Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 160 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 160 seine Politik zu rechtfertigen und die Kritik zu entwaffnen. Der psychologische Vorgang ist leicht zu vergehen. In seiner Eröffnungsrede zur revisionistischen Konferenz in Prag spradi Jabotinsky von den Versäumnissen der zionistischen Politik und den dadurch «•ntstandeneu Sdiwierigkeiten der politischen Lage. Er fiihrte aus, daß es jetzt, nach den blutigen Unruhen in Palästina, den darauffolgenden Ereignissen, den Vorwürfen von jüdischer Seite, kurz nach der öffentlichen Blamage der englischen Politik in Palästina naturgemäß* viel sdiwerer geworden sei, England für uns zu gewinnen. Er beleuchtete dies an einem Beispiel und sagte etwa: „Wenn man dem Verwalter eines Stalles Vorhaltungen darüber macht, daß er nachte die Stalltüren offen ließ, so ist es in der Wirkung ein großer Unterschied, ob man dies tut, bevor oder nachdem die Pferde gestohlen -wurden. Im ersteren Fall wird er die Türen schließen. Im letzteren Fall aber, also nachdem die Pferde gestohlen sind, wird er zu streiten anfangen, nach Argumenten zu seiner Rechtfertigung suchen und etwa sagen: Ja, man hätte den Stall gar .nidit an dieser Stelle bauen sollen, und wozu brauchen Sie überhaupt Pferde? Das ist die Psychologie des Besdiuldigten. Es ist heute die Psychologie der englischen Beamten, die auf den Pogrom in Palästina mit Sperrung der Einwanderung und Argumenten gegen die Balfour-Deklaration und den Jüdenstaat antworten: „Wir haben nicht genug für den Zionismus getan? Aber wozu brauchen Sie überhaupt «fnen Judenstaat?" Das ist nun audi die Psychologie Dr. Weizmanns geworden, dessen Politik völb'g gescheitert ist und der nadi zehn Jahren des Mißerfolges der Kritik seiner politischen Gegner nicht mehr auszuweidien vermag. Da dreht audi er den Spieß um — genau wie es die englische Bürokratie getan hat — und sagt: „Was wollt ihr eigentlidi? Ihr behauptet, meine Politik sei sdilecht gewesen, weil sie nicht die Voraussetzungen für die Erreichung eurer Absiditen in Palästina geliefert hat; aber eure Absichten sind überhaupt falsch, sie sind nicht zu verwirklichen! Es wird keinen Judenstaat geben!" Das ist die Erklärung dieser Weizmann-Redc. Sie ist die Fludit aus der Abwehr in den Angriff. Das politisdie Ziel wird verleugnet, weil die politische Methode sich als untauglich erwies. Der Stall war offen, die Pferde sind gestohlen -—■ ja, gewiß — „aber wozu brauchen Sie überhaupt Pferde?" Der Kampf des Zionismus wird immer sdiwerer. Aber es scheint, daß die Krise sich dem Höhepunkt nähert und die Wendung nicht mehr fern ist. Noch tiefer kann die Bewegung nicht sanken. Es werden bessere Tage kommen, wir werden unsere Sadie, die Sache des Zionismus und die Judenstaatssäche in England wieder aufnehmen, und wenn wir den Willen haben, werden wir uns durdisetzen. Freilidi müssen wir dazu eine zionistisdie Führung haben, die für uns spricht. Weizmann, den ©in Abgrund von uns trennt, spricht nicht mehr die Spradie des Zionismus. ME NEUE WEET K r u f i. Das Gesetz schreibt die ausnahmslose Betäubung aller Schlachtticre vor. Da keine der bekannten Betäubungsmethoden als rituell zulässig anerkannt ist, kommt die