Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 163 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 OIC NEUE WELT Nr. 163 C&sck m j <26._ S 36.— S 45.— PH, Kaiserstrane 123 IX, fllsertirnBe 6 Harry Snell, der bekanntlich Mitglied der Shaw»Kom« mission war und ein Minoritätsvotum zu dem Berichte dieser Kommission verfaßt hat, wurde abgesagt. An Stelle des geplanten Empfanges wurde spontan ein Protests meeting gegen England abgehalten, zu dem Harry Snell nicht eingeladen wurde. Massenhaft erscheinen Juden in den Hauptbüros der zionistischen Körperschaften, um ihrer Enttäuschung und Empörung über das Statement der britischen Regie* xung Ausdruck zu geben. Tausende warten vor den Büros der jüdischen Zeitungen auf die Ausgabe der Eintritts« karten zu den angekündigten Protestmeetings. Der Amerikanischjüdische Kongreß hat eine Resolution angenommen und dem Staatsamt für Auswärtige Angelegenheiten übermittelt, in welcher die Regierung der Vereinigten Staaten auf* gefordert wird, gegen das negative Verhalten der britischen Regierung gegenüber den Juden und dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina Stellung zu nehmen. Die Vereinigten Staaten als eine der Mächte, welche an der Durchführung des Mandats interessiert sind, werden aufgefordert, an* gesichts der neuen, Lage diplomatische Schritte zu unternehmen. In einer Reihe weiterer Resolu* tionen wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß der Be* rieht Simpsons und die Erklärung der britischen Regierung in Widerspruch stehen mit dem zwischen der englischen Regierung und den Juden sowie zwischen der englischen Regierung, und dem Völkerbund getroffenen Verein* barungen. * Erregung in Deutschland. Auch in Deutschland ist die Erregung groß. Sie kommt in einmütig gefaßten Beschlüssen der Zionisti* sehen Vereinigung für Deutschland zum Ausdruck. In einer Pressekonferenz hat Nahum Goldmann: vor Ver* tretern der deutschen und auswärtigen Presse eingehend die Situation dargelegt. Die deutschen Vertreter der .Tewish Agency haben scharfe Protesterklärungen abge* geben, wie Oscar Wassermann, Dr. Bernhard Kahn u. a.. In Polen, wo die Zionisten gegenwärtig einen schweren Wahlkampf zu bestehen haben, hat das jüdische Volk durch den Mund seiner berufenen Vertreter, die Exekutivorgane der zionistischen Organisationen, seinen unbeugsamen Willen zum Aufbau Palästinas kundgegeben. Spontane Demonstrationen der jüdischen Jugend gegen die engli* sehen Vertretungen in Warschau waren nicht zu ver» meiden. Besonders scharf kommt die Erbitterung in der polnisch^ üdischen Presse zum Ausdruck, worin die Labour*Regierung eine Regierung des Betrugs und Verrats genannnt wird. Der palästinensische Jischuw. Jerusalem, 22. Oktober. (J. T. A.) Die britische Regierungserklärung über die künftige Palästina*Politik hat in den Reihen der palästinensischen Judenheit tiefe Bestürzung hervorgerufen. Wie die Jüdische Telegraphen* Agentur erfährt, hat Colonel Kisch den High Commis* sioner John Chancellor aufgesucht, um dagegen zu protestieren, daß den Mitgliedern der Exekutive der Jewish Agency der vollständige Text des Statements nicht vorgelegt worden ist. Aus TelsAwiw wird gemeldet, daß die Lage dort äußerst gespannt ist. Es horrscht eine Atmosphäre von Erregung und Empörung, die zu spontanen Protestkundgebungen führt. Unmittelbar nach dem Besuche Colonel Kischs sprach der. Vorsitzende des Jüdischen Nationalrates Palästinas« Pinchas