Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 159 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 15$ SIEGM. KORNMEHL anenmis€NNAUMii Zmtwrie IX.. Bergg»«se 19, Talephoa o. Lieferao ür Heilanstalten JmShSSIS^^ unter Aufsieht des Ehrwürdigen Kabbraats der lsr. fCultusgemeinde Wien Autosuattltung kostenfo* IX* Bf igan« 18 ✓ XVIII., Wihrlng«r«tr. «7 der Fräu. Und worüber zu sprechen, danach brauchte er nicht zu suchen. Er agitierte. Und da Agitieren für Erez Israel jetzt nicht mehr nötig war, sehen wir doch selbst, welch teures Land das ist. (Hat er nur um ein Haar übertrieben auf dem Schiff, ja oder nein?) So agitierte er für die Literatur. Zunächst fragte er, was e> Neues gebe in der Tel-Awiwer literarischen Welt Das heifit, die literarischen Neuigkeiten kennt er 60 gut wie wir, ist er doch Abonnent aller Tel-Awiwer Zeitungen und Journale, der e r s t e Abonnent, aber er will Details wissen. Er will wissen z. B., warum bei uns keine Romane und Novellen aus Erez Israel ge schrieben werden. Was heißt das! Ein so teures»Land Erez Israel, so ausgezeichnete Schriftsteller bei uns — man müßte doch ganze Flaschen Tinte verschreiben! Tel-Awiw selbst verdient einen Roman von 4, von 6, von 8 TeilenI Und wo bleibt der Emek mit unseren Ghaluzün und. Chaluzoth, gesund sollen sie sein? Wunderbare Burschen und wunderbare Mädchen, der beste Stoff für Romane. Und wo bleibt Haifa mit seinem - zukünftigen Hafen, mit seiner zukünftigen jüdischen Handelsflotte, jüdischen Kapitänen und jüdischen Matrosen, die Magen David auf den runden Kappen? Und wo bleibt gar der Hadar ha' Karmel? Gibt es:da wenig, worüber zu schreiben? Er selbst ist bereit, wie er da geht und steht, sich beschreiben zu lassen, vom Kopf bis zu den Zehen ach,' mit dem größten Vergnügen, bewakaschah, milosti prosiml Er täte das nicht für sich, nur für Erez Israel; versteht 6ich, denn Erez Israel muß beschrieben werden'in Romanen. Erez Israel dürstet nach Romanen. Aj, brauchen wir jetzt lebensnotwendig einen neuen Abraham Mapu und eine neue „Ahawath Zion" („Die Liebe ZionsM. Ein alter hebräischer Roman von A. Mapu), die in den Herzen unserer Kinder auch hier im Land ein solches Feuer entbrennen läßt wie in unseren Herzen l einst, als wir noch Lutscher waren, junge Jeschjwa-Jünglinge, Emara lernten,, Kosttage aßen und versteckt hebräische Bücher löffelten. Er selbst wisse nicht, was wir davon halteif, aber er sei der Meinung, daß Abraham Mapu — das Paradies möge ihm sicher sein — uns als erster aus dem Golus herausgeführt habe. Wenn nicht Mapu und seine „Ahawath Zion", wer weiß, ob wir.; beute am Abend hier in Hadar ha* Karmel säßen und-Tee mit Konfitüre tränkenI jetzt stellt euch vor, wie wejt wir wären hier in Erez Israel, wenn jedes Jahr wenigstens e i n richtiger Roman in die Welt käme, So eineiArt i.^hawath Zion", die Oel aufs Feuer gießen ^ürcjä, unsere Herzen bei der Arbeit erwärmen würde, SP daß '^ir spüren, daß es ein Auge gibt, das sieht, ein Q,hr, das hört, und daß alle unsere Teten im Buch verschrieben stehen. Es wäre einfach fröhlicher zu a^ei](enn . , .!. ■* ' .$chon abgesehen davon, daß, man einfach an den Abenden was; zi| lesen hätte . . . Ueberhaupt hier in IJädar^jha' Kanaje.ll.> . Da hat ihm heute Gott geholfen, ep h$t efy }tebe Gäste hier. Ihm ist wohl, er kann ein lebep4igeX Wort hören. Was soll er aber an all den apdere,» .