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Die neue Welt · 1930-09-12 · Heft 156 (12.9.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 156 (12.9.1930)
Date
1930-09-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 156 DIE NEUE WELT Seite 3 Tüchtige Hebräisch-Lehrerin •rtalft guten und fiftdt«g«iitff Unterricht Nlr Kinder. <I«fl. Zuschritten an L. aM Wien II, Große Sperlgasse 41/16 die Organisation der jüdiscehn BuchstabensOrthodoxie, Zionismus gleichbedeutend mit schnöder Klotze* rei. In der agudistischen Thoraschule wurde nun die Entdeckung gemacht, daß eine Anzahl von Zöglingen zionistischen Anschauungen huldigt. Die frommen Schul« väter traten zusammen und das Resultat war eine aus* giebige Tracht Prügel für die Sünder, so ausgiebig, daß die Nachbarstraßen von Hieben und Geschrei wider« hallten. Aber der Teufel ist zäh und schwer auszutreibe«. Acht Tage später erwischte man acht Zöglinge des frommen Institutes beim Besuche des Vortrages eines misrachistischszionistichen Rabbiners. Wieder trat das Schulgericht zusammen. Vier der niederträchtigen Gottesleugner wurden aus der Schule für immer aus« geschlossen. Vier aber wurden begnadigt. Ganz Preßburg frug: Warum? Wieso? Das Rätsel der frommen Weichherzigkeit gegenüber vier niederträchtigen Sündern fand eine schnelle Lösung. Die vier Verurteilten sind ärme. Teufel, die kein Schulgeld zahlten. Die vier Begnadigten aber sind begüterter Leute Kinder und zahlen viel Schulgeld. Na also! Frömmigkeit ist Frömmigkeit. Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit. Schulgeld ist Schulgeld. * In Regensburg fand kürzlich eine Haken* kreuzler«Parade statt. Tausende durchzogen die Stadt und schimpften auf die Republik und die Juden. Das erregte keine Verwunderung. Aufsehen erregte aber der Um« stand, daß sowohl im katholischen als auch im protestantischen Dome feierliche Gottesdienste zu Ehren der krawallierenden Gäste stattfanden. Die sonst nicht sehr diskreten Regensburger Zeitungen ver« schwiegen diese frommen Feiern. Grund: Abgesandte des katholischen Bischofs und dies protestantischen Dekans waren in den Redaktionen erschienen und hatten um Still« schweigen gebeten. Der Bischof erklärte, er habe erst den Radauhelden abgesagt, dann aber erfahren, daß der Dekan von der protestantischen Konkurrenz zugesagt habe. Dasselbe erzählte der Herr Dekan von sich und dem katholischen Bischof. Also sagten beide zu. Man kann doch eine Gesellschaft nicht zur Konkurrenz laufen lassen, auch wenn sie noch so schqfel ist, bei diesen schweren Zeiten, wo das geistliche Geschäft ohnehin so schlecht geht. So kam es, daß in der wackeren Stadt Regensburg für Judenhetzer und Staatsverächter gebetet wurde, katholisch und protestantisch. Die Sowjetregierung betreibt, wie wir wiederholt berichtet haben, einen schwunghaften Auslandshandel mit geraubten jüdischen Gebetbüchern, hebräischen Schriften und rituellen Utensilien. Das Organ der Ost« juden in Deutschland berichtet, daß zum General« Vertreter Tür den Vertrieb dieser Dinge ein Mann namens Motel Hornstein ernannt wurde. Das Blatt sehreibt: „Er, der sich frommtuende Kaschruthkra« kcelcr, hat den Alleinverkauf der frommen Bücher, in denen Blut und Fluch klebt. Als er nach dem Umsturz iii Rußland in Wien auftauchte, hat er als Misrachist an* gefangen. Später bildete er einen n a t i o n