Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 162 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ftö ortäfeurwEtt Seite f 'S | VORNEHME FAMJLlfcNPfiMslöN 1 1 vormals Dr. GRÜNÖERG 1 AM SEMMERING | § HOCHSTRASSI Nr. 43 IBM MOTU, PANHAHS) j 1 Pension von S 12.— aufw. Kaffeehaus und Tan«* ff I Gelegenheit im Hause / Besitzer: tCKSTIIN ' Tel p 1 Semniering Nr. 11 / PlltftftHtffta Wiriii« U. Kall* | wamr In Jadam 2lmm*r I Die Schatten von Polna. Ritualmordprozeß im Reiche Masaryks. Urber dreißig Jahre sind vergangen, seit der schmähliche Ritunlmordprozeß gegen Hilsner geführt wurde und das Judentum der ganzen Welt in die bedrohlichste Lage versetzt hat. Dreißig Jahre, die angeblich ungeheure Kulturforfcschritte gebracht haben, und heute gibt es wieder einen solchen Ritunlmordprozeß in der Republik, deren Schöpfet und Präsident Masaryk ist, der edle Mann, der vor dreiflig Jahren seinem eigenen Volk entgegentrat und gegen die wahnsinnige BlutHlge kämpfte. Der Ritualmordgcdahke efr weist sich stärker als Kulturfortschritt, als der Glaube an den geliebten Retter des Vaterlandes... * lieber die Anklage wegen t ersuchten Ri* tualmordes gegen den Uzhoroder Hausierer Moritz Steinberger erfahren wir: Vor etwa zwei Wochen erhielt Steinberger eine Vorladung, vor dem Bezirksgericht in V e 1 k a B erezna am 2. Oktober (Jörn Kipp.ür) zu eracheinen. Als er um Verlegung ansuchte, wurde ihm mitgeteilt, daß er strafrechtlich verfolgt werde. Die Grundlage dieser Verfolgung bilde eine Anzeige der ungarischen Lehrerin Arankn Szökc aus Nova Simcra die noch vor sechs Monaten die Anzeige erstattet hat, daß ihr unbekannte Juden zwei Kindern aus ihrer Schule Blut abgezapft und in einer Flasche aufgefangen haben und dafür den Kindern 50 Heller gaben. Nach längeren Nachforschungen stellte die Gendarmerie fest, daß in der kritischen Zeit Moritz Steinberger irt Nova Simera geweilt hat. Die Staatsanwaltschaft erhob nun die Anklage gegen Steinberger auf Grund des § 301 (leichte Körperbeschädigung). Der Vertreter der Jüdischen Telegraplien-Agerttur, der sich nach Simera begab, konnte dort feststellen, daß der Leiter der Schule, an der die Lehrerin Szöke beschäftigt ist, Pazuchanic, die gujize Angelegenheit für Erfindung hält. Beide Kinder, denen angeblich Blut abgezapft worden sei, nämlich dos achtjährige Mädchen Bogdan und der elfjährige „V.nsil K o s t a, gestanden in Gegenwart des J. T. A.-Vertreters ein, daß sie sich die ganze Sache ausgedacht hätten, nachdem sie gehört hatten, daß die Juden Christenk in dem Blut abzapfen. Die Mutter des Vaeil Kosta erklärte, ihr Sohn sei ein Wildfang, der ihr oft mit dem Messer gedroht habe. Die Kinder gaben auch zu, udaß sie von der Szöke instruiert, worden .wareri, was sie den Gendarmen sagen sollten. Audi von halbamtlicher Seite wird zugegeben, daß der untersuchende Beamte in Perecin von Anfang an von den Voraussetzungen der R i t u a 1 m o r d b e h a u p t u n g ausging. Die Staatsanwaltschaft ging diesen phantastischen Behauptungen nicht aus d e in W e g e, die Voruntersuchung verzichtete auf das Attest des zuständigen staatlichen Arztes in Perecin und begnügte sich, mit dem Zeugnis des Kreisarztes aus Poroskov. Die halbamtlichen Zeitungen stellen fest, daß nach den Aussagen des. Schuldirektors die Verletzungen an,den Händen der Kinder zur Zeit, als das Ritualmordgerttcht aufkam, schon, sehr alt gewesen seien und bei dem Knaben davon herrührten, daß er sich an einer zerschlagenen Fensterscheibe Schnittwunden beigebracht hatte. Alle diese Umstände zogen die Untereudiungsorgane nicht in Betrucht. Der Behandlung dos Falles vor dem Bezirksgericht in Velko Berezna, die am 20. Oktober stattfindet, sieht s§a für airilge Aberide der Woche 2ii ver< Für Nachmittages.uhüen steht auch ein Beraturigszimmer zur Verfügung. Auskünfte irri Verbandsheim, H, Untere Äu^artenstraße 38, im Hof, Tel. A-45 6-34 die jüdische Oeffentlichkeit Karpathorußlands mit gespannter Erwartung