Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 159 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ffr. 159 dic mm WELT Sritfe 7 U<todf#flM«ft nterricht in OymnsslalfHchttrn ar teilt Akademiker. Itabwnimmt auch Hofmelttorstalla. MtfBlgas Honorar. Unter „VtrlBMich" an dio Ixpedltlon das Blattaa Ein Vorfrag Ch. N. Bialiks „Palästina, Galuth und die Sprachenfrage 4 Ch. N. B i a 1 i k, der bedeutende hebräische Dichter, befindet sich seit längerer Zeit in Europa. Sein europäi« scher Aufenthalt gilt in erster Linie der Aufgabe, die Galuth mit den Problemen der neuhebräischen Kultur in Kontakt zu bringen. Nach kurzem Aufenthalt in Litauen, wo -^em Dichter ein begeisterter Empfang zuteil wurde, kehrte Bialik nach Berlin zurück, wo er kürzlich auf Ein ladung der Zionistischen Vereinigung und des Beth Am Tvorith einen bemerkenswerten Vortrag über die um* strittene Frage Jiddisch»Hebräisch hielt. Der Dichter führte im wesentlichen aus: Die Frage des gegenseitigen Verhältnisses der hebräischen und jiddischen Sprache wurde bis« her wenig objektiv behandelt. Sie soll aber nicht Gegen* stand einer leidenschaftlich erregten, von Sympathien oder Antipathien beeinflußten oder gar durch politische Momente verfälschten Auseinandersetzung sein. Eine Stellungnahme zu dieser Frage ist nur auf Grund wissen« schaftlich historischer Betrachtung möglich. Die Juden haben sich im Verlauf ihrer Geschichte vieler Sprachen bedient, so z. B. des Aramäischen, Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Französischen u. a. m.; sie haben diese Sprachen ihren eigenen Bedürfnissen angepaßt und ein „Jiddisch" daraus gemacht. Auch heute ist die jiddische Sprache nicht die einzige lebende Judensprache, Große Teile des Judentums bedienen sich des SpanioIischen, einige tausend in Vorderasien verstreut lebende Juden sprechen noch heute einen syrisch«aramäischcn Dialekt, die grusisischen Kaukasus«Juden haben ein tatarisches, andere ein persisches Jiddisch. In Italien gibt es einige Gemeinden, welche einen spezifisch italienischen Jargon sprechen. Es gibt 12 bis 16 solcher Judensprachen. In der jüdischen Vergangenheit hat das Aramäische, das 1200 Jahre lang Volkssprache war^ die größte Bedeutung. Aber auch in der aramäischen Sprachperiode galt Hebräisch als die offizielle Sprache des Gebets und des Thorastudiums, wenn auch manche Gebete ins Aramäische für das Volk übersetzt wurden. Der Talmud ist in aramäischer Sprache verfaßt. Die Gaonim bis auf Sadja Gaon, der schon Arabisch schreibt, haben sich des Aramäischen bedient. Beim Ucbergang zur arabischen Volkssprache wurden dic aramäischen Teile der Literatur ins Hebräische übertragen. Eine auf dem Arabischen fußende Judensprache ist nicht mehr nachzuweisen. Die meisten Judensprachen der Diaspora hatten sich ans Hebräische angelehnt. In die» s e n Sprachen geschaffene Werke wurden •für das spätere Judentum dadurch gerettet, daß sie ins Hebräische übertragen wurden. So ist die hebräische Sprache das Reservoir der jüdischen Geistesschätze. Das Hebräische selbst wurde aus einem tiefen Instinkt heraus nicht als Umgangssprache gebraucht. Es hätte sonst in verschiedenen Ländern fremde Elemente aufgenommen, wäre in Dialekte zerplittert worden und damit untergegangen. Bei anderen Sprachen gibt es einen zentralen Dialekt, dessen domi* nierende Stellung ein völliges Zersplittern der Sprache hintanhält. Das Hebräische hätte eines solchen dominieren« den Dialekts entbehrt und wäre ebenso untergegangen wie z. B. das Syrische, das sich ohne Zentralsprache in Dialekte zersplitterte. Andererseits wäre das Hebräische ohne die Befruchtung durch eine lebende Judensprache versteinert worden. So hat die Parallelität von Hebräisch und der jeweiligen Volkssprache beiden genützt. Während . das Hebräische dazu diente, die Geistesschätze, die in der Volkssprache niedergelegt waren, aufzunehmen und der Nachwelt zu überliefern, wurde es durch Beeinflussung seitens der Volkssprache lebendig und bildungsfähig er* halten. Auch heute wird das Neuhebräische vielfach mit Hilfe des Aramäischen weiterentwickelt. Wo aber die Volkssprache ohne Zusammenhang