gesetzliche Bestimmung praktisch einem Verbot des Schächtens gleich. E s tn u ß dar v m a b 1. Oktober das Schächten von Viehstiieken in Bayern unterbleiben. Der Bezug von rituellem Fleisch ans den Nachbarländern ist sicherlich gestellt. Wir legen auch jetzt Verwahrung ein gegen die durch das Gesetz bewirkte Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit unserer religiösen Gemeinschaft. Wir hoffen, daß es gelingen wird, die freie Religionsausübung wieder zur Anerkennung zu bringen und haben das Vertrauen, daß bis dahin unsere jüdische Bevölkerung einmütig und treu zusammenstehen wird.'4 Die bayrische Regierung annulliert einen antisemitischen Beschluß des Koburger Stadtverordnetenkollegiums. München, 6. Oktober. In Koburg, wo die Nationalsozialisten bekanntlich die absolute Mehrheit im Seile S 1 Jivüt?* Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke Stadtverordnetenkollegium besitzen, war der Beschluß angenommen worden, die israelitischen Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses als nicht gewählt zu betrachten. Auf die Beschwerde der Israelitischen Kultusgemeinde hat die bayrische" Regierung den Stadtratsbeschluß als ungesetzlich kassiert. Verurteilung wegen Aufreizung zum Klassenhaß. Berlin, 5. Oktober. (J. T. A.) Unter dem Titel „Die geplante Ausplünderung des deutschen Volkes durch den Young-Plan" war im „Verlag für Volkseinheit" eine Brosdiüre ersdiienen, in der dem Judentum die Sdiuld an Deutsdilands Unglück gegeben wurde und das Volk wiederholt vor den Machensdiaften des jüdischen Geheiimbundes gewarnt wurde. Als Geschäftsführer dieses Verlages hatte sich der Major a. D. Ahlemftnn, der Reidißtagsabgeordneter und Mitglied der deutsdivölkischen Freiheitsbewegung war, vor dem Sdiöffengericht Sdiöneberg wegen Aufreizung zum Klassenhaß und Pressevergehen zu verantworten, neben ihm der Verfasser des Vorwortes der Brosdiüre*, F. Schmidt. Der Das bayrische Schächtverbot in Kraft. München, 5. Oktober. Der Verband Bayer. Isr. Gemeinden erließ folgende Bekanntmachung über Versorgung mit rituellem Fleisch: „Das bayrische Gesetz über das Schlachten von Tieren vom 17. Mai 1930 tritt am 1. Oktober 1930 in fdnjVe enaltfche Gtofft ALBERT HARDT ^2&r gegr.r?9^ WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o-3-4/ »UAftSfiUBG« anrufenderbequemsfe quemsre t ^bschtagl TEL* $24-5-20 ssa£n Staatsanwalt beantragte 100 Mark Geldstrafe, das Gericht erkannte auf je 300 Mark, Es rechnete den Angeklagten als strafmildernd an, daß sie subjektiv aus lauteren Motiven gehandelt hätten, wenn auch ihr Vorgehen in soldi politisdi bewegter Zeit äußerst gefährlich sei. Antisemitische Kundgebung in Paris. Paris, 4. Oktober. (J. T. A.) Am 30. September kam es in Paris zu antisemitischen Kund* gebungen, wie sie seit den Tagen der Dreyfus*Affärc nicht mehr vorgekommen sind. Im Mittelpunkt des jüdischen Viertels, dem sogenannten Tcmpelkarreau, bedrohten sechs Camelots du Roi (Mitglieder der Roya« listenliga) jüdische Passanten, indem sie Knotenstöckc schwangen und „Nieder mit den J u d e n 1" riefen. Drei Camelots wurden verhaftet und werden vor Ge* rieht gestellt werden. Jüdische und. nichtjüdische Pas« santen nahmen gegen die antisemitischen Demonstranten Stellung, von denen einer durch einen jungen Juden namens Josef Rudetzki niedergeschlagen wurde. Die Numerus-clausus-Tragödie in Ungarn. Budapest, 6. Oktober. (J. T. A.) Das jüdische Blatt „Egycnlöseg" gibt in seiner Rosch«Haschanah« Nummer einen Ueberblick über die grausame Auswirkung des Numerus clausus auf jüdische Studierende. Von 900 jüdischen Inskriptiohsbewerbern wurden nur 106, welche das Abitur mit Auszeichnung bestanden hatten^ zum Stu* dmm an der Budapester Universität zugelassen. 