Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 156 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 156 DIE NEUE WELT Seite 5 au den Juden getan, sondern im Gegenteil aus Freund« Schaft zu den Juden. Er wollte auf diese Weise die anti* semitische Bewegung kontrollieren. „Adeverul" setzt nun die Wiedergabe jenes Interviews fort und verbürgt sich für dessen Authentizität. Im Verlauf des Gespräches äußerte sich Minister VaidasVoevod dahin, die Juden schaden sich selbst, wenn sie.laut Vor aller Welt Klage führen und besonders den Brand von Borschs herausstreichen, denn eben dadurch seien die Bauern auf den Gedanken gebracht worden, die Juden hätten selbst, ohne Rücksicht auf die Mit« gefährdung nichtjüdischen Eigentums, den Brand in Boracha gelegt, um die Versicherungssummen zu be« kommen. Auch dächten die Juden, sagte Vaida«Voevod weiter, zu wenig an die Tatsache, daß ihre Emanzipation in Ru# mänien noch jungen Datums und noch nicht ganz ge* sichert sei; es wäre darum besser für sie, nicht allzu weit* gehende Forderungen zu stellen. Diejenigen, die aus Amerika und aus anderen Ländern nach Ru« mänien kommen — fuhr der Innenminister fort — soll* ten die Zustände im Lande nicht übertrieben darstellen, wie es der Sonderberichterstatter der Jüdischen Tele* graphen»Agentur Herr S m o 1 a r während seiner An* Wesenheit in Rumänien im Juli getan habe. Der Minister sagte wörtlich: „Ich hätte ihn v.er» haften und ausweisen lassen sollen, denn er hat Rumäniens Ansehen geschadet. Besonders hat die Wiedergabe seines Interviews mit mir unserem Kredit im Auslande Abbruch getan. Länder, in denen ein viel heftigerer Antisemitismus herrsche, wie z. B. Ungarn, haben.dennoch ausländische Kredite er* halte n." Die Bemerkung des Interviewers, daß seine Erklärungen wie eine Drohung gegen die Juden klängen, und daß sie dazu angetan seien, die antisemitischen Grup* pen zu ermutigen, ließ Minister Vaida/Vocvod u n b e* an two r t e t. Cuza will Diktator werden. — Hetzplakate in den Straßen von Bukarest. Bukarest, 8. September. Die Cttza*Partei hat in den Straßen von Bukarest zahlreiche Plakate kleben lassen, in denen offen zur Diktatur aufgefordert wird. Es wird festgestellt, daß das Land durch die Parteistreitigkeiten und die Juden vollkommen zugrunde g e* richtet wird. Kandidat der Cuza*Partci für den Posten des Diktators ist Professor Cuza, dessen Photo« graphie auf den Plakaten zu sehen ist. Danila und Totn veranstalten nach ihrer Freilassung neue Exzesse. Czernowitz, 8. September. (J. T-i A.) Die Cuzisti* sehen Führer Danila, Totti und I r i m a, die vor wenigen Tagen aus dem Untersuchungsgefängnis ent* lassen wurden, haben ini Zuge Jassy—Pascany den jüdi* sehen . Kaufmann Jeancu Goldenberg aus Pascany überfallen und blutig mißhandelt. Der Zugführer und das übrige 'Eisenbahhpersonal griffen nicht ein. Auch der Stationsvorsteher, an den sich der Ueberfallenc um Schutz wandte, weigerte sich einzuschreiten. Die jüdisch-medizinischen Handschriften aus dem Mittelalter im Vatikan. Prag, 6. September. Rabbiner Markus Vorhand aus Nitra, c'.cr bekanntlich durch längere Zeit Studien in der vatikanischen Bibliothek, betrieb, um die medizinischen Handschriften der mittelalterlichen Juden zu erforschen, machte dem JTA.