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Die neue Welt · 1930-10-24 · Heft 162 (24.10.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 162 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 162 DIE NEUE WEL1 Seite 5 l Für die Araber Palästinas müsse eine ähnliche Körperschaft wie die Jewish Agency geschaffen werden, damit auch die Araber angemessen zur Geltung kommen. Kein Boden! Im wirtschaftlichen Teil der vom Kolonialamt ausgegebenen Denkschrift wird festgestellt, daß gegenwärtig außer den Landreserven der jüdischen Organisationen kein Boden mehr für Siedlungen vorhanden sei. Insbesondere könne keine Rede davon sein, daß der Regierung, wie fälschlich angenommen wird, Staatsländereien zur Verfügung stünden, die sie den Juden übergeben könnte. Eine dichtere Besiedlung des Landes ist nur möglich durch eine intensive landwirtschaftliche Meliorations- und Bewässerungsmethode, damit das von den Arabern extensiv bewirtschaftete Land ertragreicher werde. Es wird allerdings, meint die englische Regierung, sehr schwierig sein, die Mittel für eine intensive Agrarpolitik bereitzustellen, solange eine so große und kostspielige Garnison zur Aufrechterhaltung der Sicherheit in Palästina unterhalten werden müsse. Keine Einwanderung! Die englische Regierung rechtfertigt ihr E i nwanderungsverbot und gibt die Erklärung ab, daß die Einwanderung weiter beschränkt bleiben werde, solange keine engere Zusammenarbeit zwischen den jüdischen Arbeiterverbänden, der Jewish Agency und der palästinensischen Regierung zustande kommt, zumal die Arbeitslosigkeit unter den Arabern sehr erheblich und im übrigen auch bereits bei den Juden in unerwünschtem Maße vorhanden sei. ,Die jüdische Einwanderung müsse durch die Arbeitsmöglichkeiten,, die den Arabern zur Verfügung stünden, bemessen werden, da ja die jüdischen Organisationen den jüdischen Ansiedlern die Beschäftigung von Arabern als Arbeitskräfte untersagt hätten, so daß die jüdische Einwanderung nicht nur Ansiedler, 'sondern auch Arbeiter umfaßt. Gegen die jüdische Arbeiterschaft. Während die Regierung die Einwanderung von (landwirtschaftlichen Ansiedlern nicht behindern will, . muß sie die Einwanderung jüdischer Arbeiter; beschränken, solange bei den Arabern die berechtigte Vermutung bestehen könnte, daß die jüdischen Einwanderer den einheimischen Arabern Arbeitsgelegenheiten wegnehmen. Die Regierung will Vorkehrungen treffen, die Arbeitslosigkeit genau festzustellen, und will den Grad der Arbeitslosigkeit zum Ausgangspunkt für alle weiteren Einwanderungsbestimungen machen. Fachmann Simpson gegen die jüdische Industrie. In der zweiten Denkschrift führt Simpson den Nachweis, daß unter den gegenwärtigen Bewirtschaftungsverhältnissen kein Land mehr für neue Ansiedlungen vorhanden sei. Es sei denkbar, daß noch weitere 20.000 Ansiedlerfamilien ansässig gemacht werden könnten, wenn die Araber zu intensiveren Bewirtschaftungsmethoden übergingen. Simpson schlägt vor, die palästinensischen Einwanderungsbehörden mögen ihre Vertreter nach allen Ländern entsenden, aus denen die Einwanderung nach Palästina am häufigsten zu erfolgen pflege, um eine geeignete Vorprüfung der Einwanderer nach Palästina durch zuführen. Die Einwanderung, die die Polizei jetzt kontrolliere, soll einem besonderen Regier ungsdepart em e n t für Einwanderung, Arbeit und Verkehr unterstellt werden. Nach Simpson hat Palästina nur als Agrargebiet eine Zukunft, und er warnt davor, es zu einem Gebiet von Industrien zu machen. Insbesondere verwirft er die Gründung einer Textilindustrie, die seiner Meinung nach in den Verhältnissen des Landes unmotiviert sei. Weizmann gibt Erklärungen ab. Die Zionistische Exekutive hat nach Erscheinen der beiden Berichte spontan eine Presse- Nur diese Sckwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke konferenz einberufen. Vorher