplatz & Dann kam das parlamentarische Nachspiel. Zwei Abgeordnete jüdischer Abstammung glaubten das Juden» tum verteidigen zu sollen. Aber was war das nur für eine Verteidigung? Jämmerlich und schmerzhaft für jeden, der ein wenig Sinn für jüdische Politik hat. Der eine, Geza D 6-s i, fragte zuerst, ob Minister Gömbös wirklich erklärt habe, daß die Juden keine Magyaren seien, und ob er das ernstlich oder beleidigend gemeint habe. Dann .entschuldigte er sich, daß er die Sache überhaupt zum Gegenstand einer Anfrage mache, er tue dies aber vom allgemeinen magyarisch*nationalen und nicht vom jüdischen. Stndpunkte. > Der zweite Interpellant, der famose Paul Sändor, bot natürlich alles auf, um seinen Kollegen zu über« trumpfen. Er führte vor allem den Patriotismus der magyarischen Juden ins Treffen, dessen unwiderleglich« sten Beweis er darin erblicke, daß der orthodoxe Rabbiher in Neutra die Zionisten mit dem Bann belegt habe. Ich, rief Sändor aus, bin wohl ein glaubenstreuer Jude, würde aber sofort meinen Glauben abschwören, wenn ich sehen würde, daß sich das Judentum im Gegensatz zu den magyarischsnationalen Interessen befindet: (Seine Kinder sind dem Vater vorausgeeilt — sie sind be« . reits getauft!) Ministerpräsident Bethlen, der gerade auf der Suche nach einer Anleihe und daher aus begreif« liehen Gründen gegenwärtig judenfreundlich ge# stimmt ist, beeilte sich, im Parlament die Juden für Magyaren zu erklären und seinen Kollegen Gömbös zu desavouieren. Worauf die Komödie —1 es handelt sich ja nür: um ein abgekartetes Spiel — in der Weise weiterging, daß Gombös seine in Kecskemet ausgesprochenen An« sichten „ali Privat man n" aufrechtzuerhalten sich das Recht erbat. . Zur Ehre der ungarischen 'Juden sei gesagt, daß ein großer Teil von ihnen mit dem Auftreten von Vesiii Desi und Sändor durchaus ■ nicht einverstanden ist, ji daß! die zionistische „Zsid6 Szemle" gegen eine der* •artige Verteidigung des Judentums feierlichen Protest erhebt. „Und nun mögen die Herren das Heldenkäpitel in Ruhe lassen", schreibt sie weiter, „denn sollten sie- .die Sache höch : einmal aufrühren, so werden Sändor Und/' sei« Anhäng finden, daß w i r J u d e ihn enge g'4 n* - ü»b e r s t e h e ri.** * "' *:' Wie schlecht es übrigens um die Führer der ungari« sehen Judenheit bestellt, wie unernst und phrasenhaft, ihr Verhältnis' zum Judentum ist, geht aus folgendem Fall hervor: In einer kleirieh Prbvinzstädt war es, vor einer Ersatzwähl zum Parlament. Da erhielt der Präsident der jüdischen Gemeinde ein Schreiben von der Israeliti« sehen Ländeskanzlei in Budapest, worin er aufgefordert wird, dahin zu wirken, daß die Juden seiner1 Gemeinde samt und sonders für den Kandidaten der christlich» nationalen Einheitspartei eintreten. Der Präsi« dent war nicht wenig erstaunt ob dieser Zumutung, fuhr nach Budapest, wo sich folgendes herausstellte: Der christlichenationale Kandidat ist der Schwie* gersohn des Präsidenten der Budapester Schon Jahre und Jahre, daß sie so ist. Sie war damals noch nicht Siebzig alt. Die schwangeren Kinder haben sie schief angesehen, so schien es ihr. Sie wollten nach ihr die Sprößlinge benennen, damit diese ein so langes Leben haben wie sie. So aber mußten sie den' Kindern nach Jungverstorbenen Namen geben oder gar nach fremden Menschen. Jetzt sind zwei Enkelkinder schwanger. Und - es scheint ihr, daß auch diese sie schief ansehen. Und, Schejne Rochel selbst kann ihnen nicht in die Augen blicken. Vielleicht haben sie auch recht, denkt sie, Aber, sie kommt sogleich zum Schluß. Nein. Gott weiß besser,, was er tut. Es ist das Kind vielleicht noch nicht geboren, das wert ist, ihren Namen zu tragen. Das gesegnet sein soll mit vielen Jahren. Und ein Großer sein soll; in Israel. Genug Zeit habe, Thora zu lernen und ihr Licht zu verbreiten über die ganze Welt. (Aus dem Jüdischen.) Wie spielt man Sdialom Alejdiem? „200.000" bei den