*Vertreter interessante Angaben über seine Forschungsarbeiten. Vorhand begann seine Studien im Vatikan im Jahre 1925 und erhielt von dem damaligen Kardihalsekretär Gas pari die Bewil* ligung, die Handschriftensammlung der vatikanischen Bibliothek zu benützen. Unter diesen Handschriften fand er über 500 Manuskripte hebräischer Aerzte aus dem Mittelalter, von denen er die wertvollsten Seite für Seite photographieren ließ, da eine Bearbeitung in der Bibliothek selbst oder eine Entfernung aus derselben un« möglich war. Die Handschriften, die für das hohe Niveau der jüdischen Heilkunde des Mittelalters sprechen und interessante Zusammenhänge zwischen Ritus, Medizin und Hygiene aufdecken, zerfallen in drei Gruppen, in denen die Heilkräuter im allgemeinen, ihr Wesen und schließlich Anwendung und Namen der aus ihnen herzustellenden Medikamente behandelt werden. Bei vielen Manuskripten besteht über die Autorschaft Unklar* heit und es ist bereits erwiesen, daß es sich in manchen Fällen um Komplikationen verschiedener Urheber und um Sammlungen aus der Praxis und Erfahrung der medizi* nischen Behandlung bei den mittelalterlichen Juden han* tlelt. Man findet Abhandlungen über Kopf* und Brust* erkrankungen, Har n#, F i e b e r# und G e* s c h 1 e c h t s k r a n k h c i t c n. Manche Therapien haben viel Aehnlichkeit mit modernen Behandlungsmethoden; so erinnert eine der Methoden zur Fieberbehandlung an die moderne Prießnitz*Methodc. Rabbiner Vor* band wird demnächst wieder nach Rom reisen, um die Vorarbeiten abzuschließen. Er will das Material ins Deutsche übertragen. Hai Kareski richtig gehandelt? Aufruhr der Gemüter in Berlin« — Die Tage vor den Reidislagswahlen« Von J. Klinow (Berlin). Die Nachricht, daß der zionistische Präsident der Berliner Judengemeinde, Georg K a r e s k i, auf der Reichswahlliste . des ka thodis cjh en Ze n tr uins figuriert, hat überall größtes Aufsehen erregt, nicht hur.in Deutschland.' Wir haben uns an unseren Mitarbeiter J. Klinow, einen der führenden jüdischen Journalisten Berlins, mit dem Ersuchen gewendet, Näheres über den Fall Kareski mitzuteilen. Das Gespräch des Tages im jüdischen Berlin in dieser Stunde der Aufregung vor den Reichstagswahlen hat natürlich dies zum Grund: Georg Kareski, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde' und' gegenwärtig Kandidat an der zehnten Stelle der. Zentruansliste zum Reichstag ...! Georg Kereski, wie kommt er dazu? Was ist geschehen? Was hat ihn bewogen, den Präzedenzfall einer jüdischen Kandidatur beim k a t h o ] i s c*h e n Zentrum zu schaffen? Welche Motive, welche Hintergründe spielen hier eine Rolle? Hat er auf eigene Verantwortung gehandelt oder auf den Rat von irgend wem? Mosa sprach darüber in Berlin, wo immer man zusammenkam. Man suchte aiber vergeblich mach einer zureichenden Motivierung. Ans ganz einfachem Grunde. Der gute Mann, Georg Kareski selbst, war in Berlin bis kurz vor den Wahlen nicht zu sehen. Er hielt sich in den letzten Wochen in einem tschechoslowakischen Kurort auf und ahnte .von der Ferne wohl, welche „Sensation" sein Entschluß geschaffen hatte, beeilte »ich aber nicht, öffentlich ' Stellung zu nehmen, und steigerte so die Hypothesen und Redereien rund um die Sache. Nicht jeder wollte glauben, daß die Geschichte auf Wahrheit beruhe, , wiewohl die ersten Nadifiditcn angeblich von Kareski selbst Ausgingen.' Er , soll es einem Freund dort im Kuroyt 'erzählt'hdbe*n, von wo aus sich die Nachricht blitzschnell duith' Berlin" verbreitete,' blitzschnell durch das ganze jüdische Deutschland. Nach einer Woche bestätigte das offizielle