Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 162 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S DIE NEUE WELT Nr. 162 IMM»IMMMMMHM>MMMI»<MHMMIMMM; SchulkindtrbtttchäHigung! Spaziergang, Nachhilfe, Sprachen, m Musik, Handarbeiten, bei distinguierten Pädagogen Mäßiger Pauschalpreis * :: KAROLINE QOLOSCHMIOT :: IX, Sechschimmelg. 26,18, Tel. A-19-6-45 M<MMM..........H>M.......<......«MM»»>»<»ilMi: Schöne Worte sind billig» London, 15. Oktober. — Die soeben abgehaltene Konferenz der englischen Arbeiterpartei (Laboinv Party), welche in Llandudno tagte, beschäftigte sich auch mit der Palästina«Fragc. Der an der Tagung teilnehmende Vertreter der jüdischen Arbeiterpartei P o a 1 e Z i o n brachte eine Resolution, welche sich für die E r r i c h* tung des Jüdischen Nationalhcimes in Palästina ausspricht. Sie wurde von der Konferenz mit großer Mehrheit angenommen. Die Resolution wurde dem Plenum durch Mr. Rosetti vorgelegt und von dem früheren Bürgermeister von Stepney, Stadtrat Frankel, befürwortet! Der Unterstaatssekretär für aus» wärtige Angelegenheiten Dr. Hugh Dal ton stimmte der Resolution namens der Exekutive der Arbeiterpartei zu und sprach sich für ein Zusammengehen der jüdischen und der arabischen Arbeiter in Palästina aus. Die z w e i t e von der Poale Zion eingebrachte Resolution, die sich mit der Suspendierung der Arbeitcr<Einwan* derung nach Palästina befaßt, wurde auf Grund einer Vereinbarung zurückgezogen. Was sich da vollzieht, ist ein unwürdiges Doppel* spiel. Die Minister und Staatssekretäre der Labour,Party, Macdonald, Passfield, Sheels und Genossen, treiben anti* zionistische Politik und sind daran, das jüdische Aufbau» werk zu zerstören. Sie verbieten die jüdische Arbeiter* Einwanderung und spielen den antizionistischen arabi* schert Hetzern in Palästina die Macht in die Hände. Dafür gibt die Konferenz ihrer Partei, dem Zionismus und dem jüdischen Nationalheim schöne Worte. Aber auch nicht um ein Zollbreit mehr als schöne Worte. Die erste, allgemein gehaltene, unverbindliche Re# Solution wurde angenommen. Warum wurde die zweite „zurückgestellt", das heißt abgelehnt? Weil sie die positive. Forderung enthält, die den jüdischen Arbeitern geraubten dreitausend Einwanderungszertifikate wie* der zurückzugeben. Schöne Worte — ja. Sie kosten nichts. Taten — nein! Resultat: Die Konferenz der/britischen Arbeiterpartei ist nicht gewillt, das am Zionismus, auf den sie hundertemal geschworen hat, und an ihren jüdischen Klassengenossen begangene Unrecht, den', schmählichen Wortbruch, gutzumachen. Heute ist die Zionistenfreundlichkeit der Arbeiterpartei Rauch und Schaum. Die treuen Freunde des Zionismus in der Ar» beiterpartei, Wedgwood, Kentworthy u. a., sind zurück« gedrängt, sind verstummt. Die Feinde des Zionismus,*, Macdonald, Passfield, Sheels und* Genossen, führen das entscheidende Wort. Ein süßlich«verlogenes Wort, hinter dem sich bösartiges Mißwollen birgt. Sie preisen das jüdische Nationalheim in pastoralen Phrasen und machen seinen Aufbau unmöglich, indem sie den jüdischen Ar* beiter von Palästina fernhalten. Numerus clausus in Amerika* Bisher versteckt, nunmehr offen. — Rücksichtslose Behandlung jüdischer Studenten an der Harvard-Uni-; versität. Seit langer Zeit führen die Juden in C1 e v e 1 a n d, U. S. A., Klage darüber, dnü die dortige Western-Reserve- Universitat unter allen möglichen Ausflüchten und Vorspiegelungen jüdische S t u d e n t e n fernhält. Die Anstaltsleitung leugnete bisher jede antisemitische Absicht ab, Nunmehr hat sie aber von weiteren Ausflüchten Abstand genommen und gibt offen zu, daß jüdische Hörer unerwünscht sind, daß der Numerus clausus für Juden an der Anstalt eingeführt ist. Die Clevelander Zeitungen veröffentlichen einen Brief, welchen die Direktorin der der Universität angegliederten Vorbereitiiug-sscliule, eine Miß Hostler, an eine jüdische Mutter gerichtet hat, K^a.vei^cU|e4^^|ia|gen. woUtexJfeliUftMi dem amtlichen Papier der Universität geschrieben und lautet:...........J.'