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Die neue Welt · 1930-11-07 · Heft 164 (7.11.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 164 (7.11.1930)
Date
1930-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 161 DIE NEUE WELt Seite 3 wiesen. Auf vielen europäischen und überseeischen Märkten wird die englische Industrie von viel jüngeren Industrien zurückgedrängt. Die Ursachen dafür liegen in der inneren Struktur der englischen Industrie, die die veralteten Betriebseinrichtungen hat, im Mangel moderner Rationalisierung, andererseits in der Belastung durch hohe Löhne, Steuern und soziale Abgaben. Deswegen würde ein Boykott englischer Waren weniger künst* lieh sein als irgend ein anderer. Er würde nur die Be« schleunigung des Prozesses der Zurückdrängung eng* lischer Waren, der sowieso dauernd vor sich geht, sein. Andererseits weiß England, daß es verlorene Positionen nicht mehr zurückgewinnen kann. Deswegen ist für Eng« land jede Boykottbewegung besonders ge< fähr lieh. In sehr vielen Fällen halten sich die englischen Waren auf den Auslandsmärkten nicht infolge ihrer Billigkeit, sondern nur infolge einer gewissen T r a d i« tion und einer Trägheit. Deswegen ist in vielen Fällen ein Verzicht auf englische Waren mit keinerlei Opfern von seiten des Konsumenten verbunden. Englische Waren, insbesondere Textilien, sind manchmal der Qualität nach besser, aber im Preise fast immer sehr hoch. Es ist leichter, den Konsumenten dazu zu bewegen, wenn auch nicht so gute, so doch viel bil* ligere Ware zu kaufen als umgekehrt; ganz besonders in der heutigen Zeit der Weltwirtschaftskrise, Arbeits* 1 b s ig k ei t und allgemeiner Verarmung. Wenn das 15*Millionen*Volk der Juden schon an sich eine "große Konsumkraft bedeutet, so ist seine Be* deutung als Handelsvermittler und Handelsorganisator noch viel größer, ganz besonders groß auf dem Gebiete des Wareniwport«. Ein großer Teil des Handels Osteuropas liegt in jüdischen Händen. Der größte Teil des Textilienimports, damit auch des englischen, im nahen und fernen Osten liegt in den Händen der S e p h at d i m, die bekanntlich gute Zionisten sind. Gerade der englische Handel hat sich in sehr vielen Ländern hur durch Juden behauptet. Bei der Durchführung des Boykotts darf man mit einer zumindest wohlwollenden Haltung sowohl der Rc* gierungen als auch 'der öffentlichen Meinung der meisten Staaten rechnen, da die Boykottbewegung der heimischen Industrie zugute, kommt. Andererseits wäre es möglich,, die Konkurrentenkreise (z. B. die Textilindustriellen Deutschlands, der Tschechoslowakei, Polens und anderer Länder) für die Sache zu interessieren, sie zu einer parallel laufenden 'Werbekampagne f ür eigene Erzeugnisse zu bewegen. Man kann so auf eine weitgehende organisatorische Unterstützung der Boykott* b'ewegung rechnen. 'Wir sehen, daß Bedingungen da sind,; welche eine weitgehende Popularisierung der Parole ver«: bürgen. Noch größere Chancen bietet diese Parole hin« sichtlich des Eindruckes auf die englische öffentliche Meinung. Die wachsende Arbeits« losigkeit ist das Kardin alpToblem der englU sehen Inn e n p o 1 i t i k. Die Arbeiterregierung ist ans Ruder gekommen unter dem Schlagworte „Verminderung der Arbeitslosigkeit". Die Arbeitslosigkeit ist aber unter ihr ganz gewaltig gestiegen. Nun bietet sich eine Mög« lichkeit, zu zeigen, daß diese Regierung eine Politik betreibt, die den englischen Harn del schädigt und damit die Arbeitslosig*' keit vergrößert. Man könnte damit gewissen Kreisen der konservativen Partei, die zum Teile dem Zionismus w o h l w o 11 e n d gesinnt sind, ein gewichtiges Argument gegen die Politik der Arbeiterregierung liefern. Während für . den Purchschnittsengländer Palästina und Zionismus sehr weitliegende und wenig interessante Be» griffe sind, bedeuten die Fragen der A rbeitslosigkeit und des englischen Handels für ihn Lebensfragen. Gelingt es, ihm die üblen Folgen der palästinensischen Regierungspolitik klarzulegen, dann wird er gegen die ungeschickte Politik der, Regierung, die wegen einer solchen Kleinigkeit (vom Standpunkte eines Durch« Schnittsengländers) wie die Palästinafrage englische Inter« essen preisgibt, protestieren. Man muß sich nur erinnern, was für großen Eindruck die Tatsache hervorgerufen hat, daß einige Textilfabriken in Lancashire wegen des i n d i« sehen