Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 163 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' Nr. 165 DIE NEUE WELT Seite 5 „Unter den Problemen, die erwogen werden müssen, finden sich die der Irrigation, der Koordination, der verschiedenen Funktionen der Rcgicrungs«Departe« ments usw." Ganz famo; ist auch die von uns bereits berichtete Einstellung der englischen Arbeiter regicrung gegen die jüdische Arbeiterschaft. Der Arbeiterführer MacDonald sieht in der jüdischen Arbeiter» schaft Palästinas geradezu eine geheime Mafia, die ihre eigenen Gerichte hat und den jüdischen Arbeitgeber zwingt, nur Juden zu beschäftigen, wobei sie in einem bescheidenen Satz die „neue soziale Ordnung" der jüdischen Arbeiter« schaft, die Gemeinschaftssiedlungen, offensichtlich als abschreckendes Beispiel hinstellt. Was Simpson will. Wir haben' den Simpson im wesentlichen bereits wiedergegeben. Nun erfährt man noch aus den Ergänzun* gen, wo der Pferdefuß steckt. Die bösen Balfour*Deklara« tionssZionisten, also der völk er rechtlich ancr« kannte Zionismus hat das schlechte Verhältnis zu den Arabern geschaffen. Es wäre so schön geblieben, wenn man ohne Zionismus gewirtschaftet hätte. Hier steht der denkwürdige Satzi' „Hätte die PICA die Politik der Freundschaft mit den Arabern fortsetzen dürfen, so wäre es uns zweifelhaft in der Nähe der Kolonien nicht zu der beklagenswerten Verbitterung gekommen, die nun vorhanden ist." Der Natfsonalfonds intuß weg! So meint Herr Simpson. Er geht ausführlich auf die im Nationalfonds und Kcrcn Hajessod vor* geschriebenen Verpflichtungen ein, die Böden an Juden zu geben. Sehr dezidiert sucht der Bericht festzustellen, daß diese Praxis mit der Araber?Resolution des XII. Zio* nistenkongresses unvereinbar ist. Durch die Landkäufc des Nationalfonds werde der Boden exterritorial. Der Araber sieht diese Terrains für ewige Zeiten aus seinem Bereich entschwinden. Nicht nur, daß er sie nicht zurückkaufen kann, er kann auch nie dort Arbeit finden. Der Boden wird „tote H a n d". Dieser „Boykott arabi* scher Arbeit", unvereinbar mit Art. 6 des Mandats, stellt eine Gefahr für das Land dar. Zur Beseitigung dieser aus Gründen der Gerechtigkeit und der öffentlichen Sicher« heit gleicherweise abzulehnenden Praxis, für die die. Histadruth verantwortlich gemacht wird, wird die Hilfe der Zionistischen Organisation angerufen. Im übrigen sagt Simpson vielerlei Günstiges von der jüdischen Arbeit in Palästina aus, was das politische stateman der Regierung nicht in Betracht zieht, so daß die Ansicht Stephen Wises, der Bericht der Simpsons sei von der englischen Regierung selbst verschärft worden, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Simpson verdammt die jüdische Arbeiterorganisation. Am härtesten verurteilt der Sendling der britischen Arbeiterregierung die Tätigkeit und Organisation der jüdischen Arbeiter. Es heißt in dem Berichte, daß kein Arbeiter nach Palästina darf und dort Beschäftigung findet, wenn er nicht „persona grata bei der Histadruth" ist. Als Beweis wird aus einem Memorandum der Histadruth' an die Shaw-Kommission ein Passus zitiert, in dem festgestellt wird, daß sie einen entscheidenden Einfluß auf. die " zionistische Jugend in der Diaspora ausübt, die sie mit dem zionistischen Ideal und dem der Selbstarbeit erfüllen will, und daß die Chaluzorganisaa tionen, die das hauptsächliche Menschenmaterial für das zionistische PalästinaAVerk bilden, organisch verbunden sind mit, der Histradruth, die ihr E r z i e h u n g s w e r k kontrolliert, Ein einwandernder Chaluz werde auto» matisch Mitglied der Histradruth, sobald er in Palästina ankommt. Als weiterer Beweis wird eine Klage der Agudath Israel wegen Nichtberücksichtigung ihrer Arbeiter angeführt. Weiter wird gesagt: „Der Einfluß der Allgemeinen Arbeiterorganisation ist w e i t r e i c h e n d und ihre Aktionen sind von viel« faltiger Art. Sie ist ein wichtiger Faktor innerhalb der zionistischen Weltbewegung, und auf dem letzten Zionistenkongreß repräsentierte mehr als ein Viertel der delegierten zionistische Kreise Palästinas und des Aus« landes, die mit der Allgemeinen Arbeiterorganisation identisch sind. Der Einfluß, den die Allgemeine Arbeiter* Organisation in der Lage ist, auf Immigranten auszuüben, zeigt sich in der Tatsache, daß