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Die neue Welt · 1930-10-10 · Heft 160 (10.10.1930) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 160 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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- Wt. m vennehrt und ihr kulturelles Niveau nicht gehoben haben, sind die Juden Osteuropas auf 15 Millionen ange« -wachsen, von denen 5 Millionen nach Amerika auswanderten. Sie sind durch eigene Sprache, Religion, Tradition, Tracht und spezifische Berufe deutlich als ethnische Einheit gegen ihre Umgebung abgegrenzt. Die französische Revolution brächte den Juden Frankreichs individuelle Gleichberechtigung, erkannte aber nicht das jüdische Volk als eigene Gruppe an, weil die sephar* dischen Juden Frankreichs assimiliert und die Ostjuden fast völlig unbekannt waren. Für die Ostjuden dauerte das Mittelalter bis zum Ende des Zarismus. Seit 1870 tritt in Mitteleuropa (seit dem Kriege auch in Osteuropa) eine rückläufige Bewegung der jüdi* sehen Vermehrung ein,- die nur durch Zuzug aus dem Osten einigermaßen kompensiert wird. Die heutigen Juden Westeuropas sind zum großen Teil Nachkommen eingewanderter Ostjuden. Die starke Vermehrung der Juden im Osten führt zu ihrer wirtschaftlichen Entwurze* lung. Infolge der Einwanderungsbeschrän« kun gen ist die überseeische Auswanderung von Juden, die vor dem Kriege 200.000 jährlich umfaßte, heute auf 40.000 gesunken und sinkt weiter. Die Ausgewanderten können nur zum Teil ihre ethnische Eigenart beibehalten. Das Resultat ist Zerfall der ethnischen Einheit und ein Hinüberwechseln zu anderen Völkern. Hiebei sind drei Stadien zu unterscheiden.' 1. Der Zustand fast völ* liger Einordnung in Leben und Kultur der umgebenden Bevölkerung (Südamerika, Italien, Ungarn); 2. labiles Gleichgewicht zwischen Zugehörigkeitsgefühl zum jüdi* sehen und zum umgebenden Volk (Deutschland, Eng« land, Frankreich); 3. Ueberwiegen des jüdischen Zu« sammengehörigkeitsgefühls (Osteuropa). Vefmutlich wird aber in Osteuropa dieselbe Entwicklung vor sich gehen wie in Westeuropa. Die Konzentrierung in Pa-, 1 ä s t i n a erscheint demnach als das einzige Mittel zur Erhaltung des jüdischen Volkstums, weil dort j. die Möglichkeit besteht, einen größeren Pro* zentsalz der Bevölkerung zu bilden als anderswo, 2. weil durch das Auflebet) der hebräischen Sprache ein Instrument zur Fortentwicklung der jüdischen Kultur ge* geben ist und 3. weil die Juden durch Zugang zu samt« liehen Berufen, auch zur Urproduktion, die Möglichkeit haben, einen geschlossenen Wirtschafts« k ö r p e r zu bilden. Kaplan sky begrüßte die belgischen Sozialisten« führcr, den früheren Minister Camille Huysmans und den Abgeordneten Louis P i e r a r d, Sowie den Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes Goudal. Huysmans hielt, lebhaft akklamiert, eine Begrüßungsansprache und führte aus: Als Sekretär der Zweiten Internationale bin ich seinerzeit gegen den Willen der Vertreter der großen Nationen für die Aufnahme der Poale Zion in die Zweite Internationale eingetreten, weil wir, Vertreter kleiner und unterdrückter Nationen, den Auf* bau Palästinas niemals für eine Utopie und die Unter» Stützung dieses Werkes, niemals für unmarxistisch ge« halten haben. Auch in Belgien gibt es zwei Na* t i o n e n. In diesem Sinne ist mein anwesender wallonischer Genosse Pierard der „unterdrückende Araber" und ich selbst bin der unterdrückte „arme J u d'!" Wie es aber Vlamen und Wallonen gelungen ist, sich im Zeichen des Sozialismus zu verbinden, so wird es hoffentlich auch bei Arabern und Juden der Fall sein. Während der Mittagspause wurden Verhandlungen mit der ausgeschlossenen Opposition geführt, welche zur Beilegung der Differenzen führten. Als letzter Redner