Boykotts schließen mußtenl Würde es möglich sein, zu zeigen, daß z. B. der englische Import nach Polen und Rumänien auch nur um 10 Prozent infolge des jüdi« sehen Boykotts abgenommen hat, könnte ein ähnlicher Effekt erreicht werden. Es bietet sich eine Möglichkeit, die Palästinafrage in den Mittelpunkt der inne» ren Tagespolitik Englands zu stellen. Sollen wir sie vorbeigehen lassen? Um die Organisation des Boykotts durchzuführen, müßten überall Komitees geschaffen werden, welche sich fINur diese Schwedenklinse macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke die Unterstützung der interessierten Konkurrentenkreise sichern und die jüdische Oeffentlichkeit aufklären. Die erste Rolle in der Propaganda fällt der zioni* stischen und allgemeinjüdischen Presse zu. Bei der Durchführung könnten die zionistischen Jugend« »♦ t »UAfiSfUftG« anrufender bequemste , u Waschtag! JTWt TEL' 324-5-20 S€ftl£ D verbände von größtem Nutzen sein. Es ist eine Be« wegung, die alle vereinigen kann, denen die Sache eines jüdischen Palästinas teuer ist. Es ist ein vorzügliches Mittel, die nationalen Kräfte des jüdischen Volkes in dieser schweren Zeit zu sammeln. In seinem Berichte hat sich Sir John Hope Simpson, um wohl England vor zukünftiger Konkurrenz im nahen Osten zu schützen, mit größter Entschiedenheit, aber vollkommen unbegründet, gegen die. Schaffung einer Textilindustrie in Palästina gc« wandt. Sir John Hope Simpson kann sich verrechnen. England wird durch seinen Verrat an dem jüdischen Volke wichtigere Handelspositionen verlieren... Der Wiener Zionismus protestiert! Massenversammlung der zionistischen Opposition* Auftakt zu den kommenden Ereignissen und dem Kongreß» Wien, Anfang November. Sogleich als die Kenntnis vom Inhalt des englischen Schanddokuments nach Wien gedrungen war, bemächtigte sich aller Wiener Zionisten ungeheure Entrüstung. Ob» wohl die wirklichen Zionisten Wiens aus der Linie der Entwicklung, einer schon seit Jahren geübten, zu Nieder« lagen naturnotwendigen Politik, auf einen weiteren empfindlichen Mißerfolg gefaßt waren, so hatte man dennoch ein so brutales und zynisches Liquidations« dokument nicht erwartet., ftxwftt ettgtifctie (Stoffe ALBERT HARDT gegfr.1'39'7 ~s*s^ V 'IN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-«/ Die Union der Zionisten «Revisionisten und der Verband demokratischer Zionisten fühlten sich spontan veranlaßt, Schritte zu unternehmen, um die zu einer Eruption drängenden Leidenschaften der Zionisten Wiens und ihrer Jugend in eine geordnete Bahn ernster Besinnung zu leiten und zu einer einheitlichen Manifestation zu konzentrieren. Einen Niederschlag fand diese Stimmung in einer am 28. Oktober stattgefundenen Massenversammlung der zionistischen Opposition, die einer tausendköpfigen Menge Lehre und Weg aus der neuen Situation in zwei Referaten aufzeigte. Unter den Versammelten waren Juden aus allen Schichten Wiens zu sehen, alte Männer und Frauen, zahlreiche Vertreter der verschiedenen zioni« stischen Gruppierungen, die zionistische S tu d e n t en« schaft, die straff organisierte zionistische Ju ge n d. Nach Eröffnung der Versammlung durch Doktor G l ü c k e r, Präsidenten der Union der Zionisten*Revi» sionisten Oesterreichs, ergriff Dr. David Bukspan zu einer umfassenden Darstellung der Vorgänge, wie sie die Zionisten*Revisionisten sehen, das Wort. Der Referent zeichnete zunächst ein Bild der Ent* Wicklung vom Shalo*Bericht bis auf den Simpson* Bericht und das neue englische Weißbuch. Die zwei größten Enttäuschungen der jüngsten zionistischen Ge« schichte sind an die Namen Herbert Samuel und Ramsay MacDonald geknüpft. Beide sind von uns bei ihrem Amtsantritt begeistert begrüßt worden, beide „Der Sdtaiz." Wilnaer Truppe. Im Spielplan der Wilnaer Truppe taucht zum erstenmal als Autor der Name David Pinski auf. Ein ini allgemeinen auf der modernen jüdischen Bühne Europas in den letzten Jahren wenig gespielter Dramatiker. Die Linie der modernen jüdischen Dramatik und Bühne beginnt mit jenen Schriftstellern, deren positive Einstellung zum jüdischen Volksleben auch auf der Bühne den Willen zur Umformierung dieses Lebens mit sich brachte. In Vers und Prosa, in Lyrik und Erzählung fand die Gärung der Jahre 1900 bis 1905, die Revolutionsatmosphäre dieser Zeit, ihren literarischen Niederschlag. Allenthalben tut sich