ihre Mitglieder im Falle einer Streitigkeit mit einem anderen Mitglied nicht das Recht haben, sich an die Gerichte des Landes zu w*ende n. Die Arbeiterorganisation hat ihre eigenen Gerichte erster und zweiter Instanz und ihr Arbeiter»Obergericht, an welches Appelle gegen Urteile niedriger Instanzen gelangen. Die Allgemeine Arbeiterorganisation hat eine Politik zur Anwendung ge* bracht, die unter anderem in Palästina eine „neue soziale Ordnung" einführen will, aufgebaut auf Gemeinschafts* Siedlungen (communal Settlements) und auf dem Grund* satz der Selbstarbeit (d. h. jeder Mann soll für sich selbst arbeiten und die Beschäftigung von Lohnarbeitern ver* meiden)." „Im Hinblick auf ihre Mandatsverpflichtungen muß die Palästina»Regierung als Vertreter der Mandatarmacht die ausschlaggebende Instanz für alle Fragen der Immigra* tion bilden, wobei insbesondere auf ihre enge Verknüpf ung mit dem Problem der Arbeitslosigkeit und der Boden* Politik zu achten ist." Reflexe nach innen und außen. Die Wirkung der englischen Schanddokumente auf die jüdische Welt ist ungeheuer. Nicht minder auch auf die nichtjüdische Welt. Die zu registriedende äußere Wirkung kommt zunächst im Rücktritt Weizmanns in seiner doppelten Funktion als Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency for Palestine zum Ausdruck, welters in einer Reihe von Erklärungen, die er in der Oeflfcntj iichkeit abgegeben hat. Weizmanns an Passfield gerichteten Rücktrittsbrief haben wir in seinen wesentlichen Teilen bereits veröffentlicht, ebenso wie seine vor der Presse abgegebenen Erklärungen, worin die in den Be* richten enthaltenen Angriffe auf die bis jetzt geleistete zionistische Arbeit in Palästina zurückgewiesen werden und die Inkonsequenz der Regierung in bezug auf ihre PalästinasPolitik dokumentarisch nachgewiesen wird. Weizmann richtet auch an das jüdische Volk ein Manifest, in welchem er, der zwölf Jahre lang Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency war, dem jüdU sehen Volk der ganzen Welt den Rücktritt von diesen Posten mitteilt und das jüdische Volk auffordert, weiter standhaft und ungebrochen zur Arbeit zu stehen. Felix Warburgs Protest. Auch der Präsident des Administrative Committee der Jewish Agency, Felix W a r b u r g, hat spontan seinem Protest durch Rücktritt von seinem Posten und durch nachstehende Erklärung Ausdruck gegeben: „Durch das Palästina*Mandat wurde England zum Treuhänder eingesetzt für die Errichtung des Jüdischen Nationalheims, die von England selbst, wie aus der anrufender bequemste L fdnfre enghfetje Ötoffe ALBERT HARDT ^egfr. H91 ~s*£^ WIEN I. FREI SINGERG ASSE I Telephon U 2o-3-4/ während des Krieges erlassenen Balfour=Deklaration her* vorgeht, angestrebt wurde. Lord Passfields Erklärung bedeutet einen grausamen und unfairen Verrat an der England übertragenen Aufgabe. Wir Amerikaner haben England bei der Erfüllung dieser Aufgabe stets nach Kräften unterstützt. Das Palästina*Mandat sieht eine Jewish Agency als öffentliche Körperschaft für Be* ratung und Mitarbeit mit der PalästinasRegierung in jenen wirtschaftlichen, sozialen und sonstigen Fragen vor, die auf die Errichtung des Jüdischen Nationalheims Bezug haben. Die Mandatskommission des Völkerbundes hat die' Mandatarmacht ausdrücklich davor gewarnt, „die Ent* Wicklung des jüdischen Nationalheims in ihrem jetzigen Stadium erstarren zu lassen". Das Palastina*Mandat hat an die Zionistische Organisation die Forderung gestellt, sich die Mitarbeit aller jener Juden, die zum Aufbau des Jüdischen Nationalheims beitragen wollen, zu sichern. Infolge der Suspendierung bereits erteilter Ein* wanderungsbcwilligungen erhielt unser Vertrauen zur Res gierung neuerlich einen Stoß. Laut Mandatsbestimmung und wie die englische Regierung auch im Wege ihrer amerikanischen Vertretung bestätigt hat, ist die Jewish Agency die verantwortliche und bevollmäch* t i g t e Repräsentanz des Judentums bei Unterhandlungen mit der Mandatarmacht. Dessenungeachtet wurde sie stets geflissentlich übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Inhalt der Regierungserklärung steht in krassem Widerspruch zu den Versicherungen, die Lord Passfield mir am 22. August in einer zweistündigen'Unterredung gegeben hat. Er ermächtigte mich damals in seinem Namen vor dem Administrative Committee