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Die neue Welt · 1930-10-17 · Heft 161 (17.10.1930) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 161 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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f Seife I _ teiee, eine Mefinehme, <14«-<leB-Pro4€«4 *ieM-n»r 4& Revisionisten, «ondern auch aller Zionistea hervorrief. Da« Verbot ist bk heute nicht zurückgezogen wdMe», Jabotinsky hat in rottfecher Sprach«, anch ttftter dem Pseudonym „Altale h a" eine Reihe bedeutender Schriften verfaßt. Besondert gerühmt* Wfrcl seine russische Uebersetzun« der Gedichte BJalik«. Obwohl fer viMlig russisch assimiliert erzogen wurde und die hebräische Sprache erst als Erwachsener lernte, Ist er heute einer der glänzendsten hebfÄlschen Stilisten und Redner und hat o. e. Dante Iiis Hebräische übersetzt. 1928 erschien tetö^'RoiMn „S i m s o ja", der von der Kritik als ein Werk ton starker poetischer Gestaltungskraft begrüßt und in mehreren Sprachen (deutsch unter dem Titel „Richter und Narr") Ubersetzt wurde, fft «eh Heb «ttch mehrere Memoficnwerke. so n. a. die Geschichte der jüdischen Legion. * Von vielen heiß geliebt, von vielen leidenschaftlich angefeindet. Niemand kann gleichgültig an ihm vorbeigehen. Die Jugend vergöttert ihn. Warum? Weil er, vielleicht als einziger unter den heute lebenden jüdischen Führern, das' Ghetto. Überwunden bat, restlos. An ihm ist nichts Krummes, nichts Biegsames^ nichts Verschleiertes, nichts Listiges, nichts Geklügeltes. Seine hervorstechendsten Eigenschaften sind solche, die im Ghetto nicht gedeihen konnten. Absolute Geradsinnigkedt, absolute Zielstrebigkeit, absolute Noblesse. Viele sagen, Jab'otimsky' sei ein u n j ü d i s c h e r Typus. Das sind Menschen, für welche Judentum und Ghetto unlöslich aneinander gebunden sind. Uebepwindung des Ghetto} -bedeute! ihnen/' l^iösu-p'^^Vödi^Jade'tatuni Deshalb empfinden sie Jabotinsky ate unjüdisch. Sie können nicht anders. Menschen der gleichen Sorte sagten aus-dem gleichen Grunde seinerzeit, und sagen es noch heute, daß Theodor Herzl unjüdisch 6ed. Jabotinsky ist so \\njüdisch wie Herz! es war. « Eine Stiftung zu Ehren Jabotinskys. Aus Berlin erhielt die „Neue Welt'* folgendes Schreiben; „Sehr geehrter Herr Redakteur! Aus Anlaß des 50. Geburtstages Wladimir Jabotinskys bitten wir in der „Neuen Welt" ' bekannt* zugäben, daß wir zu Ehren unseres Führers ein „Jugendheim" in Palästina für die revisionistische Jugend und Brith'Trumpeldopr stiften, dessen. Erbauung und Er*, haltung lediglich aus von.,uns selbst,geleisteten und, von, uns. persönlich aufgebrachten. -Mitteln bestritten werden < soll* Das Heim soll der Jugend' außer Gelegenheit für Versammlungen,' Vorlesungen, gymnastische Üebungen etc. bieten.* Am 18. Oktober überweisen wjr aus eigenen . Mitteln sechehundCTt Pfund, englisch nach Palästina und werden unserseits jährlich 50 -Pfund für. Zwecke der/ Erhaltung bereitstellen.' Das Jugendheim soll den Namen Jabotinskys tragen. ' Mit vorzüglicher Hochachtung;" , B. und Ch. Belilowsky, a 's i xr>>:ViVv^ Sorokin, Schneidow und Liebgold hervor.'Die Bewegungsregie der Tanzkünstlerin Gertrud K r a u s bewährte sich hauptsächlich in den grandiosen Massenszenen, deren Auf- und Abwogen mit allen Feinheiten auch des mimischen Ausdrucksihrer Gestaltungsidee zuzuschreiben ist. Ihr orientalischer Tanz gemeinsam mit