in der jiddischen Literatur dieser Periode ein soziales Rebellentum kund. Die jung aufstrebende neue Generation, die Namen zeigt wie Weißenherg, Nomberg, den jungen A. Reisen, den populären Morris Rosenfeld, den jungen Schalom Asch, war von dem Atem ihrer Zeit erfüllt, zum größten Teil von der früheren Periode des J. L. P e r e z, der gerade um diese Zeit bereits ein neues Stoffgebiet sich erschlossen hatte. Auch der junge David Pinski stand mit beiden Füßen auf dem Boden dieser sich ankündenden sozialen Gärungen. Sein starkes Bühnenstück „Eisik Scheiter hat dieser Situation gültigen Ausdruck gegeben. Die Komödie „Der Schatz." (Der ojzer) gehört einer Spateren Schaffensperiode des Dichters an. Wohl ist das Volkstümliche noch gewahrt, es werden lebenswahre .Typen vorgeführt, aber sie haben schon die Neigung INA Symbol in sich, wobei besonders der letzte, der vierte Akt aus dem Realen herausführt und ins Mystische mündet. Dieser letzte Akt mußte bei den Wilnaern, die dem komödienhaften Zug des Ganzen folgten, unerbittlich fallen. Dadurch gewann das Stück an Schlagkraft, Gedrängtheit und an Handlungstempo. Die Fabel, die durch das Motiv der dörfischen Habgier durchdringt, schälte sich klarer heraus, zum Teil durch die Regie Adam Domb's, der seinem schauspielerischen Temperament gemäß jede Stilisierung vermied, allerdings " zum Schluß nicht mehr genug Schwung aufbrachte. Den Totengräber spielte Jakob Schigor in in einfacher, derber Manier, ohne Mätzchen und ohne Ueberspitzung. Die biedere Frau Braine fand in Frieda Vitalin eine gute Interpretin. Paula Walter konnte sich in der Rolle der alle an Schlauheit und Lebeusmut überragenden Tochter Tille ausgezeichnet ausleben. Nicht als letzter: Adam Dombs Jdibt Judke, eine vortrefflich gezeichnete.Figur in, den grotesken und tragischen Momenten. Pinskis .Komödie gefiel dem von den Wilnaern mit guten Leistungen bedachten Publikum. o. ,r. Schalom AschV 50, Geburtstag. In diesen Tagen vollendet der große jiddische Erzähler und Dramatiker Schalom Asch sein 50. Lebens« jähr. In Kutno (Polen) geboren, hat er schon sehr früh die Aufmerksamkeit der jüdischen literarischen Kreise, so auch des Dichters J. L. Perez, mit seinen kleinen Erzählungen auf sich gelenkt. Aber erst seine Meisier* novelle „A Städter, die in alle Kültursprachen über* setzt wurde, begründete seinen dichterischen Ruhm,'-des durch eine große Reihe Meisterromane und Novellen». Sammlungen, sowie durch seine Dramen „Der Gott der Rache" (1907 von Reinhardt in Berlin aufgeführt), „Sabbatai Zwi", „Familie Großgiück", „Mottke der Dieb", „Messias* Zeiten" immer höher anwuchs. Seine zuletzt erschienene Roman/frilogie „Warschau", Peters* bürg", „Moskau" hat bei der europäischen und amerikanischen Kritik hohe Anerkennung gefunden. _ Schalom Asch lebte eine Zeitlang in Amerika, seit 1923 lebt er abwechselnd in Warschau und Paris. Die große deutsche Presse und die Presse in den anderen Ländern würdigt die Bedeutung Aschs in längeren Aufsätzen und Aufsatzreihen. Hervorragende Schriftsteller drücken ihre Verehrung für Asch in offenen Briefen an den Dichter aus. Großer Erfolg der Habimah in Stockholm. Das hebräische Theater Habimah, dessen Gastspiele in Dänemark und Norwegen einen künstlerischen Siegeszug bedeuteten, gastiert gegenwärtig in Stock* ho Im. Die Anwesenheit der Habimah in Schwedens Hauptstadt hat sich zu einem großen Ereignis für die Judenheit dieser Stadt und die schwedischen Theater* kreise gestaltet. Bei seiner Ankunft am Bahnhof wurde das HabimaruEnsemble durch eine Ehrendelegation und einen Gesangschor begrüßt. Die erste Vorstellung, die auch vom König besucht war, gestaltete sich zu einem großen gesellschaftlichen und künstlerischen Er* eignis. Man spielte „Ha Dybuk"; der König wohnte der Vorstellung vom Anfang bis zum Ende bei. Nach der Vorstellung war die Habimah Gast des Oberrabbiners Dr. Markus Ehrenpreis, der bekanntlich der Kritiker der modernen hebräischen Literatur ist. Die Zionisten Schwe* dens gaben zu Ehren der Habimah ein Bankett im Hause des Stockholmer dramatischen Klubs. Die schwedische Presse würdigt in zahlreichen Artikeln die Leistung der Habimah und, stellt fest, daß die Wirkung auf das schwe« dische Publikum ungeheuer stark war und das Theater* leben hier befruchtet hat.

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