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Die neue Welt · 1930-11-14 · Heft 165 (14.11.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 165 (14.11.1930)
Date
1930-11-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 165 DIE NEUE WELT Seite 5 eation nicht als politische Führerin anerkennen können und sich Freiheit in landespolitischen Angelegenheiten vorbehalten! Die demokratischen Zionisten und Revisionisten lehnen es ab, einerseits Sozialdemokraten durch Beschlüsse zur Untreue gegen die sozialdemokratische Organisation zu zwingen, andererseits sidi selbst von politisdi anderweitig gebundenen Menschen Vorschriften in jüdisch-politischer Beziehung machen zu lassen. Diese Erklärung wurde vom Delegiertentag schweigend zur Kenntnis genommen! Heute, nach vier Monaten, ist keine Klärung erfolgt. Und doch wagt man jetzt von Diszipliubruch zu sprechen! Es kamen die Nationalratswahlen und mit ihnen das beschämendste Kapitel der Geschichte der österreichischen zionistischen Organisation, ein Kapitel des Treubruchs, der Undankbarkeit, Unehrlichkeit. Knapp vor Ablauf des Einreichungstermines der Kandidatenlisten beschloß der Parteirat auf Antrag des politischen Referenten Dr. D. F r i e d m a n n, von der Aufstellung einer Liste abzusehen, also — jeder ehrliche Mensch mußte das so auffassen — die politische Betätigung freizugeben. Dr. Friedmann selbst führte al3 Hauptgrund Mangel an politisch erGeschlossenheit in der zionistischen Organisation an. Die demokratischen Zionisten erinnerten bei diesem Anlasse an ihre Erklärung vom Juni, auf dem Parteitage, behielten sich wieder Handlungsfreiheit vor und lehnten Teilnahme an jeder Abstimmung in landespolitischen Fragen ab. Ihrer politischen Uebcrzcugung und ihrem nationalen Gewissen folgend, stellten nunmehr die demokratischen Zionisten mit Zustimmung der Zionisten-llevisionisten und einer Anzahl allgemeiner Zionisten die .Jüdische Liste", Listenführer Robert St i ick er, auf. Das war ein Zeichen für diese „unpolitische" zionistische Leitung, der „Jüdischen Liste" und ihrem Führer in unqualifizierbarer Weise in den Rüdcen zu fallen, alles unter dem Kommando des politischen Referenten Doktor Friedmann, unter Assistenz des Präsidiums und der übrigen Leitung. Eine Erklärung gegen die „Jüdische Liste" wurde in allen feindlidien und assimilatorischen Tageszeitungen verlautbart, von belobenden, gegen die „Jüdische Liste" gerichteten Kommentaren dieser Zeitungen begleitet. Im Parteiblatte „Die Stimme" wurde auf Seite 3 eine Parole ausgegeben, die Wahl sei frei und jeder Zionist möge nach seiner „jüdischen Ueberzeugung" wählen. Dafür erschien auf Seite 5 ein Schmäh artikel gegen die „Jüdische Liste", voll von Verdächtigungen und Beleidigungen der „Jüdischen Liste" und ihres Führers Robert Stricker, ein Artikel, der dann zur Basis der Angriffe der feindlichen Parteien gegen die „Jüdische Liste" und Robert Stricker gemacht wurde. Der Präsident des zionistischen Landeskomitees, Herr Dr. O. Grünbaum, zog von Bezirk zu Bezirk, um unter den Zionisten Stimmung gegen die „Jüdische Liste" und für die sozialdemokratische zu machen, auch in Privatzirkeln. Unter Berufung auf die „Disziplin" wurde den Zionisten verboten, den Wahlvorschlag und den Aufruf der „Jüdischen Liste" zu unterzeichnen. Dafür wurde ihnen erlaubt, offen für die sozialdemokratische Liste zu arbeiten. Für die Partei der Taufjuden und Antizionisten, gegen die Liste mit Stricker an der Spitze. Den Ortsgruppen wurde verboten, ihre Lokale für Versammlungen Strickers herzugeben, dafür fanden in denselben Lokalen Versammlungen der Sozialdemokraten statt, in welchen gegen die „Jüdische Liste" gehetzt wurde! Den Jugendlichen wurde die Mitarbeit verboten. Dafür liefen „zionistische" Jugendliche als sozialdemokratische Agitatoren durdi die Straßen und versuchten es, Versammlungen der „Jüdischen Liste" zu sprengen! Alles für die Antizionisten und Tauf juden Friedridi Adler, Austerlitz und Bauer, gegen Stricker! Der politische Referent und Arrangeur der ganzen Sache, Herr Dr. D. Friedmann, begnügte sich nicht mit Zentralsparkasse liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiliiiiiiü der Gemeinde