noch hat Präsident Weizmann an den Kolonialminister Lord Passf i e 1 d einen Brief gerichtet, worin er erklärt, daß die Zionistische Exekutive mit der englischen Regierung und der Administration in Palästina stets zusammenzuwirken bereit gewesen sei zum Zweck der Lösung des Problems der jüdischen Heimstätte. Jetzt aber sieht er keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit. Er fühlt sich daher genötigt, seine Stellung als Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency for Palestine niederzulegen. Weizmann erklärt in seinem Briefe weiters, daß er sofort; den Zionistenkongreß und den Council der Jewish Agency einberufen werde, damit die beiden Körpers^cfiaf teil Gelegenheit haben, Kein Staat, kein Nationalheim! Am Schluß richtet die Regierung an Araber und Juden die Aufforderung, zusammenzuarbeiten. Die Araber müssen sich mit der( Tatsache abfinden, daß die jüdische Heinistätte bereits geschaffen sei und im Lande bleiben werde. Die jüdischen Organisationen müssen auf Bestrebungen Verzicht leisten, diese jüdische Heimstätte zum Ausgangspunkt separatistischer, auf Unabhängigkeit hinzielender Ideale zu machen. J fänftt en$ttftt)e Stoffe ALBERT HARDT ^z&r gegfr. 1191 ~s*s^ WIEN I. FREI SINGERGASSE 1 Telephon U 20 Z 4I »WAßSBUfiG* anrufet der bequemste 1 quemsre ■ Iflaschtag! TEL* K 2t~5~20 S«I£ 0 einen neuen Präsidenten zu wählen und eine neue Politik zu inaugurieren, die der neuen, von der englischen Regierung geschaffenen Situation entspreche. Den Pressevertretern gegenüber verlas Weizmann im Namen der Zionistischen Exekutive eine Erklärung, in der die Feststellung gemacht wird, daß die neue englische Politik im Widerspruch stehe zu den von Churchill im Jahre 1922 festgelegten Richtlinien ebenso wie zu den Bestimmungen des Mandats und den Erklärungen der permanenten Mandatskommission. Was England jetzt im Sinne hat, ist, erklärte Präsident Weizmann ferner, nur der Schutz der Interessen der zurzeit in Palästina wohnhaften Araber und Juden. Das bedeute, daß das jüdische Nationalheim auf die in Palästina gerade wohnenden Juden zusammenschrumpfe. Eine solche Politik und die vorgesehene Beschränkung der Einwanderung wird es dem jüdischen Kapital unmöglich machen, künftighin in Palästina Geld anzulegen, da ja das jüdische Kapital in erster Linie zur Erleichterung einer jüdischen Einwanderung bestimmt sei. Dr. Weizmann wendet sich dann der Kritik der englischen Regierung an der Jewish Agency zu, deren Folgerungen er zurückweist, und konstatiert, daß es ein völlig neuer Grundsatz sei, wenn behauptet wird, jede arabische Familie habe darauf Anspruch, auf dem Lande angesiedelt zu werden. Einige Anfragen bezüglich der künftigen Politik beantwortete Weizmann dahin, daß ■ > . ■■ ■ . .•»»• . zum Zeichen des Protests der Weltjudenheit die Zionistische Exekutive von England weg! nach Amerika verlegt werden würde. Dr. Weizmann erklärte schließlich, die Zioni- : sten hätten wiederholt und vergeblich der englii sehen Regierung das Angebot einer gemein-; samen Konferenz mit den Arabern zur; Lösung des Palästinaproblems gemacht.' Die Juden haben den Arabern wirtschaftlich erheblichen Nutzen gebracht. Ueber 40 Millionen Pfund sind von den Juden in Palästina4 investiert worden. Nicht die j ü d i s c h e A r b e i t, sondern die W e 11 w i r t s c h a f t s k r i s e ist die Ursache der Arbeitslosigkeit der Araber, die die eng- : lische Regierung so stark betont. Der reiche Arme* Von Abraham Reisen. Einen einzigen Wunsch trug Josche Beer die letzten Jahre hindurch tief im Herzen: ein armer Mann zu werden, so arm wie alle armen Juden, die es im Städtchen gibt. Herr der Welt, klagte er bei sich, wie lange wird es noch gehen, eich und alle Welt zum Narren zu halten . , . Diese Lüge kann einen noch bersten machen! Und was hilft mir das Zum-Narren- Halten, sprach er weiter