Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 165 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE NEUE WELT Nr. 165 ^j^S^cJ^^^^x w S 26.- S 36.- S 45.- UH, KnlserctrnBe 123 IX, MserctrnBe 6 wartenden Verordnungen über. Einwanderung und Bodentransaktjonen in Palästina macht sich bei der Palästina-Regierung dieselbe Unsicherheit in der Behandlung dieser Fragen geltend wie bei den jüdisch e n B e h ö r d e n. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, w urden die dem High Commfssioner von der .'Exekutive der Jewish Agency unterbreiteten- Vorschlage bezüglich der nächsten Arbeitereinwanderung an das K>o i'ö ri ialamt in London weitergeleitet. Dieser Vorgang steht zu den bisherigen Gepflogenheiten in Widerspruch und dürfte darauf zurückzuführen sein, daß der High Commissioner sich nicht der Möglichkeit einer abermaligen Annullierung von ihm bewilligter Zertifikate durch das Kolonialamt aussetzen will. Eine ähnliche Verwirrung scheint bezüglich der Frage von Bodentransaktioneu zu bestehen. Leute, die Grundstücke zu verkaufen oder zu kaufen beabsichtigen, können sich nicht entschließen, die Grund-' buchgebühren zu erlegen, da sie befürchten, dafl sie, falls eine Verordnung erscheinen sollte, durch die Bodentransaktionen als ungesetzlich erklärt Werden, Schwierigkeiten bei der Rückerstattung der Gebühren begegnen könnten. Aus Kreisen, die dem High Commissioner nahestehen, wird mitgeteilt, die Forderung des Simpson- Berichtes nach Mitberücksichtigung der. Arbeitslosigkeit unter den Arabern bei der Bestimmung der Aufnahmefähigkeit Palästinas sei auf den Einfluß des High Commissioners Sir John Chancellor zurückzuführen. Der High Commissioner trete für eine möglichst starke Einwanderung bemittelter Personen ein, sei aber gegen die Einwände-, rung solcher Elemente, die mit den arabischen Arbeitern in Konkurrenz treten könnten. Um die Gleichberechtigung der Juden i'n Lettland* Riga, 4. November. Der Abgeordnete Dr. Meisel hat im lettländischen Sejm an den Ministerpräsidenten eine Anfrage wegen der Nichtaufnahme von Juden in den'öffentlichen' Dienst Lettlands gerichtet. Zur Begründung dieser Anfrage führte Abgeordneter Dr. Meise! aus; Als die Republik Lettland gegründet wurde, wurde die Gleichberechtigung der lettländischen Bürger, aller Nationen feierlich proklamiert. In der ersten Regierung waren zum Zeichen dieser Gleichberechtigung die Minderheiten durch eigene Minister vertreten. Viel wichtiger aber als die Vertretung in der Regierung ist die Beteiligung der Minderheiten am Verwaltungsapparat. Von diesem aber, wurden von Anfang. an nichtlettische Elemente ferngehalten. In der ersten Zeit hat man das damit begründet, daß die Angehörigen der nationalen Minderheiten die Staatssprache nicht genügend beherrschen. Inzwischen ist in dieser Beziehung ein vollständiger Wandel eingetreten, aber die Nichtaufnahme von Juden in den Staatsdienst ist bereits zur Tradition geworden. Nach den letzten offiziellen Daten gibt es unter 14.554 Staatsbeamten im ganzen 26 Juden, davon 25 im Verwaltungsdienst und einen bei der Polizei. Im Gerichtsdienst gibt es überhaupt keinen Juden, Hiebei ist zu berücksichtigen, daß zu diesen 26 jüdischen Staatsbeamten auch die Beamten des jüdischen Bildungsdepärtements gehören, woraus sich ergibt, daß die Juden so ziemlich vollständig vom Staatsdienst ausgeschlossen sind. Dasselbe Bild zeigt die lokale