Wien § «ö *»»* 9 ■»» a» § 00 'S» I N <N N Wien I, Wipplingerstraße 8 Fernruf: U-23 5-60 Kreditverein der Anstalt: VII, Neubaugasse 1 Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einladen in der Anstalt diesen „Erfolgen". Er tat auch persönlich, was er nur tun konnte. In Versammlungen hoben sozialdemokratische Redner unter tosendem Beifall hervor, daß der Berufenste, Herr Dr. Friedmann, in der Kultusgemeinde erklärt habe, er und die Zionisten werden für die sozialdemokratische Liste gegen Stricker stimmen. Er, der sonst so Vorsichtige, ging so weit, daß sozialdemokratisdie Funktionäre, also Gegner, ihre Entrüstung über sein Vorgehen äußerten. Er begnügte sich nidit damit, sozialdemokratisdien Führern zu erzählen, daß er und die Zionisten selbstverständlich gegen die Stricker-Liste seien, sondern beteiligte sich an der Verbreitung und Förderung von verleumderischen Gerüchten. Plötzlich war die Lüge aufgeflattert, daß die „Jüdische Liste" von den Förderern der Reaktion gegen die Sozialdemokraten Geld bekommen habe. Dr. Friedmann hat, wie einwandfrei festgestellt wurde, diese Gerüchte verbreitet oder bei ihrer Verbreitung persönlich geholfen. Dann kam das Beschämendste! In den Häusern, auf den Brücken und den Straßen Wiens wurden Hunderttausende von Flugblättern der Sozialdemokraten, Mittelständler und des Schober-Blocks verteilt, gegen die „Jüdische Liste". Ihr Inhalt: Zitate aus dem oben erwähnten, von Dr. Friedmann inspirierten Schmähartikel des zionistischen Parteiblattes „Die Stimme" gegen Stricker und seine Liste! Auf Brücken und Straßen wurde für die Taufjuden und Antizionisten gegen Stricker gekämpft, mit zionistischen Waffen! Das alles nennt sich „Wahrung nationaler und zionistischer Interessen"! Das ist der gerechte Lohn für Strickers zionistische Lebensarbeit! Auf den Straßen und den Brücken Wiens stolzierte die zionistische Schande . . Die Tonfilm-Sensation Richard Tauber singt Franz Lchär dirigiert Das Land des 00 von Franz Leh& r heute and die folgenden Tage im SCHWEDEN-KINO II, Taborstraße 1—3. Tel A-47T0-6ü, K-49-0-60 Vorstellungen: An Wochentagen 5,7,9Uhr, Sonn- und Feiertagen 3.5,7.9 Uhr Antisemitische Justiz in Litauen« Jüdische Schlächter wegen „Mordes" zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Kowno, 9. November. (J. T. A.) Vor dem Gericht in Sehaulen fand in den ersten Novembertagen ein Prozeß statt, der das gesamte litauische Judentum in Erregung hielt. Angeklagt waren die jüdischen Schlächter Man. F1 e i s c h m a n n, Schneider und Lakunischek aus Boune, einem kleinen Orte bei Schaulen, den christlichen Tierarzt und Fleischbesohauer Awischenis ermordet zu haben. Gegen die Angeklagten lag nicht die Spur eines Beweises für ihre Schuld vor, die Grundlage der Anklage bildeten lediglich Mutmaßungen. Awischenis wurde eines Morgens in einem Brunnen, der sich direkt am Wege zu seiner Wohnung befand, tot aufgefunden. Es wurde festgestellt, daß er am Abend vorher im jüdischen Schlachthaus geweilt hatte und mit den Beschuldigten wegen eines Stückchens Seife und eines Handtuchs in einen Wortwechsel geraten war. Bekannt war auch, daß Awischenis die jüdischen Schlächter seh ikanierte und deswegen bei ihnen unbeliebt "Als Awischenis in. den frühen vÄ^geiwtun4©y^iS Brunnen tot aufgefunden wurde, nahm man allgemein au, daß er, der ein Trinker war, im Zustande des V oH? rausches in der stockfinsteren Nacht über die niedrige Einfassung des Brunnens in den Brunnen^ sohacht gestürzt war und auf diese Weise den Töd gefunden hat. s Um so mehr Aulsehen erregte es, als die Staa||^ Anwaltschaft nach einer kurzen, sehr oberflächlich 'ijjß ftthrten ühterenchung den Haftbefehl gegen die ge. nannten jüdischen Schlächter, die als o r d e n 11 i c jVfj und friedliebende Bürger bekannt sind, erlief Diese Schlächter hatten sich selbst beim Unter*, suchungsrichter gemeldet und hatten erzählt, cj^ß. Awischenis mit ihnen zusammen gewesen war. Qje Haft w.urde nach kurzer Zeit wieder aufgehoben, u?nj man glaubte, das .Verfahren sei niedergeschlagen. Apr nach kurzer Zeit wurde die Haft gegen die Schlächter Für Sohnes- und Regenwetter de» neue extraleichte Wimpasing SLIPPER E' ist unau fäll q elegant, au3 rordentlich geschmeidig und läßt eich rasoh und ohne MO-ie aus- und anzieren. Das it-lcte und doon no naitba e Ma erlai mach' den neuen WIMPASSINQ-SLIPPER tu einem idea» n, unentbehrlichen Ueberschuh M't Trikotstoff gefQtte t, ge o ite Gnmmlsohle Detailpreise: Herren....... . $ fti40 Mädchen 5*80 Knaben und Damen . 