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Die neue Welt · 1930-10-17 · Heft 161 (17.10.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 161 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 161 DIE NEUE WELT Seite % Aufruf! An alle Männer und Frauen, welche für die »jüdische Liste" sind! An alle Zionisien und Zionisiinnen! An die zionistische Jugend! Wir bitten euch alle um Hilfe im schweren Wahlkampf um die jüdische Ehre. Wir verfügen nicht über die Hilfsquellen der großen Finanzmächte. Unser Kapital sind die jüdischen Menschen, ihre Begeisterung, ihre Arbeit. Wer mitarbeiten will, kommt Montag, am 20. Oktober, 8 Uhr abends, ins Jüdische Volksheim, IL, Untere Augartenstraße 38, zu einer Vertrauensmännerbesprechung, Spendet für den Wahlfonds! Gelder nehmen Vertrauensmänner mit Sammelbogen entgegen. Abzuholende Gelder sind der Wahlleitung telephonisch oder brieflich zu avisieren. Im Büro der Wahlleitung werden auch Meldungen zur Mitarbeit entgegengenommen. Büro der Wahlleitung: JI., Untere Augartenstraße 38, Telephon A-45-6-34. Ständiger Dienst von 10 bis 1 Uhr und 4 bis 9 Uhr. Der 18. Zionistenkongrefi wird wahrscheinlich im Jahre 1931 zusammentreten. London, 12. Oktober. (J. T. A.) Wie die J. T. A. erfährt, soll der 18. Zionistenkongreß vorzeitig, wahr* scheinlich schon im Monat Jänner 1931, einberufen wer» den. Der Zionistenkongrefi wird vor allem die Aufgabe haben, zur politischen Situation, wie sie sich aus der demnächst erfolgenden englischen Regierungserklärung über die künftige Politik in Palästina und dem Bericht Sir Hope Simpsons ergeben wird, Stellung zu nehmen. Vor ihrer Wiederwahl durch den Kongreß und ohne Be» ffagung des Kongresses wird die Zionistische Exekutive keinesfalls Schritte von entscheidender politischer Be* deutung unternehmen. Verhandlungen zwischen Jewish Agency und britischem Kolonialamt. London, 12. Oktober. (J. T. A.) Der Präsident der Jewish Agency, Dr. Chaim Weismann, ist in diesen Tagen nach London zurückgekehrt. Man erwartet nun, daß die Besprechungen zwischen Jewish Agency und dem britischen Kolonialamt wieder in Fluß kommen. Allerdings dürften die Besprechungen während der Fortdauer der bitischen Reichskonferenz, die die Mitglieder der Regierung stark in Anspruch nimmt, nur langsam vorwärtskommen. Nach Veröffentlichung der Regierungserklärung über die englische Politik in Palästina, die vermutlich noch vor Beginn der neuen Parlamentssession erfolgen wird, dürften die Besprechungen einen lebhafteren Fortgang nehmen. Die Regierungserklärung wird sich zweifellos hauptsächlich auf den Bericht Simpsons stützen. Wie die J. T. A. erfährt, wird Simpson in diesem Bericht einersphV seine Bewunderung für die jüdischen Leistungen in Palästina zum Ausdruck bringen und die konstruktive Arbeit, welche durch die Initiative jüdischen Unternehmungsgeistes geschaffen wurde, hervorheben, anderseits aber auch den Standpunkt der Araber darlegen, die sich durch das Wachstum der jüdischen Siedlung in Landbesitz und materieller Existenz, ja selbst in ihrer Freiheit und Religion bedroht fühlen, da die Palästina-Regierung bisher wenig für das; gegenseitige Verständnis von Juden und Arabern getan hat. Daher werden die von den Juden erzielten Fortschritte als feindlicher Vormarsch aufgefaßt und besonders im Hinblick darauf, daß der vom Keren Kajemeth erworbene Boden nie mehr zurückgekauft werden kann, mit Eifersucht und Mißtrauen verfolgt. Simpson wird wahrscheinlich versuchen, zwischen der Forderung nach Errichtung des j ii d i s c h e n N a t i o n a 1 h e i m s und dem zweiten Teil des Mandats, welcher die Rechte der T jetzigen nicht jüdischen Bevölkerung des Landes sichert, einen Mittelweg zu finden. Inzwischen hat das Kolonialamt die im Mai dieses Jahres suspendierten Einwanderungszertifikate noch nicht freigegeben. Die wirtschaftliche Lage Palästinas, das durch die Weltkrise in immer stärkerem Maße betroffen wird, dürfte durch das Zögern des Kolonialnmtes in der Frage der Wiederaufnahme der Einwanderung eine weitere Verschlechterung erfahren. Die abwartende Haltung des Koloninlamtes ist auf eine geringe Steigerung der Arbeitslosigkeit in Palästina zurückzuführen. Wladimir Jabotinsky 50 Jahre all* Wladimir Jabotinsky, der Schöpfer des zionistischen