Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 162 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 162 DIE NEUE WELT Seit« 5 , Für Jabofiiiiky* Zum 50. Geburtstag am 18. Oktober. Von Richard Lichtheini. (Nach einem Porträt Wilhelm Waehtels.) Dies ist keine Jabotinsky*Literatur, keine „abschlic« ßende Würdigung der Persönlichkeit" und keine „syste* matischc Beschreibung des politischen. Systems". Es ist nur ein Gruß von unterwegs, ein kurzes Vers weilen bei Erinnerungen („Wissen Sie noch, das war da> mals..."), ein Zuwinken und Gutcn»ErfolgAVunschen. Wir begegnen uns ja wieder, so wie wir uns in den letzten 25 Jahren begegnet sind, und immer besteht zwischen uns so ein geheimes Einverständnis, sogar wenn wir verschie« dencr Meinung sind. Das wissen wir beide — „unsere Gehirne sind ähnlich konstruiert und darum denken wir unabhängig voneinander das gleiche", schrieb mir Jabo* tinsky vor einigen Jahren — warum sollte ich mich dessen nicht gelegentlich rühmen, wenn mein Denkpartner Jabos tinsky heißt? Meine erste Erinnerung an Jabotinsky geht auf den 7. Kongreß 1905 zurück, als die Zionisten zwischen Palästina und Uganda wählen mußten. Damals ge? bot die „politische Klugheit" der ewigen Realpolitiker, das Angebot Englands nicht zurückzuweisen. Die auch im deutschen Zionismus stark vertretene diplomatisics rende Richtung wünschte mindestens ein Kompromiß, die konsequenten --„T.erritorialistcn" .vollzogen den Bruch mit dem reinen Palästina*Zionismus, und dieser, geführt von Ussischkin und seinen „Zionc?Zion", setzte . sich in der Bewegung durch. In den heißen Meinungskämnfen, die-damals in der russischen Landsmannschaft tobten, spielte bereits der Name Jabotinsky eine große Rolle. Freunde und Gegner gingen hin, um den glänzendsten Redner der Fraktion zu hören. Auch einige junge deutsche Zionisten — noch keine Kongreßdelegierte, sondern aus Freiburg nach Basel herübergekommene Studenten — besuchten die russische, Ländsmannschaft. Natürlich verstanden wir kein Wort, aber damals sah . ich zum erstenmal die Wirkung der Rednergabe, Jabotinskys. Ussischkin war. der ^tarke und geachtete Führer, der die politische Partei der Zionc;Zion zusammenhielt, aber Jabotinsky war das lodernde Feuer, das die Herzen und Hirne erhitzte. Ein dunkler junger Mann mit hoher , weißer Stirn. Drei Jahre später — die Zionistische Leitung befand sich unter Wolffsohn in Köln — brach die jungtürkische Revolution aus. Wolffsohn. ein braver und ehrlicher Zionist, ein praktischer Kaufmann, voll gesunden Miß« trauens gegen alles Theorctisicren, aber gänzlich unfähig zu eigenem politischem Denken und Gestalten — ließ sich von einer Führergruppe russischer Zionisten dazu bestimmen, der zionistischen Politik eine neuartige Auf» gäbe zu setzen: Eroberung der öffentlichen Meinung in der neuen, befreiten, liberalen Türkei. Zeitungen wurden in Konstantinopel gegründet, die Jungtürken sollten für den Zionismus gewonnen werden, die Idee eines „Osmanischen Vaterlandes", das alle be> freiten Nationen (Juden, Türken, Araber, Griechen, Armeniet) umfassen sollte, wurde propagiert. Auch Jabotinsky — damals wie alle russischsjüdi* sehen Intellektuellen von der irrigen Idee beseelt, daß Revolution und Tyrannensturz mit Freiheit und Gleich« heit identisch sein müssen — ging nach Konstantinopel, hielt öffentliche Reden in französicher und italienischer Sprache, schrieb Artikel und suchte, zusammen mit Jacob* son, Tschlenov und anderen, das jungtürkische Element für den Zionismus zu gewinnen. Daß hier eine falsche politische Rechnung gemacht wurde, war schon nach wenigen Jahren klar. Nach dem Sturz des Kalifen konnte das durch Eroberungszüge und Unterwerfung völlig verschiedener Völker entstandene osmanische Reich nur durch den jungtürkischen Natio* nalismus erneuert werden, und dieser mußte, um .sich zu behaupten und durchzusetzen, notwendig zum Gegner jeder anderen nationalen