Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 160 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seifet DIE NEUE WELT Nr. 160 »Jekeli- Wachs« das beste und leichtest anwendbare EinJaß- und Glanzmittel für harte oder weiche Fußböden und Linoleum Ueberau erhältlich Karl F. Jekeli'8 Wwe. 4 Co. «Tieft XII. einem Kampf zwischen jüdischen Betern und Jungkom* munisten gekommen sei. Die. Kommunisten hatten ver« sucht, Juden, die sich in der Nähe des alten jüdischen Friedhofs in Bcrditschcw zum Gottesdienst Versammelt hatten, gewaltsam auseinanderzutreiben. Somolow, ein jüdischer Jungkommunist, der früher Sommerfeld geheißen hat, sei der Anführer der Rotte gewesen. Als der greise Rabbi Räppaport, der den Gbttestitenst leitete, Somolow vorhielt, daß der Gottesdienst vori d<*r G. P. U. gestattet worden sei, habe ihn Somölow^'b e* spien, worauf es zu einem Kampf känv indessen Ver* lauf zwei Juden getötct uittl '-vier verwundet wurden. Rote Kavallerie soll dann in die Versammlung der Andächtigen hineingeritten sein, wobei' eine weitere Anzahl von Juden schwere Verletzungen erlitt. Von den Sowjet'beliördcri seien Hausdurchsuchungen angeordnet und etwa 100 Juden verhaftet worden. ' •: ' * » - i Die jiddisch/kommunistischc ' Tageszeitung „Emcs" veröffentlicht einen Bericht aus B e r d i t s c h e w, in welchem über den Mißerfolg d.c r .antireligiösen Kampagne Klage geführt wird. Es' wird festge« stellt, daß ein ausgezeichneter Plan" für eine' große ahti« religiöse Aktion in Bcrditschcw vorgelegen habe, der aber auf dem Papier geblieben ist; cs-se'i nicht einmal der Versuch* gemacht worden, die antireligiöse Kampagne in dieser fast nur von Juden bewohnten Stadt durchzuführen. Kommunistische Provokationen in Polen anläßlich des Joni Kippnr... Warschau, 6. Oktober Die' Versuche von kom« leninistischer.Seite,-anläßlich des Jörn Kippur in .Warschau und Lodz ah tircligiösc Dcmöiistrationcnzü veranstalten, sind gescheitert. Die Küche des „Bund" in der Nahe der „TlbmazkisSynagogc" m Warschau war am Jörn Kippur g e ö f f n c t, ebenso die Klubküchen von „B u n d" und linken „P o ä 1 e Z t ö-n". Zur Zeit des Kol-Nidrc«Gebetes wurden A rb e i t c r * V c r s a m mt lungen abgehalten. In dem Städtchen Gura«Kalvarja, der Residenz des „Gerer Rebbc"-, einem großen chassi* dischen Zentrum, hißten Kommunisten auf dem Bcth Hamidrasch des „Gerer Rebbc" eine-rote Fahne, die dann von der Polizei entfernt wurde. So-dann hielten die Kommunisten eine Versammlung auf einem Platze zwischen dem Beth Hamidrasch und der Synagoge ab. Während des Kniens beim Gebet (Korim). drangen zwei unbekannte junge Leute in das Beth Hamidrasch ein und versuchten; photographische Aufnahmen zu - machen. Die, Chassidim wollten dies nicht zulassen,' es -kam "zu. hefi tigen Auseinandersetzungen, in deren . Verlauf die Ein* dringlinge Revo-lve r Schüsse abgaben, wodurch Panik entstand. Schließlich konnten-die Chassidim die Eindringlinge überwältigen und der Polizei übergeben. Handelsbeziehungen zwischen der Tschechoslowa- --• •-.•••i>.\ r• "tei'n^dvPal^tiii^t-.-.