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Die neue Welt · 1930-11-07 · Heft 164 (7.11.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 164 (7.11.1930)
Date
1930-11-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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r fefte 9 DIE tf£UE WELT Nr.m teupwon ■ ELZHAI IS JL JL# 1*# JLj MM AI GEBRÜDER B Pj J &. AININ WIEN 1, ' ■ ■ il BAUERNMARKT ■ : •: .1** feil» in kurzen,, teils schon in langen Mosen, un<jj nicht einmal die Parole vom Kampif gegen Pfaffen (und klerikale Reaktion ist auf ihrem Mist gewachsen. Für die Wahlwocheft ruhen sie warm im gut gepolsterten Schoß der Sozialdemokratie, die eehr ' freigebig ist in Wohlzeiten, freigebig an materiellen und ideellen Versprechungen. Schwarz-rot-gold! Die Väter demokratisch-mittelparteilich, die Söhne als moderne Kinder sozialdemokratisch, gefüttert von der Kultusgemeinde und vom sozialdemokratischen Wahlfonds! Nebbich! Diese „israelitische" Kundgebung für die Sozialdemokraten und gegen die katholischen „Pfaffen" reiht sich würdig an den Sturm der „israelitischen" Wiener Zeitungsschreiber gegen den Hirtenbrief derkatholischen Bischöfe an die katholischen Wähler, an den von Israeliten geführten Kampf gegen die katholisch« Ebegesetzgebung. lauter Sachen, welche die Israeliten viel angehen! Dabei sagen diese Menschen, daß sie das alles tan, um die jüdischen Interessen zu schützen. Die Juden müssen sozialdemokratisch wählen und (sozialdemokratisch schreien, also gegen die katholische Kirche, schreien, sich tun alles kümmern, was die Juden eigentlich nichts angeht. DafUr werden nachher die Sozialdemokraten alle Juden schützen, vom Schamane« bis zum Bankdirektor. Schön! Wer's glaubt, ist selig. »■ Endlich ein Erfolg! An den Budapester Hochschulen geht es wieder hoch her. Alljährlich, wenn der Herbst kommt, melden sich als dessen erste Boten die jungen Rassenschützler, indem sie ihre jüdischen Komilitionen in der Aula blutigschlagen und aus den wissenschaftlichen Instituten hinauswerfen. Dies im Namen des Numerus clausus,: den sie immer, als ob er nicht schon längst bestünde, verlangen. Nachrichten über derlei Ueberfälle können uns nicht überraschen. So oft an der Aula geprügelt .wird,' sind die ungarisch-jüdischen Assimilanten, diey . Uebermagyaren, konsterniert. Es tut ihrem magyarisch-patriotischen Herzen weh, wenn die Juden » des Auslandes darüber sprechen und in der internationalen Presse, die ungarischen Machthaber Barbaren genannt werden. Sie ßind Magyaren und wollen sich selbst Ordnung machen im eigenen Hause — indem sie vor „dem Numerus clausus-Minister Klebeisberg katzenbuckeln und zufrieden sind, wenn der im Ausland von ihrem patriotischen Herzen Wunder erzählt. Ihr Patriotismus hat ihnen allerdings bisher nicht viel genützt: ihre Söhne wurden geprügelt beim Eingang und Ausgang der Hochschulen und müssen ins Ausland studieren gehen wie eh und je. Anschließend an die jüngsten Krawalle berichten die ungarischen Blätter von etwas sehr Pikantem. Während nämlich die jüdischen Studenten im biologischen Institut Prügel bekamen, konnten sie trotz Ansammlung antisemitischer Kollegen die Hörsäle der technischen Hochschule ungehindert verlassen. Ein großer Erfolg. Eine radikale Wendung der rassenschützlerischen Mentalität. Die jüdischen Studenten dürfen zwar in die Hochschulen nicht hin e i n, aber ungehindert hinaus. ♦ Der lachende Dritte — weint! Als die verhetzten Araber Palästinas über die Juden herfielen nnd in Hebron und Safed Greise und Kinder abschlachteten, als sich dann die britischen Behörden an die Seite der Hetzer stellten, als sich alles gegen die Juden Palästinas wandte, standen die Vertreter der katholischen Kirche nicht gerade betrübt abseits. Als lachender Dritterl Die katholischen Zeitungen bedauerten wohl mit frommem Augenaufschlag das vergossene Blut, meinten aber, daß das „provozierende*4 Auftreten der Juden im Heiligen Lande zur Katastrophe führen mußte. ... Die sonst so klugen geistlichen Herren dachten nicht daran, daß die gegen die Juden aufgehetzten Mohammedaner bei den Juden nicht Halt machen werden. Jetzt aber wird ihnen in Palästina schwül zumute, Die Klagen wegen der Augriffe auf Katholiken und katholische Institutionen häufen sich. Die Wiener katholische . „Reichspost" fordert jammernd