Bestrebung im Inneren des Reiches werden. Diesen Kampf führten die Türken um so brutaler, als sie an Bildung und Besitz den anderen Nation nalitäten des Reiches unterlegen waren. So erklären sich die im Kriege an Arabern, Griechen und Armeniern ver* LERNET FREMDE SPRACHEN In der Berlitz School, Wien I, Graben 13 Prospekt 7 auf Wunsch übten Greuel. (Die Juden Palästinas retteten wir durch unsere Beziehungen zur deutschen und zur amerikanischen Regierung.) Die Türken haben schließlich, in einem stark verkleinerten, aber national einheitlichen Gebiet, nach dem Weltkrieg das jungtürkische Ziel erreicht. Damals aber — 1908, im Frühling der Befreiung von der Herrschaft Abdul Hamids — glaubten die Zionisten, ein Menschheitsfrühling sei in der Türkei angebrochen. Ich weiß nicht, wie lange Jabotinsky diesem Irrtum des russischen Zionismus verfallen blieb. Er verließ bald wieder KonstantinopeJ,, w,o dann der vergebliche Versuch der Gewinnung einer , nicht vorhandenen „ö f f c n t* liehen Meinung fortgesetzt wurde. Der Weltkrieg schuf auch in Konstantinopel für uns eine neue Lage. Nachdem die Türkei in den Krieg eingetreten war, mußte Dr. Jacobson Konstantinopel verlassen, und ich übernahm die politische Vertretung der Organiation. Meine Aufgabe hieß: Den Jischuw über die Kriegswirren hinweg zu retten und materiell &u stützen. Was in dieser Hinsicht geschah, ist nicht Gegen* stand dieses Artikels. Aber inmitten dieser Anstrengungen tauchte wieder der Name Jabotinsky auf, und dies« mal auf eine für mich nicht ganz angenehme Art. Er hatte inzwischen die Legionsidee gefaßt und zum Teil schon verwirklicht. An den Dardanellen kämpfte das jüdische Maultierkorps mit und es war eine etwas unbequeme Frage,. die mir dicserhalb in der deutschen Botschaft vorgelegt wurde. Ich beantwortete sie mit der Erklärung, daß dieses Korps sich aus Juden zusammensetze, die Anfang 1915 von Djemal Pascha aus Jaffa ausgewiesen und zwangs« „Esther Bejle, sie haheu mich nackt zurückgelassen." „Wer?" „Die zwei Einsammler. Sie haben mir das ganze Fünfereben herausgelockt." Esther Bejle kennt solche Geschichten. „Nun, was kannst du jetzt machen", lächelt sie bitter. „Man wird den goldenen Becher versetzen müssen. Es ist nur eine Schande vor dem Wucherer." Wenn es finster wird, geht Josche Beer wieder zum Prozentmann. Der kennt den Becher gut, prüft ihn aber wieder sehr geiuiu, gibt ein Fünferchen darauf und zieht sich gleich einen Rubel ab. Josehe Beer, mit den vier Rubeln in der Tasche, redet zu Hause auf Esther Bejle ein: „Ich bitte dich, keine reichen Mahlzeiten, mach den Pessaclr so arm wie möglich. Ich schäme mich nicht, verstehst du, im Gegenteil. Ich will, alle Welt soll wissen, daß ich ein armer Mann bin." Esther Bejle nickt mit dem Kopf, lächelt traurig," aber tvic eine Reiche. Und Josche Beer stöhnt: „Herr Gott, wie gibt man es ihnen zu wissen, daß ich nichts hab'f Wie erlebt man endlich die Zeit, daß ich .selbst Sündenbuße nehme. Kommen wird sie ja doch. Wozu das dumme' Spiel mit Chaim dem Prozentmann — bei ihm den Pelz versetzen uul wieder auslösen und den Becher versetzen und wieder auslösen." Aber Fessach, der Josche Beer in der Schul sitzt auf seine» Platzan der Ostwaral, vergißt er sich wieder. Der Kurs der Gebetehrungen g'eht hoch, man ist schon bei zwölf Gulden, und die Nachbarn sehen Josche Beer an der Ostwand an, wie um zu sagen: Na, und Ihr, Reb Josche Beer? Du winkt Josche Beer den Schammes, das bedeutet, er gibt dreizehn. Und der Schammes ruft mit hejler Melodie: „Dreizehn Gulden . . .!" Und Josche Beer reut es schon wieder. Wo wird er das Geld hernehmen? Zum Versetzen wird bald nichts mehr da sein. Und er bittet Gott, daß jemand ihn überbiete. Zum Glück findet (sich einer, der vierzehn gibt.. Das verdrießt aber Josche Beer und, ohne es zu wollen, aber mit dem Stolz eines Menschen, der eine Würde zu wahren weiß, winkt er wieder dem Schummes. Und der. ruft, Josche Beer zulächelnd, aus: „Fünfzehn Gulden . . .!" Die Nachbarn an der Ostwand weilen einander Blicke jju und flüstern: „Josche Beer geht es noch, njehti zu versündigen." Während Josche Beer es kaum über sich bringt, nicht auszurufen: „Juden, habt Erbarmen, ich bin ein armer Mensch." Auf dem Weg vom Beth Hamidrasch nach Hause denkt Josche Beer wehmütig: „Nein, ich bin verloren. Ich werde nie ein armen Mann werden. Ich werde nach Pessach die Leuchter versetzen müssen, um zu bezahlen." (Nach dem Jüdwdien.l mmtmm&mmmmmm m ^^STSX^1^ Nach Qeorg Kaiser * .