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Die neue Welt · 1930-10-24 · Heft 162 (24.10.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 162 (24.10.1930)
Date
1930-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE N£ÜE WELT 'ffr. 168 TELEPHON Pelzhaus GEBRÜDER BRAlNiJsl WIEN I.? >'*< BAUERNMARKT 2« in welcher Schober sprach, war der berüchtigte Antisemit Kammerrat Kandl. Mit diesem Herrtl hat sich die „Neue Welt" vor wenigen Wochen beschäftigt. Sie brachte Stellen aus einem seiner Artikel in der Fachzeijtung der Juweliere. Eine lautete: > „Es ist aber lächerlich, mit langatmigen „Schwüren die anwesenden Parlamentarier zu fangen, den Schwur dann auszulegen wie Talmudgelehrte den Tal« mud, um dann zu sehen, daß die Schwörer eine Art jüdischen Schwur leisteten, der he* kanntlich nicht gilt, wenn die Finger* haltung nicht gonau der Vorschrift ent* sprich t." Ein gelehriger Jünger der Ritualmordantisemiten, dieser Herr Kammerrat Kandll Aber er ist Führer und Hauptkandidat der Schober«Liste. Ein anderer Führer der SchobemListe ist Herr Dr. Waber. Als Innenminister hat er eine Verordnung herausgegeben, welche die Juden vom Er Wer b der Staatsbürgerschaft ausschließt. Er sprach vor wenigen Tagen in einer Versammlung im „Auge Gottes" zu seinen deutschnationalen Anhängern. Er sprach sehr klug, aber im Saale wurde es immer unruhiger. Schließlich rief einer: „Reden Sie über die Judenl" und alle fielen in den Ruf ein. Da konnte Dr. Waber nicht mehr ausweichen und sagte: „Meine Herren 1, Meine feindliche Stellung zu den .Juden habe ich Ihnen ja bewiesenl Aber, ich bitte Sie, reden wir doch die. nächsten drei Wochen nicht davon 1" Ja. Jüdische Stimmen, jüdisches Geld. Aber die Juden sollen den Schober*Block wählen! Tie Sozialdemokraten. Sie würgen den jüdischen Mittelstand rücksichtslos ab und damit auch die jüdischen Angestellten und Ar» heiter. Wenn die jüdischen Firmen zugrunde, gehen, wo sollen die jüdischen Angestellten und Arbeiter hin? Wo sind die christlichen Firmen, welche Juden beschäftigen? Sollen sie zum größten Unternehmer Oesterreichs, zur sozialdemokratischen Wiener Gemeinde gehen? Diese Gemeinde stellt keine Juden an, weder im "Rathaus, noch in ihren Betrieben, bei der Straßenbahn, beim Omnibus, bei den Gaswerken,- Elektrizitätswerken etc. Aber die Sozialdemokraten überschütten die „jüdw sehen Wähler" mit eigenen Aufrufen und laden sie zu eigenen „jüdischen Wahlversammlungen". Freilich, , für die äußeren Bezirke .und das flache Land geben sie andere Aufrufe heraus als für die Leo« poldstadt. Einer liegt vor uns. Illustriert! Der öster* reichische Arbeiter und seine Familie liegen ausgehungert am Boden. Krumm» nasige Gestalten schleppen in Säcken sein Hab und Gut weg. Auf den Gestalten stehen Namen': Bösel, Sammi Bronn er, Jesajas Aber« bach etc. Als Redner in einer „jüdischen Versaram» Iung" ist Professor und Stadtrat Dr. Julius Tan dl er angekündigt. Er war Jude. Unter der Monarchie hat er sich katholisch taufen lassen, um Professor zu werden. Nach dem Umsturz hat er sich konf essions» los erklärt, um den neuen Machthabern zu gefallen. Was er nächstens sein wird, weiß man nicht. Aber jetzt geht er in „jüdische" Versammlungen, damit ihn die Juden1 wählen, sich selber ins Gesicht . . . Als die Hakenkreuzler auf der Wiener Universität jüdische Studenten und Studentinnen überfielen, blutig schlügen und hinausdrängten, schrieb die „Wiener Ar* beiter*Zeitung": „Genossen! Arbeiter! Kümmert euch nicht um diese Krawalle! Das ist ein Kampf zwi* sehen Hakenkreuzlern und Hakenhäslern und geht euch nichts an!" Aber die Juden sollen jetzt sozialdemokratisch wählen ... Die demokratische Mittelpartei. Sie ist nicht groß und bemüht sich, Christen zu be* kommen. Hat aber keine fünf Prozent Nichtjuden. Sie wollte in den Schober#Block. Man sagte ihr, man könne keine jüdischen Kandidaten brauchen. Doch sie bat weiter und stellte mit Ach und Krach christliche Kandidaten aus ihrem winzigen christlichen Vorräte. Umsonst. Sie bekam wieder einen Tritt. Da bat sie, wenigstens den Wahlaufruf des Schober»Blocks unterschreiben zu dürfen. Auch das wurde abgelehnt/Jetzt kandidiert sie auf eigene Faust, wendet sich an die jüdischen Wähler und beginnt ihren Wahlaufruf mit den Worten: „Stolz und unabhängig gehen wir in den Wahlkampf . . ." Und so was sollen Juden wählen! Die Jüdische Liste. Liebe Juden und Jüdinnen! Vielleicht wäre es unter solchen Umständen doch anständiger und klüger, die Jüdische Liste" zu wählen? Terror und Sosiafdemokratfe«; .. ' . 