mit dem Hebräischen war, wie das Griechische der alexandrinischen Epoche oder Gobelins? t? i^rWjÄ HERZL-Gobellns erzeugt Atelier Zahfftdltik Wien, V„ Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U-4Q.9-17 das Arabische der kabbalistischen Literatur, atad die in ihr geschaffenen Kulturgüter dem Judentum verloren gegangen. Auch das heute gesprochene Jiddisch begleitet das Hebräische, wird von ihm beeinflußt und trägt anderer« seits zu dessen Belebung bei. Löst aber das Jiddi« sehe den Zusammenhang mit dem Hebräi« sehen, so verliert es seine Bedeutung für die jüdische Kultur. Während manche leidenschaft* lieh für das Jiddische als Nationalsprache eintreten, be* ginnt es vielfach seine Verbindung mit dem Leben au lösen und sich auf literarische Zirkel zurückzuziehen. Gleichzeitig verbindet sich das als „literarisch" ver« schriene Hebräisch in Palästina mit dem Leben des Volkes. Heute könnte man schon be« anspruchen, daß Hebräisch zur Volkssprache wird; ist es doch dadurch vor Zersplitterung bewahrt, daß Palästina jenes dominierende Zentrum darstellt, welches ein in allen Teilen der Welt gesprochenes Hebräisch autoritär zusam» menhielte. Es wäre ein ebenso dringende wie dankens* werte Aufgabe, dic in jiddischer Sprache niedergelegten Werte durch Uebertragung ins Hebräische vor dem einstis gen Untergang zu retten, da das Jiddische, man möge es bedauern oder begrüßen, wohl ebenso verschwinden wird wie die 16" jüdi« sehen Volkssprachen vor ihm. §mn?tiHHiniM^ Zentralsparkasse iniiiiiHiiittiiM^ der Gemeinde Wien ninHinnu»ii\uu>iHMnM>nMHnimnHHnm?iuniiunniininniHH)t:p : >; i i;f;i; i; ■ nt>?»rrrTirr Wien l.Wipplingerstraße 8 Fernruf: U-23-5-60 1 Kreditverein der Anstalt: I VII, Neubaugasse 1 § Die Gemeinde Wien haltet | | mit ihrem gesamten Vermont N gen für alle Einlagen in der 1 SS Anstalt Am Abhang des KarmeL Haifa, die dritte Stadt in Erez Israel, mit einer ansehnlichen jüdischen Bevölkerung, ist nicht Jerusalem und nicht Tel-Awiw. Es kann sich nicht des alten historischen Adels rühmen wie Jerusalem, obwohl es zu Füßen des alten biblischen Karmel liegt und obwohl sich hier, un dieser Stelle, der dramatische Kampf zwischen dem alten, einsam verlassenen Diener Jehovas, E1 i a h n dem Propheten und der Menge götzendienerischer Propheten des Baal abspielte. Es besitzt auch nicht den modernen Reiz des jungverpflanzten, „hundertprozentigen" jüdischen Lebens wie Tel-Awiw, wie viele ihrer neuen jüdischen Gartenstädtchen, wie Hadar ha' Karmel beim Berge, Noeh Schanan auf dem Berge und Bath Galim hart jam Mceresufer, nicht weniger modern auesehen und auf denselben hundertprozentigen Grundlagen aufgebaut sind. Es fehH Haifa aber vorläufig der heiße Atem Tel-Awiws zu voller nationaler Offenbarung, die weite staatliche Geste, sich als voll-jüdische Schöpfung in Erez-Tsrael zu präsentieren, als materieller und geistiger jüdischer Standard. Haifa ist nicht so geschäftig wie Tel-Awiw. äußert nicht so laut seine Meinung über die Probleme des Jischuw, hat keine selbständigen literarischen oder Theaterambitionen, nimmt mit demütigem Vergnügen alles auf, "was Tel-Awiw und Jerusalem ihm Von dieser' Art liefern. Es mangelt ihm ganz und gar an intellektuell-grüblerischer Atmosphäre, die Tel-Awiw, zum Kultur*. Zentrum des ganzen Jischuw und es für den Kulturgast Europas und Amerikas heimisch macht. Haifa ist zu praktisch und zu solid für solche Dinge. Sein Charakter nach innen und sein Gesicht nach außen vermitteln den Eindruck praktischer Solidität: solide Steinhäuser und Villen in den neuen Hafenstädten, solide Lüden und Lagerhäuser an den alten Handelspunkten, solider lebhafter Straßenverkehr mit Automobilen, beladenen Kamelen, sackbeladenen Karren, Wagen mit Fässern und Warenkisten. Das jüdische Haifa ist solid nicht nur durch seine Zementfabrik N es eher, die für das ganze Land und auch die Nachbarländer Baustoff liefert, und durch seine großen modernen „R o t hschild-Mühlen", die Erez Israel das reingemahlene Primamehl liefern, sondern auch durch seine (h e b r ä isehen Schulen, das Technikum und die R e a lschule, die für den jungen Jischuw Ingenieure; Elektriker