Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 161 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m;w DIE NEUE WECi Seite 5 Bukarest, Herr Warburg aus New York, Herr D'Avigdor Goldsmith aus London... Ich habe wirklich keine Ahnung von ihnen gehabt, bis unsere Zionisten von ihnen zu sprechen begannen und an sie einen allweltlichen Maßstab legten. Ich will damit nichts Schlimmes über Herrn Warburg sagen. Mau sagt, ein sehr angenehmer Herr und ohne Zweifel ein grottherziger Philanthrop. Möge ihm Gott Gesundheit geben und starke Muskelnl Ich wollte nur sagen, daß ich eine sehr nebelhafte Vorstellung von Herrn Warburg habe. Dafür aber einen sehr genauen Begriff von seinen Anschauungen. So hat er im Vorjahr den Zionisten gedroht, daß Amerika kein Geld für den Keren Hajcssod geben werde, wenn sie, die Zionisten, gegen Herrn Magnes nicht zu hetzen aufhören würden. So hat er im Verlauf des letzten Jahres aus den Tiefen seiner eigenen Intuition in Amerika einige hochpolitische Erklärungen abgegeben. Wie diese Erklärungen lauteten, habe ich vergessen. (Es ist schwer, sich an die Aphorismen östlicher Berühmtheiten zu erinnern.) Aber ich habe einen Artikel des Herrn Fishman behalten, des Hedakteurs des New Yorker „Morning Journal". Herr Fishman ist bekanntlieh ein heißer Anhänger der Jcwish Agency gewesen und geblieben; er ist also eher geneigt, auf Herrn Warburg gut zu sprechen zu sein. Sogar dieser Herr Fishman hat ■sich bemüßigt gesehen, zu verlangen, daß Herr Warburg endlich durch Unterschrift bekräftige, künftighin über Erez Israel keine politischen Erklärungen abzugeben, über die Ziele des Zionismus und die ihm verwandte Materie. Und jetzt zeigt sieh's, daß Herr Warburg tiu uns mit dem britischen Kolonialamt Verhandlungen führt. Er hat mit ihm gesprochen — und ist sehr zufrieden. Er hat natürlich eine neue politische Erklärung veröffentlicht, gerade dahingehend, daß er, Herr Warburg, sehr zufrieden sei. Ich bin zu faul, die Erklärung seihst abzuschreiben. Sie ist dem Leser bekannt. Es gibt aber in ihr eine sympathische Kleinigkeit: Der Minister hat Herrn Warburg mit der Nachricht erfreut, daß die Regierung die Absicht habe, alle Gruppen der Bevölkerung zur Landesadministration heranzuziehen, und daß die Zentralsparkasse JIII!!II!l!llt!!llllllllll!llllll!lllltlllll!tllllllll!lllll!!i!!lllllill!llillll!ll^ der Gemeinde Wien i J •> §5 C §= Q i -sp m <u 4 M Wien 1, Wipplingerstraße 8 Fernruf: U-23-5-60 Kreditverein der Anstalt: VII, Neubaugasse 1 Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlagen in der Anstalt Araber diesmal ihre Mitarbeit nicht verweigern weiden. Mit anderen Worten: Der Schatten eines „Parlaments" in Erez Israel tut sich wieder vor uns auf. Ob der Minietcr das Herrn Warburg mitgeteilt hat, dazu möge sich die englische Regierung äußern. Aber da« ist es, wofür wir verantwortlich sind. Was hat Herr Warburg dem Minister darauf geantwortet? Ich nehme mir die Kühnheit, das ohne Zweifel richtig zu erraten. Herr Warburg gab dem Minister zu verstehen, daß er ganz zufrieden ßei, daß die Juden, versteht sidi, die Mitarbeit, nidit ablehnen werden. Gut. Also, Lord Passfield of Hebron macht ein Parlament, die Juden werden es unterstützen — wenn idi midi irre, kann Warburg von mir ein'Pönale verlangen, Sogar zugunsten jenes Foud«, aus dem der Gehalt für den ..Kanzler" und der Bibliothekar des Jerusalemer .Universität" bezahlt wird. Ich irre mich aber nidit. Und in wessen Namen wird all das gesagt? Im Namen der Jcwish Agency. Ich weiß nidit genau, wie jene Körpersdiaft der Agency heißt, deren Präsident Herr Warburg