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Die neue Welt · 1930-11-21 · Heft 166 (21.11.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 166 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 166 DIE NEUE WELT Seite 3 in Palästina, in der entgegen allen bisherigen offiziellen Schätzungen die in Betracht kommende Fläche um über fünf Millionen Dunam geringer angegeben wird. Abgesehen von der bedeutenden Landreserve in Trans Jordanien verschweigt das Weißbuch die kulturfähigen Gebiete im Süden von Palästina. Das Weißbuch verweigert augenscheinlich den Juden in Verletzung des Artikels 6 des Mandats jeden wesentlichen Anteil an den noch zur Verfügung .stehenden Staatsländereien. Das Weißbuch stellt eine weitgehende Einschränkung, wenn nicht gar eine wirkliche Verhinderung dos Bodenkaufes für Zwecke jüdischer Siedlung in Aussicht. Es unterwirft die Einwanderung jüdischer Arbeiter weiteren Einschränkungen durch eine unzulässige Interpretation des Begriffes „wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit dos Landes", sowie dadurch, daß zwischen dem arabischen Arbeitsmarkt und der jüdischen Einwanderung ein ungerechtfertigter Zusammenhang konstruiert wird. Sollten diese Einschränkungen in Kraft treten, so würde die Investierung privaten jüdischen Kapitals in wirtschaftlichen' Unternehmungen a u f h ö r e n,' was eine nicht wieder gutzumachende Schädigung der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung dos Landes zur Folge hätte. Aus all diesen Gründen erklären das Aktions- Komitee der Zionistischen Organisation und das Politische Komitee der Jewish Agency, daß sie das Weißbuch nicht als Basis der künftigen Regierungspolitik in Palästina anerkennen können. 3. Das. Ak*ions-Komitee der Zionistischen Organisation und das Politische Komitee der Jewish Agency erklären'sich solidarisch mit der einstimmig angenommenen Resolution des Waad Leumi, in der eine Beteiligung der Juden Palästinas an den Wahlen zum Legislative Council abgelehnt wird. Zum Schluß richtet das Aktionskomitee in einem von allen Mitgliedern und Ersatzmitgliedern gezeichneten Aufruf an die jüdische Oeffentliohkeit den Appell, das Palästina-Werk mit aller Kraft fortzusetzen. //Die klügsten und verständigsten Führer/' A. C. und Parlamentsdebatte. Im Augenblick, da nach Erscheinen des Paßfieldschen Weißbuches und nach dem Rücktritt Weizmanns, Werburge und Melchetts, das Aktionskomitee nach London einberufen wurde, gab sich die zionistische Oeffentlichkeit der Hoffnung hin, daß zumindest die in nenio nie tische Krise eine Klärung erfahren werde — wenigstens für die Dauer bis zum nächsten Kongreß. Man glaubte auch, durch Schaffung einer radikal . geänderten innerzionistdschen Situation den Druck gegen die englische Regierung verschärfen in können: dies besonders in einem Zeitpunkt, wo die große Palästinadebatte im englischen Unterhaus vor der Tür stand. All diese Erwartungen und Wünsche hat der Verlauf der Beratungen im A. C. mit dem Endresultat zunichte gemacht. Ei n Novum allerdings stellt die Einsetzung der sogenannten Politischen Kommission dar. Diese Kommission gibt sich nach außen hin als eine Konzession an die Opposition, die ja schon seit August 1929 (damals mit besonderer Intensität), die Uebergabe der Geschäfte an ein politisches, auch von der Opposition beschicktes Komitee verlangte. Die Kommission könnte als das umsomehr erscheinen, als. ja Vertreter bisher oppositioneller Gruppen an ihr teilnehmen, und dieser Umstand wäre auch geeignet, einzelne zionistische Strömungen zu beruhigen. Das sind nur äußerliche Merkmale. Leider müssen war dies feststellen. Außer der Tatsache, daß sich die Exekutive nicht mehr in dem Maße wie bisher sattelfest fühlt, was die ihr schließlich abgerungene Zustimmung zur Einsetzung dieser Kommission beweist, läßt diese Kommission keine Aenderung zum Guten erkennen. Im Gegenteil. Das Zustandekommen der Kommission in dieser Form, d. h. bei Belassung der alten Exekutive, ihrer Erweiterung gleichsam, ist eine bedauerliche Verirrung gewisser Oppositioneller. Im .allgemeinen war die Haltung der Opposition amerikanischer