Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 167 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 167 DIE NEUE WELT Seite $ gebrachten Argumente für und gegen zusammenfaßt, dann -wird man sagen müssen, daß sich keineswegs eine starke Opposition seitens der Mehrheit des Hauses in dieser Angelegenheit gegen die Regierung ge* zeigt hat. Kein Unparteiischer kann der Behauptung Lloyd Georges, das Weißbuch habe das Mandat zerrissen, zustimmen. Im Gegenteil, was die Regierung will, ist die Aufrechterhaltung beider Verpflichtungen, der Balfour« Deklaration und des Mandats. Die Regierung hat völlig klargestellt, daß sie nicht die Absicht hat, das jüdische Nationalheim in seinem gegenwärtigen Stadium erstarren zu lassen. Sir Herbert Samuels Rede war eine der meister» haftesten und sympathischesten Aeußerungen, die ich je in diesem Hause gehört habe. Ich war überrascht, in wie* vielen Punkten er mit unserer Politik übereinstimmt. Manches, was er gesagt hat, gibt mir zu denken. Sie können die Wahrheit nidit hören. Obwohl damit die offizielle Debatte ihren Abschluß gefunden hatte, meldete sich noch Kenworthy zu Wort, das er jedoch erst nach Beendigung der Formali« täten des Sitzungsschlusses im Rahmen einer zusätzlichen freien Aussprache erhielt. In einer längeren Rede forderte er die Regierung auf, noch jetzt die Einberufung einer Round * Table * Konferenz zu versuchen. Dies solle aber nicht durch das Kolonialministerium geschehen, welches sich seit Bestehen des Mandats der ganzen Politik abgeneigt gezeigt hat, schon lange vor Amtsantritt der jetzigen Regierung. Während der Rede Kenworthys kam es zu einer kleinen Skandalszene, als der Marineminister Alexander, der das Kabinett zu vertreten hatte, den Saal verließ, was Pfuirufe zur Folge hatte. Der nächste Redner, E. Brown (liberal), wandte sich scharf gegen diese Unhöflichkeit und rühmte demgegenüber das Verhalten von Dr. Shiels, der im Saale geblieben war. Brown fragte die Regierung, ob nun eigentlich das Weißbuch aufrechterhalten bleibe oder nicht, ob es geändert werde oder was eigentlich damit geschehe. Dieselbe Frage stellten noch andere Ab« geordnete. Dr. Shiels erwiderte darauf in einer längeren, durch häufige Zwischenrufe unterbrochenen Rede, in der er nochmals die Position klarzumachen versuchte. Zu* nächst sagte er, die Regierung würde jede Möglichkeit, die beiden Parteien an einen Tisch zu bringen, ergreifen, aber bisher sei es unmöglich gewesen. Man werde es auch weiterhin versuchen. Was das Weißbuch betrifft, so er* kläre ich nochmals, daß es mißverstanden worden ist, und ich hoffe, daß die Debatte einen besseren Begriff von den wirklichen Absichten der Regierung gegeben hat. Das Weifibudi bleibt. Es entspinnt sich eine Kontroverse mit dem Ab* geordneten Brown und anderen Parlamentsmitgliedern, denen diese Antwort des Ministers nicht genügt. Unter dem Drucke der immerwährenden Zwischenrufe erklärt Dr. Shiels schließlich: Es ist ganz klar, daß das Weißbuch, wie es heute von mir erläutert und ergänzt worden ist, in Kraft bleibt. Nach, achtstündiger Dauer wurde die Palästina* Debatte am 17. November vor Mitternacht geschlossen. * Das Vernichtungswerk beginnt! London, 22. November. Der Londoner Zionistischen Exekutive wurde von; der Palästina-Exekutive telegraphisch mitgeteilt, daß die Palästina-Regierung Anstalten trifft, um Verordnungen auf Grund des Weißbuches zu erlassen. Das Telegramm traf :einige Stunden vor der Vertagung der Konferenz ein, so daß Weizmann Gelegenheit hatte, seinen Inhalt der Konferenz zur, Kenntnis zu bringen. Weizmann erklärte es für unfair, daß das Weißbuch in Kraft gesetzt werde, solange Verhandlungen im Gange sind. Außenminister Henderson gab die Versicherung ab, daß vor Beendigung der Konferenz keine Verfügungen auf Grund des Weißbuches getroffen werden würden; es sei aber nur „natürlich", daß die Palästina-Regierung Vorbereitungen treffe, um die ihr vom Kolonialamt erteilten Weisungen rechtzeitig ausführen zu können. Auf eine Anfrage beim Kolonialamt wurde der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt, daß der Palästina-Regierung tatsächlich die Weisung erteilt wurde, das Weißbuch in Kraft treten zu lassen, daß aber die Befolgung dieser Weisung auf einen geeigneten Zeitpunkt vertagt werde! Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die Palästina-Regierung bereits die Entwürfe für die neue Bodengesetzgebung nach den Richtlinien des Weißbuches fertiggestellt. Den Grundzug der neuen Gesetzgebung bildet ein weitgehender Pächterschutz. In einer Verordnung soll der Verkauf besetzten Landes verboten und trotz des Verbotes a bgeschlossene Käufe solchen Landes als ungültig erklärt werden. Der jüdische Nationalrat Palästinas gegen jede Verhandlung mit der englischen Regierung, solange das Weißbuch aufrecht bleibt. Jerusalem, 19. November. Dienstag, den 18. November, hat der Waad Leurai, nach Einlangen des Berichtes über die Palästina-Debatte im englischen Unterhaus, unter dem Vorsitz von Pinchas Ruthenberg eine Sitzung abgehalten. Es wurde eine Resolution angenommen, in der der Simpson-Bericht als „u n e h r 1 i c h" bezeichnet wird. Er bedeute, heißt es weiter, ebenso wie der Shaw-Bericht, eine Verschwörung gegen das jüdische Volk; die Anerkennung dieser verräterischen Dokumente seitens der Regierung bedeute eine Verletzung ihrer Verpflichtungen gegenüber den Juden. Der Waad Leumi beschloß, die Jewish Agency aufzufordern, keine Verhandlungen mit der Regierung auf der Basis des Weißbuches zu führen. »WASSeUCG« an rufender bequemste quemsre . Waschtag! TEL' «24-5-20 S€R,E0 fdnftt rogliftt)* Stoffe ALBERT HARDT gedr. r?93 ^ösl. WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 26-3-4/ Jerusalem, 21. November. Der Waad Leumi hat sich in einer zweiten Sitzung mit dem Text der am Dienstag, den 18. November, gefaßten, der Regierung zu unterbreitenden Resolution befaßt und diesen Text einer neuen Redaktion uiuorzogen. Der endgültige Text lautet: Die Tatsache, daß die Regierung und außerdem noch der Ministerpräsident die Politik des Weißbuches im Unterhaus bekräftigt baben, trifft die Judenheit Palästinas wie ein Donnerschlag. Dieser Bruch der gegenüber dem jüdischen Volk übernommenen Verpflichtungen bedeutet einen Angriff auf unsere Ehre und einen Versuch, die Arbeit in unserem Lande vergeblich zu machen. Wir erklären neuerlich mit allem Nachdruck, daß wir kein Vertrauen zu einer Regierung haben, die dieses Weißbuch zur Basis ihrer Politik macht. Der Jischuw ruft die Judenheit der ganzen Welt auf, den Kampf gegen die wiederholten Angriffe der Regierung auf den Jischuw fortzusetzen. Kein Fehlgriff irgendeiner Regie-! rung kann das ewige Band zwischen Erez Israel und dem jüdischen Volke zerreißen. Unser Werk des Wiederaufbaues und der Erneuerung unseres Landes wird fortgesetzt werden. Aus dem weiteren Text der Resolution wurde de*, Passus, in dem Simpson- und Shaw-Bericht als „u n-. ehrlich und verräterisch" bezeichnet worden' waren, eliminiert. Dagegen wird in der neuen Fassung die Weigerung, mit der Regierung auf der. Basis der Politik des Weißbuches zusam-, men zuarbeiten, in verschärfter Form ausge«*' sprochen. Palästina im Wahlkampfe um Whitechapel. •— Lord Melchett greift ein. London, 24. November. In zwei Wochen findet in: Whitechapel, dem hauptsächlich von Juden be* wohnten Viertel Ost*Londons, die Nachwahl zum e n g 1U sehen Parlament statt. Im Hinblick auf die Tat* sache, daß die Juden fast 50 Prozent der Wähler«: VORANZEIGE* CHANUKAH'FEIER des Verbandes demokratischer Zionisten. In der Chanukah-Woche finden ...... am Sonnlag, 14. Dezember und Samstag, 20. Dezember um halb 5 Uhr im THEATER REKLAME statt. Theatervorstellung und Tanzvorführungen. Es wirken ausschließlich Kinder mit. Vormerkungen auf Karten — mit Rücksicht auf den erfahrungsgemäß großen Andrang — nehmen schon jetzt entgegen die Damen : MARGIT BUCHBINDER R-48-1-38, ELSE NEBENZAHL U-12-2-16, PAULA STRICKER R-45-6-89 ■ ■ ._ Das jüdische Mütterchen* Von Sara Tartschinsky (New York). In unserer Gegend gibt es viele alte Leute, laug leben mögen sie. Aber niemand von ihnen kann sich erinnern, wie alt unsere Nachbarin Schejne Rochel sein mag. Das Mütterchen selbst sagt auch, es wisse nicht, in welchem Jahr es geboren ist, aber niemand glaubt