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Die neue Welt · 1930-10-17 · Heft 161 (17.10.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 161 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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feite 9 DIE NEUE WELT Nr, 161 «s iso tuiiNscHtiNMrj PFLANZEM-M AS UnerrtttHI Iii QuaHUH Und #r«i»f Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht, Seiner «Ehrwüfden des Herrn Obei.aBbliierKS Darf In k«in«m JOdltchert riauiftäfl fiWih! Ueberau e r h ä 1 t Ii c Ii! J KARL BLAIMSCHE1NS Vereinigte Margarine- Und Bu.terfabriken, Wien, XIV., Dlefenbachgassey59 Wie lange noch die jtidftdie Sdimadi? Die Ohrfeige. — Der Weg zur Befreiung. Die Juden Wiens werden am o. November/iztiv sammen mit allen Einwohnern der österreichischen Republik, vor einer entscheidenden Willenskundgebung stehen. Sie werden zu bekunden haben, wiesie die Ge» schicke dieses Staates und ihre eigenen in ihm gestaltet wissen wollen. Sind im allgemeinen die politischen Zu« stände Oesterreichs alles andere eher denn klar und ein» deutig, so sind die speziellen jüdischen Verhältnisse noch verworrener. '\ Bei der Begründung der österreichischen Republik haben die Juden Oesterreichs einen — man kann sagen — großzügigen Versuch gemacht, auf aktive politische Weise für ihre Interessen im Rahmen des Staatsganzen Resonanz zu finden, sich aus dem nichtjüdischen Partei* getriebe herauszuschalen, kurz, auch politisch ein unbeeinflußtes Eigendasein zu führen. Sie haben einen Abgeordneten in den Nationalrat geschickt, ihre Männer in den Wiener Landtag und in die Bezirksvertretungen. ' Durch verwirrende Wahlparolen und Einschlich* terung mannigfacher Art ist es Sozialdemokraten, ja, so* gar Christlichsozialen gelungen, die jüdische Wähler» Schaft zu ihrem Stimmvieh zu machen. Was war die Folge? Eine Atomisierung des Ein* flusses, der den Juden auf Grund ihrer Zahl und Leistung gebührt, wie sonst in keinem Lande. Rücksichtslose Steuerausbeutüng durch Stadt und Staat, Reduzierung der jüdischen Beamtenschaft auf ein noch nicht da» gewesenes Minimum, beispiellose Verarmung des jüdi* sehen Kaufmanns, Handwerkers, Arbeiters. Nicht zu reden von der brüsken Verweigerung berechtigter'. "For* derungen betreffs des jüdischen Fürsorgeweisens, kültu* reiler und religiöser Bedürfnisse. Waren es früher die Sozialdemokraten und die christlichsoziale Einheitsliste, die den Juden dieses j,,HeiI" brachten, so wird jetzt ein neuer Kpder zuni Judenfang für die Wahlen ausgeworfen. Der totgeglaubte israelitische Liberalismus, die Herren Demokraten ver* schiedenster Färbung sind wieder auf dem Plan. Wie immer, ist auch jetzt ihre Rolle ziemlich merkwürdig. Inf Oesterreich wird ein sogenannter Block der Mitte ,geschaffen, dessen Fuhrer Dr. Johann: S ch0b e r heißen soll. Wo es Blocks gibt, müssen auch die Israeliten der Demokraten dabei sein. Kaum sprach man von diesem Block der Mitte, waren sie auch schon da. Sie boten sich an: ihre Führer und ihre Stimmen. Und siehe da! Die Großdeutschen, programmatische Antisemiten, ein "wesent* lieber' Bestandteil dieses Blocks,"' verlangenzunächst r,vbh den Demokraten, daß sie ihre Juden, in den Winkel stellen, daß keine jüdischen Kandidaten präsentiert werden! Die Herren stecken diesen Nasen* stüber ein, treten bescheiden zurück und präsentieren waschechte Arier. Die Großdeutschen sind noch immer nicht zufrieden. Sie wollen, daß der Wahlkampf mit Einschluß ihres Ra s s en a n t i s emi t i s m u s ge* führt werde. Das war schwer