^äehten des . Jahres machen, da es doch ein TheaterA|n Haifa nicht gibt und er ins Kino nicht geht? (Er wirrde gehen, hat aber alle Filme, die hier gezeigt we^d^ny schon in Amerika gesehen.) Und Karten spielt er^ nich> Er nicht, und keiner der Bewohner von Hadar haV'^?mel. , i ^a^ten spielen? Hier in Hadar ha Karmel? In ßrez, 'Israel stößt unser enthusiastischer Wirt in sQlchejr £{itze< hervor, als hätte man ihm das Aller- Ueili$^iel ib^rührt, „Unmöglich, ganz ausgeschlossen. Könnende eine so wilde Sache sich denken? Daß hier in Erez;^Israel, bei diesen Gedanken, die wir hier denken, , bei diesen Plänen, die uns hier nicht ruhen lassen, bei dem Gedanken einfach, daß wir in Erez Jsrael J|}ben, diaß wir uns hier mitten drin hinsetzen und gait'garten spielen? Es ist nicht auszudenken. Es jreinjt-siejb^b^ier. nicht." , „Mag sein", sagt einer von uns, „daß es sich nicht ^injt, wir haben aber erst neulich gesehen, gerade bei Ujts .im $qtßlv daß Karten gespielt wurde." ', -'Unser ^ufer Gastgeber sieht uns ein wenig verw^ir>r"a^,r^jlCrKptten wir'~ihn selbst bei einer kräftigen Sünden ertappt,; „Na", sagt er j schon mit schwacher StiqiiiE^,'^lSie''rh^b^ haltte inen gesehen." . einen?" will sein Opponent nicht nachgebipn. „Kaden spielt doch, | wie Sie wahrscheinlich ^j&epü *^|cht einer allein. Er braucht dazu mindestens?if>qb ein^n."''- ] ' - ,,#ann zwei, dann drei, dann vier, dann eip ganzer ' h - Schluß, ein Ende. Ich kann aber mit Ihnen V***i?.Du_um wie viel Sie wollen, daß das Ausnahmen s&jd. Wahrscheinlich haben die wirklich nichts zu tun oder es/^ist ihnen nicht wohl ums Herz oder sie haben ejne sotehe Krankheit. Halt!" kommt ihm ein Gedanke, „jn welcher Sprache haben sie gespielt?*' „Was für ein Unterschied? Sie haben auf hebrä isch gespielt. Die Sprache ist doch da unwichtig." „Aha", wird unser Gastgeber wieder lebendig, „Sind das Worte! Was heißt, die Sprache ist da un wichtig? Die Sprache ist da sehr wichtig. Wenn so, dann sind das andere Reden. Wenn. hebräisch, dann begreif ich's. Und über Sie wundere ich mich wirklich.. Nehmen Sie mir's nicht übel. Vielleicht ist das nicht schön von mir.'Sie'sind älter als ich. Wenn nicht an Jahren; so an Weisheit. Wir trinken ja Ihr Wasser. Wie kommt es, daß Sie so sprechen? Was heißt, hebräisch ist nicht wichtig? Wenn; hebräisch, dann wichtig. Wir sind doch in Erez Israeli Hiehergekommen, die Sprache zu ent wickeln! Sie lebendig machenI Was immer einer da tut, wenn er dabei nur hebräisch spricht, ist schon gut. Wissen Sie, was ich Ihnen noch sagen werde? Ich glaube,: daß ein Mensch gar nichts Schlechtes tun kann, wenn er dabei hebräisch spricht. Eins reimt sich ja mit dem anderen nicht. Und deshalb können Sie sicher sein, daß wir in Erez Israel nur gute Menschen haben wer den, wenn. wir. hebräisch sprechen. Wie gefällt Ihnen .dieser Gedanke? Nicht wahr, es ist ein Gedanke?" »»Ja", gibt ihm der frühere Opponent endlich nach. „Ein Gedanke ist es." „Nicht wahr? Hörst du, Frau, was die Herren sägen?" wendet er sich leuchtenden Gesichtes an seine Frau, die am Tisch sitzt und vor sich hinlächelt. „Was Sie mir jetzt sagen, ist mir ich weiß nicht wie viel wert. Ich würde es für eine Million nicht hergeben. Es ist. für mich die Bestätigung eines großen Schriftstellers, daß ich Gedanken habe. Das Unglück ist nur, daß ich selbst kein Schriftsteller bin. Ich bin, nicht auf euch sei's gedacht, ein Kaufmann, so laufen bei mir die Gedanken barfüs herum. Ich werde Ihnen jetzt einen ganz nagelneuen Gedanken hersagen, der soeben bei mir in dieser Sekunde geboren wurde: daß das Hebräischsprechen beim Kartenspiel eine ziemlich erhabene Sache ist. Wissen Sie warum? Weil man so eine hebräische Kartensprache schafft. Und wenn das der Fall ist, so ist es vielleicht ein großes Verdienst, Karten in Erez Israel zu spielen. Denn wenn Karten nicht gespielt werden, wird es keine Kartensprache geben, und will man schwimmen lernen, muß man ins Wasser gehen. Und Sie werden doch zugeben, daß Hebräisch eine Kartenspräche braucht. . Hebräisch braucht alles, was eine Sprache lebendig macht. Halt! Hat