Ruthenberg, beim High Commis« sioner Sir John Chancellor vor und konferierte mit ihm längere Zeit über die durch die Regierungserklärung geschaffene Situation. Der Jüdische Nationalrat für Palästina (Waad Leumi) hat einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher er erklärt, sich an dem in der Erklärung der britischen Regierung vorgesehenen Legislative Council nicht beteiligen zu wollen und auch sonst jede p a r* lamentarische Institution abzulehnen, die darauf abzielt, der Errichtung des Jüdischen National* heims Hindernisse in den Weg zu legen. In einer zweiten Resolution, welche bei Stjihment* haltung der zwei revisionistischen Vertreter und Ussischkins angenommen wurde, erklärte der Waad Leumi, sich dem Protest Weizmanns gegen Englands Bruch seiner Versprechungen anzuschließen. Der Führer der Agudas Jisroel, Rabbi Blau, erklärte, die Agudah werde die jüdische Einheit*» trollt nicht sprengen und sich, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, an den Wahlen zum Legislative Council nicht beteiligen. Der Brith Schalom hat dem Waad Leumi formell bekanntgegeben, daß seine Mitglieder sich weder an der Wahl zum Legislative Council beteiligen noch einer Berufung In diese Körperschaft Folge leisten werden. Die Konservativen protestieren ebenfalls. Von weittragender Bedeutung ist die Stellungnahme führender Politiker der jetzt In der Opposition befind* liehen konservativen Partei. Dies um so mehr, als die Regierung MacDonald in der neuen englischen Parlaments* session auch in vielen anderen Fragen mit schweren Kämpfen zu rechnen haben wird. Die Konservativen haben es für nötig befunden, mit ihrer Meinung über den letzten Schritt MacDonalds und Passfidds in die Oeffcntlichkcit zu treten. In den „Times" wird ein Brief, gezeichnet von den konservativen Führern, dem früheren MinisteTpräsi* denten Baldwin, dem früheren Minister des Aeußern Chamberlain und dem früheren Kolonienminister L. S. A m e r y, veröffentlicht, der mit folgender Erklärung schließt: „Wir sind uns aufs tiefste der zweifachen Ver* pflichtung sowohl den Juden wie den Arabern gegenüber bewußt, die im Mandat verkörpert ist und die die Grund» läge der Politik gebildet hat, welche seither von der eng* lischcn Regierung verfolgt wurde. Was wir bedauern, ist, daß die Regierung diese Politik aufgegeben zu haben scheint. Indem die Regierung Dr. Weizmanns Vorschlag, eine jüdisch*arabischc Verständigungskonferenz einzuberufen, unbeachtet ließ, entmutigte sie die Bemühun* gen der jüdischen Führer, die darauf ausgingen, die ein« vernehmliche Stimmung zu fördern, welche die Regierung selbst als die notwendige Bedingung zur Lösung der Pa* lästina« Probleme betrachtet. QJhnc weder den Arabern noch den Juden zur Darlegung ihrer Meinungen -Gelegen* heit gegeben und ohne dem Parlament gcstattet zu haben, seine Stimme zu erheben, hat die Regierung eine Politik festgelegt, die von so endgültig nega* tivem Charakter ist, daß sie uns im Wider* spruch zu stehen scheint nicht nur zu der Förderung des Völkerbundsrätes, dahingehend, daß es den Inten* tionen des Mandats widersprechen würde, wenn das Jüdische Nationalheim im gegenwärtigen Stadium der 5 Entwicklung durch eine Festlegung auf das jetzige Aus* maß endgültig abgeschlossen werden würde, sondern auch z vtia g a n 2 e n Geist der Balfour«Deklaration und der Erklärungen, die in den letzten 12 Jahren von den aufeinanderfolgenden Regie* rungen abgegeben wurden. Es