ihrer Gruppe war ein Kabinettstüok. Die Bühnenarchitektur Erich Isenburgers löste gründlegende Raum- und Formprobleme: sie ist reich an> Phantasie, vollendet in der Ausnutzung der räumlichen Verhältnisse. J. Beer leitete mit Umsicht Chor- 'ind Orchester.' Hinter der Bühne waltete, umsichtig wie immer, Samuel S c h e f t e 1. Der Abend verlief ungemein erfolgreich. Die Spannung löste sich zum Schluß in stürmische Her* vorrufe für alle Darsteller, für den Regisseur und 'die Regisseurin der Massen. ör. Unter //bösen Oeisfern"« Von „Der Tunkler*. Als Abraham Simche, der Kleinekinderlehrer aus Schmraktewitsch, nach dem Neujahrsfeste in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt war, erzählte er den Schminkewitscher Juden nach dem Gebet folgende Geschichte, die sich während des letzten Neu jahrsfeste« in Warschau zugetragen hatte: „Hört, Juden, was ich euch sagen werde'V begann er. „Ihr seid doch der Meinung, daß es Gespenster, Teufel und böse Geister nicht mehr gibt Einfach so, und damit Schluß! Ich aber sage euch, es gibt ihrer noch ' manche. Und nicht nur im Stadtl, sondern auch in den großen Städten, ja selbst in Warschau, wenn ihr es wissen wollt Ihr werdet es mit Händen greifen, wenn ihr vernommen habt,-was-ich ench erzähle- Dies ist mir seilet zugestoßen. vii; i m NEUE WELT_ Panoptikum* Von Wladimir Jabotinsky. Wladimir Jabotinsky, dem audi seine politischen Gegner den Vorwurf eines politischen Kampfes mit dem Mittel persönlicher Angriffe nicht machen konnten, begründet in einem Aufsatz des Pariser „Rasswjet" seine im gegen* wärtigen Augenblick notwendige Haltung, diesmal von seinem Prinzip abzugehen. Der Auf» satz „Panoptikum" ist der Ausdrück dieser einmaligen Notwendigkeit in einem Zeitpunkt, wo auch die Portrötierung jener politischen Persönlichkeiten erforderlich ist, die den Zionismus nach äußenhin vertreten. I Der Artikel ist persönlich;, er verpflichtet niemand außer den Autor. Er wird gedruckt in freier Diskussion usw. Die Sitzungen des sogenannten zionistischen A, C. kenne ich nur aus dem Echo der Presse und nach den. Erzählungen von Zeugen, unglückseligen Pechvögeln. Ich selbst bemühe mich, dieses Erlebnis zu meiden. Seit dem Jahre 1927, da sich auf dem Baseler Kongreß zeigte, daß die Revisionisten auf Sitze im A. C. Anspruch haben, bat ich meine Freunde kategorisch, mich von diesem Posten einfür allemal zu befreien. Um jene meiner Freunde, die den Posten annehmen, tat es mir im Herzen weh. Mehr notft. Es tut mir weh attcn um viele von jenen, die politisch nicht, meine Freunde sind. Nach jeder Sitzung dieser Körperschaft begegne idi ..i'J-TM r r'.: v j 26 S' 36• S 45 Pii, KafterctraBe 123 IX, mtmm 6 ihnen, Freunden und Nichtfreuriden, mit Gesichtern,'die das Gefühl von Verachtung und Ekel ausdrücken. J e f z t wäre es interessant, in diese Gesichter zu blicken. Zum Beispiel Herr Sokolow. (Der sogenannte Präsident der" sogenannten Exekutive.) In den Zeitungen ist nur nebenbei erwähnt, daß er auf der Sitzung des A. C. eine beriihigende.Rede gehalten habe. Die Angriffe auf England seien eine Uebertreibung, die jLage Väre gar,: nicht so^scniHmn^.'