und qualifizierte Arbeiter heranbilden. Und wenn Haifa Tel-Awiw und Jerusalem die literarischen und künstlerischen Ambitionen überläßt, so ist es hinwiederum der beste Subskribent des Landes für Bücher und Journale, die Tel-Awiw und Jerusalem produzieren, der beste Zeitlingskäufer und der sicherste Billettabnehmer für das hebräische Theater, das ihm oft Besuche abstattet. Haifas Ambitionen liegen aiif einer ganz andern Linie: auf der Linie großer Industrie und des Welthandels. Heute ist es noch ein junger Unternehmer, jung und erwägend, aber das Wangenrot verrät das künftige Erblühen. Es erwartet den Hafen, der am Meeresufer bereits in Angriff genommen ist, und die Oelröhren, die von Mesopotamien her augelegt werden sollen, dann wird seine Zeit kommen. Die Juden, die jetzt knapp 50 Prozent der Haifaer Bevölkerung ausmachen, werden an ihren Nachbarn, den christlichen Arabern und den alten deutschen Kolonisten, starke Konkurrenz finden. Die Stadt wird aber auf jüdischem Boden wachsen müssen, hinunter zur Bucht von Akko und am Kischon-Fluß mit dem jüdischen Hinterland des aufblühenden Emek Jesreel, Und wer weiß, welche Sprache dann das stille, erwägende Haifa sprechen wird. Vorläufig gibt sich Haifa sehr still und sehr bescheiden. Und kommt ein Abend, wo keine gastierende Theatertruppe aus Tel-Awiw und kein Lektor aus Literatur und Karfetiipiel* Von J. D. Berkowite (Tel-Awiw). ,; Jerusalem da ist, so sperren die Haifaer Juden ihre Ge- ] schäfte und ihre Mühlen und begeben, sich jeder in j sein Heim, der nach hinunter zum Hadar ha* Karmel j und der andere hinauf zum Karmel selbst. Da sind Stätten aus tausendjährigem Schlaf erweckt, über die; der Zauber eines neuen Anfangs schwebt; Die Nach-' denklichkeit des Wiedererwachens. Weiße Steinhüuacheu mit fein behaltenen Veranden stehen in den Nachtschatten der uralten Zeiten, der Zeiten der Propheten, der Altäre und Schlachten im Namen alter Götter, und blicken hinaus durch die offenen Fenster mit dem hellen jungen Staunen der -lektrischen Lampen. In einem dieser Häuschen in Hadar ha' Karmel verbrachten wir, die müden Touristen aus Tel-Awiw. unseren freien Abend in Haifa. Der Herr des Hause« . war ein alter Bekannter von uns, dem wir auf dem ' Schiff begegnet waren, auf der Fahrt von Amerika nach Erez Israel. Ein Jude wie Feuer, ein Stück Quecksilber, ein rescher Redner mit jäher Entschlossenheit, ein Maskil, Liebhaber der Literatur in beiden Sprachen, in Hebräisch und Jiddisch, ein Vorleser Schalom Alejchems und ein Zionist vom Kopf bis zur Zehe, wio er selbst sagt. Den Zionismus hat er, sagt er, mit der Muttermilch eingesogen. Nach Erez Israel hat es all seine Lebenstage seine Seele gezogen, in Tiefrußland uoch, wo ergroße Geschäfte betrieb: war auserseheri, seine Sehnsucht zu erfüllen, erst nachdem die Bolschewiken das große reiche Land „richtig angepackt haben" Jetzt ist ihm wohl — wohler kann's einem Juden nicht mehr sein. Er sitzt „betoch amo" — unter seinem Volle also, schwimmt in der Luft Erez Israels wie ein Fisch im Wasser. Aus dem bißchen Rest, das er aus Rußland herausgerettet hat, hat er sich dieses Häuschen erbaut, die Kinder zu guten Juden gemacht, ein Kontor mit Angestellten eröffnet, ist mit Amerika in Geschäfte- Verbindung getreten, fährt hin und her, agitiert iMrter- .wegs für Erez Israel, sucht „Investors" (Kapitalisiert), „Chaluzhn mit Geld für die Chaluzim ohne Geld", ergießt sich in einem Strom von Reden, beweist jedem, ob reich ob arm, ob klug oder dumm, daß Palästina auf ihn warte, Erez Israel ihn brauche — Erez Israel braucht jeden. Versteht sich, daß er und seine Frau un** als liebe Gäste empfangen, mit russischem Tee und palästinensischer Kontifüre traktierten. Er sprach nach seiner Art rasch und gut in allen drei Sprachen auf einmal, .Hebräisch, Jiddisch, Russisch. Hebräisch -\yegen Erez ,Israel, Jiddisch wegen der Jüdischheit, Russisch wegen Wochen-Kalender Oktober 1930 ■npn «Msin Tischri 5691 3 Freitag II-«1 Sabbateingang 5'35 * 4 Samstag U-tf Sabbatausgang 6a20 ti'wn 5 Sonntag 11-* 6 Montag {tdd yiy- 7 Dienstag HCtn 'K 8 Mittwoch 16-np npoTS 9 Donnerstag Dwnn