- . . . •. >„\ '' Prag, 4. Oktober. (J. T^A.) Nach einer Sfetteiiung1 des Handelsmin^tertaras' haT jd'er: Imftbrt der Tschecho* Slowakei aus Palästina im Jahre 1928 tsch. K 589.000, der Export nach Palästina tsch. K 8,24^.000 betragen, so. daß sich im Handelsverkehr der beiden Staaten eine Aktivvtät ' der Handelsbilanz *• zugunsten der Tschechoslowakei mit 7,5 Millionen tsch; K'ergibt. Die Tschecho* Slowakei importierte aus Palästina Wein (215.000), Orangen (194.000), Rohbaumwolle (103.000). Sic .expor* tiefte nach Palästina Baumwollwaren für 1,5 Millionen tsch. K, Glaswaren für 1,230.000, Schuhe und Leder* waren für 970.000, Schafwollwarcn für 800.000, Konfek* tjon für 700.000, Tonwaren und Porzellan für 500.000 tsch. K u. a. m. Die Sejmwahlen in Polen Ein zionistischer Block. — Die allgemeinen Zlonisten Ostgaliziens vorlassen die zionistische Front. Von unserem Warschauer N. R.-Berirhtergtatter. W a r s c h & 11,?. Oktober 1930. Der zionistische Block, welcher die allgemeinen Zioniaten Kongreßpolens und der Randgebiete, Ost- und Westgaliziens, ebenso die Misrachi- und Hitachduthorganisatiqncn ganz Pojens umfaßt, hat nadi eingehenden Beratungen Ende,J^cptember den Beschluf! gefaßt, eine Gemeinedliaft mit der trenouhgsörthodbxen Aguda im Wahlkampf abzulehnen. Ausedilaggcbend war, daß die Aguda, insbesondere bei den letzten Wahjen im Jähre 1928, dem nationalen Judentum durch Aufstellung von Gegenlisten in den Rücken gefallen ist und daß ihre Vertreter im Parlament immer gegen die nationaljüdiedicn Forderungen kämpften. Trotzdem in Kongreßpölen die Beschaffenheit der jüdischen Wahlkreise eine ßoldic ißt, daß audi sdiwache HF11"'KlTDFW oeaan liehlat, Hexenschuß, Neur» iil*iLl\ui\L.ll aigicn und Rheumatismus in der F«n$oftei»!! Itallenlsöie istfilas-StfiTicnRiircn. fljinraafcurßn In Asthmahamraern l! Getarntes physlkätlstnes Heilverfahren DermlnnenbMder Hochftequensbehandlunfl jüdische Cegenkandidatch dcri^jErfölg gefährden, zog mau Verminderung der jüdischen Vertretung dem Zusammengehen mit der unzuverlässigen Aguda. vor. Der Entschluß loste in den zionistfedien Reihen des ganzen Landes Begeisterung aus. . In der Sitzung des zionisttedven Blockes stellten plötzlich die Vertreter OstgaÜZiiens, die Herreu Dr. R oßmarin und Dr, Schmorok den Antrag, das Verhültuis zur Aguda. eäAcr jjipMprjlid^^n, Be,ra!t.ui^g: /,u. unter- I/Jej^er],, .dies^init al|ön .^pVjrie^ajSffelehnt wurde, jverfäflgten sie, r'dnß^ ma'a ^fitrv?Ösf^atizien . jßinen ' Block «mit, -der- Aguda bilde. Ayth; ,:d)f^r AnirÄ^'^rde/.'tyon 'allen " anderen Gruppen 'abgelehriit. ^Der 'Sitzung, la^en fTiple-gramme des v M'isr#^ ■Radikalen aus Lemberg vor, cTaß**sie eine eigene leiste nüfate,lleflT ^u^denv-f^ills die allgemeinen Zionismen Qstgalizieiis der Aguda treffen sollten. ' •. '.. '.. ':;; ' ' Nun hat der PaiHeirat tTcr allgemeinen Zionisteii OstgaliZ(icnsJ der am 5. d«. du Lcniberg tagte, entschjicden: Die •. poHtische Komma^slön Wurde mit '*' ^'^ge^eii 1^;Stix^e^:trmü,chtjigtr; ety Bf n^s,-^^ deni^Witisc^ftMchen^^ Somit ist cHe ziöhistisiAe Frbät''in'^igal^en:' gebröcheru ' Eine zioinJs^che'GegentwU d^ßi^6mc&f,'*'cler' Hitachdu'th Und der' Iladitictieh 'ist'^anlr^didn^ich:''.. Vön, Ostgalizien abgeselien gibt : <te iri Polen vier wahlwei'b'ende' jüdische Lisleti:!< 1. Dir zidnistiSche Block«. 2. der wirtschaftliche Block(Aguda; Kaufmannschaft, Handwerker, Kleinhandel, Volkisten), 5. der sozialistische Block (Bund), 4. Poale-Zion. 1 " ( Die polnische Regierung kauft die gesamte Tabakernte Palästinas. . Warschau, 6, Oktober. Die polnische Regierung hat wie im Vorjahre so auch in diesem Jahre-die g e- ' . s am t e, Tabakernte von ObergaliUa zur Verwertung durch die amtliche Tabakregie erworben. .Der Kaufpreis betrügt 40 Penco per Kilogramm gegen 38,8 im vergangenen Jahre. Der Präsident (Ips Syndikats der jüdischen- Tabftkziichter Palästinas, Brasilai, sagte dem J. T. A.