Hilfe für ihre Glaubens- , genossen, und das Hauptorgan des katholischen Zentrums „Germania" weist auf die Notwendigkeit hin, anläßlich der Proteste der Z i o n i s t e n aller Länder gegen die im englischen Palästina-Weißbuch angekündigten Maßnähmen auch die Stellung der palästinensischen Christen gegenüber den Mohammedanern und der englischen Mandatsregierung zn untersuchen, und bringt Ausführungen eines Kenners der Palästina-Verhältnisse, in denen darüber geklagt wird. daß die palästinensische Verwaltung mit einer gettdezv übermenschlichen Nachsicht dem Treiben jener Drahtzieher zusieht, die unter der Flagge des arabischen Nationalismus, in Wirklichkeit aber im Dienste einiger machtnnngriger Persönlichkeiten; auf die religiösen Und fremdenfeindlichen Instinkte der Massen spekulieren. Von Jerusalem her ist unter der Leitung eines aus Nablus gebürtigen Abenteurers Zueytan eine Bewegung zur Bildung einer sogenannten arabischen Legion im Gange, die unter der bäuerlichen Bevölkerung Sturmtrupps nach dem Vorbild der von den nationalistischen Extremisten Europas ins Leben gerufenen Knmpfverbände organisiert Ihre Losung ist der tfcampfruf dös Propheten in der militantesten Zeit des Islam: „Diu Mohammed bisseyf". (Die Religion Mohammeds ruht auf der Spitze des Schwertes.) Bisher hat die englische Polizei kein anderes Mittel gegen diese unverhüllte Aufreizung zürn Glaubenskrieg gefunden, als Zueytan seine Väterstadt zum Zwafigsaufenthalt anzuweisen. Es heißt, daß verschiedene maßgebende englische Persönlichkeiten mit. dem Glücksritter im Dunkeln politische Geschäfte gemacht haben lind ihn darum schonen. ,^v_. Wenn nicht sehr bald von britisdier Seite aktiver gehandelt wird, muß das schwelende Feuer' durch den nächstbesten Windstoß entfacht werden, obwohl mari: es jetzt noch unschädlich machen kann. . Die christliche Jfinderheit Palästinas ist anch durch'' dj[e Absichten "Englands, ein Parlament zu schaffen, beunruhigt. 1 ' Katholiken'Vi<ß Protestanten befürchten, daß die mohammedanische Mehrheit sich des neuen Machtmittel s bedienen wird, um ihre Position auf dem. Um- Was Feuers Wüt ihm auch geraubt, Ein süßer Trost ist ihm geblieben: Die Wut »hat Hriber-abgebaut, ' Das Feuer in sein* Sdmaps getrieben. wege über die Demokratie in den Augen Europas zu rechtfertigen. In der Stellung der p a 1 ä s t i n e n s ischen Christen jhat sich nach dem Zusammenbruch der Türkei eine sichtbare Wendung ,zu ihren. Ungunsten vollzogen, siewsind nicht mehr die Schützlinge europäischer Staaten, die Einfluß im Orient hatten. Der Versuch, Ausdiluß an die national-arabische Bewegung zu suchen, ist miß g 1 ü p k t; die Politik des G r o ßm u f t i beschleunigte die Scheidung der Geister. Als nach den Haifaer Krawallen eine Abordnung der christlichen Gemeinschaften bei der Palästina-Regierung' wegcjijj der Gewährung 3er staatsrechtlichen Sonderslellün'g'TÜr die Christen als englische Schutzbefohlene vorstellig wurden, wurde ihnen eine bindende Erklärung nicht gegeben. . > .i Die Zeiten sind vorbei;"in denen ein Gladstone durch den;Entrüstnagsschrei über die Armeniergreüe't ganz England; aufhorchen machte.! England ,.ist schqiv lange nicht mehr\. der, .Heerrufer.:. für die •r christlidte .Sache, denn seine Interessen im Orient; werden namentlich in Indien durch die Beziehungen zu den Mohammedanern! bestimmt: ....*.'»:'''' Im August 1920 '''und iiV den Monaten nachher sprachen die frommen 'Blätter eine -nudere Sprache, eine lustigere. ...!.'--.■ *•. Die liavug entschuldigt sich. In Loudou gab es vorige Woche eiue Tagung der jüdischen Hilfsorganisationen „Orth" und „Ose", an der "auch Pfof; Albert;E i n s t e i nr teilnahm. Es' gab auch ein Bankett für den berühmten Gelehrten, und die Londoner Radiogesellschaft hatte die natürliche Idee, das ungewöhnliche Ereignis des Bankettabeuds, eine Zwiesprache zwischen Bernhard Shaw, dein berühmtesten Dichter Englands, und Albert Einstein, dem hervorragendsten Gelehrten Europas, durch den Aether zu senden. Die Deutschen und Oesterreicher übernahmen die Sendung. Shaw sprach witzig über Einstein und seine Wissenschuft, •i:/ y ,';., '.*■). ., -;:;_'_■ Wetterharte Menschen fürchten keinen Regen, keinen Sturm, keine Anstrengung, denn sie verwenden ständig zur Pflege und zur Stählung ihres Körpers den vielfach bewährten DIANA FRANZBRANNTWEIN mit Menthol Kräftigt durch tägliche E'nreibungen (Massagen) Muskeln und Sehnen, erhöht Elastizität und Ausdauer, erfüllt mit verjüngender Frische. 