ist. Aber ein Präsident ist er. Morgen kann er zu Herrn Mac Donald, zu Herrn Hoover und zum Völkerbund geheu, und überall wird er das jüdi* sdie Volk repräsentieren und das Verhältnis dieses Volkes zu Erez Israel. III. Nod) ein exquisiter Exponent: lleir W e i zm a n n, der Liebling des Publikums. Ein Farbenreichtum — unbeschreiblich! Im Jahre 1919 fuhr er zur Friedens- LERNET FREMDE SPRACHEN in.der Berlitz School, Wien I, Graben 13 Prospekt 7 auf Wunsch konferonz und erklärte: „Ich. will Palästina so jüdisch, wie England englisch ist." Im Jahre 1921 schrieb er eine Brosdiürc: Ich will einen Judenstaat. Jetzt will er keinen Judenstaat. Will nur eine „jüdische Öcmeinschaft". Und der Staat, der sei „binationnl". Iii den Jahren 1920 und 1931 war er für eine Legion. Im Jahre 1925 erklärte er: Eine Legion ist nicht nötig, das Verhältnis zu den Arabern verbessert sich. Er pflegte auf den Kongressen zu beweisen, daß es freien, bearbeitungsfnhigen Boden in Erez Israel nidit gebe. Jetzt „fordert" er von der Regierung, freien, bearbeitungsfähigen Boden. Er pflegte > auf Kongressen und anderen Tribünen zu beweisen, daß unsere Industriellen Sehuhschnürlhausierer aus Snipischek seien und keinen Sdiutz verdienen; jetzt fordert er Protektionismus. Nadi der Sdiläehterei „drohte" er Mac Donald, er werde demissionieren, wenn Herr Mac Donald nicht kapituliere. Herr Mac Donald macht immernoch, was er will, und Herr Weizmann i3t immer noch da. Ein Regenbogen, kein Mensch. Alles kann er sagen — dabei stets wenig bedacht. Auch auf dem* Fundament der lebhaften Viel-, tarbigkeit wöchentlich neuer Uebcrzeugungen ruhen zwei Vorzüge: eine tiefe politische Einsicht und großer Takt. Beide offenbarten isich klar auf dem letzten Berliner Spektakel. Versucht es einmal, Herrn Weizmann zu examinieren! Was ist eigentlich ein binationaler Staat? Was versteht er unter einer autonomen Gemeinschaft? Das Resultat wäre dasselbe, wenn ihr ihn im; Jahre 1919 gefragt hättet: Wie kann man Palästina ge-; nau so jüdisch macheu, wie England englisch ist? In^ England gibt es doch keine nationale Minderheit, wohl-, aber in Palästina. Wollt ihr alle Araber hinaüstreiben oder sie vor jüdischen? Hätte man ihn so gefragt, so' Bti qUktMktn Mmetsefl, Nerven- und Kopf« schmerzen sowie bei Schlaflosigkeit wirkt Togal ganz vorzüglich. Togal- Tabletten lösen die schädlichen B« standteile im Blut und führen efrte baldige Linderung und vollständige Genesung herbei. - In allen Apotheken. - Preis S 2.40. hätte. Herr Weizmann aufgeregt erklärt, er wolle die Araber weder austreiben noch v er jüdischen. Wie also doch? Ganz einfach. Unbedacht, intuitiv. Kraft der Scjicchina, die Auf ihm ruht! Wenn ein Mensch auf den Höhen der Glorie ruht, wie können ihn solche Kleinigkeiten interessieren, wie nationale Minderheit, die feine Nuaueierung von Nationalstaat und Nationalitätenstaat und das übrige Drum und Dran der Lehre? Oder, sagen wir, ein binationnlcr -Staat und eine autonome Gemeinschaft? Wir befinden uns hier auf jenem Boden der Einsicht, wo Fremdwörter sich ihres Inhalt« entleeren, einfach deshalb, weil es Fremdwörter sind und vieldeutig. Und der Takt. Die Rede vom Schuhschnürlhausiercr aus Suipischek wurde in einem Zeitpunkt gehalten, da unsere palästinensischen Fabrikanten siel» um einen Protektionslarif bemühten. Auf dem Basel«! Kongreß proklamierte Herr Weizmann, daß die englische Regierurig jedem Zionisten sofort die Tür weisen würde, der ihr seinem Unzufriedenheit mit der britischen Politik ausdrücken sollte. Gesagt wurde das in einem Zeitpunkt, da die politische Kommission Resolutionen fertig