zu sich selber; weiß man denn nicht, daß Josche Beer ein gefallener, gebrochener Mensch ist, der kaum noch leben kann? Und Josche Beer hat nicht nur einmal schon den Entschluß gefaßt, den noblen Ruf einstiger guter Zeiten von sich zu werfen. Er wird nach Art verarmter Leute seine Lebensführung einrichten. Erst dann wird ihm das Leben leicht werden. Wozu Versteckenspielen, wenn Armut nicht ein Dingt ist, das sich nicht verstecken läßt? Ihm scheint es, daß sie unter dem Hut hervorguckt, den er am Wochentag und auch am Sabbat tragen muß, aus dem schwarzen, immer feiertagsmäßigen Ueberwurf. Und selbst wenn er im Winter den Pelz anlegt mit dem ungemein wirkungsvollen Pelzkragen, glaubt er, daß man dies untrügliche Zeichen vergangener besserer Zeiten als nicht passend für ihn ansehe, als ein Kleidungsstück, das er irgendwo geborgt hat und heute oder morgen wird zurückgeben müssen . < 4 Seine Armut muß er wie eine Diebsbeute verstecken, er muß oft lachein, aber dies Lächeln ist nicht wie einst, es fehlt ihm der Reiz jener guten Zeiten, es ist ein Lächeln, nach dem das Gesicht sich allsogleich bewölkt und die Augen einen Schimmer von Verzweiflung bekommen. Und seufzt er, wie es der Brauch eines vornehmen Juden ist, so ist aucli dies Seufzen nicht mehr das von einst. Es fehlt ihm die Bedächtigkeit, die richtige Gedehntheit. Es ist ein Seufzen, nach dem man die Hände zum Ausruf ringen möchte: „Oh, welch ein Weh ist mir gescheh'n!" Und er muß vorsichtig sein, sich hüten. Könnte er doch ausrufen: „Juden, ich bin gesunken, zusammengebrochen! Bin der ärmste aller armen Teufel, laßt mich endlich zu Ruh!" Ein armer Munn zu werden, das ist für Josche Beer keine leichte Sache. Es ist wahr, neue Kleider hat er, sich schon lange nicht machen lassen, aber die Kleider aus den guten Zeiten 6ind so zahlreich und so gediegen und so sauber, daß man darin wie ein Mensch mit Vermögen aussieht, ein nobler Mensch, ein Mensch, der Spenden gibt. Und selbst wenn er auch trotzig das älteste und schäbigste anlegt, hilft es auch nichts — der Bart ist zu vornehm, die Augen sind die eines reichen ^Mannes, und selbst die schäbigsten Falten sind nicht so einfach schäbig.... sie stehen ihm zu Gesicht . , . Und selbst das vor Sorge grau gewordene Haar sieht ander« aus al6 graugewordenes Haar — echtes Silber, gelwhin*' und versetz' es! Und sein Weib Esther Bejle! Ihre Perlen sind schon lang versetzt. Sie trägt auf dem Hals ein billiges, schwarzes Bündchen, dnd das steht ihr so gut wie , Perlen. Bindet sie ein billiges Tuch um den Kopf, halten alle es für Seide, nimmt sie für ein paar Groschen Stoff auf ein Kleid und näht es sich selber zu Hause, dann sagt man ihr am Sabbat in der Schul: „Tragt es gesund" und schätzt es in die schweren Rubel. Und was immer sie anhat, wirklich, sie sieht wie eine Fürstin aus. Und selbst die Speisen im Haus. Man ißt, was alle armen Juden essen. Aber anstatt einen einzelnen Hering zu kaufen, ihn mit Zwiebeln kleinzuhacken, wie es die armen Leute tun, kauft Esther Bejle ein Pfund Hering' auf einmal und macht sie ein. Es kostet nicht mehr, aber die Heringe sind schön mariniert, gucken uppetitlich aus dem Glas, und keine der ärmsten Frauen wird es sich vergönnen, ein Gericht zuzubereiten wie die marinierten Heringe Esther Bejles. Und das Speisen selbst geht vor sich wie in einem reichen Haus: Gabel, Messer, eine Flasche Wasser... Brot in geflochtenem Korb. Weißgedeckt der große Tisdi im Speisezimmer; die beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen, sitzen artig und sprechen freundlich miteinander. Esther Bejle hat schon seit langem kein jüdisches Dienstmädchen mehr, dafür aber ein kleines, christ- liebes, das jüdisch aussieht, gut jüdisch spricht und sich - in den rituellen KUchenvorschriften auskennt.. .: ', . Ü A

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