7*90 Kinder........S 5«40 A le Wimpasing- Gummischuhe tragen auf der Sohle nebunsiehonde Siernmarke Oesterroiohlsohes Eneupnis WIMPASSING Eng osverkauf: BERSON, WIEN Vi, Gstreidemarkt 1 ohne jede Motivierung wieder verhängt, und schließlich wurde die Anklage vor dem Gericht in Schaulen erhoben. Die öffentliche Gerichtsverhandlung erbrachte keine neuen Gesichtspunkte, es konnte keinerlei direkter Zusammenhang zwischen den Beschuldigten und der Mordtat gefunden werden. Die Gerichtssachverständigen waren sich über den Befund nicht einig. Während die einen annahmen, daß einige Wunden des toten Awischenis von Schlägen durch fremde Hand herrühren könnten, sagten andere, daß die Wunden vom Aufschlagen auf die Steine des Brunnenschachts herrühren. Auch spielten Fettflecke auf den Kleidern des Awischenis eine Rolle; die Anklage behauptet, daß diese Flecke von einer zu nahen Berührung des Awischenis mit den fettigen Kleidern der Schlächter herrühren, woraus auf einen vorangegangenen Kampf zwischen Awischenis und den Schlachtern zu schließen sei. Auch behauptete ein Sachverständiger, es sei nicht möglich, daß ein Mann wie Awischenis lebend in den Brunnen gefallen wäre, ohne sich . aus eigenen Kräften wieder aus dem Brunnen retten zu können; man müsse darum annehmen, daß er bewußtlos oder schon tot in den Brunnen geworfen worden war. ... - ■ Der Staatsanwalt gestand in seiner Anklagerede zu, daß direkte Beweise gegen die Angeklagten n i c h t v.o rhanden seien, aber — so sagte er — bei Mordfällen gibt es meistens keine direkten Beweise. Der Verteidiger, Advi Wenzlauskas, stellte fest, daß nicht einmal irgend ein greifbares Indizium gegen die Angeklagten spräche. Die Angeklagten seien ehr- und friedliebende, sowie unbescholtene Männer. Man könne nicht auf die unwillige Aeußerung eines Schlächters, daß Awischenis kein Tierarzt, sondern ein Schwein sei, eine so schwere Anklage aufbauen. Hätte man es hier mit einem Mord zu tun, wo sind die Blutspuren, und wo sind die tödlichen Wunden? All das fehlt, wie überhaupt jede gesunde Logik gegen die Schuld der Angeklagten spricht. In der Nacht zu Freitag, den 7. November, sprach das Gericht in Schaulen das folgende Urteil: Man, Fleischmann und Schneider wurden zu je 12 Jahren Zuchthaus, Lakunischok zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem müssen die Angeklagten der Witwe des Awischenis 36.000 Lit (3600 Dollar) und dessen Mutter 50.000 Lit (5000 Dollars) zahlen. Die Verurteilten und ihre Angehörigen brachen bei Verkündung des Urteils in Weinen aus. Unter den Juden Litauens hat dieses Urteil deprimierend gewirkt. Gerechter Lohn« Für „anständige" Arbeit. London, io. November. Das Reuterschü Ui'u-o meldet, daß die bevorstehende Ausgabe von 1500 Eins Wanderungsbewilligungen für jüdische Arbeiter nach Palästina keineswegs irgend eine A e n d c r u n der britischen Politik bedeute, sondern viels mehr dem Berichte Hope«Simpson entspreche. Die Eins wanderungsbewilligungen für das vorhergehende Halbjahr seien bis zur Veröffentlichung dieses Berichtes eingestellt gewesen. Jetzt aber würden im Hinblick auf die Not« wendigkeit der Durchführung einiger öffentlicher Ar* beiten in Palästina, die mit Hilfe jüdischen K a p-u tals erfolge und für die bloß jüdische Arbeitskräfte yer* wendet werden können, die Einwanderungsbewilligungeu wieder erteilt. Denn es sei klar, daß eine Vers drängung arabischer Arbeitskräfte durch jüdische Einwanderer hiebei nicht in Frage komme. ♦ Diese Meldung bringt auch die Wiener sozial* demokratische Zeitung »Der Abend" und läßt es sich* nicht nehmen, die britische Arbeiterregierung zu verhöhnen, weil sie nun doch jüdische Arbeiter nach Pajästina"läßt. Sie nennt die Verfügung höhnisch eine „Konzession an die bürgerlichen Zionisten"» welche Lärm geschlagen haben.

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