hatte, die große Unzufriedenheit beinhalteten. Und die Phrase von der Unmöglichkeit des Judenstaates ist im August 1930 gefallen, einige Tage vor der Sitzung des Völkerbundes! Eine Warnung Louis Lipskys gegen die Wcizmann-Politik. Die jüdische New Yorker Tageszeitung „M o r g e nj o u r n a l" veröffentlicht ein Interview mit Mr. Louis L i p s k y, dem ehemaligen Mitglied der Zionistischen Wcltexekutivc und Präsidenten der Ziouistisdien Organisation der Vereinigten Staaten und derzeitigen Vizepräsident derselben. Lipsky, der auch an der Session des A. C. sowie des Administrative Committee der Jewish Agency in Berlin teilgenommen hat, berichtet über das ungeheure Anwachsen des Antisemitismus in Europa sowie über die infolgedessen verstärkte Judennot. In diesem .Zusammenhang äußerte er sich über die bekannte Rede Dr. Weizmanns über den Judenstaat wie folgt: „In Anbetracht der jetzigen .schweren Lage der jüdischen Massen kommt dem Zionismus einegrößere Bedeutung zu denn je. Der Zionismus ist nicht mehr eine A u g e 1 e g e n h e i t p h i 1 a n t h r o p i s c h c r Sympathien und nicht hur das höchste jüdische Ideal, sondern eine Wirtschaft 1 ich e und politisch c Not wendigkeit. Gerade jetzt muß das zionistische Programm klar und eindeutig sein. .Wir müssen entschlossen darauf bestehen, . daß die Versprechungen der alliierten Mächte eingehalten werden. Darum ißt jeder Zionist gegen Weizmanns 11 e d e. Es besteht kein Zweifel, daß Dr. Weizmann während seiner Rede nicht an die jüdische Lage dachte. Eine Politik der Mäßigkeit und der Kompromisse, der Vermeidung einer klaren Formulierang der zionistischen Prinzipien und des vorübergehenden Abweichens von einem ausgesprochenen Endziel mag vielleicht vor Jahrzehnten angebracht gewesen sein, heute ist sie nicht mehr praktisch. Sie kann die zionistischen Inter- Und da* gucke ich um mich, ein bißchen weiter, in die andere Ecke des Bethauses. Jetzt wird mir die Geschichte verdächtig. Dort auf der anderen Seite des Bethauses ist das Bethaus kein Bethaus mehr. Ganz alltäglich. Bretter liegen durcheinandergeworfen, Leitern, Stangen. Die Wände sind mit Kleidern behängt und allerlei ähnlichem Zeug. Am Fußboden — volle Eimer mit Farbe, und Bürsten. Herr der Welt! Wer wohnt da? Ein Schneider ~ und kein Schneider. Ein Tischler -- und kein Tischler. Ein Anstreicher — und kein Anstreicher. Und Geschöpfe sind da zu sehen, aber schon ganz andere als in der ersten Hälfte. Rasiert, mit kurzen Röcken und ohne Röcke, in Hüten, in weißen Brillen, in schwarzen Brillen, und rennen umher und tuen hastig und wichtig wie auf einer Bösen-Geister-Hochzeit. Und Weiber gehen umher, die einen in Perücken, die anderen nach Art der Gassenmädchen. Sonderbar — denke ich bei mir — eine einzige Stube, und in der einen Hälfte ein Gotteshaus, in der anderen Hälfte —• ein Schweinestall. Und dann ■— denke ich — was geht das eigentlich dich an. Ich habe da meinen Platz und meine Juden und werde zu Ehren des Neujahrsfestes tief ins Buch blicken. Und ich beginne sehr eifrig hin und her zu wackeln. „Sprach Rabbi Da hör' ich auf einmal einen weiß bekleideten, rasierten, bloßköpfigen Kerl von der andereu Seite in eine Trompete mit der Stimme eines Fasses hineinblasen, dann herumschreien und kommandieren: „Wiegt euch hin und her! Fester, fester, so! so! . . » He, dieser Jude da, mit dem gelben Bart, soll über dem Buche einschlafen, und der dort mit dem Auswuchs auf der gelben Lippe, der soll den Daumen hin und her drehen! Fester, fester ... so ... so ist's recht. Und der Diener ... wo ist der Diener? , . , Er soll sich die Hände waschen