44 ebenfalls ausgezeichnete Abiturienten wurden zurückgewiesen. Noch schlimmer sind die Verhältnisse an den Provinz* Universitäten. Eine Mitteilung des Debreczener „H i r 1 a p" zufolge wurde dem besten Mittelschüler des letzten Jahres, Eugen Samuel, der nicht nur das Abitur mit höchster Auszeichnung bestanden, sondern auch in einem offenen Wettbewerb aller ungarischen Mittelschüler den ersten Preis in Mathematik errungen hat, die Immatrikulation an der Universität Debreczen verweigert. Kämpfe zwischen Jungkommunisten und jüdischen Andächtigen zu Rosch Haschanah in Berditschew. — Rote Kavallerie reitet die Andächtigen nieder. Warschau, 4, Oktober. (J. T. ,A.) Die große nicht* jüdische Zeitung „Illustrowany Kurier Codzienny" in Krakau bringt die Nachricht, daß es anläßlich des Rosch Haschanah in Berditschew (Sowjetrußland) zu Sabbatai Zwi Die Eföffmnigspremiere der „Wilnaer". Mit der Aufführung des historischen Dramas „Sabbatai Zwi" tritt die „Wilnaer Truppe" unter Führung von Alex Stein in eine neue Periode künstlerischen Schaffens. Hat schon Anskis tragische Legende s,Tag und Nacht" den Sinn für Massenbewegung gezeigt, dürfte diesmal dieses Stilprinzip eine Erhöhung und Betonung erfahren. Hiezu tritt noch das musikalische Element, das berufen äst, die aus Galuth und Orient gemischte Atmosphäre des Dramas „Sabbatai Zwi" fast bis zur Plastik zu verdichten. Die Gestalt der Hauptfigur, wie sie sich in der Aufführung der Wilnaer darbietet, weicht weniger aus ideologischen als aus bühnendramatdseben Gründen von der Geschidite ab. Die Einstellung des irdischen, in der Figur des prophetischen Mäddiens Sarah verkörperten Prinzips, an dem Sabbatai Zwis göttliche Berufung scheitert, dient der Idee von der Erlösung und Befreiung des jüdischen Volkes als selbständiges Symbol. Zur Einführung bringen wir einen kurzgefaßten Inhalt des interessanten Dramas. * Sabbatai Zwi, genannt „Der f a 1 s c h e M e s s i a s", in der jüdisdien Geschichte des ausgehenden Mittelalters eine (bedeutsame Figur, entfesselte jene lneesäanische Bewegung, die der gewaltigen Schar seiner Anhänger aus allen Teilen der Erde zum Verhäugnis werden sollte. Kurz nach seinem Auftreten erweckte Sabbatai Zwi in einer geschichtlichen Periode, voll von mystischer Sehnsucht, ekstatischen Jenseitshoffnungen, von wirrstem Aberglauben und neuen wissensdiaftlichen Erkenntnissen, im zerstreuten Volk der Juden die Hoffnung" auf ihre Erlösung, indem er verstand, sich als den »von Gott gesandten Messias auszugeben. Es ist in der Geschichte bekannt, wie furchtbar* der Zusammenbruch dieser messianisdien Bewegung im Judentum war und wie Sabbatai Zwi selbst nur durdi Uebertritt zum Islam sein leibliches Sein rettete. Sabbatai Zwi lebt in der jüdisdien Geschichte