Revisionismus und Präsident der Weltunion der Zionisten-Revisionisten, vollendet am 18. Oktober d. J. sein 50. Lebensjahr. Jabotinsky wurde in Odessa geboren. Er trat schon 1899 publizistisch hervor und erwarb sich in der Folge als glänzender russischer Schriftsteller und Stilist einen bedeutenden Namen. Schon in früher Jugend schloß er eich der zionistischen Bewegung an und nahm .später an mehreren Zionistenkonf rcssen und an der H e 1 s i 11 g f o r s e r Konferenz der russischen Zionisten teil. Zu Beginn des Krieges begründete er in Kopenhagen die Zeitschrift „Die T r i b ü n e", in der er die Idee verfocht, Juden müßten in freiwilligen Formationen für die Befreiung Palästinas vom türkischen Joch kämpfen. Aus den von Dschemal Pascha aus Palästina vertriebenen Juden bildete Jabotinsky 1915 in Alexandrien ein F r e i w i 11 i ge n k o r ps, das England als besondere Formation mit eigener Fahne, die »WAßSflUCG« anrufender bequemste VSShn TEL* «24-5-20 stm fttnftt enphfctje Stoffe ALBERT HARDT ^z&r gegfr.1'79'5 -s^-- WIEN I. FREI SINGERGASSE 1 Telephon U 26&4I den „Magen David" trug, übernahm und zunächst bei den Kämpfen auf GallipoK als Maultier-Korps („Zion Mule Corps") verwendete. In London bildete jabotinsky aus russisch-jüdischen Freiwilligen in Wlutechapel ein Regiment, die „Jude a n s", dem , er selbst als Leutnant angehörte. Diese „Legion" (Gedud) wurde an der Polästina-Front eingesetzt, aber nach dem Kriege wieder aufgelöst. Als 1920 Araber in Palästina blutige Demonstrationen gegen die Juden veranstalteten, organisierte Jabotinsky eine jüdische S e 1 b s t w e h r. Er wurde dafür von einem englischen Militärgericht zu 15jähr ig er Kerkerstrafe verurteilt und in der Festung Akko interniert, dann aber zusammen mit gleichfalls verurteilten arabischen Anführern begnadigt. 1921 trat er in die Zionistische Exekutive und in das erste Direktorium des Keren Hajessod/ein, trat aber schon 1925 wieder zurück, weil er die Politik der Exekutive gegenüber England für zu nachgiebig hielt. Er begründete, die Partei der Z i o n i s t e n-R c v i s i o n4s t e n als einen Sonderverband innerhalb der zionistischen Weltorganisation, um in ihr für die Propagierung des Herzischen Judenstaates, Bildung einer jüdischen Legion in Palästina und radikale Vertretung der zionistischen Forderungen zu kämpfen. Seither steht er in schärfster Opposition zu der vom Präsidenten der Zionistischen Organisation Dr. Weizmann repräsentierten Richtung. Seine Judcnstaatss- und Wehrideen vertritt Jabotinsky in dem in russischer Sprache in Paris erscheinenden Organ der Revisionisten „Rasswjet" und in mehreren Broschüren, die in verschiedenen Sprächen erschienen sind. Jabo'tinsky besitzt eine außergewöhnliche- Sprachbegabuhg, als Redher erzielt er, in welcher Sprache immer er spricht, hinreißende Wirkungen. Ende 1928 nahm Jabotinsky seinen ständigen Aufenthalt in Palästina und würde Chefredakteur. der Jerusalemer hebräischen Tageszeitung „Doar Hayom". Als er nach den blutigen Ereignissen im August 1929, nach dem zurückgeschlagenen Angriff der nationalistischen Araber auf den jüdischen Jischuw, nach Palästina zurückkehren wollte (Jabotinsky hielt sich während der Ereignisse gleich den übrigen jüdischen Führern im Zusammenhang mit der Tagung des zionistischen Kongresses in Europa auf), verweigerte ihm die Palästina-Regierung die Erlaubnis zur Wieder ein- Ein Messi'as*§lüdk auf der jüdischen Bühne* „Sabbatai Zwi" bei den Wilnaern. Der aufwühlende Abschnitt der jüdischen Golus- Geschichte, die Epoche, die verknüpft ist mit dem Namen Sabbatai Zwi, reizte immer zum Versuch, sie episch, lyrisch oder dramatisch zu gestalten. Nichts ist begreiflicher, als daß die dem jüdischen Volk immanent scheinende Sehnsucht nach der Erlösung durch ein Wunder, in Person oder in Geschehen, auf den Plan Figuren brachte, denen religiöse oder politische Begabung und Trieb die Bahn zur Entfesselung zeitgebundener Massenbewegungen freimachte. Die dynamisch stärkste und interessanteste dieser Figur ist gewiß der von Ismir (Smyrna) kommende Kabbaiist Sabbatai. Dieser Mann hatte Vorgänger. Er hatte auch spätere Nachahmer. Die jüdische Geschichte vermerkt ihre Namen unter die zahllosen Irregänger der jüdischen mystischen Lehre von der