'V Die plötzliche Liebe zn Möjichc, I^eib und Itaig. — Das Märchen von der Attssiehtslösigkelt, — Laßt euch nicht einichÜchtern! In den judenreichen Bezirken Wiens sind jetzt verschiedentlich Plakate zu sehen, die sich ausdrücklich an die j ü & i s c he n Wähler und Wählerinnen wenden. Diese Plakate gehen von einer Partei aus, die in den 565 Tagen eines Jahree ohne Wahl das Wort „Jude** nicht gern in den Mund nimmt, es sei denn die höhnische Nennung eines jüdischen Namens wie Mo jache, Leib oder Itzig, „östlicher Elemente" also, die mit' den Antisemiten Geschäfte machen und mit denen die gutbodenständige, patriotisch-deutsche Sozialdemokratie nichts gemein hat. Man traut seinen Augen nicht. Der arische Herr Elderech, der israelitisch-katholisch-konfessionslose Herr Tandler rufen diesen Mojsche, diesen Leib, diesen Itzig in ihre Wahlversammlungen, um sie vor der drohenden Gefahr des Faschismus und der Diktatur zu warnen. Die Parole Faschismus und Diktatur sind die Schlagworte des sozialdemokratischen Wahlkampfes, die das Seinerzeitige Schlagwort „Mieterschutz" abgelöst haben. Es |st «ehr löblich, gegen Terror und Diktatur anzukämpfen —• \venn man die Berechtigung dazu hat, durch . Wort'und Tat \hiezu genügend legitimiert ist. 'ft V ■■ ' t Ii i Vv ' - ' ' Die Geschichte der österreichischen Sozialdemo- •kra.tiö in den letzten zehn republikanischen Jahren ist keine derartige Legitimation. Just die Juden Oesterreichs wissen darum mehr als andere. Als nicht ausgesproche- Nur Großes kommt dem Großen gleich, Drum reicht an Huber-Brand nicht vieles. Findet man Huber-Verse - weich, , War's auch die Ferse vom Achilles. , ncs Arbeiterelement, als Wolinüngsbedürftige, als kleine Händler, als mittlere Geschäftsleute, als Gewerbetreibende, als Menschen mit Intelligenzberufen waren sie mehr als andere der' sozialdemokratischen Praxis ausgesetzt. Politisch- und administrativ haben sie — sagen wir es ruhig heraus —das verspürt, was die Sozialdemokraten jetzt liebevoll zu bekämpfeft vorgeben: Terror! Wollte der Jude eingebürgert werden und mochte er auch noch so sehr das Recht haben durch dreißigjährige .Seßhaftigkeit, so mußte er sich mit der sozialdemokratischen Mitgliedskarte ausweisen. Wollte er eine Konzcssion haben, so mußte er sich in eine sozialdemokratische. £wangsorgantsation pressen . lassen. War er langjähriger Angestelltere ineskomm nnalen Unternehmens, so wurde ihm als Judenbedeutet, eich abhalten zu lassen. Das Rathaus hat einen eigenen Kataster für jüdische Steuerträger angelegt; denn auch die Herren des Rathauses sind der Ansicht, der Jude" habe zu zahlen und zu — kuschen. In den Riesenbauten der Gemeinde Wien wird man vergeblich nach jüdischen Einwohnern suchen, und findet man solche, so sind es entjudete, geeichte sozialdemokratische Vertrauensmänner. Die großzügige Entjudungsaktion, die die österreichische Sozialdemokratie seit Jahren führt, kann auch nicht anders als Terror genannt werden. So mancher Austritt aus der Kultusgemeinde ist auf „eindringliche Mahnung" sozialdemokratischer Funktionäre an die von ihnen abhängigen Juden zu buchen. Empfindlicher als andere Kinder verspüren die jüdischen in den Gemeindeschulen das Heil der sozialdemokratischenKonfessionslosigkeit. Terror! So sehr steckt er den verängstigten Juden Wien« in den Gliedern, daß sie es: einfach nicht mehr wagen, sich öffentlich als Juden zu bekennen. Vor der sozialdemokratischen Faust fürchtet sich so mancher, sagen wir seinen Namen unter einen jüdischen Wahlvorschlag zu setzen, nicht zuletzt, wie er es innerlich auch möchte, für diesen. Vorschlag öffentlich zu. werben. Terror! Die Juden .haben es aber nicht nötig, sich einschüchtern zu lassen. Die Wahl ist geheim. Kein sozialdemokratisches Auge kann sehen, welchen Zettel der jüdische Wähler abgibt. Die Juden mögen auch nicht wieder einmal dem Märchen von der Aussichtslosigkeit, mit dem die Feinde aller jüdischen Kandidaturen operieren, erliegen. 