..'............" , ........„,..,.,:—... „Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müsaeu, daß, wir Ihr Kind nicht aufnehmen können. Bei der Neuorganisation der Universität hat die Direktion .in das« Statut eine« Punkt aufgenommen, w e 1 c h e r d e n % N u m e r u s c 1 a u s u s für Juden ausspricht, lu diesem Jahre ist die zugelassene Zahl jüdischer! Kinder bereits erreicht und weitere können nicht aufgenommen werden. Leider muß ich mich den, Bestimmungen des Statuts, auf dessen Erstellung ich! keinen Einfluß hatte, fügen." * .Einer der größten Spender der Universität und Mitglied dos Kuratoriums, der Jude Alfred A. Benesch, hat nach Bekanntwerden dieses Briefes vom Kuratorium verlangt, es möge der Direktion den Auftrag er-, teilen, die Bestimmung über den Numerus clausus fürf Juden aus dem Statut zu streichen. Für den Fall der j Weigerung drohte er mit seinem Austritte und Entzug* seines sehr großen Jahresbeitrages. Er hatte aber keinen! Erfolg. Seine Kollegen im Kuratorium erklärten, sie' könnten der ihnen wohl unterstellten Direktion keine' Vorschriften über die Art des inneren Lehrbetriebes machen. * Mehrere jüdische Absolventen der Harvard- Universität waren gezwungen, ihre Schlußprüfungen in modernen Sprachen am Jörn Kippur abzulegen, um nicht ein Jahr zn verHeren. Der Dekan Dr. Alfred C. Hanford hatte eine Verlegung des Termins abgelehnt. Auf eine Anfrage teilte der Universitätssokretär für öffentliche Information, R. K. Lamb, mit, daß die Prüfungstermine im vergangenen Frühjahr ausgeschrieben worden seien. Eine Aenderung des Termins im letzten Augenblick sei leider nicht mehr möglich gewesen. Der Vormarsch der Juden* Assimilation in Amerika« Die New Yorker jiddische Tageszeitung „Vorwärts" berichtet über eine von der „Jüdischen Erziehungsgesellschaft" („Jewish Education Association") aufgestellte Statistik über die jüdische Erziehung in New York Es war schwierig, die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder festzustellen, da im amerikanischen „Schmelztiegel der Völker" die Schulkinder weder nach der nationalen noch nach der religiösen Zugehörigkeit registriert werden. Die „Jüdische Erziehungsgesellschaft" kam auf einen originellen Einfall: Sie stellte die Zahl der Volksschulkinder fest, die am Joni- Kippur nicht zur Schule kamen. Dies ergab eine Zahl . von 375.000 Schulkindern. Da diese Ziffer mit der Proportion der jüdischen Bevölkerung New Yorks zur Geeamtbevölkerung genau übereinstimmt, ist anzunehmen, daß es (ziemlich genau) 375.000 jüdische Kinder in schulpflichtigem Alter, das heißt zwischen fünf und vierzehn Jahren, in New York gibt. Von dieser Zahl erhalten jüdischen Unterricht — 72.000! Das sind 19 Prozent. Dabei ist unter „jüdischer Unterricht" (oder wie die amerikanisch-jüdischen Zeitungen sagen: jüdischer „Erziehung") beileibe nicht zu verstehen, daß 19 Prozent der New Yorker jüdischen Kinder jüdische Schulen besuchen. Denn die jüdischen Volksschulen, die, abgesehen von dem in ihrem Lehrprogramm enthaltenen jüdischen Lehrstoff, auch das allgemeine Programm der „public schools" erfüllen, werden nur von 47.000 Kindern besucht, das heißt von weniger als 13 Prozent aller jüdischen Volksschüler: Die restlichen 