Erlösung, die dem Volk Israel von seinem Gott zugedacht ist: aufrichtige Schwärmer, hingebungsvolle Mystiker, fromme Weise und — Schwindler aller Art. Den wenigsten war die Tat gegeben. Ihre Hinterlassenschaft — ein Buch, ein heiliger Sang, ein krauses Formelwerk. Nur ein Reubeni, ein Sabbatai Zwi, ein Josef Frank gruben tiefere Furchen in das Gesicht des jüdischen Mittelalters; Episoden nur, wenn auch nachhaltige, bei dem einen faszinierend, bei den anderen ungesegnet. * Die Literatur hat sich nicht mit Unrecht diesem Stoffgebiet zugewendet. In verschiedenen Zeitläuften sind Versuche gemacht worden. Sie scheiterten bislang, .wfa etw* Jakob. Wassermanns Prolog zu den „Juden von Zirndorf' Auch die neuere jüdische Literatur hat sich mit dem Problem des „falschen Messias" in der jüdischen Geschichte, ebenfalls nicht sehr erfolgreich, bemüht. (Hieher gehört auch des jungen Schalom Asch* formloser, danebengegangener „Sabbatai Zwi".) it Das Drama, das uus die Wilnaer Truppe an ihrem Eröffnungsabend im Theater Reklame vorführte, gehört in die Kategorie historischer Kompositionen. Es ist zunächst aus dem einen Umstand interessant, daß es nichts Geringeres unternimmt als eine Rehabilitierung des falschen Messias Sabbatai Zwi. Gilt Sabbatai Zwi im jüdischen Volksbewufltsein als der gewissenlose Abenteurer, Spekulant mit tausendjährigem jüdischem, geheiligten Sentiment, als Kabbaiist und Ketzer, Gottes Sendbote und Frevler an Gott, Erlöser des Volkes und der Verräter an ihm, so soll er in' dem Stück der Wilnaer, das auf eine Fassung des polnischen Dichters J. Zuwalski zurückgeht, als Märtyrer erscheinen. Diesen Sabbatai bringt nicht böse Absicht, bewußter Trug zum Verrat an Idee und Volk. Er kommt zu Fall durch kreaturbedingtes Sein und in der Erkenntnis dessen löst er sich in heroischer Tat vom Werk los und vom Träger dieses Werkes, dem jüdischen Volk, um die Erlöseridee' wieder reinzuwaschen. Sabbatai Zwi hat geirrt. Er weiß, daß er, der Unwürdige, weg muß von Gott und dem Volk Israel, auf daß Gott von seinem Volk Israel die Erlöserhand nicht abziehe. Das Volk Israel ist unbefleckt geblieben. 'i Aus dem historischen Stoff und dem Deutungsversuch ist ein Theaterstück geworden. Ein Theaterstück, das alle Elemente in sich vereinigt, die der Bühne geben, was ihr zukommt. Zunächst das Volk, das nach Erlösung lechzt. Im ersten Akt horizontal gelagert, schmerzverwühlt, vom Wunsche nach dem Erlöser bis zur Raserei gestachelt, dabei zeitweise wieder zur Resignation verdammt, bis endlich1 ihre Sehnsucht, die Sehnsucht der Mass e, ihn, den Helden, materialisiert. Bewegungen von Trauer und Verzweiflung und Freiheitsrausch durchschneiden den Raum. Der zweite Akt bringt die Atmosphäre des mittelalterlichen Orients — den Sultan Mahmed. Während vorher die Komposition Stumbul und Weltgäluth dominierte, ist der zweite Akt auf den Gegenpol des Galuthschicksals, auf das Reich des Islam, eingestellt. Kostüm, Geste, Melodie geben ihm den Charakter. Dem dritten Akt, dem Uebergangsthema von der irdischen Macht des Lebens, folgt nicht der erwartete Zusammenprall vom GbtterlÖser mit der Starrheit des osmanischen Herrscher\yillens. Sabbatai Zwi, der falsche Messias, ringt nicht mehr. Mit seinem seelischen Zusammenbruch fällt auch für den Augenblick die Tat der Erlösung. Kompositorisch wird dieser Gedanke durch das Schreiten der Masse über Höheu- und Tiefenlagen hinein in die Unendlichkeit verwirklicht. A ' Die Straffheit der Regie schuf eindrucksvolle Bilder. Bilder in archaisierendem Stil, holzschnittartig, scharfkantig, ein buntes Bilderbuch aus der Hagadah und aus Tausendundeine Nacht. Alex Stein in der Titelrolle legte sich einen unheldischen, vom ersten Augenblick zum Fall reifen Helden zurecht. Sein falsches Messiastum hatte seinen Gegenpol im Sultan Mahmed des Adam Domo, der sich in seiner angstneurotischen Brutalität so recht ausleben konnte. Sabbatai und Mahmed — zwei Figuren von einprägsamer Wirkung. Manja Pikus fand für das prophetische Mädchen Sarah lockende Töne. Die beiden Propheten Nathan und Nehemia von J. Kamay und J. S c h i g o r i n hatten biblische Haltung. Unter den Judentypen ragten die Damen W.a 11er, ViteIin, A11ba um und die Herren

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