es ihm. „Was hab' ich davon, wenn ich lebe. Wenn ich meine Schwestern und meine Brüder so jung begraben habe", sagt sie. und weint also gleich los. Zwei Brüder und drei Schwestern waren sie und die vier sind weg aus der schönen Welt. Und obendrein ist auch ihr Mann nicht mehr da. Was hat sie also wirklich davon, daß sie lebt? Allein in zwei großen Zimmern, die ihr vermögendes Enkelkind für sie aufgenommen hat. Sie wäre lieber in ein Greiseuasyl gegangen — die Kinder lassen es nicht zu. Na, so ist Schejne Rochel Hausfrau. Und eine Hausfrau, was das Zeug hält. Steht auf beim Morgengrauen, sagt das Gebet langsam herunter, trinkt Tee und geht ans Räumen. Fegt die Fußböden und nimmt dann aus dem Kasten ein reines Tuch und staubt die unzähligen Photographien ihrer Kinder ab. Es sind auch Bilder der verstorbenen Schwestern und Brüder da. Die nimmt sie sich zuerst her. Mit diesen fertig, geht, sie an die „Lebenden". Kinder und Kindeskinder hat sie, kein bös' Auge, nicht zu zählen, Sand im Meere . . . Einige von ihnen sind in den verschiedensten Posen pbotographiert, so daß fast alle Wände mit Bildern behängt sind. Wo sich Mütterchen nur hinwendet —• ein Sohn, eine Tochter, ein Eidam, eine Schwiegertochter . . . Die meisten schon alt und runzelig, sorgenvolle Gesichter. Aber da lacht von einem Bild der grauäugige Salomon herunter, das Enkelkind, vor einigen Jahren erst Rechtsanwalt geworden; dort stehen drei Mädchen ihrer Tochter und lächeln lieb; dort wiederum vier andere Enkelkinder, zwei Buben, zwei Mädchen, alle sehen sie die Großmutter an und lächeln, gesund sollen sie sein! Und hier der Urenkel Jankele, splitternackt, die Aeuglein ein wenig verdreht, die dicken Hinterbacken eingequetscht . . . Jankele ist heute schon elf Jahre alt. „Einen guten Morgen euch und wachsen sollt ihr!" sagt sie zu den Kindern und stattet auch den Aelteren einen guten Morgen ab und wünscht ihnen langes Leben. Und dann beginnt sie' für sich das Mittagmahl zu kochen. Stellt den Kochtopf auf-und geht ein wenig aus dem Zimmer. Da trifft sie einige Nachbarinnen. Die sind zwar beschäftigt, sehr beschäftigt, aber man spricht doch ein bißchen. Man klagt vor einander, was man mit diesen Kindern durchmachen muß, man spricht mit halbgebrochener Stimme und einige lassen auch Tränen fallen. Aber Schejne Rochel beklagt sich nicht. Sie hört allen zu, wirft dann und wann ein Wort ein und lächelt stillt. Man soll nicht herumreden, sagt sie, Kinder sind Kinder. Schon gehen die Nachbarinnen weg, Schejne Rochel kehrt in die Küche zurück, wirft einen Blick auf den Kochtopf, in dem es leise brodelt, und das Mütterchen beginnt eine Wolljacke für den Sohn zu stricken. Er ist schon über sechzig und es friert ihn sogar im; Sommer . . . Wieviele Wolljacken Schejne Rochel schon \ gestrickt hat! Solang es in den Augen hell ist und Gott, den Händen noch Kraft gibt, darf man die Kinder nicht verlassen und muß sie, womit man kann, warm halten. [ Nach Mittag legt sie sich hin. Sie schläft nicht; lange. Aber sie liegt bis zum Vorabend. Dann betet sie Minche. Und die Nacht kommt. Die Zimmer werden groß und leer und ihre Leere ist übervoll von trauriger Finsternis. Draußen rollen Wagen eilends vorüber, irgendwo pfeifen Schiffsignale, Kinder lärmen draußen hinter den Fenstern bis spät in den Abend. Kinder lachen und freuen sich. Aber hier drin ist.es immer still und traurig und in den großen Zimmern brennt nicht lange das Licht und die Alte liegt im großen Bett und fühlt sich klein und immer kleiner werden. So geht es Tag um Tag. Und der Sonntag rückt näher. Sabbat ist ein gesegneter Tag, vom lieben Gott geschenkt, aber für Schejne Rochel ist Sonntag der wirkliche Feiertag, denn da kommen zu Gast ihre Kinder. Es kommen die Söhne, die Töchter, die Enkelkinder mit ihren Kindern, und die Zimmer werden, kein bös Auge, so klein, daß man sich nicht bewegen kann, Schejne Rochel würde noch ein Zimmer hinzumieten, wenn ein einziges ihrer Kinder bei ihr bleiben wollte. Na, nicht — nicht, sollen sie gesund sein. Kinder sind Kinder, und sie hat sie alle gleich lieb — und nur mit1 den Schwangeren fühlt sie sich nicht sehr wohl.