6 Prozent, die in Amerika zu den „jüdisch erzogenen" Kindern gehören, besuchen außer der nicht jüdischen „public schoöl" eine sogenannte „Talmtfd-Thora" oder einen modernisierten „Gheder", d. h.i daß bei den vom normalen Volksschulunterricht in Anspruch genommenen jüdischen Kindern versucht wir$, Geduld und Interesse für „Jüdischkeit". zu wecken? Äehnlich oder noch schlimmer als in der „Judehgrbßstadt" New York ist es um die jüdische Erziehung in der amerikanischen Provinz bestellt. Die jiddtechc Volkssprache stirbt aus. Die Kindel der jüdischen Einwanderer betrachten die Umgangssprache ihrer Eltern als ein Ueberbleibsel aus der „Alten Welt*', das' mögliehst rasch beseitigt werden muß, wenn man nach dem „lOOprozentigen Ämerikanertum" strebt.' Ein Führer des Jüdischnationalen Arbeiterverbandes, Chajim ' G r in b e r g, schlug daher vor, Englisch zur jüdischen Volkssprache in Amerika zu „erklären" und Hebräisch und Jiddisch — zu 'Schriftsprachen, für deren Kenntnis;* und Verbreitung die amerikanisch-jüdischen Organisationen Propaganda treiben, sollen. Aber auch in einem anderen Sinne ist ein rapider Niedergang des Jiddischen in Amerika zu verzeichnen.; Die jüdischer Umgangssprache wird von innen her vojn Englischen aufgefressen. Sie wird immer mehr von englischen Wörtern durchsetzt, so daß ein europäischer Jude ■ eine jiddische Zeitung aus Amerika mit einem e n g 1 is c h e n Wörterbuch in der Hand lesen muß! So verliert auch die jiddische Umgangssprache der Erwachsenen ihren nationalen Eigenwert und wird immer mehr zu einem amerikanisch-jüdischen Jargon. Bezeichnend für. den Stand der Dinge ist auch die Tatsache, daß z. B. die größte jiddisehe Tageszeitung Amerikas, der sozialistische ,,Vorwürts", eine englische Rubrik unter dem Titel „For the yoiinger members of the family" eingeführt hat. So vollzieht sich vor unseren Augen, im Laufe eines Generationswechsel, der größte Entjudungsprozeß in der Geschichte. Eine Judenheit von über vier Millionen Seelen wird „über Nacht" entjudet! Und diese Entjudung hinsichtlich der Umgangssprache und des Kulturmilieus geht Hand in Hand mit einer bedenklichen Lockerung der Bande, die die amerikanische Umi Jito Siielli IL, Unter« Auaartaitftr. 38 Vormittagskurs 9 bis V,l Uhr / Naclr mlttagakurs %/ß bis l/A Uhr / Kurs für rhythmische Gymnastik / Nachmittags", kurs tür Schulkinder bis zu J0 Jahren / Einschreibungen täglich von 9 bis 10 Uhr vormittags <...........MOM.....MMMMMMMI...............MM Modernen hebräischen Unterricht Crittii S tlldCOt Abiturient einer palästinensischen Mittelschule. Briefe unt. „Modern hebräisch" a.d „NeueWelt". Judenheit. mit der Weltjudenheit verbinden. Denn während die Einwanderergeneration noch die persönliche Verbundenheit, und sei sie familiär-philanthropischen Ursprungs, mit den Massen der europäischen Juden spürt, wird die in Amerika geborene und dort aufgewachsene Judengeneration für ihre Blutsbrüder in der Alten Welt wohl höchstens ein Gefühl des Mitleid? im Rahmen der allgemein-amerikanischen „charitjfc aufbringen. BT L. Herzl in Hahrs Tagebuch* Hermann Bahr hat in letzter Zeit die Gewohnheit, sich seiner Bekanntschaft mit Theodor Herzl zu rühmen. Immer wieder erzählt er nicht gerade Neues, nicht gerade etwas, was besonders aufregend wäre: von einer Burschen» schaft, die es gegeben und der er und Herzl angehört haben. Im „Tagebuch", das er fast jede Woche im „Neuen Wiener Journal" ratenweise veröffentlicht, versucht er diesmal sogar, Herzls zionistische Anschauung psycho* logisch zu erklären, und zwar ziemlich abgedroschen und in oberflächlicher Manier. So weit, so gut. Aber