Selbstverwaltung, in der auch nur höchst selten ein Jude angetroffen wird, und gesellschaftliche Institutionen folgen dem durch die öffentlichen Körperschaften gegebenen Beispiel. So ist z. B. diö Aufnahme von Juden in den Advokatenstand praktisch völlig gesperrt. Infoige der immer wachsenden Bedeutung des Staates und der Organisationen ä\ä wirtschaftliche Faktoren wird die unbemittelte städtische Bevölkerung durch Nichtanstellüng bei diesen Korporationen aiifs stärkste betroffen. TjVenn der Staat Beamtenanwärter aus diesen Kreisen dbweist, so gibt er damit den Gemeindeverwaltungen und Privatunternehmungen ein böses Beispiel. In seiner Beantwortung der Anfrage des Abgeordneten Meisel behandelte der Justizminister nur den in der Anfrage angeführten speziellen'Fall der Kandidatin für den Gerichtsdiener Kulmas und erklärte, diese sei nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Nationalität abgewiesen worden; das gleiche Schicksal habe auch eine ganze Reihe von Mitbewerbern .um'" diese Stelle betroffen. Man könne auf Grund dieses Falles 'dicht von; einer grundsätzlfqheri Fernhaltitng der Juden'vom Staatsdienst sprechen. Auf eine Erörterung •der von -Abgeordneten Dr. Meis'eF'berührten allgemeinen Verhältnisse ließ sich der J u s t i z m i n isterl:hicht,ein.- "Diese-Antwort des ,Ministers löste eine dreipfündige Debatte aus, in die die jüdischen Abgeordneteif. H. Laserson (Zeire Zion) und M. Dubin (Agudas Jisroel| sowie der Antisemit Milh.erg eingriffen. Abgeordneter Dubin .wies, ^darauf hi^ daß die Juden in der ^Beamtenschaft^w ej£ij.ej|' a 1;^ tf P> q'z ehi;. ansmac&n. Selbst unter der ^arehherrsenaft sei "dieser Prozentsatz ein höherer gewesen. An den Ministerpräsidenten richtetpVAb^g^ die Frage, wie .man.-.-jfcon den Juden* ervwrtetf'köWe,' daß?-'sie ihre ""^^^WF"^ G«pr. 18G0 ^yrafi^!!irm^^mmmm [Gegr. 1860 " Allgemeine \ Versächerurigs^ißsellschaft " ' .^pilf.^"^-^: (^iiiiiiyi'flli' iMtän Begr. 1860 1881 1898 •' -..,v v:":;.-"' "'; «'r v';"-» •-•'"• ■■ '■■ ■-• Direktion und General-Repräsentanz t Wien, IX., Otto Wagnerpl. 5/ Alserpl. 3 Telephon: B-43-5-80 Serie Uebernahma sämtlicher Schadenversicherungen zu den kulantesten Bedingungen und Prämien j etwas von dem Berditschewer. Und gerade mir selbst gegenüber hat er eine große Sünde begangen." Sofort entstand Bewegung im Beth Hamidrasch, und Reb Boruchl befahl, ihm den Rufer, den jungen Mann vorzuführen. „Was hast du vom Berditschewer zu erzählen? Wenn deine Erzählung von Wert ist, werde ich mein Wort halten und du sollst einen schönen Anteil an der künftigen Welt haben." > Der junge Mann begann zwar die ganze Sache zu bereuen, konnte sich aber nicht mehr helfen und erzählte: „Ich bin ein Kaufmann und besuche häufig Jahr« markte. Vor einigen Wochen hatte ich gerade auf dem Jahrmarkt in Berditschew zu tun. Und da ich dort war, verspürte ich starke Lust, in den Beth Hamidrisch zu gehen, um zu sehen, wie der Berditschewer Rabbi betet. Denn ich hatte viel gehört, daß sein Dienst am Beten etwas Uebernatürliches sei. Im Beth Hamidrasch fand ich auch den Zaddik mitten im Beten. Er lief durch den ganzen Beth Hamidrasch auf und ab, von einem Winkel zum andern, und machte sonderbare Bewegungen, solche, wie ich sie noch nie gesehen' hatte. Um den Zaddik nicht zu stören beim Gebet, stellte ich mich in einen Winkel und beobachtete genau, was vorgehe. Aber plötzlich, als der Berditschewer beim