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Die Wiener „Reichspost", die wieder zu ihrem Antisemitismus zurückgefunden hat, berichtet, daß der brave österreichische Radiobund, über dieses jüdische Intermezzo entsetzt, dem Programmleiter der Ravag die Leviten gelesen hat Die Ravag ist, tobt der intelligente Radiobund, von ihrer Ueberparteilichkeit abgewichen, indem sie eine zionistische Rede vermittelt hat. Die Ravag motiviert ihr Vorgehen damit, daß sie nicht gewußt habe, es handle sich in. London um eine zionistische Versammlung! Sie entschuldigt sich, sie bedauert, sie bereut — es wird nicht mehr vorkommen. Was wird nicht mehr vorkommen? Daß das Wort „jüdisches Volk" im österreichischen Radio gehört wird? Daß Männer wie Einstein europäische Kulturprobleme streifen? Daß eine politikfreie Bemerkung über das Judentum gemacht wird? Die Ravag hat zu ihren Abonnenten einige Zehntausende Juden. (Wir wissen nicht, wieviele Isländer, Ukrainer, Samoaner, Portugiesen, Finnen usw. sie zu Abonnenten hat, denen sie Heimatkunst liefert.) Die jüdisdien Abonnenten haben auch schon ihr Teil bekommen: zwar noch nicht aus der neueren jiddischen und hebräischen Literatur, aus ihrer neuzeitlichen Musik, aus dem reichen Schatz ihrer Kultur, aus dem neuen Leben in Palästina; wohl aber, z; B. am Silvesterabend 1928 aus der Wiener Staatsoper, „Lozelach'4 und „Koschere Witze'' aus dein Munde des Kammersängers Leo Slezajc. Auf die Sendung ,von, „Lozelach" bildet sich-'die Ravag viel ein. Für eine rtede Einsteins1 ents'chüf&igf/'sie sich. Vielleicht wird sie unsere jüdischen Abonnenten nächstens mit einer Pögrömrede aus dem Hitler-Lager beliefern. Die „Reichspost" wird nicht 'protestieren, die Ravag wird sich nicht" entschuldigen müssen.; Boykott €ngIi§dherWaf en Von Leotud B, Brutzkus (Berlin). Wir bringen die Ausführungen eines führenden Zionisten, welche von großer Bedeutung sind. Wir sind der Ansicht, daß dem englischen Volke erst Gelegenheit gegeben werden muß, von seiner wortbrüchigen , Regierung abzurücken, bevor . ein Kampf gegen England geführt wird. Aber dieser Artikel und viele Aeußerungen, die uns zu* gegangen sind, sind Sturmzeichen, * auf die zu achten England gewichtigen Grund hat. .'. ...... Die letzte 'Erklärung der englischen Arbeiters regierung hat die Illusionen in bezug auf den angeb* Hohen Prozionismus V:Englands ' zerstörtf Sie hat pffen gezeigt, daß England sich seiner dem jüdischen Volke gegenüber übernommenen Verpflichtungen entledigen will. Da für die nächste Zukunft nicht damit zu rechnen ist, daß England Palästina räumen wird, kann gegen* wärtig reale zionistische Politik nur darin' bestehen, auf England mit allen zur Verfügung stehenden . Mitteln einen Druck auszuüben, der es nötigt, die übernommenen Verpflichtungen auch tatsächlich einzuhalten. Dieser Druck kann nicht mehr nach der alten Methode der gütlichen Einwirkung erfolgen. Man darf nicht mehr Vor der Einsetzung solcher Mittel zurück* schrecken, die ganz offen gegen England und seine Interessen gerichtet sind. Ein solches Mittel wäre, den Einfluß der Regte* rungen Polens, Rumäniens und anderer osteuropäischer Staaten für den Zionismus' einzusetzen. Diese Regie* rungen sind an dem Bestände des Zionismus aus inneren Ursachen in hohem Maße interessiert. Denn jeder Schlag gegen den Zionismus führt zwangsläufig zu einer Radikalisierung und Bolschewisie* r u n g der Massen jüdischer Jugend, was für diese Staaten außerordentlich gefährlich werden muß. Man müßte diese Zusammenhänge starker betonen, um die Regierungen zu einer aktiven Unterstützung der zionisti* sehen Bestrebungen zu veranlassen. Ein viel mächtigerer Druck könnte aber, durch die Losung: „Boykott englischer Ware n'* ausge* übt werden. Nicht überall und nicht immer ist der Boykott ein wirksames Kampfmittel. Im gegebenen Falle aber sind es ganz besondere Umstände, welche sehr für den Erfolg und die Möglichkeit eines starken Eindruckes auf die englische öffentliche Meinung sprechen. Englands Wirtschaft ist mehr als die eines anderen europäischen Staates auf den Warenexport ange*

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