nicht unser Scholem Alechem selbst so viele wunderbare Geschichten über Kartenspieler erzählt, ihre Manieren und Finten beschrieben, ihre Sprache auswendig gekannt? Ich pflegte diese Geschichten noch in Rußland, nicht heute sei's gedacht, auf unseren zionistischen Zusammenkünften vorzulegen, obwohl ich, selbst vom Kartenspiel nicht mehr versteh als wahrscheinlich Sie. Wissen Sie, was uns hier in Erez Israel fehlt?" fährt n unser Gast ein wenig melancholisch fort. „Ja, ein Scholem Alechem. Wie er uns beschrieben haben würde mit seiner goldenen Feder. Und wissen Sie, wann ich seiner gedenke? Wenn ich ans Lesend unserer Tel-Awiwer Zeitungen gehe. Sehr gute Zeitungen bei uns, mir ein so gutes Jahr. Ehrliche, mit Leib und Leben Erez Israel ergebene Zeitungen, jedes Wort' tief vom Herzen, aber einen Fehler haben sie: es ist nicht was zu lesen in ihnen. Kein .Feuilleton,' kejh lebendiges Beschreiben von dem. was im, Lande vorkommt!, Erez Israel braucht einen Scholem Alechem. Ich'^stelle mir vor, wenn Scholem Alechem jetzt lebte, nach Erez Israel käme und hier mit uns zusammensäße — er war doch ein so teuer Jude! Und hat doch im Herzen wahrscheinlich Erez Israel geliebt, tausendmal mehr als wir alle ... Ich hab* doch sein „Heimatsehnsucht" im Kopf, die ich bei uns auf einer Zusammenkunft vorgelesen und dabei einige Sttjek Aktien unserer Kolonialbank verkauft habe. Was wurde er zum Beispiel geschrieben haben, wenn er es erlebt hätte, mit seinen eigenen Augen ein Tel-Awiw, em' Emek, ein Hadar ha' Karmel zu sehen! Hört ihr, Juden, was brauchen Sie mehr? Sogar ich, ein ganz durchschnittlicher Jude, ein einfaches Menschleiu, kein Schriftsteller, bewahre, wenn ich hier in meinem Zimmer mitten in der 'Wacht aufwache und durchs Fenster den dunklen Karmel sehe mit dem hellen Feuerschein auf der fiergspitze und plötzlich daran denke, daß ich in Erez Israel bin und daß der Karmel direkt auf mein Bett sieht, greif ich mir an den Kopf. Ich kann es gar nicht glauben bis auf den heutigen Tag und werde es auch nicht glauben bis zu meiner letzten Stunde. Es ist ein Wunder, Juden. Hört ihr? Ein Wunder vom Himmel.";,Ban sonderbarer Jude", sagt der älteste von uns nachdenklich, während* wir zurück zu unserem Hotel durch das still-verschlafene Hadar ha* Karmel schreiten unier dem .kühlen, hellen Schein des Vollmondes. „Ja, sonderbare Früchte sind zu Füßen des' Karmel gepflanzt", sagt ein auderer. „Wie kommen sie daher aus dem Tiefrußland?"; :|m Hptel angelangt, trafen wir im Speisesaal am fisch eine kleine Gesellschaft, die immer noch in das heimische „Oka" vertieft war, genau wie bei unserem Weggehen $chon. Es spielten einige Juden mittleren Alters mtit Bärtcheu und einige junge Leute mit glattrasierten Gesichtern. Unser Chauffeur, frisch gewaschen und gekämjnt, hatte hinten auf einem Stuhl reitend Platz genommen und blickte mit großer Neugier einem Spieler in die Karten. „Scheie arsi ha* levenon" (zwei Zedern des Libanon), sagt einer der Spieler, deckt zwei As auf und sieht jedem' unsicher in die Augen. „Sehelogcfca Unterricht erteilt Hochschülerin, Absolventin eines, hebt Mischen Gymnasiums Zuschriften unter „Praxis" an die Adm. i dieser Zeitung melachim (drei Könige), gelobt seien Ihre Majestäten**,; sagt ein zweiter und haut wuchtig seine drei Könige ] auf den Tisch. I „Lo, lo, joreth bene imchem" (Nein, meine Jungen fähren nicht mit euch), sagt ein dritter mit schläfrigem; Gesicht und nimmt vom Tisch einen offenen „Bub". Also es gibt bereits eine hebräische Kartenj spräche. Wenn das unser Jude wüßte. Er würde diese Nacht ganz anders schlafen zu Füßen des alten, dunklen i Karmel mit dem hellen Feuerschein oben. Torquemadas Anleitung zur Entlarvung von Sdieindiristen* Von Jakob