.. zwei Phrasen nur pus einer — ich hoffe — larig^n Rede, aber die ganze Rede erklingt iü meinem; g'efefigen Öhr' nicht etwa .deshalb, -#eii 'TtltÜr-'iHle;^n;s'^ha|i'än%eni;' des "Herrn Sokolow so gut kenne. Keiner; kennt sie und\hat sie ■niemalsgekannt =ni^f 'eih'4al ^s&ine fleißigen;* Leser* und mir fst es mein" Leben'lang nicht gelungen, auch nur bis zur Mitte eines einzigen seiher Artikel vorzudringen. Von geduldigen Liebhabern abeY seines Stils habe ich ge-, hört, daß sie sogar im Jahre51903 während des Kampfes um Uganda 'sich trotz Durcharbeitung von zehn Auslassungen des Herrn Sokolow über dieses Thema keine Vorstellung mächen könnten, ob er für oder gegen sei. Ich glaube daher,' daß, würde idi auch diesen Autor fleißig lesen, es mir zur Kenntnis seiner Anschauungen ^nidit< behilf lieh wäre^i-deaavos gibt viele -Dinge-"in deTv | Ihr wisset, daß ich das Neujahrsfest diesmal in Warschan verbringen mußte, da ich am nächsten Morgen vor Gericht zu erscheinen hatte. Man führte mich als Zeugen in diesem Streit, den unsere Herren, die Ziegelbrennereiteilhaber' Meled Lipschitz und Galmen Raubes, miteinander hatten. Na, wenn befohlen wird, muß man fahren! Es ist der Tag vor dem Neujahrsfest, frühmorgens. .Wir steigen alle drei in einer Gastwirtschaft ab. Na, die sind doch reiche Leute, die Herren Aristokraten. Die werden in die Chorsynagoge gehen und gegen Eintrittskarten den Ghorchasan hören. Ich aber Werde doch .in die Ghorsynagoge nicht gehen. Ich spaziere halt in die Gasse hinaus, um ausfindig zu machen, wo man beten kann, suche ein Stübchen, ein Beth-Hamidrasch oder gar nur ein Minjan. Gehe so auf dem Nalewki auf und ab, sehe dahin, sehe dorthin, vielleicht entdecke ich wo einen Zettel, der besagt: „Hier werden Plätze zum Beten vergeben". Wie es eben üblich ist Dia kommt ein junger Mann auf mich zu und fragt, was ich suche. „Ich suche einen geheiligten Ort", sage ich', „um am Neujahrsfest zu beten". Da sagt er, der junge Mann: „Reb Vetter, kommt mit mir! Ich werde euch einen Platz zum Beten anweisen, daß ihr1 vor Vergnügen nur so tanzen werdet." Er setzt mich in eine Droschke und führt mich vor ein großes, vielstöckiges Haus, placiert mich in einer Maschine, die mich bis an die Dachspitze bringt,' und wir betreten ein wahrhaftes Bethaus. Aber schon ein gar ordentliches Bethaus — ein schöner heiliger Schrank mit Vorhang, ein schönes Büchergestell mit Büchern, ein nobler Hangeleuchter an der Decke und ein Altar mit, Vorbeterpult, ja sogar ein Handfaß mit Handtuch, kurz, ein Bethaus, wie es sich gehört, Und Juden gibt es mit m_i_Nr. 161 Welt, die man nicht erkennen kann, und die am wenig» steu erkennbaren sind jene, die nicht existieren. Reden des Herrn Sokolow hatte ich allerdings nicht selten zru hören Gelegenheit Und es genügt daher eine Phrase, auf daß die ganze Rede (jede Rede) lebendig in meinem tiefgerührten Bewußtsein erklinge. Sie sind bekanntlid\ alle nach demselben Master komponiert; als Beispiel kann folgende allgemein bekannte Rede Uber Transjordanien dienen: „Meine Freunde! Einige Redner haben hier über das Kapitel Transjordanien Beschwerde geführt. Was eigentlich ist Trans jordanien? Transjordanien ist dodi im Grunde — eine Wüste. Es ist wahr. Einst war Transjordanien die Kornkammer des Ostens. Es ist wahr. Der Boden dort ist gut und Wasser gibt es viel. Na, und wenn? In der Sahara gibt es nodi mehr Boden. Und Wasser gibt es noch mehr im Stillen Ozean. Wer braucht das? Transjordanien, meine Freunde, ist eine vollständige Wüste." Ich bin nicht davon überzeugt, daß ich diese Rede von Herrn Sokolow selbst gehört habe. Möglich, daß ich sie irgendwo auf einem Bankett der unzähligen