a 1 * r e 1 i g i ö s« koscheren Verein „Achduth", welcher anläßlich der Wieher Kultusgemeindewahlen im Jahre 1924 als a n t i z i o n i s t i s c h entlarvt wurde. Das politische Geschäft ging schief. Da taufte er den Verein in einen ausschließlichen Kaschruthverein „HithaehtuthJereim" (Verband der Frommen) um. Kaschruth ist ein gutes Geschäft. Das öffnet auch Tür und Tor bei der Kultusgemeindc. x\bcr auch diese marktschreierische Kaschruthmacherei wurde endlich den Herren von der Kultusgemeindc zu bunt. Die Position scheint wieder be« droht. Da errichtete sich Motel Hornstein nebenbei ein zweites Geschäft. Er landete bei der Wiener „Agudah". »HAßSßUCG« anrufender bequemste quemsTe Waschtag! TEL' £ 24-5-20 S£ftr£ m u — Jetzt ist er Sowjetagent. Die Wege der Allcr^AlIcr* frömmsten sind wunderbar. Copyright by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck und Uebersetzung nur mit Erlaubnis des Herausgebers. Theodor Herzl§ tragischer Kampf um den politischen Zionismus* IX. (Siehe Nummern 148 bis 155.) Der Brief des Warschauer Sekretärs der Chowewe Zion R a b i n o w i c z, der als erster Uebersetzer des Gesell ichtswerkes von Gr ätz ins Hebräische bekannt geworden ist, zeigt im Gegensatz zu dem Lilienblums eine mehr als intransigente Haltung, eine ghettohafte Befangenheit und die Absicht, den politischen Gegner durch Diffamierung zu erledigen. feinde en$Ufd)e (5foffe ALBERT HARDT ^2&r degfr.T39'3 WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 2o<5-4/ Unerwartete Hilfe erschien in der nächsten Nummer des Krakauer „H amagi d", von einem Manne, der sich „I s c h m i b e t h 1 c v i" nannte und seiner Verteidigung das Motto ans den Sprüchen der Väter voransetzte: Ihr Weise, seid vorsichtig mit eure Worten! Isch mibeth levi scheint in London gelebt zu haben, ebenfalls Chowewe-Zionist gewesen zu sein. In seinem Aufsatz tvitt er warmherzig für Herzls Persönlichkeit ein, will nicht persönliche Beschuldigungen gegen den Führer aufkommen lassen, wenn er auch selbst für sachliche Kritik an verbesscrungswürdigen Methoden des politischen Zionismus eintritt. Die zionistische Geschichtsforschung scheint Isch mibeth levi keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet zu haben, denn es ist nichts über diese anonyme Persönlichkeit zu finden. In den Zusammenprall zwischen der Chowewe Zion und dem politischen Zionismus tritt auch Reubin Brainin hervor/ Diese auch in der jüngsten Geschichte des Zionismus umstrittene Figur spielte damals eine nicht gerade sympathische Rolle. Wie man weiß, hat Reubin Brainin, der sich um die hebräische Literatur nicht geringe Verdienste erwarb, sein zionistisches Prestige durch seine s o w j etrussischen Ab enteuer der letzten Jahre eingebüßt. Ein Ehrengericht hat den Dichter Bialik, welcher Brainin unehrenhaftes Vorgehen vorwarf, freigesprochen. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß sich Brainin im Kampf um den II. Kongreß nahezu konspirativ betätigte. »♦+♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦«♦»♦♦»♦< :: VERBAND DEMOKRATISCHER ZIONISTEN 1 m Herzl- und Chajes ♦ ••««•» der hohen Feiertage ein Saale des Verbandsheimes findet anläßlich f Feiertags-Gottesdienst GOTTESDIENST statt. Karten erhältl. im Verbandsheime, II, Uni. Augartenstr. 