und den Spruch hersagen, der dazu gehört . , . so .. . noch einmal », , so , 4 g jetzt niest, so stark, daß die Kerze am Tisch verlöscht. So . . .! Wo ist' das Sacktuch, das ' rote Sacktuch? ... Und jener Jude, der von den Nalewki, er soll das Gesicht hiebet' wenden und sich den;; Bart kratzen . . . und soll ein paar Finger dort unterbringen, wo das Hemd zum Hals hinausgljckt ... So . . . und jetzt beginnt mit den Kunststücken, aber, feste, feste!" In mir steigt Wut auf und ich schnelle empor: ,Du Lump! Du Frechling! Du Schänder Israels!' Du wirst Spott treiben, wenn Juden lernen! Wirst ttiit Thoragelehrten Spaß machen! Wenn du selber nicht lernst, du Hund, wirst du andere nicht lernen lassen? Die Hölle ist für dich viel zu wenig! Du Täufling, du l Juden, was rührt ihr euch nicht? Schlagt ihm die! Knochen entzwei!"; Die Juden aber schlagen ihm nicht die Knochen entzwei, springen nicht für die Ehre der Thora ein, sondern tun, was ihnen befohlen wird: drehen mit dem Daumen, schnupfen Tabak, glotzen mit den Augen« Einer von ihnen, der sehr ehrbar und sehr fromm aussieht) der neben mir sitzt, zupft mich am Aermel: „Setzt euch, setzt euch! Das soll euch nichts anv gehen! Nicht eurer Großmutter Sorge. Setzt euch und; wiegt euch hin und her. Man bezahlt euch. Ihr bekommt Nachtmahl mit Gänsefleisch, Man macht doch daraus (wie; nannte er nur das) einen Kinematograph' macht man1 daraus, mit einem Dybuk." Unterdessen guck' ich wieder umher und bemerke, daß das Buch, das dieser ehrbar und fromm aussehende Mensch vor sich hat, gar kein heiliges Buch ist, sondern irgend ein Geschäftsbuch. Und bei dem Juden mit dem Streimel, der mir gegenübersitzt, hat sich ein Teil des Schnurrbartes heruutergeschält und er pickt ijbji mit Speicher wieder zu. Jener Andächtige am Pult beißt ab und zu an einem Stück Wurst. „Ruhe! Hört aufj zu spielen! Der Diener muß jetzt zum .Boten aus dein Jenseits' gehen und ihm Schnupftabak geben. Und der Dybuk! Wo ist der Dybuk? . . . Der Dybuk soll die Nüstern bewegen! So . . . Ruhe! Mit den Augen glotzen! So! So nicht! . . . So . . . Licht!" Es wird auf einmal hell wie aus siebenhunderttausend Lampen,, daß Gott behüte; Ich habe geglaubt, äie Welt brennt, der Himmel ist geborsten. Es schoß mir in die Augen, daß ich blind zu werden fürchtete. Der Kerl dort kommandiert immer noch: „Ruhe! Gelernt! Hin und her gewackelt! So! Dybuiv hiebet! Bote aus dem Jenseits — da her! Ich drehe! Wir drehen! Man dreht!" Herr der Welt, was geht da vor? Wer wird da gedreht? Wer dreht? Es. ist nicht anders, ich bin in eine Bande böser Geister geraten. Da fallen mir alle Erzählungen von jenen bösen Geistern ein, die fromme Juden am Vortage des Neuj|hr8jt«s.teB-;^in^uc|||en. Ich fuchtle mit den Schaufäden und schreie: i.Höre Israel!" und laufe und laufe mit allen Kräften. Die Bande steht um mich herum und lacht: chi, chi, cjii . .". cha, cha, cha . , . Die WeHjer kreischen» Eine von ihnen stößt mich in den Bauch und lacht heiser: kchak .. .kchak , . . Da verstand ich, daß es so sei und daß ich. den Bösen entronnen war. Ich lief die Treppen hinunter.' So viele Treppen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wie verzaubert! Es will kein Ende nehmen mit diesen Treppen. ,•• Unten angelangt, hatte der Hausdiener bemerkt, wie ich Kopf über Hals gelaufen war, glaubte, ich sei ein Dieb, hielt mich an und brachte mich zttt Polüei. Im Kriminal verbrachte ich den ersten Neujahrttag. Erst am nächsten Tag entließ man mich. Ich frage euch, meine lieben Jude«; w§j| war dt» nun? Wie? Werdet ihr jeUt lagen, ee gibt keine böwi OmtfM tat 4w WtfeLo.*'! ..