als tragische Figur, mit der in späteren Jahrhunderten die jüdische Volksseele den Begriff der Schmach und/.Schande verband. % Unser Drama, eine Zusammenfassung der dramatischen Konzeptionen vom polnisdien Dichter J. Zulawsky und dem jiddisdien Dramatiker Schalom Asdi, zeigt im Prolog die bis aufs hödiste gestiegene Qual des jüdischen Volkes, dem die Prophetenfigur Nathan Mut und Trost zuspricht und die baldige Erlösung ankündigt. Der erste Akt, der in seiner dekorativen Gestaltung die Galuth" und die Sehnsucht nach Befreiung symbolisiert, führt uns zunächst die erregte, verzweifelte Masse des jüdischen Volkes vor, das aus seinem Leid heraus von Gott das Ende seiner Pein verlangt. Dieser Strebung' stellt sidi der „fromme Jude" entgegen, bis die zwei Propheten Nathan und Nehemia selbst das Kommen des Erlösers ankündigen.** In ekstatischer Visdon malt das Prophetenmädchen Sarah den Messias, den ihr inneres Gesicht gesehen hat, den Verzweifelnden vor, nennt seinen Namen Sabbatai und nach einem halb wilden, halb leid voll-freudigen Tanz materialisiert sich der Wunschgedanke: Sabbatai erscheint! Die Juden salben und krönen ihn, den König Messias. Beim Sultan Mahmed IV. Sabbatai ersdieint vor dem Sultau und fordert von fhm die Freigabe des jüdischen Volkes. Zwei Kräfte, hier der geistige Führer eines unterdrückten Volkes (Sabbatai), dort die physische, aber schon morsche Gewalt des byzantinischen Herrschertums (Sultan) stellen einander gegenüber. Der Sultan verlangt von Sabbatai, seine göttliche Macht zu beweisen, indem er ihn vor grausame Prüfungen stellt. Im Augenblick, da sich Sabbatai den Prüfungen unterziehen will, setzt ein gewaltiger Donner ein. Der Sultan erschrickt wie vor einer unbekannten höheren Macht und verschiebt sein Vorhaben. Sabbatai Zwi bereitet sich durdi Kasteiung und Selbstmarterung zur großen, gefährlidien Prüfung vor. Saruh, das propheiisdie Mädchen, seine Braut, erclgebunden wie das Weib, reißt ihn aus seinen himmlisdieu Sphären: nidit Gott-Erlöser bist du, sondern Mensch- Erlöser! Sie bringt ihn zu Fall. y Von Sabbatai Zwi sind die Kräfte gewichen, nach-j dem er dem Irdischen gefrönt hat. Er erkennt, daß erv — ungöttlidi — nidit berufen sei. Nicht Erlöser Israelis —• ein schwadier Mensch Sabbatai Zwi. Er kapituliert vor dem Sultan. Er erniedrigt sidi im Staub, tritt zum Islam über. Die Juden verfludien ihn. Wieder ertönt des Propheten Nathan Stimme, die dem Fluchen Einhalt gebietet und die Erlösung für spätere Tage voraussagt. Das Volk Israel wird erlöst werden. Mit dem Gesang „Elohenu w'elohej awessen u" verliert sich das Volk in die Jahrhunderte. Zwei Skizzen* Von Abraham Reisen. Mein Freund* Er stand allein in der Welt — außer mich als seinen Freund hatte er niemand* Aber auch mit mir war er seiner Sache nicht sicher. Ich hatte ja auch noch andere Freunde. Er war auf sie eifersüchtig, hatte aber, keinen von ihnen jemals auch nur mit einem. Wort beleidigt. Dann und wann sagte er zu mir: „Wenn ich sterbe, so wird nur Ihrem Hirn eine Erinnerung an mich bleiben. Wenn nun Sie sterben, dann bleibt nichts mehr von mir zurück." Nagh diesen Worten pflegte er eigentümlich zu lächeln, eine Weile zu verstummen,, seinen Blick auf mich zu heften und hinzuzufügen: