Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 159 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 159 DIE NEUE WELT Seife S etfaßte. Es genügt, daß die Studenten ins tägliche Leben eintreten, damit sie ihre antisemitischen Theorien und Praktiken an den Nagel hängen und auf allen Gebieten des täglichen Lebens mit den Juden zusammenarbeiten. Die obersten Behörden versuchten durch Milde, Rat* schläge und Entgegenkommen die Studenten von der ge* fährlichen Agitation fernzuhalten. Diese präventive Aktion darf auf keinen Fall als eine Ermutigung der Antisemiten betrachtet werden. So oft die antisemitische studentische Bewegung zu Taten übergeht, sieht es die Regierung als ihre Pflicht an, zu intervenieren und dagegen in encr« gischester Form Stellung zu nehmen. Gegen Organisa* tionen ausgesprochen anarchosantisemitischer Färbung, die nicht ausschließlich von Studenten gebildet sind, wie zum Beispiel die .Eiserne Garde', .Erzengel Michael' usw. wer* den die strengsten Maßnahmen, die das Gesetz erlaubt, ergriffen werden. Die Annahme, daß sich im Herbst die Unruhen wiederholen werden, sagte der Minister weiter, sei voll* kommen falsch; die Regierung wird streng dar* auf achten, daß die Ruhe im ganzen Lande gewahrt bleibe. Sie wird anderseits alle Anstren* gungen machen, um in den nächsten Monaten der Bauern* bevölkerung durch Gründung einer Agrarkredit* b a n k, durch Verhandlungert mit den Gläubigern usw., zu helfen. Die Ernte ist sehr reichlich ausgefallend, und die Gründe sozialer Unzufriedenheit schwinden immer mehr, so daß auch für die antisemitische Agitation kein Boden mehr sein dürfte. Hoffentlich werden nicht auswärtige Ein* flüssc dazwischenkommen, um das Werk der Regierung zu erschweren. Ich denke an den Triumph der Na* tionalsozialisen in Deutschland und frage mich, ob dieser Sieg Hitlers außer den Fol* gen auf die europäische allgemeine und Friedenspolitik, nicht auch auf die fried* liehen Beziehungen zwischen den verschie» denen Konfessionen und Völkerschaften innerhalb der einzelnen Länder einen Ein* fluß ausüben wird. Ich glaube aber, daß eine solche .Einwirkung bei uns nicht recht fühlbar werden könnte, denn — ich wiederhole es —- ich fürchte weniger den theoretischen Antisemitismus als die ökonomischen Schwierigkeiten, welche das Land durchmacht. Sobald die wirtschaftliche Krise weniger akut wird, wird die gesamte Propaganda bei uns nicht einen einzigen Proselytcn machen können." Rund um den Plan einer arabischen Offensive Von W. Weinstein Die zwei Jerusalemer arabischen Zeitungen i,El Chiat" und „Marat el Scharak" führen eine heftige Propaganda für die Einberufung des VIII. arabischen Kongresses in Palästina. Maiuhe können behaupten, daß die Zeitungen und ihre Propagandaparolen keinerlei Wert besitzen und für die herrschende Stimmung in den arabischen Kreisen nicht maßgebend sind. Formell ist diese Behauptung richtig. Weder das Arabische Exekutivkomitee, noch der Höchste Muselmanische Rat haben irgend einen Auftrag zur Einberufung eines solchen Kongresses bekommen. Und das ist ganz verständlich. Die arabische Delegation ist aus London mit der Gloriole des Siegers zurückgekehrt. Sie hat dem armen und primitiven Araber gezeigt, daß den Führern vieles fcu erreichen gelungen ist, und daß die Schritte der englischen Regierung zugunsten der Araber und gegen die Juden die Folge energischer Tätigkeit des Mussa Kasim Pascha, des Naschaschibi und des Mufti sei. Es ist nicht schwer zu begreifen, daß der primitive Dorfaraber und sogar der städtische arabische Intelligenzler einsehen, daß die offiziellen Führer die Wahrheit sprechen. Zu der Zeit, als die arabische Delegation sich in London befand, hat die englische Regierung eine Reihe politischer Angriffe gegen den Zionismus und den Jischuw vorbereitet, jiind es ist für niemand ein Geheimnis, daß die Araber die objektive politische Situation im Kolonialamt benützten und psychologisch und tatsächlich einen Druck auf die Gruppe um Shiels und Genossen ausübten. Aber es gibt eine Tatsache, die beweist, daß die Araber, die nach der Meinung vieler Zionisten in der Galuth nicht wissen, was Politik ist und wie man sie macht, große politisch-taktische Fähigkeiten gezeigt haben. Die arabischen Führer wissen sehr wohl, daß nicht nur die indischen Muselmanen, sondern sogar die syrischen und ägyptischen in ihren politischen Zielen auseinandergehen. Das haben wir während der Ereignisse in Palästina gesehen, als die arabischen Institutionen flammende Aufrufe an die Araber Syriens und Aegyptens zwecks Geldunterstützung und moralischer Hilfe für den „nationalen Widerstand" der palästinensischen Araber richteten. Die flammenden Aufrufe hatten keinerlei Erfolg. In einigen Städten gab es vereinzelte Straßendemonstrationen, aber Geld wurde nicht geschickt und von moralischer Hilfe konnte keine Rede sein. Die arabische Exekutive verstand es aber, die rein äußerliche Bewegung in Syrien, in Aegypten und auch in Indien zu verwenden. Die arabische Delegation war aus London zurückgekehrt und nach der Siegesfeier begannen die Familienzwistigkeiten. Es erübrigt sich, zu bemerken, daß es bei den arabischen Organisationen prinfdnjre enolifctie Stoffe ALBERT HARDT gegfr.r?9'7 WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o Z-4l; f ^Ms^x^kJ^M l AV'sä »MAftSfiUftG« anrufender bequemste quemsTe m vßaschtagl TBL* * 2^-5-20 S£ftl£ ~ zipielle Meinungsverschiedenheiten gibt. Es ist der alte und chronische Streit unter den führenden Persönlichkeiten und Familien um die Macht und um das Geld. Man hat jetzt in Palästina Gelegenheit, zu hören, wie der Mufti beschuldigt wird, nationales Geld zu privaten Zwecken verwendet zu haben. Aber ungeachtet der Reibungen ist das Endziel aller arabischen Organisationen dasselbe: die radikale Liquidierung der spezifisc h'fc n Mandatsrechte der Juden. Die Araber spüren, daß der Zionismus und der Jischuw geschwächt sind, und wissen, daß man mit Hilfe der englischen Regierung dem Jischuw noch einen schweren Schlag versetzen kann. Und nur leichtsinnige Menschen können in der Welt Nachrichten verbreiten, daß die Araber friedlich gestimmt seien und im Lande Ruhe herrsche. Die Ruhe ist rein äußerlich. Die potentielle Pogromkraft der Araber in Palästina ist sehr groß und wird von der Politik der Londoner Regierung vielleicht bewußt verstärkt. Wenn es in der nächsten Zeit keine Pogrome geben wird, so nur deshalb, weil England gegenwärtig daran kein Interesse hat. Und nicht, weil etwa die Araber ihre Fehler eingesehen hätten und zu Zugeständnissen bereit wär,en. Offiziell ist ein Beschluß über die Einberufung des VIII. arabischen Kongresses nicht gefaßt worden. Aber wenn die zwei oberwähn teil arabischen Zeitungen schreiben, es sei zur Verstärkung der arabischen Nationalbewegung die aktive Arbeit für die Vorbereitungeines arabischen Kongresses nötig, wenn ferner junge Araber aus Hebron ein Telegramm mit der Losung verschicke^, „Führt Agitation zugunsten des VIII. Kongresses", wenn schließlich „Marat el Scharak" darauf hinweist, daß nach den gegenwärtigen Ereignissen das Land einen echten Volksführer braucht, eine tatkräftige, energische und arbeitsfähige Exekutive, in deren Adern junges Blut pulsiert, so verdient das alles ernste Aufmerksamkeit. Es beweist, daß ein gewisser Teil der Araber zu einer ungewöhnlichen politischen Demonstration Vorbereitungen trifft. Man muß zugeben, daß der Vorschlag dem Zeitpunkt entspricht. Shiels fährt nach Palästina. Weswegen und zu welchem Ende — das ist eine Zwei Premieren der //Habima" Shakespeare und Gutzkow. Habirna ist in eine neue Periode ihres Schaffens eingetreten. Den Beginn der Konsolidierung und eines Pro* ,gramms auf einen längeren Zeitabschnitt machten die zwei in Palästina herausgebrachten Stücke „Keter David" und „Hoazar", „Keter David" ist eine Bearbeitung der „Locken .Absalons" vom altspanischen Dramatiker Calderon, einem ,aus der katholischen Mystik seine Plastik holenden Dichter. „Hoazar" hinwiederum führte Babiraa zum Versuch, die soziale Welt des Ghettos in der Retrospektive Schalom Alejchems zu reproduzieren. Beide Stücke waren in Erez Israel Gegenstand lebhafter Diskussion, die zur .Frage hindrängte, ob hier nicht Habima in eine künst* lerische Sackgasse gerate. Man konnte fast von einer Krise sprechen, der auch an Schärfe nicht der grolle Erfolg, ilen Habima in Europa mit beiden Stücken hatte, nehmen