« * HküiNk Waich«* Musik: Misch* Sppüanskjr Mit: oltf ^e^fiaa^iwe^Bia frika (Mtfaener Qanja NfttflijtVa Ralph Ärtur | ftobarta Carl Goal* Jultua Falkanstaln; Schweden-Kino II. «-ZtZ Gartenbau-Kino I. r-.--« : Stafa-Kino VII. b-sm.® Kolosieum KinolX.v m; Beginn überall 5, 7, 9 Uhr, Sonntags ab 3 Uhr j Toni Tobls / Glaaa.Tonfllm Im Mondlal-Varlftlh j ilMHIIMIMMIIIMIMIIIIIMMIIIHWIIMMWIMMIIiy weise nach Aegypten gebracht worden seien. (Das Faktum war der Botschaft bekannt. Der deutsche Botschafter Baron Wangenheim — der wahre Retter des Jischuw von 1915*1916 — hatte auf meine Vorstellungen diese plötis* lieh einsetzenden Verhaftungen und Vertreibungen inner* halb 24 Stunden nach ihrem Beginn durch die türkische Zentralregicrung verbieten lassen.) Ich war natürlich damals nicht erbaut von der Legionsidec, die bei dieser Gelegenheit und auch in der Folge meiner politischen Arbeit Schwierigkeiten bereitete. Aber ich verstand den Haß nicht, mit dem damals Jabotinsky von den meisten Führern des Zionismus in Rußland und England verfolgt wurde. Im Kriege muß man etwas riskieren, wenn man etwas erreichen will. Wäro ich nicht ein deutscher Jude und an die mir ge* stellte politische Aufgabe gebunden gewesen, sondern ein englischer oder russischer Jude, so hätte ich wahrschein« lieh der Legionsbildung zugestimmt. Die Idee war richtig — die Aufmerksamkeit der siegreichen Westmächtc ist durch nichts so sehr als durch die Legion auf den bis dahin uru bekannten oder verlachten Zionismus gelenkt worden. Die Legion bedeutete 50 Prozent d er Balfour*Dcklaration, wie sich später ergab. Aber das hat Jabotinsky selbst in seinem Legionsbuch über* zeugend auseinandergesetzt.;.- So fand ich in der zionistischen Politik in der Türkei immer seine Spuren und mußte mich mit ihm auseinandersetzen, ohne ihm selbst in all diesen Jahren zu begegnen. * Das geschah erst nach dem Kriege, um die Zpit, als die Leitung nach London verlegt wurde, und hier ist etwas Merkwürdiges zu berichten. Wir kannten uns eigentlich noch gar nicht, aber es bestand von unseren gelegentlichen flüchtigen Begegnungen, vom Hörensagen, von der gegenseitigen Kenntnis unserer politischen Akti* vitüt, ein gewisser seelischer Kontakt. Ich meinerseits suchte die erste Gelegenheit, mit Jabotinsky über die zionistische Lage und die zukünftige Politik der.Bewegung zu sprechen. Ich witterte in ihm den Mann , der zipnisj:i* sehen Zukunft, den einzigen aus dem zionistischen Führer* kreis, der mir das geistige Format und die Denkweise des Staatsmannes zu haben schien. So trafen .wir. uns nach den Kriegsjahren in Berlin und diese kurze Besprechung be* stütigte mein Gefühl. Ich fand in Jabotinsky die Klug* heit des weitsichtigen Politikers, zugleich aber auch den Mut und die Aufrichtigkeit des ritterlichen Kämpfers. Was folgte und uns immer enger verband, ist ge* meinsame politische Arbeit innerhalb und außerhalb derzionistischen Leitung, zuweilen durch Episoden getrennt, aber immer wieder, auch bei Meinuggsdifferenzen im ein« Zentralsparkasse IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIM der Gemeinde Wien -3 P § £ 1 ^5 3 *M S V> I c ■ £ S 5* | N I n I N Wien I, Wipplingerstraße 8 Fernruf: U-23-5-6Q Kreditverein der Anstalt: VII, Neubaugasse 1 Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamtenVermögen für alle Einlagen in der Anstalt ES •S