der Jewish Agency, das einige Tage später in Berlin tagte, gewisse Erklärungen abzu* geben. Zu meinem Bedauern sehe ich mich auf Grund der von L o r d , P a s s f i e 1 d j e t z t ver* offen tlichten Dokumente genötigt, zu sagen, daß ich i r r e g e f ü h r t wurde und u n* schuldig erweise selbst zum Werkzeug der Irreführung meiner Kollegen in der Jewish Agencygewordenbin. Gerade diejenigen von uns, welche hinsichtlich des Aufbaus Palästinas einen gemäßigten Standpunkt eingenommen haben, empfinden heute bitterste Ent* täuschung. Ich habe alle Welt aufgefordert, Vertrauen zur englischen Regierung zu haben. Ich habe mitgeholfen, TEL' •B 2^-5-20 S£ftl£ , die Jewish Agency zu schaffen. Ich habe in der Erwartung, daß andere meinem Beispiel folgen werden, über eine Million Dollar in Palästina investiert. Wir haben unser Bestes getan. „Ich habe den Erklärungen, die Lord Passfield im Namen der englischen Regie* r u n g mir gegenüber gemacht hat, vertraut — das jüdische Volk ist dadurch irre* geführt worden. Ich schlage die Einsetzung eines interimistischen Komitees zur Fort* führung der Geschäfte der Jewish Agency v o r." „Undankbarkeit und Verräterei." Wie schon berichtet, hat auch Lord M e 1 c h c 11 in einem Brief an Dr. Weizmann, der von der englischen Presse vollinhaltlich wiedergegeben wird, seinen Rücktritt vom politischen Komitee der Agency vollzogen. Nach einer Darstellung der zionistischen Bemühungen zwecks Zusammenarbeit mit der Regierung und der Ignorierung aller positiven Vorschläge seitens dieser Regierung stellt Lord Melchett fest: „Die groteske Travestie des Zweckes des Mandats, die in der Regierungsveröffentlichung ge* geben wird, kann nur charakterisiert werden als eine Beleidigung der Intelligenz der Judenheit und als ein wohlüberlegter Affront der Mandatskommission. Jede Zeile des Regierungsdokuments atmet einen Geist von Einschränkung und Feindseligkeit. Und während aus Mr. Winston Churchills Weißbuch ironisch zitiert wird, daß es wesentlich ist, daß die jüdische Gemeinschaft wissen solle, daß sie sich in Palästina aus Recht und nicht aus Duldung befindet" —- ist es unmöglich zu entdecken, welches Recht dör Judenheit innerhalb oder außerhalb Palästinas in der Zukunft zugestanden wird oder wie sie das Gefühl er* halten soll, daß sie überhaupt irgendwelche Rechte hat. Man kann nur erstaunt sein, daß die Regierung die Stirn hat, die Zustimmung der Mandatskommission an* zuführen, besonders nach der schrecklichen Zensur, die sie über ihre Führung der Geschäfte in Palästina er* halten hat... Es ist ein — sicherlich nicht von der Nation gebilligter — Akt von U n d a n k b a r k e i t und Verräterei einer R e g i e r ung fast ohnegleichen gegen ein vertrauendes und gequältes Volk, das glaubte, einen Hafen unter der ausgebreiteten briti* sehen Flagge und dem Ehrenwort britischer Staats« männer gefunden zu haben." Die Stimme des jüdischen Amerika. Der Eindruck in Amerika ist, wie vorauszusehen, niederschmetternd. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Inhalts der Regierungserklärung über Palästina versam* melten sich am 21. Oktober die zionistischen und nichtzionistischen Führer der Jewish Agency zu einer Beratung, die einen vollen Tag in Anspruch nahm. Ungeachtet seines schwer leidenden Zustandes nahm Rabbi Stephen Wise an der Konferenz teil. Er gab der Vermutung Ausdruck, daß der Simpson* Bericht vom Kolonialamt bearbeitet und ungünstig verändert worden sei. Die britische Regierungserklärung bezeichnete Dr. Wise als zynisch und finster. Ein ehrlicher, offener Bruch, sagte er, wäre schlimm genug gev wesen, aber dieser Bruch hat nicht einmal den Vorzug der Aufrichtigkeit. Die englische Rcgierungs* erklärung sei Blut auf Englands W a p p ensch i 1 d. In heftigen Worten verurteilten auch James M a r s h a 11, ein Sohn des verstorbenen Louis Marshall, Robert Szold und andere führende jüdische Persönlich* keiten die britische Regierungserklärung. Ein Sturm der Entrüstung geht durch Amerika. Ueberall hört man Aeußcrungen, wie „England hat das jüdische Volk ver* raten". Ein Empfang für den englischen Arbeiterdeputierten VORNEHME FAMILIENPENSION f vormais Dr. GRÜNBERG AN SEMMERING HOCHSTRASSE Nr. 43 (BEI HOTEL PANHANS) Penston von S 12.— aufw. 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