entgegen. Nachträglich erfährt man, daß auch gegen einen gewissen Markus Lifbermann auf Grund der Aussagen der beiden Kinder eine Untc rsuchuug eingeleitet wurde. Die neunjährige. Helene Bogdßu behauptet jetzt wiederum, Steinberger itnd Liebermarth hätten sie irt die Hand geschnitten, währenddes sie die Augen hat schließen müssen. Das Mädchen hat auf der inneren Handfläche eine vier Zentimeter lange Schnittwunde. Dagegen gestand der Knabe Vasil Kosta gestern neuerlich, daß die Wunde an seiner Hand von einer Verletzung durch Glas her* rührt. Die Photographie dieler Wunde war seinerzeit der Anzeige der Gendarmerie als Corpus delicti beigefügt. «. < Der OH Nova SimeraY in detf si«fi die Begelttnheiten abspielten, IWrgt im.Kreis Pereftih. Unter 47 00 Ruthenen wohnen dort etwa 80 Juden. * Das BlutmÜrchen vor Grerichi. Velka Berezna, 20. Oktober. Der Prozeß gegen den Hausierer Moritz Steinberger aus Ungyar, der beschuldigt wurde, am Vorabend der jüdischen Osterfeiertage zwei christlichen Schulmädchen in der Gemeinde Üjzeme Blut abgezapft zu habcu, wurde heute vor dem hiesigen Bezirksgericht verhandelt. Da jedoch das ärztliche Zeugnis mangelhaft war und keinen Hinweis auf die Art der Verletzung und die Dauer der Heilung enthielt und dem Gericht auch sonst nähere Anhaltspunkte ü b e r d i e angebliche Tat. fehlten, wurde der Prozcö auf unbestimmte Zeit vertagt. Die Anklage stützte sich, wie wir bereits mitteilten, auf die Aussage zweier Schulmädchen, die zuerst angegeben hatten, der Hausierer hätte ihnen am Arm und Finger Einschnitte gemacht und in ein Fläschchcn Blut gefüllt. Diese Aussagen, die sie zuerst der Lehrerin gegenüber gemacht hatten, widerriefen sie dann vor der Behörde und erklärten, sie hätten sich beim Spiel mit Glasscherben verletzt. Trotzdem wurde die Anklage, zwar nicht wegen Rituaimordversuches, aber, wegen leichter Körperverletzung erhoben, wobei sich die Lehrerin und die filtern der beiden Kinder als Privatbeteiligte anschlössen. Neuerliche antisemilische Ausschreitungen in Paris. Paris, 19. Oktober. Zum zweitenmal im Ver» lauf von wenigen Wochen wurde von Gruppen französi* scher ,Royalisten,, sogenannten „C a m e 1 o t s du Roi" der Vorsuch gemocht, antisemitische Unruhen im jüdischen Viertel von Paris hervorzurufen. Als am 11. Oktober eine Gruppe, jüdischer Kriegsteilnehmer vör der am Rathaus angebrachten Gedenktafel für Kriegs? gefallene einen Kranz niederlegen wollte, würde sie Von einer Rotte Camelots mit Stöcken Uberfallen. Die Royalisten versuchten auch, die Fahne der Verein.;» g u ng ehemaliger j ü d i scher Frontsoldaten zu; zerreißen. Die jüdischen Soldaten setzten sich zur Wehr, wobei zahlreiche Passanten für die Juden und gegen dip Royalisten Stellung nahmen. Die Rowdies erhjeltsh eine ausgiebige Tracht Prügel und. wurden schließlich von der Polizei verhaftet. Auf die Bitte der Vereini» gung:.ehemaliger jüdischer Soldaten würden sie aber bald darauf wieder freigelassen. Di« ersten antisemitischen Anträge der Hitler Partei. Berlin, 20. Oktober. Die nationalsozialistische Fraktion im neuen Reichstag hat eine Reihe Gesetzesvorschläge eingebracht, u. a. auch den folgenden Antrag: „Der Reichstag wolle beschließen: Das gesamte Vermögen der Bank* und Börsenfürsten, der seit 1. August 1914 zugezogenen O s t j u d e n und sonstigen Fremdstämmigen» ihrer Familien und Familien* angehö>lgen, ferner der seit diesem Tage durch Krieg, Revolution, Inflations* und Deflatiohsgewinne erworbene Vörmögehszuwachs. wird zuhi Wöhle der Allgemeinheit des deutschen Volkes entschädigungslos dnt* eignet. Alle Großbanken einschließlich der sogenannten Reichsbank sind ungesäumt in staatlichen Besitz zu über* führen." Andere nationalsozialistische Anträge betreffen die Festsetzung eines Höchstzinssatzes von 5 Prozent, wovon mindestens 1 Prozent auf die Tilgung der Schuld zu rechnen ist. (nach spätestens 50 Jahren gilt jedes Dar* leben, als getilgt), sowie ein Verbot aller Termingeschäfte an der Börse. Statistik der Kirchenaustritte in Berlin. Berlin, 17. Oktober. Auf Grund der bei den Berliner Amtsgerichten abgegebenen Erklärungen vollzogen im Laufe des Jahros 1929 in der Reichshaupta^df 57.640 Personen ihren A#trM 7jt$j;iuW 'Kirffb!3£j'$!