-Vertreter, daß auch der erhöhte Verkaufspreis hinter dem wirklichen Wert des hochqualifizierten Tabaks zurückbleibt, daß er aber hofft, im kommenden Jahre einen höheren Preis zu.erzielen. Der jugoslawische Ministerpräsident über den Patriotismus der Judeu. Belgrad, 3. Oktober. (J. T. A.) Der jugoslawische Minietcrpriifiideut, General Pcra Z i v k o v i c; empfing in Zagreb eine jüdische Abordnung, die ihm den Dank für „das Gesetz über die Religionsgemein sehn ft de r Juden" ausdrückte. In seiner Antwort sagte der Ministerpräsident unte: anderem: > Die Juden waren in Serbien immer im vollen Genuß der Gleichheit und- Gleidiberechtigung,. in bezug auf Religion wurde dort überhaupt nie ein Untersdiied gemacht. Besonders die Juden Belgrads standen im Kriege und im Frieden unter den Ersten, die für das Vaterland wirkten. Sie zeigten vollkommenes Verständnis für die südslawische Idee. Mit Nachdruck gab der Ministerpräsident seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß dieses Verständnis ebenso auch bei den Juden Zagrebe herrscht. Darauf betonte Dr. Hugo Kon, Gemeindepräsident und Führer der Abordnung, daß gerade die Jüdenschaft Zagrebs volles Verständnis für die Idee der Vereinigung der Süd slawen bekundet hat und beispielsweise die Zionistische Organisation noch vor der staatlidien Vereinigung der Südslawen die südslawische Bezeichnung in ihren Titeln führte. Spradkensireit in Palästina* Gestörte. Filmvorfülu'ungcn. — Wie in Prag? TeUAwiw, 2.. Oktober. Bei der Aufführung des Tonfilms in jiddischer Sprache, betitelt „Die j üdischc Mutter", an einem der großen Filmtheater von TebAwiw kam es zu sehr schweren Ausschreitungen seitens jugendlicher Kreise, die gegen Jiddisch und für H e b rä i s c h eintreten. Die Demonstranten, die sich meist aus Jugendlichen zusammensetzten, schleuderten Tintenfässer und Stinkbomben gegen dia Leinwand, brächdn in fischen und Pfeifen aus, sobald jiddische Textworte von der Leinwand ertönten. Auf Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft 'f Gegr. 1860 Begr. 1860 (Zusammenschluß von „Phönix", „Wiener" und „Providentia") Direktion und General Repräsentanz: Wien, IX., Otto Wagnerpl. 5/ Aiserpl. 3 Telephon: B-43-5*80 Serie Übernahme sämtlicher Sozialversicherungen zu don kulantesten Bedingungen und Prämien mmtmtota vt)as ist schrecklich, nicht wahr?" " Oft begann er auch daran zu zweifeln, daß ich bei mir. sein Gedächtnis bewahren werde. Er schenkte mir daher sehr häufig Bücher, die seine Inschrift trugen: Zum ewigen Andenken. , Die Inschriften schrieb er mit guter Tinte, grub die Worte fest ins Papier. Mir. fiel das besonders auf. Dannaber begann erauch an den Büchern zu zweifeln; Wie lange kann ein Buch schon leben 1 Da verfiel er auf Photographien, die er rtilt seinen letzten Groschen bestellte; Er'schenkte, mir Exemplare von jeder Pose mit der Aufschrift: Zum ewigen Andenken. Häufig pflegte er nachzuforschen: , „Wo hast du meine Photographien?" Sein Aussehen nahm dabei Ernst und Strqnge.fan, Zeigte i^.sie.ihm in bester Verfassung, 4ann.beruhigte er sich'v.eiri %enig und murmelte: „Behüte sip!"!