Provenienz unverständlich, unkonsequent,, enttäuschend. Sie war es, die den Vorstoß gegen die alte Exekutive, der alle Aussicht auf Erfolg hatte, lahmlegte. Daß aus dieser Tatsache heraus eine andere Oppositionsgruppe sich bemüßigt glaubte, die ge- INur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen /$wi*4f~ Die führende schwedische Weltmarke brochene Widerstandskurve durch die obengenannte Politische Kommission zu korrigieren, erweist sich jetzt schon als verhängnisvoller taktischer Fehler. Die Kommission bedeutet nämlich tatsächlich nichts anderes als eine Sanktionierung der alten Exekutive und ihres Kurses zumindest bis zum Kongreß. Die politischen Folgen hievon? Die Exekutive wird in diesen heikelsten Monaten ihre von allen bereits als verderblich anerkannte Politik weiterführen können und sich mit gutem Recht auf jene berufen feinde en$\ifc\\e (Stoffe ALBERT HARDT ^2&r WIEN I. FREI SINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-4/ »UAfiSfiUftG« anrufender bequemste quemsre . Waschtag l TEL' ■B 2^-5-20 SEft!£ 0 können, die nunmehr ihre „Erweiterung" darstellen und somit die Verantwortung voll mittragen. In diesem Chaos verschobener, fast durcheinandergeworfener Grenzposten ist es nahezu als Glücksfall zu werten, daß die revisionistische Opposition und die neuerstandene kräftige Oppositionsgruppe des polnischen Eth Liwnoth ausdrücklich . die Kompetenz der Politischen Kommission negiert haben. Die Resonanz nach außen muß sich womöglich noch schlimmer auswirken als nach innen. Wir kenneu bereits einen Teil der britischen. Parlamentsdebattc über die Palüstinapolitik. Es haben Lloyd George, Shiels, MacDonald gesprochen: Lloyd George hat die Regierung mit den bekannten Argumenten angegriffen und S Ii i e 1 s hat in seiner Erwiderungsrede etwas von den Plänen verraten, die von der zionistischen und nichtzionistischen Presse vor der Parlamentsdebattc als Rückzug der Regierung angekündigt wurden! Nun, es ist kein Rückzug, sonde r'n ein w e i t e r e r Vorstoß! Abgesehen vom Geschwätz, daß die Regierung festhalte usw., nicht daran denke usw., nämlich das jüdische Nationalheim in seiner gegenwärtigen Form zu kristallisieren, enthält Shiels Rede nicht« anderes als die Auffassung der Balfour-Deklaration und des Mandats seitens der Regierung im Sinne der Schaffung eines arabischen Nationalheims. Die Regierung will nämlich, gesteht Shiels von der Parlamentstribüne, eine Anleihe von 2,5 Millionen Pfund zum Zwecke der Ansiedlung von 10.000 . Familien aufnehmen. Das sollen natürlich arabische Familien sein.. Und wenn ein Ueberschuß bleibt, dann kommen wieder einmal die Araber dran und schließlich, wenn's gar nicht mehr anders geht, vielleicht auch ein paar Juden. Shiels verhöhnt die Juden geradezu, wenn er sagt, die Einwanderung sei gar nicht gesperrt, nur Arbeiter dürfen nicht hinein. Und sein Clou besteht darin, daß er sich mit diesem Programm, das das Programm der „zufriedengestellten arabischen Bevölkerung** ist, auf die „klügsten und verständigsten Führer der Zionisten" beruft. MacDonald beruft sich nicht nur auf sie, aondern Eifersüchtig auf HerzL Eine Skizze. Obwohl Ruthmann begeisterter Bundist war und als solcher ein Gegner des Zionismus in allen seinen Formen,, so war er dennoch nicht, wie viele seiner Freunde, der Ansicht, daß politische Gegnerschaft sich in persönliche Feindschaft umsetzen müsse. Rutlimann hatte mehrere Zionisten zu Freunden, ja sein intimster Freund war ein Zionist. Deshalb störte es ihn auch nicht, daß das Mädchen, seine spätere Frau, eine Zionistin sei, „schalom" sage und sich „Penina" nenne, obwohl ihr wirklicher Name Perl ist. Ruthmann sah nur, daß ihre Gestalt schön und schlank war, ihre Augen groß und leuchtend, ihr Mund klein und zart und ihr ganzes Wesen voll weiblichen Reizes. Nebenbei: Ruthmann selbstJ konnte ein wenig Hebräisch, er versuchte oft mit ihr hebräisch zu sprechen und mußte selbst eingestehen, daß sie an Reiz zunehme, wenn sie mit ihrer klingenden Stimme die musikalischen hebräischen Laute sang. Einmal konnte Ruthmann sich nicht zurücklhalten, ihr zu sagen: „Wissen Sie, ich