Segensspruch „Jozer or" ange* langt war und bevor ich noch recht Zeit hatte, mich um* zusehen, war er schon neben mir und rief mit sehr lauter Stimme aus: „Was wird der Engel Michael und der Engel Gabriel sagen?" Und bei diesen Worten, deren Sinn ich nicht verstand, gab er mir zwei mächtige Ohr* feigen und schon war er wieder weg. Ich verstehe nicht, was wollte er mit den Worten von den Engeln Michael und Gabriel? Und warum hat er mich, einen fremden, unschuldigen, ihm ganz unbekannten Menschen für nichts und wieder nichts geschlagen? Ist das nicht eine ganas große Sünde seinerseits?'' .• Alle um den Tisch .Versammelten und im Beth Hamidrasch staunten und gafften* Noch nie hatten sie'so etwas gehört. Es dauerte im ganzen eine halbe Minute, und Reb Boruchl sagte zu . dem jungen Mann: „Mag sein, daß der- Berditschewer dir ein Stück« chen Unrecht getan hat, aber die künftige Welt für deine Geschichte bekommst du von mir gewiß nicht. Denn du bist der künftigen Welt einfach nicht wert —f du bist ja ein Dieb." . Jetzt waren das Volk und der junge Mann noch mehr erstaunt; Aber Reb Boruchl sprach weiter: „Wie ihr alle wißt, ist Reb Levy Jizchok stets ein großer Gutestuer für Juden und sucht ständig die Gelegen« heit, dem ganzen Volk Israe.1 , behilflich zu sein. Die beste Ze}t dafür .ist, wenn die Engel im hinunlischen Ge* rieht sich versammeln, und Lob; und Preis dem Herrn zuteil werden lassen. Und das ist die Zeit, da der Ber« ditschewer betet und bcimv Segensspruch „Jozer or" an* langt. Zu der Zeit ist . er mit den Engeln des Gerichts, Michael und Gabriel, auf .gutem,, Fuß und .sie helfen ihm Fürsprech zu, sein, für die Juden.. Aber als er. plötzlich dich erblickte, sah er sofort. die große und schwere Sünde, die du. an diesem Tag, am selben Morgen began* gen hast. Mit. sejn.en lichtvollen Augen sah er an dir, daß Pflichten gegenüber dem Staate erfüllen, wenn die jüdische Jugend keine Zukunft in ihrem eigenen Vaterlande vor sich sehe. Es sei weder jüdischen Akademikern noch Mittelschulabsolventen möglich, angemessene Stellungen zu erlangen. Für die Regierung erwiderte der ehemalige Ministerpräsident M. Skujeniek. Er erklärte, die Juden seien im allgemeinen wirtschaftlich besser gestellt, als die Letten und die Anzahl der jüdischen Angestellten sei größer als die der nichtjüdischen, wenn man die Privatangestellten mitberücksichtige. Die geringe Anzahl von Juden im Staatsdienst sei auf ihre ungenügende Kenntnis der lettischen Sprache zurückzuführen. Eine Aufklärung l Ein trauriges Kapitel „zionistischer" Politik! In der zionistischen Organisation Oesterreichs herrschen gewisse Zustände, welche von jedem anständig Denkenden abgelehnt werden müssen. Laut wiederholter, bisher nicht aufgehobener Parteitagsbeschlüsse ist die Organisation eine „landespolitische'\ das heißt, ihre Mitglieder sind in Fragen österreichischer Politik an die Weisungen der zionistischen Organisation gebunden. Damit ist selbstverständlich gegeben, daß ihre Mitglieder keiner anderen politischen Organisation angehören dürfen, denn es ist unanständig, zwei verschiedenen Organisationen ein politisches Treugelöbnis abzulegen. Man betrügt damit beide. Nun hat in der Wiener Organisation, trotz wiederholten Protestes seitens der korrekt Denkenden, in den letzten Jahren ein Mißstand Platz gegriffen, der zur politischen Fäulnis führte. Mitglieder der landespolitischen zionistischen