~ ,., ' ,y Eipnial fragte, ßr ganz plötzlich: _„Wie; lange, glaubst du' kann ein Bäum leben?" ..... >.t . , „Ein Baum?" fragte ich, von dieser Frage überrascht, „ich bin kein Botaniker . . ." „Eine Eiche zum Beispiel, eine hohe Ifjlfche", fragte er weiter und sah mich sonderbar an. „Eine Eiche? . . . Eine Eiche kann tausend Jähre leben", warf ich so nebenbei ein. '? „Tausend {Jahre?u klammerte er sich( strahlenden Auges fest, „wenn dem so ist..." f \: 4 r,: „Was "ist dann?" wunderte ich mich. Er gab keine Antwort. '- 'v Nach einer Woche gingen wir beider im? Walde spazieren. Er ging stumm und besah jeden Baum. r: . - „Gerne würde ich mir eine Eiche ansehen . , ' : Ich bemerkte: „Sonderbar, keine Eich* zu sehen." - ■ V ' „Komm', hilf mir eme Eiche suchen", b$i er. ■■j>'!'M\ '■'" ' v ••.;' ■/* . - .': r :-"'■>- ■ ■ Wir gingen tiefer in den Wald. Plötzlich schrie er wild' vor Freude auf: ' ' „Hier Ist eine Eiche!" „Ja, das ist eine Eiche!" Er betrachtete den Baum von allen Seiten, umarmte ihn mit beiden Händen. Zu guter %e'(jst zog er ein tascHen* messer hervor, . ,u , .' . " 1' „Was willst du^nf^''^' "['''S'-'.. ■■ Er lächelte und sagte: 1 „Ich will imeinen Namen einritzen." Das tat er auch. Jeden Buchstaben seines Namens ritzte er tief in den Baum ein. 1 Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirne, 'den die Arbeit hervorgelockt hatte, und wandte sich an mich*. „Bist du dessen sicher, daß eine Eiche tausend Jahre leben kann?" „Wenn sie nicht der Blitz fällt . . .". gab ich kurz zur Antwort. Sein Gesicht wurde kreidebleich. Er konnte nur noch kaum lispeln: „KomraV.V? 5 ... o Wir verließen den Baum und gingen ..schweigend 4urch den alten, dichten Wald, der melancholisch.rauschte. , , Nach einigen Wochen brachte er mir wieder ein Bild minder Aufschrift;. Zum ewigen Andenken! < Die Befderln« Sie selbst, die Bettlerin, könnte alles, was sie nur wollte, mit Ihrem Gesicht machen: es zum Gebet ver« zerren, die Augen zum Zeichen höchster Verzweiflung hervorquellen und, wenn es nötig war; aus ihnen Tränenbäche strömen lassen. Aber dieses eineinhalb Jahre alte Kind auf dem Arm, das ist ein Tunichtgut; es taugt nicht zur Arbeit. So ein Bcngel. liegt auf der Hand und — lacht! - ' Es ist ja wahr, das'Kind hat keine Schuld. Es ist schöner, sonniger Tag. Ganze StrahlenbündeT fallen auf das Gesicht des Kindes. Die Wärme, die Helligkeit gefällt ihm sehr. Es tanzt fast vor Freude auf den Händen der Bettlerin. „Eine verdammte Freude zeigt der Bengel!" murmelt sie böse und kneift-es. Aber das Kind verzieht nicht einmal eine Miene zum Weinen. Da fährt ja gerade die Tramway vorbei. Die Tramway klingelt und klingelt, das Kind jauchzt vor Glück. - „Das wird nie wie ein. armes Kind aussehen", grämt sich die Bettlerin. Und im Herzen weiß sie ja; daß ihm wirklich nichts fehlt. Seine Mutter, bei der sie sich das Kind ausborgt für einige Stunden, pflegt es und verzärtelt es. „Sie soll nur das Geld, das ich für das Kind gebe, für Kranksein vergeuden"* schilt sie voller Wut, so oft das Kind über irgend, etwas, das ihm auf der Straße ge* fällt, hell auflacht. Sie hat auch einmal ein eigenes Kind besessen — so kommt ihr die Erinnerung —, aber das war ein goldiges Kindchen: immer hat es geweint und das Gesichtchen verzogen. Wer immer--vorbei kam, ist von Mitleid erfaßt worden. Ja, da hat vinan-i verdient. Da ist es aber hin* gegangen und ist gestorben. Und bei dieser Erinnerung weint sie wirklich echte Tränen. Das fremde Kind sieht sie verwundert an und weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Aber ihre Tränen vermögen nicht für lange seihe Aufmerksamkeit zu fesseln. Ein großer Wagen fährt vorbei, vön zWei Pferden ge* zogen. Das Kind wird voller Freude, zappelt auf den Armen der Bettlerin und f/ill sich hinbewegen zu den zwei großen, schwarzen Pferden,