vorauszusehen! Entsetzt liefen die Demokraten zu Schober. Der meinte, achsel« zuckend zum Schluß: Da kann man nichts machen. Der Block war sozusagen perfekt. Die Demokraten schrien in die Welt: Wir sind drin, Mandate in. der Tasche! während die Großdeutschen, der Magnet des Blocks der Mitte, ruhig schmunzelnd den Hinauswurf der sich an« biedernden Demokraten konstatierten. Das war kein Nasenstüber mehr. Jetzt mußte sich Herr ^Hofrat Klang, Führer der demokratischen Armee, «um . Geständnis be* quemen 1 „W i r haben eine Ohrfeige.be« kommen!" Wir sind über den tragikomischen Ausgang dieses Spiels nicht so erstaunt wie die Gruppe um Klang. Assimilanten sollten doch daran schon gewöhnt sein. Weniger humoristisch ist die Situation, in der sich nun die Juden befinden. Sie bleibt schmachvoll*. wenn sich die Juden nicht in letzter Minute besinnen, allen Pressionen und Verlockungen zum Trotz die einzige würdige Möglichkeit ergreifen: die ^{senijjung^ eigener - jüdischer Vertreter in die gesetzgebende Körperschaft Oesterreichs. Die Zahl der jüdischen Stimmen reicht aus, wenn der jüdische WiHe Hinte* ihr [st! Es steht viel auf dem Spiel«, Der exzessive Antf* semitjsmus nimmt unheimliche Formen an. Die R%di* ktlisierung der Heimwehr, ihre Durchsetzung mit haken* kreuzlerischen Elementen, die heillose Angst der Sozial* demokraten vor der Abstempelung „Jüdisch", die un* erhörte Wirtschaftskrise müßte den Juden die Äugen Öffnen. Die Öhrfeige, die die Politik der Demokraten ein» gesteckt hat, ist eine Warnung. Die jüdische Kandi« d a t u r bedeutet den einzigen Weg, der aus der Schmach heraus zü zweckdienlicher, würdige«, rechtlicher jüdischer Arbeit und jüdischem Leben in der österreichischen Republik führen kann. London wird nicht zufrieden sein. Ein „unfreundlicher" Empfang. Wien, 15. Oktober. Sir Drumond Shiels, der Unterstaatssekretär im britischen Kolonialamt, stattete Palästina einen Besuch ab. Angeblich wollte er persönlich die Verhältnisse des Landes studieren, untersuchen; er will dem neuen kon* struktiven Arbeitsprogramm der britischen Regierung, das nach dem Simpson«Bericht festgelegt werden soll, durch seine im Lande persönlich empfangenen Eindrücke(die Richtlinien geben. _ 1 . , Wenn wir uns nicht täuschen, so kann, man bereits beute einäh kleinen Vorgeschmack des ShielsiPjassfield* sehen Arbeitsprogramms verspüren. Herr Shiels hat mit Juden und Arabern Besprechungen gehabt. Die ersten sind zu ihm mit einem nassen, die zweiten mit einem Schelmisch lachenden Auge gekommen. Dem braven Ver* treter der zionistischen Exekutive Cplonel Kish gab er zu verstehen, daß mit ihm keine Faxen zu machen sein. Er kann, meinte er, die gegenwärtige Proportion im Lande nicht ändern, und es fällt ihm nicht ein, eine Privilegien* Wirtschaft zu befürworten. So lehrte er energisch unserem Kish. . Die Araber empfing der Unterstaatssekretär etwas leutseliger. Es war so, etwas wie von Fortsetzung der seinerzeit geführten Unterhandlungen mit den Arabern in London die Rede, vom unheimlichen Spuk der Parlame.ntsidee und von ..- ähnlichen erfreulichen Dingen. , : Herr Shiels ging aber noch weiter. Er gab den Juden den Rat,- den Mund zu halten. Unklug, sagte er, ist der Füllt wieder den Becher! Solch' feuriges Glühen. Nie fühlt* ich zuvor mir den Busen durchsprühen!,. Das nenn'.,ich fürwahr einen göttlichen Trank! Wer HubersBrand trinket,' wird doch niemals kränk. Affront gegen die britische Regierung und — ei, eil — gegen die Administration im Lande. Also schön still sein! Meinte das Churchillschej-^ejjßbuch noch, die Juden seien in Palästina kraft des ^eetu^s lind nicht der Duldung, so sind sie bei -Mäe Öortald, PäSsfield ünd Shiels nur noch g e <fti) i&e';V )Sov j;f|n^res^ionfert", ging ^rjerrj,'^hiels im Lande ,§p.azieren.,_NDiei. Offiziellen".. Juden, empfingen, ihn ', uberall '.