Organisation haben sich in eine andere politische Organisation, in die Sozialdemokrat i- Sich e, eintragen lassen, nicht etwa in die Gewerkschaften, sondern in die politische sozialdemokrati- sehe Organisation. Sie sind also politisch doppelt organisiert. Das taten' nicht nur gewöhnliche Mitglieder. Die Wiener zionistische Organisation hat der sozial- . demokratischen Organisation angehörige, also politisch 1 doppelt organisierte Vizepräsidenten! Also poli- Itisdi unkorrektes Doppelspiel an höchster Stelle! gönnen sich politisch rechtlidi denkende Menschen dein Weisungen von solchen Herren fügen? Diese Herreu brechen ja auch der sozialdemokratischen Organisation die Treue. Das Statut der sozialdemokratischen Organisation besagt, daß die Zugehörigkeit zu ihr •d|ie Zugehörigkeit zu einer anderen poli-;t,| s c h ei Organisation (also auch der zionistischen Landesörganisation) a u s s c h 1 i e fi t.; ■( Ständig haben die demokratischen Zionisten und Revisionisten darauf gedrängt, diesen unwürdigen, die Geister politisch korrumpierenden Znstand zu beenden. Zuletzt am Delegiertentage im Juni 1930. Sie forderten, entweder die politische Doppelorganisation für unzulässig oder die zionistische Landesorganisation für unpolitisch zu erklären, das heißt, den Mitgliedern freie Betätigung zu gewähren, auf die Herausgabe landespolitischer Parolen zu verzichten. Der politische Referent der Organisation, Herr Dr. Desider tFriedmann, konnte dieser gerechten Forderung nichts entgegenhalten. Er mußte die Unhaltbarkeit der Zustände zugeben. Er beantragte nur, die Entscheidung . „aufzuschieben". In längstens zwei Monaten werde die Entscheidung auf einer außerordentlichen Tagung der Partei getroffen werden! In Beharrung auf der Forderung und Voraussicht der Unzuverlässigkeit dieses Versprechens, erklärten die demokratischen Zionisten durch Robert Stricker, daß sie vor einer Klärung In diesem oder jenem Sinne die Landesorganidu in der Gaststätte, wo du früher Kaffee trankst und einen Imbiß nahmst, einen silbernen Löffel gestohlen hast. Wärest du ein Jude, ein armer Mensch, so hätte Reb Levy Jizchok, der stete Gutestuer für Juden, an dir eine Entschuldigung gefunden für den Diebstahl aus Not. Wußte er aber doch, daß du ein Jude, ein Reicher bist und fremdes Hab und Gut nicht stehlen mußt. So geriet er in Zorn über dich und fragte dich, was die Engel Michael und Gabriel dazu sagen werden, ob sie ihm da noch für die Juden behilflich sein werden. Er war so zornig über dich, daß er dir zwei wuchtige Ohr* feigen gab, und da hatte er recht." Als der junge Mann diese Worte hörte, begann er sehr zu weinen. Gestand sogleich, diesen törichten Dieb« stahl begangen zu haben, und bat flehentlich Rabbi Reb Boruchl, ihm diese schwere Sünde zu erlassen. Aber Rabbi Reb Boruchl antwortete, daß er ihm nicht helfen könne und daß er zum Berditschewer gehen möge, der ihm helfen werde. Denn er sei stets gut und den Juden behilflich und werde auch für ihn eine Buße finden. Von da ab verlangte der Mesebischer nicht mehr, daß man ihm vom Berditschewer Geschichten oder gar Sünden' erzähle. " Das ist, wie wir schon gesagt haben, der Sinn da« von, daß wir einfache Menschlein, wenn wir an einem großen Zaddik eine Ungerechtigkeit sehen, genug Ver« stand haben müssen, zu begreifen, daß es so tiefe und ver* borgene Dinge und Absichten gibt, die wir nicht fassen können. (Aus den» Jüdischen.)