Wilnaern. Auch als Bühnendichter bat Schalom Alejchem eine Popularität erlangt, die für das moderne jüdische Theater von großer Bedeutung wurde. Seine Charaktertypen sind nicht nur für den Zuschauer eine Quelle des Vergnügens, sie geben auch dem Schauspieler reichste Gelegenheit, sich als jüdischer Menschendarsteller zu bewähren. Aber wie Sehalom Alejchems Prosa sich nicht in den Rahmen einer definierbaren Stilistik einfangen läßt, so liegen auch seine Theaterfiguren weitab von dem, was man gemeiniglich einen Bührientypus nennt. Seine Prosa ist die Gestik des Milieus, sein Bühnenwerk Anicht minder. Aus der Ätmo« Sphäre schälen sich Menschen und Fabel; in ihr ist Witz, Humor, Ironie und Satire, die Fabel und Menschen -in Bewegung setzt/Darin liegiJ die Problematik von Bühne und Schalom*Alejchem*Werk; darin liegt die Schwierigkeit, bühnengestalterisch eine Schalom« Ale jchem*Figur zu formen, die eine Kombination ist von statischen Elementen und dynamischem Bewegungsdrang. Tewje der Milchiger, der Börsenmakler Schapiro, das „Zusejt und zusprejt"« Milieu, die Figuren, die den „Schätz" (Ojzer) suchen, die zahlreichen typisierenden "Einakter, Stempenju, Schimeie Soroker sind schwer zü transformier ende Gestaltungen — für das Rampenlicht. . Das moderne jüdische Theater hat sich um ■Schalom Alejchem reichlich bemüht. Nicht immer ' mit Glück. Denn die Schalom Alejchem' spielen« den Theater waren auf einen bestimmten Stil ein« gestellt: die einen romantisch; die anderen veristisch, die dritten konstruktivistisch. Und da Schalom Alejchem von keinem dieser intellektualisierenden, nicht vom jüdi« sehen Boden hergeholten Stilarten einzufangen ist, wichen diese Theater entweder von ihrer Tradition ab' oder sie nahmen Schalom Alejchem zum Objekt ihrer tenden»«' behafteten Experimente. Ein Schalom Alejchemsdhes Theater, das kein Theater im hergebrächten Sinn zu sein hätte, sondern ein jüdisches Geistesinstitut, volkhaft, sprach» und milieuverbunderi, so sicherlich von unerhörtes Wirkung, gibt es nicht. Auch bei der Wilnaer Truppe hat Schalom Alejchem eine Heimstätte gefunden. Wir konnten seinerzeit dfe schöne Aufführung von „Schwer zu seih ein Jud" rühmen." Das zweite Schalom*Alejchem»Werk, das uns die Wilnaer zeigen, ist „Dos grojsse Gewins" oder „200.000". „300.000" lockt alle jüdischen Theater an. Morris Schwarz' New Yorker Kunsttheater hat es auf seinem Repertoire, es war das erste Stück, das Granowskys Jüdischem Akademischen- Theater den Stil bestimmte. Derart ist „200.000" sozusagen zum Prüfstein einer Stil« entschließung geworden. Alex Stein, dies wohl wissend, aber auch Schalom Alejchemschem Geist nahe, stürzte sich auf die Gegeben* heit seines Ensembles und kam zwangsläufig zu dem Ent* schluß, daß nur ein Kompromiß zwischen den Antipoden: Schalom Alejchem und heutiges Theater möglich und wünschenswert sei. Dieses Wissen brachte eine Vor« Stellung zustande, der man Einheitlichkeit nicht ab« sprechen kann. Wort, , Geste, Nuancenbehandlung,. der satirische Unterton fügten sich überzeugend ineinander. Aber auch rein schauspielerisch gab es wertvolle Einzelleistungen. Zum erstenmal konnten wir Mirjam Horowitz auf einer jüdischen Bühne in Wien sehen, zweifellos eine aparte Begabung und ein Gewinn für die Wilnaer, Jakob Schi gor in, wohlbekannt von früher her, bot als Schiraele Soroker eine überdurchschnittliche Leistung. Das Schneidergesellenpaar Alex Stein und Israel K am.« y, die immer charakteristische Frieda Vitalin, die Stützen des Ensembles Domb, Ko* valsky, Scheftel, Schneidow und alle anderen geschulten Mitglieder gaben cjer Vorstellung. Schwung und Farbe. Der Humor Schalom Alejchems vermittelte sich so dem- Publikum, ,das sich an dem munteren Spiel ergötzte und nach langer Zeit wieder von Herzen, lachen konnte. Es war ein Erfolg für Regie und Schauspieler. —r.

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