bin ein Gegner des Hebraismus, des Versuches, die Sprache der Bibel ins Lehen einzuführen. Wenn aber alle Hebräisch sprechenden Damen so sind wie Sie, bin ich bereit, begeisterter Hebraist zu werden." Aus Freundschaft wurde Liebe. Und als die Heirat schon vor der Tür stand, versuchte Ruthmann das Mädchen dem Zionismus abspenstig zu machen und zum Bundismus ru bekehren. Er rechnete damit, daß bei einem Weib mit der Zeit die romantischen Träume von einem Zionismus verschwinden würden, ein Leichtes bei Frauen, die ja in ideologischen Dingen nicht sehr konsequent sind. Nach der Hochzeit setzte Ruthmann mit neuen Argumenten ein. Sie wich aber sogar einer Diskussion aus, ließ keinen Blick in ihr zionistisches Herz werfen, so daß Ruthmann sdiließlich sein Vorhaben aufgab. Und Penina hing bei sich im Zimmer ein schönes Herzl-Bild auf, das berühmte Bild von Herzl an der Rheinbrücke, und eine Nationalfondsbüchse, in die sie all ihr Kleingeld hineinwarf, und so oft Ruthmann zu Hause mit seinen Freunden Karten spielte, entnahm sie der Einsatzschüssel etwas Kleingeld — für die Büchse. Worauf Ruthmann mit ironischem Lächeln zu bemerken pflegte: „Einen Bettelpfennig für das Vaterland!" Als eines Abends 'Rutlimann mit einigen Freunden beisammen saß, kam man auch auf die Frauen zu sprechen. Einer der Herren, der sich für einen besonderen Kenner der Frauen-seele hielt, wußte viel von der Minderwertigkeit der Frau in Dingen der Hingabe an!eine Idee zu orzalhlen. Er führte aus: „Die Frau, die Zionistin, Bundist in oder Kommunistin ist, ist es deshalb, weil sie einen Mann liebt, der einer dieser Parteien, angehört.-.Sie liebt den Mann mit seiner. Glatze auf dem. Schädel und mit seinem Ideal. Und mit dem gleichen Elan wird sie das Bekenntnis, annehmen des Mannes, den sie liebt, und es darum wechseln von heute auf morgen." ' Ruthmann ließ nicht .alles gelten. Er führte Gegenbeweise an von Frauen, die andere Ueberzeugungen hätten als ihre Männer. Aber sein Freund entgegnete ihm mit Feuer: „Wenn eine Frau einem anderen politischen Ideal zugehörig ist als ihr Mann, so ist das nur ein Beweis, daß sie immer nooh von jenem Mann erfüllt ist, der ihr jenes erste Ideal gegeben hat Sie liebt dies Ideal noch immer, weil sie ihn selbst liebt. Ihr Leib gehört zwar dem neuen Mann,, ihre Seele dem seinerzeitigen." Unter allgemeinem Plaudern ging die Gesellschaft auseinander und es blieb kaum eine Erinnerung daran zurück, was hier besprochen und bestritten worden war. Nicht so bei Ruthmann selbst Iihm hatten sich alle Worte tief eingegraben. Es ging ihm plötzlich auf dem Heimweg durch den Sinn, daß Penina einst einen jungen Mann geliebt habe, der nach Palästina ging, daß sie selbst nahe daran war hinüberzufahren, bis plötzlich Briefe zu kommen aufhörten. Es fiel Ruthmann. auf, daß seine Frau einen Brief und eine Photographie des jungen Menschen .fürsorglich verwahrte und hütete. Zu Hause erblickte Ruthmann das. Herzl-Bild an der Wand und bohrende Eifersucht ergriff ihn. Er sah die majestätische Gestalt an der Wand wie einen Feind an, wie einen Fremden, der sich in sein warmes Nest hineingestoihlen und das Herz seiner Frau ihm geraubt hat. Er warf einen Blick auf die Na'tionalfondsbüchse, dachte daran, mit welch ehrfurchtsvollem Gehaben Penina täglich ihre paar Grosdien hineinwerfe, und sie erschien ihm wie ein Altar, den sie, seine Frau, einem anderen Gelietbten errichtet habe. Ruthmann verzehrte sich in Eifersucht, beschloß, mehr gefühlsmäßig als gedanklich, um jeden Preis aus seinem 'Heim den zionistischen Feind zu vertreiben. Nach schlecht verbrachter Nacht flüchtete sich Ruthmann in die Lektüre einer bundistischeu Zeitung, las daran mit Behagen einen polemischen Artikel gegen den Zionismus und wollte den Angriff seiner Frau zum Lesen geben. « „Hier, Perele (er nannte sie. demonstrativ mit ihrem jiddischen Namen), lies! Lies den Artikel und du wirst erkennen, daß der Zionismus der größte Fejrnd der jüdischen Massen ist." „Was soll mir das Parteig«zä»k4Y erwdderte Pelina und machte si-öh ans Abstauben des Herzl-Bikk».

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