sprach M. Erem über das jüdische Wanderungsproblem. .Bevor er auf sein Thema einging, protestierte er namensder Linken Poale Zion gegen den Ausschluß der Fraktion am "Vor* mittag, erklärte, die Demonstration für Jiddisch am Vor« tage sei nicht gegen die hebräische .Sprache, sondern gegen die Zurücksetzung des Jiddischen, der Sprache der jüdischen Arbeitermasseri, gewichtet ge* wesen. Auf Grund ihres Programmes, das j e d e K o* Operation mit der Bourgeoisie ablehnt, sei die Linke Poale Zion zur Stellungnahme gegen Sokolow genötigt gewesen. In seinem Vortrag legte Erem die Nöte der jüdischen Emigration infolge Anwachsens des Auswande* rungsbedürfnisses einerseits und der verminderten Auf* nahmefähigkeit der Immigrationsländer anderseits dar. Palästina wird zum JZicl der jüdischen Einwanderung nicht aus romantisch*ideologischen, sondern aus rein ökonomischen Gründen. Jüdische Massenein* Wanderung sei nur auf politischem Wege möglich? Erstens durch Kampf gegen die imperialistische Okkupationsmacht, für die Palästina nur strategische Bedeutung hat, die die jüdische Einwanderung beschränkt und Araber und Juden gegeneinander ausspielt. Zweitens durch Spaltung des unter der Führung der arabischen Großgrundbesitzer stehenden arabischen Bevölkerungssektors. Man müsse an der Seite des arabischen Proletariats den Kampf gegen den arabischen Feudalismus führen und eine sozialistische Bodenreform zugunsten der Fellachen anstreben. Drit* tens durch Aufgabe der Koalition mit dem j ü d i s c h e n ' B ü'r g e r t u m und 'Schaffung einer einheitlichen jüdisch*arabi sehen Klassenkampf fro'nt in Palästina. Montag vormittags erstattete Suhnan Rubru scliu w sein Referat über „D i e jüdische Arbeiter* beweg ung in allen Ländern". Die jüdische Ar* beiterbewegung ist kaum mehr als 30 Jahre alt. In ihren Anfängen war sie im wesentlichen auf Rußland beschränkt und stand Palästina vollkommen ablehnend gegen- Pfg NEUE WELT über. Die dritte Konferenz des „Bund" im Sommer 1000 in Bialystok beschloß den Ausschluß aller Mitglieder, welche Palästina bejahen, aus Partei und Gewerk« schaft. In dreißig Jahren hat die jüdische Arbeiterbewe* gung eine. Umgestaltung ihrer Grundlagen und eine Aus? breitung über die ganze Welt erfahren. Ein Drittel aller europäischen Juden besteht heute aus Lohnarbeitern, die kraft ihrer Zahl und politischen Energie berufen sind, eine entscheidende Rolle in der Schicksalsgestaltung des jüdischen Volkes zu spielen. Das Gefühl der V c r b u n* denheit mit Erez Israel wurde in dieser Zeit ebenfalls gestärkt, und es liegt diesem Kongresse die Aufgabe ob, den Kampf zwischen Palästina be« jahenden und Palästina gegnerischen Arbeitern zu be* enden. Die drei Haüptkräfte der europäischen Arbeiter* bewegung, nämlich 1. der organisierte Gewerkschafts* kämpf als Ausdruck der persönlichen und Klasseninteressen, 2. die Partei als Ausdruck des Willens der Ar* beiterschaft zur Macht und 3. der MJssionsgedanke der Arbeiterschaft als Befreierin der Menschheit, haben in der jüdischen Arbeiterbewegung ihre besonderen Aus* drucksformen, deren Organisierung sehr schwierig war. Der Kampf um die. Existenz führte zu einer Spaltung der früher trotz verschiedenartiger Kämpfe immerhin einheit« lieh gewesenen jüdischen Gemeinde in Klas* 3 e n. Es war sehr schwer, trotz dieser klassenmäßigen Scheidung die nationale Einheit aufrechtzuerhalten. Die Errichtung politischer Machtpositionen war der jüdischen Arbeiterschaft nur in beschränktem Umfang möglich. Sie konnte sich wohl dort» wo sie in größeren Mengen kon* zentriert war, also in den Städten, maßgebenden Einfluß in den VerwälturtgJskorpera, sichern^ d'är Zugang zur Macht im Staate war ihr aber, naturgemäß verschlossen. Notgedrungen nahm sich daher das Machtstreben