Hermann Bahr hat bekanntlich eine eigene Weltanschauung. Viele Weltanschauungen. Man weiß nie, welche und bei welcher er gerade hält. So auch in jüdi? sehen Dingen. Er war einmal „Zionist", Befürworter des jüdischen Nationalgedankens, Feind allen Assimilantentums. Er war einmal so etwas wie „judenlibcral", kosmopolitisch mit offenem Herzen für alles Weltbürgertum, Vor wenigen Jahren setzte bei ihm Begeisterung für Hitler ein und dessen nicht gerade projüdische Weltanschaus ung, um zu guter letzt jetzt der bedrängten jüdischen Assimilation wieder beizuspringen. Er hat, wie gesagt, in der jüngsten Tagebuch«Auslassung wieder eine Welt* anschauung. Ungefähr die des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Er ist natürlich Philo* soph und stellt Antithesen auf. Er läßt im Geiste Herzl sprechen, just in jenem Augenblick, da er seinem Sarg nach Döbling folgt, sich dem „Zauber des reinen Ostens" überließ (er meint die jüdische Trauerversammlung auf dem Friedhof) so sprechen: „Erkennen Sie nun endlich, daß Juden, die sich deutschnational aufspielen, mögen sie's noch so ehrlich meinen, ebenso ihrer eigenen Rasse verdächtigt sintPwie der fremden, der sie sich etwa beigesellen und cinglicdernwollen?" Hermann Bahr ist skeptisch. Er gibt Herzl nicht recht. „Denn der Ehrgeiz vieler Juden", sagt er, „zielt doch dahin, ihr Blut keineswegs zu verleugnen,, zugleich aber sich als treue Deutsche zu bewähren." Vielen so zwiespältig gearteten Rassen sei ein solches Amalgam gelungen. Warum nicht den Juden? Bahr weiß nicht: wollen sie es oder wollen sie es nicht! Wir wissen nicht, was Bahr will und wozu er Herzl strapaziert. Wie sich doch die Begriffe verwirrt haben! Die tag« schreibende Meute hüben und drüben wirft alles drüber und drunter. Ist doch unser Bahr nur ein Stückchen Reflex der auch in den Zionismus eingedrungenen Umkehrung rund um die einfachsten und klarsten Definitionen. Juden sind Juden. Deutsche sind Deutsche. Diese Fibelwahrheit hatte man, glauben wir, schon weg und all das, was aus ihr resultiert. Aber sonderbar! Wie jetzt die judenliberale Presse diese eindeutigen Begriffe durcheinanderzuwirbeln sich bemüht! Ja, die Wahlen! Es gibt sogar „Zionisten" in Oesterreich, die in diesem Wässerchen schwimmen. Auch sie „kennen sich nicht aus". Sie „stehen fern" und haben nichts gemein. Zum Beispiel mit einer jüdi* sehen Liste zum österreichischen Nationalrat. Denn sie haben beschlossen, sie wissen nur nicht was. Sie wissen ebensowenig, was sie wollen, wie ihre neuen Bundesgenossen, die ÜberaWsraelitischcn Assimilantcn. Wie sich ihnen ihr Zionismus malt, so malt sich Herzl im Kopf Hermann Bahrs. Die staatenlosen Juden in der Tschechoslowakei. — I|| a$|t rjajire,}* yici? n$ue jüdische Staatsbürger. A' Prag, 20. Oktober. Vor einigen Tagen hielt AufiennfiöistePrDr^Berfesch im. Außenmisschuß des Senates ein Expose, in weichein er eich mit dem Problem der Staatenlosen und deren Einbürgerung in der C. S. R. befaßte. Von besonderer Seite wird hierzu mitgeteilt: Außenminister Benesch hat in seinem Expose richtig erkannt, daß in der Staatsburgerschaftslrage eine Reihe politischer Erwägungen eich Auswirken. Wenn map die Praxis des Innenministeriums der C S. R. und der ihm untergeordneten Stellen den Juden gegenüber, die um Zuerkennung der tschectioslQwakischen Staatsbürgerschaft angesucht haben, in den zwölf Jahren seit Bestehen der Republik analysiert, so muß festgestellt werden, daß diese Praxis trotz der Lex Derer und trotz aller jahrelangen Vonbereitungen für die Schaffung einer gerechten Staatsbürgerschaftsgesetzgebung die Juden außerordentlich be-