konnte. \ Die Fühlungnahme mit den jüdischen Intellektuellen der Welt, dadurch bewerkstelligt, daß Habimas Anwesen* heit jeweils zwangsmäßig durch die Eigenart ihrer Er» •sebeinung führende Persönlichkeiten des jüdischen Geistes* Gebens zusammenführt, zeitigt Diskussionen mannigfacher .Natur. In Erez Israel war Habima fast die ganze Zeit/ .ihres Wirkens hindurch Objekt leidenschaftlicher Debat* ten, sozusagen Kristallisationspunkt aller dichterischen, szenischen, sprachlichen und musikalischen Probleme dos Landes. Ja, symptomatisch und denkwürdig bleibt jene .große Volksversammlung, die bis zum frühen Morgen über *,,Kcter David44 urteilte, verurteilte, billigte, stritt. Auch in 'Berlin, wo die europäische Premiere des Calderonschen Stückes stattfand, gab es auf den Grund gehende Aus« einandersetzungen über das Wesen eines hebräischen Theaters, an denen auch die bedeutendsteh Persönlich* keiten des deutsdien Kulturlebens teilnahmen. Dieses gesunde Moment eines steten Kontaktes mit Erez Israel und der Gallith wird inistunde sein, Habima vor der Gefahr des Sidiverlierens ins Uferlose und des Uebergangs in ein Allerweltstheater zu bewahren. Die Frage, ob hebräisches Theater dem Geist nach oder hebräisches Theater im Sinne einer Umfassung aller menschlichen Kulturwerte in hebräischem Gewände, steht am Anfang ihrer Beantwortung. Weltkultur soll im hebräischen Spiegel von Habima einiyefangen werden 1 Eine Bejahung in diesem Sinne fand ihren Ausdruck in der Aufführung von Shakespeares „Was ihr wolltl44.-'Hier zeigte es sich, wie recht jene hatten, die schon damals, als Habima zu erstarren drohte, von ihr all das vermittelt wissen wollten, was auch sonst Kulturtendenz des moderneu Judentums ist: die Wiedergabe allmenschlidier Empfindungen und Kulturdnhalte durch das Mittel der eigenen Schöpferkraft in Sprache und Form. Das Wagnis eines hebräischen Shakespeare ist vollauf gelungen. Wer die Berliner Aufführung gesehen hat, muß den Sinn und Wert dieser neuen Perspektive als großes Erlebnis buchen. Das Eigenartige der Aufführung uud das Wunderbare an ihr ist der hebräische Klang im altenglischen Theater. Denn Habima schöpft au« Shakespeare die Urform seiner dramatischen Tendenz, die Einstellung auf die Lebendigkeit der Handlung, in der der Humor der Shakespeareschen Komödie beschlossen liegt. Wort, Gebärde. Musik, Tanz zur Einheit zu führen im ewigen Sinn.des Theaters, den die Zeit Shakespeares besaß und den das romantische Theater begraben wollte — das ist das Resultat der Auffassung Habimas von .der Shakespeareschen Welt der Komödie. Aber im Rahmen seines Kollektiveriscnibles hat Habima noch eines gezeigt: sie besitzt Schauspieler, Individualitäten. Messkin und Tschemerinsky, Baraiz und Benjamini und Frau Winiar gestatteten auch als absolute Schauspieler den Vergleich mit den stärksten Potenzen des großen deutschen Theaters. Die jüngste Premiere, Karl Gutzkows „Uriel A costa", dieses ein knappes Jahrhundert alte, zeitbefangene, durch die Kanäle des Realismus einer aufklärerischen Epoche geschleifte Tendenzstück, uuserem Empfinden fremd, unserem Kunstgeschmack lästig, scheint für Habima ein wenig dankbares Sujet. Auch die Umarbeitung und die neue szciüsdic Einteilung vermögen nichts daran zu ändern. Die Entkleidung des geistigen Gehaltes und Transfonnicrung in das Legendenhafte gibt zwar Habima die Möglichkeit, eine Atmosphäre theatralischer Melancholie und opernhafter Stimmungen, die durch wundervolle, hagadahafte bunte Szenerien zur Geltung kommen, balladesk hervorzuzaubern, aber die sieben Bilder helfen über die dramatischen Schwächen des Sujets nicht hinweg. Auch dieser Abend zeigte die schauspielerischen Leistungen Habimas in unverminderter Stärke. Baratz als Synogagendiener, Ben Chajiiu als Rabbi Akiba und die Rowina, die „Heroine des Schmerzes, eine Mensch gewordene, traurig schöne Melodie", standen im Mittelpunkt der Begeisterung des Premierenpublikums, Ein neuer Weg ist gegeben. Der vollendete Shakespeare ist mehr als eiu Versprechen für die Zukunft der Habima. Was sich hier angekündigt hat, ist ein Schritt vorwärts, Beginn der Erfüllung neuer Aufgaben, ein Markstein auf dem Weg de« hebräischen Theaters.