der jüdischen Arbeiterschaft die Hegemonie in der jüdischen Nation zum Ziel. Damit wurde einerseits die Lösung vom jüdischen Volkskörper, die seinerzeit den Gegenstand der berühmten Diskussion zwischen- S m o 1 e n s k i und LI e* b ermann gebildet hatte, vermieden Und anderseits die spezifisch*jüdische Form der dritten sozialistischen Haupt* Seffe f " ^.: ^;1:;:::: i l;: i i n :;;; i::;.;, ■.;;,.., v m j 1 s:. m i m ■ m n j n i m ,! h n; i i; 11 r 11 j t h 1 n 1H' Zentralsparkasse ll!l!llli!l!llllllilllllll!!l!)l!!l!llii:!ll!:i!lllllllll!llll!llllll!llllllllll!!!llllllll!!!lllll!ll!lllini!ltl der Gemeinde Wien s § & ES TM I .00 •nt Q> 4 <N N Wien I, Wipplingersiraße 8 Fernruf; U-23-5-60 Kreditverein der Anstalt: VII, Neubaugasse 7 Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem gesamten Vermögen für alle Einlagen in der Antfalt i kraft, der Kraft des erlösenden Ideals, durch Verknüpfung mit der PalästinaJdee gefunden. Die kommunistische Spaltung, von der die gesamte Arbeiterbewe* gung, betroffen wurde, hat auch die jüdische Arbeiter* bewegung nicht verschont. Ein Teil der aktivsten und revolutionärsten Elemente der Bewegung steht. heute unter der Führung der Jewsekzija im Lager des Kommunismus. Es ist bedauerlich, daß dieser Teil der jüdischen Arbeiterbewegung, der sich vom lebendigen Volksorganismus losgelöst hat, trotz seiner Aktivität und zahlenmäßigen Größe notwendig ohne Bedeutung für das Volksganze bleiben muß. (Der Schluß. des Berichtes folgt.) V®bi dem Inden Indiens* Eine Kundgebung de* indisdoen Juden zum <Qhanda*Auf§tand. — Zahl und Herkunft* —• Dae braunen »Bnai Bsvael«» — Die schwarzen luden von Codrfn* — De* Sudenslaat in ffranganar« — E>ie arabischen und persischen Juden« — Die weißen Juden» Der Ghandi* Auf stand in Indien wird damit be« gründet, daß England eine fremde Macht im Lande ist, die kein Recht hat, Indien in. seinen Unabhängigkeits« bestrebungen zu stören. Die Ausschreitungen, die sich infolge des Aufstandes ergaben, waren nicht nur gegen die Vertreter der englischen* Mächt im Jfcande, sondern gegen alle Fremden gerichtet. Die. indischnatiönaje jße* wegung hat unter ..den 3^^^ j'j-: (.1I-liJtL.* begreiflicherweise starke^ BiKtfnruhigun£|: hervorgerufejDu Sie fand in einem Memorandum der Fremden in Bombay an den Vizekönig ihren Ausdrück. In dieser Eingabe wird der Vizekönig aufgefordert, gegen die indischnationalen Volksmasäfen stärkere Maßnahmen zum Schutze des Lebens und Gutes der Europäer zu ergreifen. Es ist in Europa jedoch wenig bekannt, daß die indischen J u d e n, anläßlich dieser Forderung der Europäer, eine Kundgebung erließen, welche sehr inter« essant ist. In dieser Kundgebung erklären die indischen Juden, daß sie zur indischriationaleh Bewegung eine ganz andere Einstellung haben, wie die in Indien . lebenden Europäer. Die indischen Juden müssen die Anschauung, daß sie als Fremde in politischem und staatsrechtlichem Sinno anzusehen seien, mit aller Ent» schiedenheit zurückweisen. Sie können mit der indisch« nationalen Bewegung einverstanden sein oder auch nicht. Sie lassen . sich hiebei ausschließlich von ihrer Ueber» Zeugung und politischen Anschauung leiten, ohne ihr eigenes, nationales jüdisches Bewußtsein aufzugeben. Aber nie und, nimmer, können sie es dulden, in Indien als Fremde betr£»phtc,{ oder behandelt zu Werden. Deshalb lehnen sie es auch ab, ihr Schicksal von englischen Bajonetten abhängig zu machen. Sic fühlen sich trotz ihrer nationalen Verschiedenheit als cingeborne., gleichberechtigte und in ihrer Ueberzeugung unabhängige Einwohner und Bürger Indiens. Diese Stellungnahme der indischen Juden ist in der Tat historisch begründet. Wohl ist ihre Zahl nicht groß, aber der größte Teil von ihnen gehört Familien an, die bereits