ist mir zu deutlich, daß das Weißbuch auf die Öffentliche Meinung der Judenheit in Amerika und in anderen Ländern die Wirkung haben wird, das Gefühl von Mißtrauen in den guten Glauben Englands zu erzeugen, der das wertvollste' Besitztum unserer auswärtigen Reichspolitik bildet." „Perfides Albion'4. Dieser wichtigen Erklärung hat sich auch Lord Churchill angeschlossen. Weitaus schärfer nimmt der Führer der liberalen Partei, Lloyd Georges, zum Verrat ■, der Labour* . Regierung Stellung, und zwar mit folgender Erklärung: „Die ohne vorherige Befragung der Vereinigten Staaten von Amerika^ Frankreich, Belgiens, Italiens und unserer eigenen Dominions abgegebene Erklärung der eng* lischen Regierung über ihre künftige Palästina^Politik be* deutet den Widerruf eines großen Teiles jenes feierlichen Versprechens, ein jüdisches Nationalheim in Palästina errichten zu helfen, das in einem feierlichen Augenblick gegeben wurde. Diöser Widerruf wird zur Folge haben, daß auf der ganzen Welt von einem „perfiden Albion" gesprochen werden wird. Ich will ernstlich hoffen, daß die Regie* rung ihre Stellungnahme einer Revision unterziehen wird, da ich kaum glauben kann, daß bei der Abfassung der letzten Regierungserklärung allen Umständen voll Rech* nung getragen worden ist. Ich setzte mich restlos für eine gleichartige Behandlung, der beiden Palästina bewohnenden Volksstämme ein, bin aber der Meinung, daß die von;den Alliierten in bezug auf Palästina ein* .geschlagene Politik keine Unger echtig* keit gegen die Araber bedeutet." Smuts kräftige Erklärung. In eine heikle Situation brachte General Smuts, der frühere südafrikanische Ministerpräsident, das Mit*;glied jenes britischen Kriegskabinetts, das die Balf our* Deklaration erließ, den englischen Regierungschef durch folgendes Telegramm: „Als einer derjenigen, die für die BalfoufDeklara* tion verantwortlich sind, bin ich tief beunruhigt über die von der gegenwärtigen englischen Regierung einge* schlagen« neue Palästina*Politik, welche einen Rückzug von jener wiederholt durch Regierungserklärungen be* kräftigten PalästiiuwPolitik bedeutet, die der jüdischen Welt in dezidierter Form tatkräftige Unterstützung Eng* lands beim Aufbau des Jüdischen Nationalheims ver* sprochen hat. Ich fordere von der englischen Regierung nachdrücklichst die Abgabe einer Erklärung, daß sie die durch die Balfour»Dek!aratkm übernommene Verpflichtung treulich erfüllen und ihre Palästina«Politilc dieser Ver* pflichtung entsprechend umgestalten wird, Mac Donalds perfide Antwort. In Erwiderung auf ein Telegramm des südafrikani* sehen Politikers Smuts erklärt Ministerpräsident Mac* Donald unter anderm: Ihr Standpunkt beruht auf unvoll* ständigen Berichten über die Regierungserklärung, die gerechterweise nicht als ein Aufgeben der Balfour*Deklara* tion bezeichnet werden kann. Gewisse zur Schaffung einer jüdischen Heimstätte angenommene Methoden könnten die Lage der nicht jüdischen Bevölkerung gefährden, wo*, durch sie große Unruhe verursachen und uns erschweren, die uns durch das Mandat auferlegte doppelte Pflicht zu erfüllen. Diese Politik, bemerkt MacDonald abschließen J, bedeutet keine Einstellung der Kolonisation auf zahlreichen noch nicht entwickelten Gebieten, die schon im Besitz von Juden sind. Diese Politik bekräftigt nur den Grundsatz, daß die jüdische Einwanderung die Wirtschaft* liehe Aufnahmsfähigkeit des Landes nicht über* schreiten darf. Eine französische