Imi" tatoren des Herrn Sokolow vernehmen mußte. Man kann das schwer unterscheiden/Spricht Herr Sokolow von der Tribüne herab, so kommt es mir immer vor, als ob er seine eigenen Imitatoren imittierte. Das Rezept ist ganz einfach. Ja ist nicht ja, nein ist nidit nein, alles ist nicht so schrecklich, leben kann man auch ohne Essen, einen Ofen kann man auch ohne Holz und Kohle heizen, und wenn nicht — ist's auch nicht gar wichtig. Der persische Schah hat mich Sehr freundlich empfangen und ist mit mir völlig einverstanden. Nebenbei. Dieser Exponent ist bei uns Präsident und stellt vor den Großen der Welt unsere Ideologie dar, und auch vor der Masse. II. Oder hier noch ein Exponent Herr Warburg aus New York. Er ist zwar nicht vom A. €., aber von der erweiterten Jewish Agency; das ist aber jetzt egal. Herrn Warburg kenne ich noch weniger als Herrn Sokolow. Höre ich über ihn oder über andere Größen dieser Art, so kann.ich mich eines — ich.gestehe es offen -rnicht ganz unangenehmen Gefühls erwehren. Die zionistische Gepflogenheit einer Welttribüne hat in uns einen Snobismus entwlclcelt».. eine /gewisse reservierte Vonbbenherab-Einstellung zu „östlichen Berühmtheiten". Herr Wassermann aus Berlin. Herr Fildermann aus Gegr. 1860 Gegr. «8G0 Allgemeine Versicherungs-Gesellschatt „PffiMIXM : (ZysamMsW von „Phönix", Mm" u. „Providentia^ Gegr. 1860 1881 1898 Direktion und General Repräsentanz: Wien, IX., Otto Wagnerpl. 5/ Alserpl. 3 ITelephon: B - 43 - 5 - 80 Serie Uebernahme sämtlicher Schadenversicherungen zu den kulantesten Bedingungen und Prämien ^mammmmmmtmam^mmmmmßmm Atlasröcken und weißen Strümpfen, auch einfache Juden imd Ümherschnüffler, wie es sich gehört. Ich frage:, „Was wird das; kosten, das Beten am Neujahrsfest?" Er, der junge Mann: „Nichts." Frage ich: „Wie das?" Er: „So ist es!* Ich darf nicht nur umsonst beten, man wird mir noch zahlen« „Am Ende glaubt ihr, ich bin ein Vorbeter, ein Schofarbläser oder so etwas? Irrtum. Ich bin ein Kleinekinderlehrer." So spreche ich. „Macht nichtsl" meint er. Man würde mich noch mit einem guten Nachtmahl beschenken, mit Gänsefleisch, mit Schnaps, mit Honig zum Segensspruoh. Ich müßte aber sofort an den Tisch gehen und lernen. Lernen I Mit dem größten Vergnügen. Ein bißchen lernen am Vortag des Neujahrsfestes, warum nicht? Zumal man noch dafür bezahlt bekommt. Und ich denke bei mir: „Was mag das nur sein? Ein Kranker, vielleicht ein Büßer oder so ein sehr reicher Mann, der eein eigenes Beth-Hamidrasch hat und Lerner aushält" Kurz, man setzt mich an einen Holztisch* der ganz, mit Stearin befleckt war, und man drückt mir die wahr- . baft große Gemarah in die Hand. Ich sehe um mich her. Es sitzen, nicht zu versündigen, hübsch viel Juden, um den Tisch; mit schönen Bärten, Gelehrte, ehrbare Leute in der jüdischen Tracht, wie es sich gehört. Alle haben große Bücher vor sich und lernen, wiegen sich hin und her und schnupfen Tabak. Dort am Pult steht einer, der mit großer Hingabe' lernt. Ein Bethausdierier geht umher, faltet die Gebetmäntel zusammen und beschneidet die.. Kerzen der Härigeleuchter. In einer Ecke, beim Ofen, sitzt ein Bücherverkäufer, die Wangen eingebunden, packt seine Bücher ein und bindet Schaufäden zu Pack« eben. Das alles gefällt.mir sehr. Der rjerr.sei geloht! Er hat mir für das' Neujahrsfest die richtige Oertlichkeit angewiesen.

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