Zentrumisblatt „Germania": Ja, Georg Kareski, der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, figuriert auf der Zentrumsliste. Er figuriert nicht an sicherer Stelle. Er ist der zehnte Name, Kareski hat also keinerlei Ghance und wo&I auch ni&t die Absicht, als Abgeordneter in den Reichstag au gelangen. Es wt dolier nur ein demonstrativer Akt, eine Geste moralischer Natur, die Absicht, die guten Beaiehungen zur Zwtrum^partei herauszustreichen? Die Sympatbien für« Zentrum an und für sich seitens der Juden Deutschlands stehen unter keinem Fragezeichen. Diese Partei mit. ihren Toleranztraditionen hat sich die Sympathien geWiifi nicht erst seit gestern verdient. Schätzungisweise ' haben bei den' letzten Reichstags wählen ran den .200.000 wahlberechtigten Juden ungefähr- 3 0.0 0 0 f ii r d a-;s Zentrum g e s t i m in t, hauptsächlich in Franken, im Rheinland, in Bayern. In den 30.000 Stimmen sind auch die jüdischen Stimmen der Bayrischen Volkspartei enthalten. Die Aufstellung einer jüdischen Kandidatur fiel aber bis jetzt weder dem Zentrum selbst bei, noch den ihm nahestehenden jüdischen Kreisen. Der Fall Kareski ist der erste in der Geschichte des Zentrums und es ist kein Wunder, daß er leidenschaftlich besprodien und kommentiert wird, in der jüdisdien und nichtjüdischen politischen Sphäre. Soweit die Andeutungen reichen, betraditet man den Schritt Kareskis so: Von der einen Seite als klare und entschiedene Gegnerschaft. Man will ihn nidit verstellen. Man ist der Ansidit, dafl eine jüdische Verschwägerung mit der katholischen Partei prinzipiell unzulässig, faktisch unnötig und überflüssig ist. Man verurteilt Kareski besonders deshalb, weil es sich hier nicht um irgend einen Menschen aus der jüdischen Gesellschaft handelt, sondern um einen Repräsentanten von 200.000 Bürgern, von einer der größten jüdisdien Gemeinden der Welt. Wenn schon, sagt man, so hätte sidi jeder andere, nur nicht Kerenski, politisdi derart exponieren dürfen. Von dieser Seite sind Stimmen vernehmbar, daß die Sache noch weitere Komplikationen erfahren wird, da Kareski sidi vor der Gemeinde wird verantworten müssen. Eine Anfrage seitens der liberalen Fraktion in der Repräsentanten Versammlung igt ein deutlicher Hinweis in dieser Richtung. Von der anderen Seite nimmt eine ziemlidi bedeutende Gruppe jüdischer Führer für Kareski Stellung. Man sagt sidi: Vom jüdisdien Standpunkt ist die politische Haltung der Zentrumspartei unbedingt zu billigen. Im gegenwärtigen Augenblick, da der Angriff von rechts so stark und die Gefahr einer antisemitischen Koalition gegeben ist, mmß man jeden Sdiritt begrüßen, der die guten Bezieliungen der Juden zu allen republikanischen Parteien befestigt. Eine soldie Festlegung in der jüdischen Frage, wie sie das Zentrum durch die Aufstellung Kareskis vorgenommen hat, ist nicht zu unterschätzen. Im übrigen ist es interessant, daß mitgeteilt wird, Kareski sei Mitglied der Zentrums- XefoinäMe liefern ihr nahrhaftes Fett zur Kunerolerzeugung. Vom Pressen der Fruchte bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die Herstellung unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch' und Fleischspeisen verwendet werden. KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT partei nicht erst seit gestern. Wieweit das auf Wahrheit beruht, weiß ich nodi nidit. Wenn das stimmt, so bekommt die Sadie natürlidi eine andere Beleuchtung. # Ist Georg Kareski da« Gespriidi