Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 158 (26.9.1930)
- Date
- 1930-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir betonen diesen Unterschied nicht, um den Re* visionisten eine besondere Genialität zuzuschreiben oder die Zionistische Exekutive als eine geistig minderbemit* telte Körperschaft hinzustellen. Wir bezweifeln nicht im geringsten die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Mitglieder. Aber die größte Klugheit konnte und kann ihr nichts nützen, wenn der typische jüdische Minderwertigkeits* komplex in seiner schlimmsten Form, wie er sonst nur bei deutschen oder französischen Assimilationsjunden an* zutreffen ist, die Erkenntnis der Situation trübt und eigene Schwächen und fremde Kräfte so riesengroß erscheinen läßt, daß sie sich überhaupt nichts mehr zu tun traut. Wer der Ansicht ist, daß der „Goi" der böse Feind ist und immer und prinzipiell den Juden haßt und ihm schaden will, 'der hat auch nicht die innere Kraft, um ihn zu unserem Bundesgenossen zu machen. Die Revisionisten glauben nicht an diese Böswillig* keit a priori. Sie sehen in Figuren wie Richmond und Miß Newton nicht die Repräsentanten der „anderen", sondern seelisch kranke Menschen, einzelne Ausnahmefälle. Sie handeln einfach unlogisch: Die Juden wollen ein anderes Regime in Palästina? Dann müssen sie erst einmal er* klären, daß sie mit dem bestehenden unzufrie* den sind und warum. Und dann müssen sie ausein« andersetzen, mit welchem Rechte sie verlangen, daß das andere Regime gerade so aussehen soll, wie sie es wollen. Das hat Dr. Soskin in Genf getan. Er unterrichtete die Mitglieder der Mandatskommission und noch andere wichtige Persönlichkeiten über die Lage in Palästina und die Obstruktion der .britischen Verwaltung gegen die Repatriierung der Juden, rollte die Judenfrage in ihrem ganzen Umfang auf und begründete unseren Wunsch auf die Rückkehr'in unser Land und die Wiederherstellung unserer politischen Freiheit, so wie es jeder Zionist seit Herzl getan hat. Alles das ist so einfach und unwider* legbar, daß es nicht einmal ein Jahr dauert, bis ein Durch» schnittsmensch es begriffen hat und dazu ja sagen muß. Nur die lange Vernachlässigung der jüdischen Aufklärungsarbeit, die kampflose Ueberlassung des Schlachtfeldes an unsere Gegner, innere Unsicherheit — die immer Verdacht erwecken muß — wie sie die offiziellen Repräsentanten des Zionis* inus zeigen, machen die Arbeit schwieriger und zeit* raubend. Man hat den Revisionisten voll überlegener Weisheit auseinandergesetzt, daß alles dies zwar logisch, aber naiv ist. Denn in Genf ebenso wie wo anders kommt es nicht auf die Gerechtigkeit, sondern auf du?.. I n t e r» essen an. Mit den schönsten Argumenten1 und dem klarsten Beweis, daß England das Mandat nicht durch» geführt hat, wäre nichts auszurichten, weil sich die Mit* glieder der Mandatskommission nach den Instruktionen ihrer Regierungen richten würden, die es sich nicht der Juden wegen mit England verderben wollen. Die Leute, die das sagen, kommen sich sehr klug und tief vor, wie alle Pseudoskeptiker alles anzweifeln, außer ihre eigenen Zweifel. Sie wissen aber nicht, daß die Mitglieder der Mandatskommission das größte Gewicht auf ihre voll« kommene Unabhängigkeit, auch von ihren __ DIE NEUE WELT_ Regierungen, legen, und Soweit es praktisch irgend geht, ihr Urteil afs ur&bnlngites Ricnterköllegium fallen. Warum ist es aber außerdem so sicher, daß die anderen Regierungen, und gerade die maßgebenden, mächtigen unter ihnen, es für ihr Interesse halten, Englands Politik unbedingt zu stützen? Warum ist es so sicher, daß nicht die eine oder die andere unter ihnen das Gegenteil will, vielleicht gerade jetzt oder in diesem Falle? Wir überschätzen die unmittelbare praktische Wir* kung des Spruchs der Mandatskommission nicht. Möglich, daß England sogar, um sich dafür zu rächen, jetzt noch irgend welche neuen Schläge gegen die Juden zu führen versuchen wird. Aber in der gegenwärtigen Situation halten wir den Bericht auf lange Sicht für ein wert* volles Kampfmittel in der bevorstehenden politi« sehen Offensive. Denn die Welt glaubt heute 2um ganz großen Teil an die Argumente unserer Gegner und weiß nicht mehr, was die Juden eigentlich wollen, dank der Unterlassungssünden der Zionistischen Exekutive, ihrer wirren Reden und den Inspirationen vom Skopus* berg. Daher kann die Anerkennung unseres Rechtes, unserer Forderungen und der Schuld Englands höchste, desinteressierte internationale Expertenkollegium eine entscheidende Wendung in dem Kampf um die Anerkennung unseres Rechtes durch die öffentliche Meinung werden, wenn wir eine vernünftige Politik verfolgen. Wir fürchten die Rache Englands, für den Bericht nicht, denn es hat sich aller brauchbaren Waffen gegen die Juden beraubt, seit es ihnen alles genommen hat, was für den Zionismus wichtig ist. Uns kann England nur an einer Stelle wirklich treffen: an der Einwanderung. Und da hat es uns längst getroffen. Nicht erst seit der Sperre vom Mai. Denn für uns ist nur eine Einwanderung von Interesse, . die in jedem Jahre die Juden um eine größere Zahl vermehrt, als der arabische Bevölkerungs* ■■■■^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■BBKRIVBMnBi ■■■■■■■■■ LERNET FREMDE SPRÄCHEN in der Berlitz School, Wien I, Graben 13 __Prospekt 7 auf Wunsch . ■______ Zuwachs beträgt. Und das hat England seit Jahren verhindert. Lord, Passf ield erklärte schon vor „Wochen in seinem Interview* mit dem Londoner Korrespondenten des „Vorwärts",-daß etf e$$äuch weiterhin verhindern will. Englands Aerger über den Bericht kann den Zionismus daher nicht mehr schädigen." Der Nutzen, den uns der Spruch der Mandatskommission in unserem' Kampf um Repatriierung und Freiheit:'"'"bringt, ist unvergleichlich größer, als'der Schaden, den uns die Revanche des Kolonialamtes noch antun kann. Wir begreifen, daher di& Gefühle,' denen die Be* merkungen der Sekretäre Etird Passfields zum Bericht der Mandatskommission offensichtlich entsprungen sind. Seit den Unruhen sind alle Elaborate des Kolonialamtes so plump und grobschlächtig, daß man nicht mehr das Gefühl hat, Dokumente .einer englischen Regierungsstellle vor sich zu haben. Die AritWort auf den Bericht der Man* datskommissibn istf-noch ungeschickter als der S h a w * B e r i c h t. Offenbar trübt der wütende Haß gegen alles'Jüdische, der den Civil Service des Kolonial* amtes ergriffen hat, sein '"kritisches Urteilsvermögen. In allen Bemerkungen gibt e,s. nur eine ernsthafte Stelle: Das ist, der Einwand, warum die Mandatskom* mission nicht schon f rlhe r ihre Unzufriedenheit mit dem System , der britischen Palästina*Verwaltung ausge* drückt und eine Verstärkung der Sicherheitstruppen ver* langt hat. Aber sollte die Mandatskommission das tun, wenn sie bisher nicht nur von den Engländern, sondern auch von den Juden hörte, daß alles in bester Ordnung ist? S oll t e und k'ön n't d''die M a hdä tflsÄko'mmis» sion mehr für die Juden verlangen, als die Juden selbst? Wieder rächt sich jene Pilpulistik, die von den Zionistischen Exekutiven des Weizmann*Regimes als Politik bezeichnet wird: Das überkluge „beherrschte" Verschweigen d-er Wahrheit, um es sich nicht mit dem Kolonialamt zu verderben, wird von ihm jetzt als Präzedenzfall gegen die Juden verwertet. Und es wird sehr schwer sein, den beabsichtigten Ein* druck auf den Außenstehenden zu verhindern, daß die Juden die PalästinasVerwaltung nur beschuldigen, um die Schuld für ihren eigenen Mißerfolg auf England abzu* wälzen. Denn wenn England sie wirklich seit zehn Jahren so schlecht behandelt hat, warum haben sie dann alle zehn Jahre über erklärt, daß sie großartig mit seiner Jerusa« lemer Verwaltung zusammenarbeiten und „Eng* land seine Pflicht getan hat"? Wir sahen das bereits kurz nach den Unruhen nach einer Rede D j emal Husseinis in Oxford. In der Diskussion erhob sich ein englischer Professor und erklärte, er wäre immer für den Zionismus gewesen, weil ein jüdisches Palästina eine Nr. 158 wichtige Stütze für England bedeuten würde. Aber die Erfahrung der letzten zehn Jahre habe gezeigt, daß der Zionismus unmöglich ist. Denn trotz der Unter* Stützung durch die englische Regierung sind in dieser ganzen Zeit nur hunderttausend Juden nach Palästina gekommen, die nur 18 Prozent der Einwohner bilden. Es bleibe England daher nichts anderes übrig, als zu sehen, wie es sich mit den Arabern verständigt Der Revisionistenführer Meir Großmann erwiderte darauf, selbst daß hunderttausend Juden nach Palästina zurück* gekehrt sind, ist ein Wunder angesichts der Schwierig* keiten, die