Krausz, Dieser Tage fiel mir ein Flugblatt in die Hand, das : die Anleitung enthält, die der blutgierige Großinqui« s i t o r von Spanien vor etwa 450 Jahren an seine Hascher herausgegeben hat, um ihnen die Entlarvung jener Juden, welche zum Schein die Taufe über sich ergehen ließen, aber im geheimen Juden geblieben sind, zu erleichtern. Die Schergen des heiligen Massenmörders haben so gut gearbeitet, daß ein Biograph des Torquemada zu seinem Ruhm erzählen könnte, daß es ihm zur Ehre Gottes ge* lungen sei, an die 10.000 Juden lebendig zu vet» brennen und ungezählte andere Judenmassen durch die qualvollste Tortur ins Jenseits zu befördern, nachdem ihr Besitz beschlagnahmt worden war. In 34 Punkten faßt Torquemada die Symptome zusammen, welche den Juden im Scheinchristen verraten. Ich gebe diese 34 Punkte hauptsächlich aus dem Grunde hier wieder, weil sie interessante kultur« und familienhistorische Hinweise auf das Leben der Juden und der Marannen zur Zeit der spanischen Inquisition enthalten. Torquemada hat die „Judensymptome" mit der Widmung versehen: „Erhebe Dich, o Herr, wir richten in Deiner Sache, bringe die FüchsefürunszurStreckel" und dann werden die 34 Symptome für die Entlarvung der Geheimjuden wie folgt aufgezählt: 1. Wenn ein Jude, der getauft wurde, auf den Nies* sias wartet oder sagt, er sei nicht gekommen; t - - 2. wenn er, nachdem er durch die Taufe regeneriert worden "war, wieder das Judentum annimmt; 3. wenn er behauptet,. daß das mosaische Gesetz genau so wirksam für die Erlösung sei wie das christliche; 4., Wehn er rani'Samstag; diu besseres* oder^satkberetes^ Gewand anlegt als sonst, oder den Tisch mit einer reinen Tischdecke bedeckt; 5. wenn er das Blut vom Fleisch wegwäscht oder die verbotenen Teilchen davon auslöst; 6. wenn er, bevor er ein Tier schlachtet, das Messer untersucht und das Blut des Tieres zudeckt; 7. wenn er unnötigerweise während der Fastenzeit Fleisch ißt und glaubt, das tun zu können, ohne Gott zu verletzen; 8. wenn er das Versöhnungsfest beobachtet, zum Zeichen dessen, daß er von allen, die er glaubt beleidigt zu haben, Verzeihung erbittet und überdies seine Hände auf die Köpfe seiner Kinder legt, um sie zu segnen, ohne dabei das Kreuzzeichen zu machen; 9. wenn er das Estherfest beobachtet; 10. wenn er am neunten Ab in Erinnerung an die Zerstörung der zwei Tempel fastet; 11. wenn er die im mosaischen Gesetz vorgeschrie« benen Feste einhält; 12. wenn er das= Ueberschreitungsfest durch Genuß von bitteren Kräutern und Lattich feiert; 13. wenn er das Fest der Laubhütte durch Er rieh« tung von grünen Zweigen in seinem Haus oder dadurch feiert, daß er an Juden Speisen als Geschenke sendet oder solche von ihnen erhält; 14. wenn er am Fest der Offenbarung extra Kerzen entzündet; 15. wenn er nach der Mahlzeit Segenssprüche sagt wie die Juden; 16. wenn* er nur von Juden gemachten Wein trinke; 17. wenn er vor den Mahlzeiten Segenssprüche, wie sie bei Juden üblich sind, spricht; 18. wenn er nur von Juden geschlachtetes Fleisch genießt; 19. wenn er dieselben Fleischsorten ißt wie Juden, oder an ihrem Tisch gegessen hat; 20. wenn er die Psalmen Davids rezitiert, ohne am, \ Schluß „Gloria patri" zu sagen; 21. wenn eine Frauensperson es unterläßt, 40 Tage nach der Entbindung in die Kirche zu gehen; 22. wenn er seinen Sohn beschneiden ließ; 23. wenn er ihm einen bei den Juden gebräuchlichen Na,raen gab;. 24. wenn der neue Christ nach der Taufe seiner Kinder den Teil des Kopfes,* der die heilige Weihe erhielt, gewaschen hat; 25. wenn er bei der Eheschließung den im mosai« : sehen Gesetz vorgeschriebenen Ritus einhält; 26. wenn er einen Tag, bevor er eine Reise unter«; nimmt, seine Freunde und Verwandten zu einem Mahl ' einlädt;