des Tages, so ist der Held der Wahlen sidierlich Dr. Bruno Weil, der Autor dos letztens populär gewordenen Dreyfus-Ruches, der jüdische Kandidat der S t a a t s p a r t e i. Ich glaube, es ist das erste Mal, daß ein jüdischer Roichstagskandidat mit solcher Vehemenz und mit solchem Eifer die jüdisdic Wählersdiaft bearbeitet. Dr. Bruno Weil tritt selbst auf, agitiert. Der Centraiverein ist zwar neutral gegenüber allen jüdisdien Kandidaten aller jüdischen Parteien, aber die Möglidikeit zu einer Pressekonferenz im Centraiverein hat nur Bruno Weil bekommen. Seine Freunde haben sogar eine Aktion der ,R e i s e - S t i m m s c h e i n e" unternommen, um eine größere Zahl von Juden in dem Bezirk zu konzentrieren, wo Bruno Weil kandidiert. Dr. Bruno Weil gehört natürlich zu jenen, die von der Kandidatur Karoskis auf der Zentrumsliste njeht begeistert sind. Er läßt nichts unversucht, um die Staatspartei von jedem Verdadit zu reinigen. Die Staatspartei hat mit Bruno Weil sicherlich kein schlechtes Geschäft gemadit. Weil ist ein tüchtiger Arbeiter, mit Haut und Haaren der Staatspartei ergeben. Die jüdisdie Wählerschaft aber ist auf diese Ergebenheit durchaus nicht vorbereitet. Man ist sich durchaus darüber nidit einig, ob die Partei, die die Mitgift des Jungdetits chen Ordens mit Mali raun eingesteckt hat, ein Redit auf jene 100.000 Stimmen habe, die die Juden bei früheren Reichstagswahlon den Demokraten zu geben pflegten. •' \ ■ ' Eines steht fest: Schon lange war eine soldic Verwirrung in den Hirnen der jüdischen Wähler nicht zu konstatieren wie diesmal. Für wen soll man stimmen? Am geeignetsten scheint die Sozialdemokratie zu sein. Aber das Verhalten der Sozialdemokraten zu den kon fessionellen Schulen, ihr Verhalten in der S c h ä ch tf ra ge, und in der Hauptsache: kann man für eine sozialistisdie Partei stimmen, wenn man keine sozialistische Gesinnung hat? Gibt es doch bei Wahlen noch allgemein staatliche Gesichtspunkte außer dem rein jüdischen Gesichtswinkel! So irrt man zwischen Sozialdemokraten, Staatspartei, Zentrum und überdies noch der Volkspartei, die ebenfalls einen jüdischen Kandidaten hat, den Verbandisdiroktor Dr. Arthur Lehmann, umher. Auf jeden Fall gehört ein gewisser Mut dazu, mit solchem Eifer und soldier Begeisterung für die Staatspartei zu werben, wie es Dr. Bruno Weil tut. Auf viele macht es keinen guten Eindruck, für viele ist die Sache durchaus nicht klar. Dabei will ich nicht behaupten, daß gerade dio Angst vor dem Rassenstandpunkt Mahrauns eine Rolle spielt. Was antisemitische Stilblüten anbetrifft, so haben sich die anständigsten „jüdischen" Parteien da und dort erlaubt, den Nationalsozialisten Konkurrenz zu madicn. Wer hat da nicht ges'iindigt? Audi das Organ der Christlidien Gowerksdiaften „Der Deutsche", ein Zcntrumshlatt, hat plötzlidi begonnen, bei den Sozialdemokraten die Juden zu zählen, und in Stettin hat ausgeredinet jetzt ein sozialdemokratisches Organ den jüdischen Kapitalisten den Krieg erklärt. Auch auf einigen kommunistisdieu Versammlungen hatte man den Eindruck, als befände man sidi bei den „Nationalbolschewiken" Hitlersdier Schule. Natürlich sind Unterschiede vorhanden. Man weiß von Zirnzipiellem und Episodenhaftem zu untersdieklen, aber der Antisemitismus war bei vielen in diesen unruhigen Tagen ein gangbarer Artikel. * Die Stimmung auf der jüdischen Gasse vor dem 14. September? Sie ist viel pessimistischer als in der «11-