der jüdischen Einwanderung systematisch von der Regierung gemacht wurden. Da unterbrach ihn der Vorsitzende mit den Worten: „Mr. Großmann, es ist nicht fair, daß Sie jetzt die Schuld für Ihren Fehlschlag auf England abwälzen wollen, nachdem Sie zehn Jahre lang in allen offiziellen Dokumenten und Reden erklärt haben, daß die britische Verwaltung Sie unterstützt hat und Sie mit ihr zufrieden sind. . . ." Großmann konnte darauf nichts entgegnen, wegen der Prärogativen der Zionistischen Exekutive. . . . Alles andere, was in der Antwort des Kolonialamtes steht, wird vielleicht einmal einen Aristophanes finden, der daraus eine Satire macht. Es reicht sogar für mehr als eine: Die beleidigte Arroganz, mit der die Mandatskom* mission zurechtgewiesen wird, weil sie es wagte, die vom Kolonialamt eingesetzte Shaw*Kommission nicht für die autoritativste Instanz zur Beurteilung der Politik des Kolonialamtes zu halten, sondern die Memoranden der Revisionisten und der Jewish Agency für richtiger hielt, obwohl die Regierung Mac* Donalds sich mit der Shaw*Groteske identifiziert hat, das erstaunte Entsetzen darüber, daß die Kommission offensichtlich die Anschauungen der „extremen Juden", lies der Revisionisten, akzeptierte. Alles das ist kein Fall für eine politische Wertung, sondern höchstens für eine Untersuchung durch einen Psychologen. Am drolligsten oder dreistesten ist der Versuch, die fehlende Unterstützung für die Errichtung des jüdischen National* heimes mit dem Hinweis zu erklären, das wäre nicht Sache Englands, sondern der Juden selbst. Wem klingen da nicht ständig wiederkehrende Phrasen aus Weizmanns Reden in den Ohren? Niemand hat je erklärt, es wäre Englands Aufgabe, das Nationalheim zu errichten. Aber es ist seine Pflicht, dazu zu helfen und nach der Balfour*Deklaration sogar „die größten Anstren* gungen dazu zu machen", die vom Mandat u. a. mit der Förderung der jüdischen Ansiedlung auf Staats* und Brachländereien definiert wurden. Wozu diese plumpe Ableugnung, wo der revisionistische Vertreter in Genf doch imstande ist, jedem Mitglied des Völkerbundrates die betreffende Stelle des Mandats in die Hand zu geben? Uebertroffen wird dieser erstaunliche Passus nur noch von der Angabe über die finanziellen Leistungen der britischen Regierung: Neun Mi 11 i onen Pf und hat sie seit 1921 für Palästina aufgewendet! Vielleicht ist es als Zeichen von Bescheidenheit zu werten, daß es nicht heißt neunzig oder neunhundert Millionen. Dazu hätte man nur eine Silbe mehr schreiben müssen und es wäre genau so richtig gewesen. Den Bürgern Palästinas ist es bisher unbemerkt ge* blieben, daß sie auch nur eine Million oder selbst e i n einziges P f u ri d für die Entwicklungszwecke auf!» gewandt hat, die ihr die Mandatskommission vorschreibt. Man kann sich aber ungefähr eine Vorstellung von der Berechnung machen, die das Kolonialamt angestellt hat, wenn man liest, es habe außerdem der Palästina*Regie* rung zu einer Anleihe von 4,5 Millionen Pfund für „wich* tige öffentliche Arbeiten" verholfen. Jeder Mensch, der lesen und schreiben gelernt hat, kann sich aus dem amt* liehen britischen Bericht über den Zweck dieser Anleihe davon unterrichten, daß von ihr nur anderthalb Mil* Honen Pfund nach Palästina kamen, davon eine Million für den Hafenbau in Haifa, den wichtige wirtschafts* strategische Interessen Englands erfordern, der Rest für weniger wichtige Dinge. Drei Millionen werden jedoch zur Deckung des Defizits der britischen Militär* Verwaltung und zur Bezahlung ihrer Anlagen, der Militär* bahn, des Telephonnetzes usw., an das Kolonialamt abgeführt. Was diese „Aktiva" wert sind, zeigt der letzte Bericht der Regierung an den Völkerbund, wo aus* drücklich festgestellt wird, daß die Eisenbahn ihr Kapitalnichtverzinsc. Die Anleihe selbst ist aber vondenJuden gezeichnet worden, wie zur Zeit ihrer Aus* Schreibung selbst das weit vom Zionismus entfernte „Ber* Hner Tageblatt" berichtete. Der damalige Schatzkanzler ALLGEMEINE RENTENANSTALT Hervorgegangen aus der Im Jahre 1824 gegründeten Allgemeinen Versorgungsanstalt WIEN, I., GRABEN 20 RENTEN SPAREINLAGEN (Nftgfergawe U TeL U-21-510 Serie (Altersrente, Witwenpenaion. Kinderfürsorge usw.) Prospekt« u. Auskünfte bereitwilligst u kostenlos XWIIQANITALTi Orot, JakomlnlplaU 29