■niit. .•jSalz '. und Br6t,£ Bankette gab's,; Mittagessen, Redend Vorsprächen ' der Parteien. Auch' in Tel*Äwrw. Hier im festlich geschmückten Saale, der Stadtverwaltung gab es noch „diplomatische Höflichkeit". Drinnen im Saäl'ef .' •' •- •" ' ' ■• ■ ' ' ■{ ■'■ ■•':f Aber, das Volk draußen, hat leider wenig Respekt vor höfischen Sitten. Es geschieht ihm täglich bitteres Unrecht. Man hat ihm versprochen, ein ungehemmtes jüdisches Leben führen zu können. Die Brüder und Schwestern draußen in der schmachvollen Galuth wollen zu ihm. Das Land braucht Bauernhündc für seinen Boden, A.rbeitQrhänjde .für. seinev Werkstätten: und, doch hier-, und dort betrogen! Auch das Volk in Tel»Awiw empfing Herrn Shiels, den Unterstaatssekretär des Londoner Kplonialamts, in dessen Schoß das Schicksal Palästinas ruht. ,Es empfing ihn mit Pfuirufen, mit Flüchen, ja man sagt, mit Steinwürfen. Und der Gummiknüttel der britischen Administration war die einzige Antwort auf die laut gewordenen Beschwerden. Einige der Demon* stranren sind in den Arrest gewandert, da half kein Pro« test des Waad Leumi gegen die Brutalität der britischen Polizei, kein Kautionsahgebot zur Freigabe der Ver* hafteten. Herr Shiels war im Lande. ' Herr Shiels hat Tel*Äwiw eilig verlassen. Noch ein „Eindruck*4, den er mitbekam, ein Reflex der wahren Stimmung im Lande., Ja, Herr Shiels, der Befürworter des Status quo auf der Gfenfer .Konferenz, erfreut sich wahr» lieh keiner Beliebtheit in Erqz Israel. Da werden keine Beschwichtigungen der Londoner zionistischen Exekutive helfen, die sicherlich über den „unfreundlichen" Empfang entsetzt ist. Wir erwarten tag* lieh eine schlechte Sfttennote für die Tcl*Awiwer Be* völkerong. reinen ,Tadel für die Demonstranten. Die Lon» daner zionistische. Exekutive wird aber ^schließlich doch wahrnehmen müssen, daß.ihr politisches System, bankrott ist», die- Londoner LabowRegierung, daß - das jüdische Volk sein Recht verlangt. . . >. A f?\% * ■ ' ' 7-V .- .Der, Anlaß zu den' Demonstrationen gegen gbiels ' >/ \ ' v .: in Tel-Awbv. ' ,ttv , ■ ■ ■ I*pn4pn, 12. Oktober. In der Londoner Presse .k^jj|pto,die Meinung^ zf(ni Ausdruck, daß die Demon* " stptjpnljm ||egen ieij, unttrstaaissekretär für die Kolo* |t ni^^D#.%|)rummond Shiels in TeUAwiw darauf zurück* zuführen seien, daß nach Meldungen, die in Palästina'aus London eingetroffen waren, Dr. Shiels; der! Arabischen Jtt 4^ Afe 4*11 m nach Gemälden berühmtet \|OD8llnSjfld^«H.rH«l«r HERZL-Gobellns *rz«ugtAtelier Zaltf&dllilt Wien, V., Anzengrubergasse Nr. 30 .. Telephon U-40-9-17 Exekutive die Schaffung eines p a 1 ä s t i n e n S i sehen Parlaments zugesagt hätte. Die Demonstranten hätten gerufen: „Nieder mit dem Parlament, nieder mit dieser Ungerechtigkeit gegen die Juden!" Die Polizei sei genötigt gewesen, von den Gummiknüppeln Gebrauch zu machen, um die Menge zu Verstreuen. * Erklärung des Hauptbüros der Union der Zionistcn- Revisionisten, London, zu den Vorfällen in Tel- Awiw. Vor einigen Tagen ging eine Nachricht durch die jüdische und nichtjüdische Presse, daß die Revisio* nistert in Tcl»Awiw verantwortlich seien für die Demonstration gegen Dr. Shiels, dem Gehilfsminister des Kolonialamtes, die während seiner Anwesenheit in TebAwiw erfolgte. Das Hauptbüro., der