|foo entfallen auf die evangelische Kirche 30.491 Pli^onen (28.997 Männer. 2LIÖ3 Ffatfeu), *U| Jdle rUmmch^k^tboli^ sch Kirch*- 6SW * (303* M&mm$m*$Mti*n-H-- m\ln\'w jüdische Gemeinde 579 (378 Männer, 201 Frauen), au! die sonstigen Religionsgemeinschaften eine Person. Antisemitismus in der Sowjetarmee. Warschau, 20. Oktober. Wte ider „Kurjer Warszawski" aus Moskau meldet, hat das Kommando der s q w j e t r us s i s c h c u Ar ni e e in der Sowjetukraine eine Konferenz der politischen Kommissäre illii'i!!!i;i:i:i:!i:;iiim.i;i!^ ü I ZUM 7fe PREIS wird noch ein Rest von zirka 1 1000 Stück jüdischer and hebräischer Sehattptatien sowte ran* 3000 Stück E anderer moderner Schlager- und Tonplatten, die in den neuen Katalogen nicht mehr enthalten »Ina, abgegeben Nur solang* der Vortat reicht t Wer früher hemmt kauft bessert MUSmtiAUS EXCELSIOR WIEN, ADLERGASSE 5, Tei.R-23-4 90 der einzelnen Truppenabteilungen einberufen, um Uber geeignete Ab wehr maßnahmen zur Bekämpfung des unter den Soldaten immer mehr um sich greifenden Antisemitismus zu beraten. Aus den Berichten der einzelnen Kommissäre geht hervor, daß der Antisemitismus in der Sowjetarmee in letzter Zeit in beunruhigender Weise zugenommen hat. So seien in Pnwlograd jüdische Rekruten aus den Kasernen, hinausgeworfen und schwer mißhandelt worden. In einem Kiewer Regiment habe sich eine besondere antisemitische Organisation . gebildet, die förmliche. Pogrome unter den jüdischen Solduten veranstalte. In verschiedenen Garnisonen werde die Bewegung von den Trnppenbefehlshabern selbst organisiert und geführt. In einer Garnison im Chersongebiet habe; der politische Kommissär eines Sowjet-Schützenregiments sämtliche j ü d i s c h e S o l d a!t e n a \\ s' d'e'm K a.s e r n e n b e r e i c h entfernen lassen, mit der Begründung, daß die Sowjetarmee Juden nicht brauchen könne. Fehlschlagen der antireligiösen Kampagne in der Sowjetunion. Moskau, 20. Oktober. Die in Minsk erscheinende Zeitung „Oktiäbr" stellt in einem Rückblick über die>; antireligiöse Kampagne anläßlich der jüdischen Feiertage fest, daß die Propaganda vollständig versagt» habe. Die Synagogen seien überfüllt gewesen und der größte Teil der Juden habe die Feiertage in traditioneller Weise begangeri. Die Zeitung bezeichne, es als einen. . taktischen Fehler, daß die antireligiösen Organisationen ihre Propaganda auf die Zeit unmittelbar vor den Feier«, tagen konzentriert hatten, wodurch vielen jüdischen DtorfV bewohnern und Kolonisten erst in Erinnerung gebracht, worden war, daß Feiertage bevorständen. Ohne diese Propaganda hätten sie möglicherweise den Zeitpunkt der Feiertage vergessen; Wirkliche Erfolge gegen die Religion verspricht sich das, Blatt nur dann, wenn die Propaganda nicht nur zweimal ,im Jahre un* mittelbar vor den Feiertagen, sondern das ganze Jahr hindurch, zv B. .durch Einführung r e 1 i g i o n s f e i.n\d* 1 i chfcr Wi s s eh s chaf i als Lehrg e g e n s t a n d in allen jüdischen Schulen, betrieben werde. Die Zahl der jüdischen Studenten an den Wiener Hochschulen. Soinraersehiester 1930. — Universität. Gesamthörerzahl Juden Juristen....... 2971 (146) 526 ( 3) . Mediziner ....... 272t- ( 55) 834 (19) Philosophen...... 4213 (497) 672 (43) _9905 (698) 2032 (65) Sommerseniester 1930. — Technik. Die eingeklammerten Ziffern bedeuten außerordentliche Hörer. Unter den 9905 ordentlichen Hörern der drei weltlichen Fakultäten der 'Wieuer Universität gab es im vergangenen Semester 2032 Juden. Gesamthörerzahl Juden 2839 309 ■■■MMiaNii^ Wochen-Kalender Oktober 1930 iwn «"äin Cheschwan 5691 , 24 Freitag 2-3 Sabbateingang 4*50 25 Samstag S-J Sabbataüsgang 5*36 rnpy w mtsen ,ro 28 Sonntag i-i M Montag l-n n Dienstag ö-i UM Mittwoch 7-1 SO Donnerstag