110.000 jüdische Wählerstimmen sind eine Macht, Ein starkes Reservoir für eine jüdische Vertretung. Wollen die Juden gegen den Terror kämpfen, von welcher Seite auch immer er geübt wird, so haben dazu sie mehr als würdige und praktische Möglichkeit in der „J ü d ischen Liste"! 9ev gefahvlidisfe Anschlag gegen das jüdische Volk* Die schandbaren Deklarationen der englischen LabourffRegierunq* Präsident Weizmann demissioniert! (Bericht unseres Londoner Korrespondenten.) London, den 21.-Oktober. > Zwei Denkschriften. . t)a8 : von der.englischen Regierung 'angekündigte „konstruktive">■ Arbeitsprogramm; liegt nun vor. Gestern, Montag, den 20. Oktober, sind hier die langerwarteten zwei Dokumente veröffentlicht .worden, Sie bedeuten einen fürchter-, liehen Schlag für die. jüdische Sache. Die beiden Dokumente stellen eine politische und wirtschaftliche Denkschrift vor. (Die eine ist die offizielle Deklaration des britischen Kolonialamts, die andere der Bericht des englischen Sachverständigen Sir John Hope Simpsons. Im politischen Teil der Denkschrift setzt die- Regierung auseinander,"' daß ihre Pflicht als Mandatarmacht darin bestehe, einerseits die Bildung jüdischer Heimstätten zu fördern und anderseits darüber zu wachen, daß bei der Bildung Was machen Sie jeden] Abend? „Ich lasse mich mit Diana-Franzbranntwein massieren 1M — «Warum gerade mit Diana Franzranntwein?" — .Weil Ich mich überzeugt habe, dass nur Massage mit DIANA! FRANZBRANNTWEIN! mit H«nt!toJ * solche Schmerzen lindert, welche vonU.eb er ans tr engung «nd schwerer Arbeit herführen. Eben darum kaufe Ich nur Diana Franzbranntwein und nichts anderes." »uhrn«* ||« nnf Qitnm l «/•Hl«*.* *t*MHin«flajtn W«lf*ft «urttycl 0*«r«H«rhUtllcm letzterer keine Maßnahmen-ergriffen werden, die geeignet sind, die Interessen der nichtjüdischen Bevölkerung zu schädigen. Die Rechtsgrundlage für ihre Kommunen in Palästina sei den Juden zwar zu geben, aber, es könne nicht zugelassen werden, daß die Bildung der jüdischen Heimstätte zur Auferlegung einer „jüdischen Nationalität" für die übrigen Einwohner Palästinas führt. Die jüdische Heimstätte könne durch eine Zuwanderung von Juden aus anderen .Teilen der Welt gebildet werden, diese Einwanderung flürfe aber nicht schneller vor sich gehen ,als sie mit der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit dieses Landes in Einklang zu bringen sei. ~ Palästina soll iach dem bereits im Jahre 1922 von Herbert Samuel gemachten Vorschlag eine gesetzgebende Körperschaft erhalten, die zum Teil vom britischen Oberkommissär ernannt wird, während 12 andere dieser aus 22 Vertretern bestehenden Körperschaft aus indirekten Wahlen hervorzugehen haben. Der Oberkommissär hat außerdem das Recht, für einen Wahlkörper, der etwa Wahlboykott üben sollte, die Vertreter zu bestimmen. Die englische Regierung kündigt auch an, daß sie gegen jede Art von Ruhestörung oder Revolte mit den schärfsten Mitteln vorgehen werde. Sie setzt die englische Garnison für das Land mit zwei Bataillonen Infanterie, zwei Flugzeuggeschwadern und vier Abteilungen Panzerautos fest. Für die Polizei wird gegenwärtig ein Reformplan erwogen. JSine Awb Agency. Die Regierung ist der Meinung, daß ein Versuch gemacht werden müsse, eine engere und harmonischere Zusammenarbeit zwischen der palästinensischen Administration in Palästina und der Jewish Agency zu ermöglichen, Allerdings sei es ausdrückliche Voraussetzung, daß eine solche Zusammenarbeit die Jewish Agency nicht zu einer Mitwirkung an der Verwaltung oder Regierung des Landes berechtiget .

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