seit vielen Jahrhunderten in Indien seßhaft sind. Spricht man aber von cingebornen indischen Juden, so darf man hiebei auch nicht an eine einheitlich zu« sammengefaßte jüdische Gemeinschaft denken. Denn die insgesamt 25.000 Juden inmitten einer Bevölkerung von dreihundert Millionen Seelen sind in vier voneinander, nicht nur in der Sprache, sondern auch im religiösen und Volksleben, grundverschiedene Gruppen geteilt, von denen jede eine besondere historische Vergangenheit hat, und zwar 1. die „B n a i I s r a e 1" von Bombay, 2. die „schwarzen Juden" von Cochin, 3. die „arabischen und persischen Juden" und 4. die „europäischen Juden". Die „Bnai I s r a e 1" sind 4hrem Aeußeren nach dun eingebernen Indern ähnlich. Ihre Hautfarbe ist dunkelbraun, ihre Sprache ist das „Maharati", eines der unzähligen in Indien gebrauchten hindostanischen Idiome. Die hebräische Sprache verstehen sie nicht und selbst ihre Gebete verrichten sie in Maharati. Das einzige hebräische Gebet ist das Schemagebet, welches sie bei jedem religiösen Anlaß und an allen Feiertagen rezitieren. Aber auch dieses Gebet ist bei ihnen schon sprachlich korrumpiert. Wie bei allen orien« talischen Ju'en ist auch bei den „Bnai Israel" die Viel« w e i b e r e i gestattet. Hingegen ist ihnen die Institution des rituellen Scheidebriefes, des Get, unbekannt. Will ein. Ehepaar auseinandergehen, so nimmt es für, diesen '•'SGweck die Intervention des indischen zivilen Standes* beamten in Anspruch. Die Ehescheidung wird bei ihnen eben nicht als eine religiöse Handlung betrachtet. Die Geschichte der „" ai Israel" ist im großen und ganzen in Dunkel gehüllt. Laut ihrer eigenen, von Generation zu Generati- ./eitergegebenen Ueberlieferung lebt dieser jüdische Stamm schon seit 1600 Jahren in Indien. Nach dieser Volkssage hat sich eine große Zahl von Juden vor den Verfolgungen nach Indien retten wollen. Der größte Teil dieser Flüchtlinge sei jedoch in einem furchtbaren Sturm ums Leben gekommen und bloß sieben Männer und sieben Frauen konnten sich retten und nach Indien gelangen. Von diesen sollen nun die heutigen „Bnai Israel" abstammen. In dieser Legende scheint, ein Körnchen Wahrheit zu liegen, aber es ist ebenso sicher, daß in den Adern der „Bnai Israel" nicht wenig Inderblut fließt und daß es Zeiten ge* geben hat, da die „Bnai Israel" kaum mehr wußten, daß sie jüdischer Abstammung sind. Daß sie doch, wenn auch in stark verwässerter Form, auch heute noch dem jüdi« sehen Volksstamm angehören und sich als Juden selbst« bewußt bekennen, ist dem Umstand zuzuschreiben, daß im Laufe der Jahrhunderte einzelne Persönlichkeiten aus ihrer Mitte ihren starken Einfluß auf die „Bnai Israel" dazu verwendet haben, in ihnen das jüdische Bewußtsein und die jüdische Religion wachzurufen und zu erhalten. Eine dieser Persönlichkeiten war Samuel D i w e k a r, der auch sonst eine interessante historische Erscheinung war. Er starb im Jahre 1796. Von diesem Diwekar weiß der „Bnai Israel"*Stamm zu erzählen, daß er Soldat bei den englisch»ostindischen Streitkräften war, die gegen die indischen Fürsten kämpften. Diwekar geriet in die Gefangenschaft des Sultans Tipo Sahib und soll nun in der Gefangenschaft das Gelübde geleistet haben, für den Fall, daß er befreit würde, sein ganzes Leben der Förderung des jüdischen Glaubens unter seinen ' Vereinigung der zion.-demokr. Jugend Wien, II«, Untere Augartenstraße 38 Samstag, en 11, Oktober findet um 8 Uhr abends im „Herifaaal" des Verbandsheims demokratischer Zionisten, Wien, II* Untere Augartenstraße 38, eine Jugend-Akademie statt. — Das reichhaltige . Programm, bringt;;u, a. { Sprech-' und aesangschttre, Reiitationcm, Einak er «tc. Jugendliche S —.50 Erwachsene 8 1,—

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