Union der Zionisteh*Revisio* nisten in London setzte sich sofort mit der revisionisti* sehen Landeszentrale in Palästina ins Einvernehmen und erhielt die Information, welche es ermöglicht^ ganz definitiv mitzuteilen, daß weder die revisionisti* sehe Organisation noch der B r i t h T r u m p e 1 d b r in Palästina die Demonstration verusacht haben, welche spontan war und an welcher hunderte Personen, An* gehörige der verschiedenen Parteien, teil* nahmen. Unter den verhafteten Personen sind folgende .Revisionisten: Achimeir, Segal, Tagansky und Bendavid. Die Tatsache, daß ein so großer Teil der Verhafteten der revisionistischen Organisation angehört, kann nur durch die voreingenommene Beziehung der Administration, welche die Verhafteten nach Jaffa gekettet' überführte, erklärt werdend Jüdischer Religionsstreit in Australien. Melbourne, 9. Oktober. Weite Kreise der Melbourner Jüdischen Gemeinde fühlen sich durch einige in der australischen Presse von dem Ii b eralen Rabbiner Mark gemachte Aeufierungen in ihrem religiösen Empfinden verletzt: Wahrend Rabbiner Mark in einem1 Interview' mft' derii' Vertreter der „Daily Press" erklärt hätte, die Liberalen seien Gegner 'eines'-' mitfel- WICHTIG FÜR STOTTERER 1 Dr. S. Löw, Wien,. V., Mittersteig 4, Tel. B-27-2-14, befreit Sie von diesem unangenehmen Sprachleiden nach eigener M.ethoüe. . Sprechstunden tflgl. von 2—5. Sonntag 9—11 Uhr. Zahlreiche Dankschreiben so\vie viele anerkennende Zeitungsartikel. alterlich ghettohaften Judentums, schrieb er im „Jewish Herald" u. a.: „Lang genug haben wir vom ' Glauben unserer Väter gesprochen; jetzt müssen wir an einen Glauben für unsere Kinder denken. Ich genieße unbedenklich meine Schüssel 'Austern und verschmähe Schinken nur, weil -er mir nicht schmeckt, nicht aber aus religiösen Bedenken." Diese Aeufierungen würdenvon den konservativen-Rabbinern anläßlich des Kol Nidre-Gottesdienstes scharf zurückgewiesen. ' Rabbi B.r q d-i e legte Verwahtung ,e|n gegen den Versuch, mit Hilfe einer Methode, die darauf ausgehe, den Gaumen' religiös flauer Juden zu kitzeln, der Welt ein offenkundig entstelltes und verschwommenes Judentum zu verkünden, das keine Opfer verlangt, religiöse Laxheit mit liberaler Gesinnung gleichsetzt und religiöse Gleichgültigkeit zu rechtfertigen und zu beschönigen versucht, indem es sie „religiöse Entwicklung" nennt. — Der liberale Kol Nidre- Gottesdienst in Melbourne fand unter großer Teilnahme statt und wurde durch den australischen Rundfunk verbreitet. Ein verdienter Hinauswurf. London, 9. Oktober. (J. T. A.) Dem „Manchester Guardian" wird aus Berlin berichtet, daß eine jüdische Bürgerin der Vereinigten Staaten, Vertreterin einer großen Organisation, bei dem nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Goebbels im nationalsozialistischen Parteihaus vorsprechen wollte, jedoch abgewiesen wurde mit dem Hinweis darauf, daß Goebbels grundsätzlich keine G e s p r ä c h e mit Juden führe. Die Dame wurde von anwesenden Nationalsozialisten beschimpft und bedroht, so daß sie gezwungen war, das Parteihaus schleunigst zu verlassen. „Manchester Guardian", der den Namen der Dame auf deren Wunsch geheimhält, knüpft an diese Mitteilung die Bemerkung, daß in einem zivilisierten Lande mindestens ein höflicher Empfang der Dame hätte erwartet werden können. * Der „Manchester Guardian" hat unrecht. Eine Jüdin» die aus Sensationshascherei sich an Hakenkreuzler anbiedert, ist keine Dame und verdient keine andere Behandlung.

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