Stimme. Außer dem jüdischen Proteststurm Frankreichs, der In Massenmeetings zum Ausdruck kam, übergab Senator Justin,» G o d a r d, ehemaliger Ministerpräsident, der J. T. A. eine Erklärung, die im wesentlichen lautet: „England rächt sich für den Tadel, der ihm anläß« lieh der durch seinen Mangel an Voraussicht entstandenen blutigen Unruhen im August 1929 seitens des Völker* bundes ausgesprochen worden ist. Es verleugnet die Balfour*Deklaration, die eines der glänzendsten Kapitel seiner Geschichte darstellt. Es versucht, sich den Ver* pflichtungen zu entziehen, die sich aus dem ihm über" tragenen Mandat ergeben. Die Signatarmächte von San Remo werden diese flagrante Verletzung des Mandats» vor den Haager Gerichtshof bringen. Das Werk der Juden in Palästina hat so viel Zukunft, daß ein rein politischer Anschlag, wie der der englischen Arbeiter*- regierung, seine Grundlagen nicht erschüttern wird. Ich fasse zusammen: Nicht der Zionismus, sondern das Man« dät Englands ist in Frage gestellt. Die große französische Presse stellt einmütig Eng* lands Vorgehen als Verrat am jüdischen Volke hin, wie im übrigen auch die große deutsche Tagespresse, wie die „Frankfurter Zeitung" u. ä. Innerzionistische Situation. Natürlich werden diese Vorgänge innerzionistisch yön großer Bedeutung werden. Diese Tatsache .kommt , zunv, Ausdruck in der allgemeinen Forderung, nach der raschesten Einberufung des Zionistenköngresses. Wie es scheint, wird das Aktionskomitee am 4/ November in London zusammentreten. Aus Meldungen, die wir erhalten, soll noch einmal das Unglaubliche ver* sucht werden: den Kongreß für einen spätere n Z 6'i't« punkt als für den bereits in Aussicht genommenen Februar 1931 einzuberufen, um, wie man sagt, die Winterkampagne des Keren Hajessod nicht zu stören. Darauf scheint auch die Entschließung der Zionisten*Revisionisten hinzuweisen, wenn sie bedeutet: Betreffs unserer internen Angelegenheiten dürfen wir uns nicht von sentimentalen Gefühlen dazu verleiten lassen, die geschlagene zionistische Führ er» schaft zu stützen, die die gegenwärtige Lage durch Kurzsichtigkeit und Unfähigkeit verschuldet hat. Doktor Weizmanns Resignation ist nicht lediglich durch die letzten Ereignisse hervorgerufen worden, sie war die Folge von politischen Niederlagen, wie sie der Zionismus nicht länger ertragen konnte. Es besteht die Gefahr, daß unter der Vorspiegelung einer jüdischen Einheitsfront Versuche gemacht werden könnten, die Um* stände der Resignation von Dr. Weizmann auszunützen als Mittel für die abermalige Sammlung der zionisti* sehen Massen um ihn. Es ist jetzt nicht die Zeit für Sentimentalitäten. Es kann keine Rede davon sein, daß wir hinter Weizmann als dem Führer in unserem Kampfe stehen. ■ ' - Die Zionisten müssen aus der gegenwärtigen Krise . die folgenden Konsequenzen ziehen: 1. Das Aktions* komitee muß sofort einberufen werden. 2. Die Zi oni* stische Exekutive muß beseitigt werden. 3, Ein Notstandskomitee muß bestimmt werden für die Führung der zionistischen Geschäfte, bis eine neue Exeku* tive gewählt sein wird. 4* Ein ordentlicher Kon* atMMMHBMMMMMMnMHMMHMMaMMB doflr. 1AGO Ocor. W60 Allgemeine Versicherungsgesellschaft „PHÖNIX" (ZQsamnsdiluB von „PMix" Jener i „Providentia") Begr. 1880 1881 1898 Clrekfion und General Repräsentant Wien, IX.. Otto Waenerpl. 5/Alserpl. 3 Telephon: B»43«&«80 Serie Uehernahme sämtlicher Schadenversicherungen zu den kulantesten Bedingungen und Prämien