38, täglich von 9 bis 3 Uhr und abends von 8 bis 9 Uhr, Tel. A-45-6-34, Sonntag von 10 bis 12 und 4 bis 9 Uhr, sowie im Warenhaus Brüder Schilfmann, II, Taborstr. 48 Herl Sträselmann« Von Jakob Krausz. Unser in der vorigen Woche verstorbener Mitarbeiter Jakob Krausz malte mit Vorliebe jene Ghettofiguren, unter denen zu leben er in seiner frühen Jugend Gelegenheit hatte. Wir veröffentlichen hiemit die charakteristische Studie „Berl Sträselmann" aus Krausz' Zyklus „Schwindende Ghettogestalten". Berl Sträselmann war der Großkauzier, Großsiegeiverwahrer und Generalanwalt der Republik des fahrenden Volkes, jeuer jüdischen Schnorrer, die bis zum Ausbruch des Weltkrieges die Heerstraßen des gesamten Gebietes der ungarischen Stephanskrone beherrschten. Der Krieg und dann der staatenzertrümn|ernde Frieden haben auch die Republik des fahrenden Volkes unter die sogenannten Nachfolgestaaten aufgeteilt und auch die ganze Romantik dieser jüdischen fahrende» Gesellen verschlungen. Als ich Berl Sträselmann vor etwa dreißig Jahren kennenlernte, betrieb er in der Nähe von Budapest eine große Schlafstätte für die jüdischen Schnorrer. Iu dieser iprberge verbrachten die meisten dieser herumschwärmenden Romantiker den ganzen Winter, und erst wenn Fürim mit all seinen Fröhlichkeiten verrauscht war, nahm das Volk der Straße Wanderstab und Ranzel und gjng jede* seines, Weges, -den ihm BerJ^träjelmann vprg^zeichnet hatte. Seinen Namen erhielt Sträselmann da- Upr, daß er 'während des Winters für jeden einzelnen Schnorrer das seiner Qualifikation und seinem Wesen am meisten entsprechende „Strasel", das heißt die Straße, qje Marschroute, zusammenstellte. Natürlich gegen gutes Bntgelt. Und kein Geographieprofessor war so bewan* dert in den geographischen Verhältnissen des Landes, keiu Gelehrter der Volkskunde kannte so genau jeden einzelnen Juden und auch Nichtjuden auf dem ungarischen Globus wie Sträselmann. Sträselmann war dabei auch ein ausgezeichneter Psychologe. Alle diese Kenntnisse hatte er sich in jahrelangem Studium als aktiver Schnorrer in Ungarn und Mähren aus eigener Anschauung erworben. Er war Schnorrer aus Passion, aus Ueberzeugung. Er führte über jeden Juden, den er jemals besuchte, genaue Aufzeichnungen, kannte alle seine Schwächen und seine intimsten persönlichen Verhältnisse. Kam ein neuer Schnorrer in seine Schlafstatt und wollte in die Gilde der fahrenden Gesellen aufgenommen werden, so mußte er sich erst bei Sträselmann einem Examen unterziehen. Diese Prüfung war sehr rigoros. Sträselmann wußte sehr genau, ob der eine oder andere auch wirklich beim Geschäft bleiben werde oder, wie er sich ausdrückt«, ob er ein Paar Sdiuhe auf seiner Tarcheniererreise zerreißen werde, denn sein Axiom lautete: „Wer ein Paar Schuhe als Schnorrer zerreißt, der wird das Schnorren sein Leben lang nicht aufgeben." Kam ein verbummelter Jeschiwahbachur zu ihm, so stellte er zunächst den Grad seiner Kenntnisse und das Maß seines Humors fest und erst dann gab er ihm ein „Sträsei" mit Städten, Dörfern und Personen, die Feinschmecker für geistige Kost sind und für ein gutes Bachurwörtel und einen feinen Witz auch gern sogar ein Vierkreuzerstück springen lassen. Dann kam ein besonderes Privatissüuum über die Eigenart der einzelnen Menschen auf dem Sträsel. So zum Beispiel: „In der Stadt N. wohnt auf dem Hauptplatz der Manufakturwareuhändler Reißmann. Reißmann ist ein großer Geizkragen, er gibt auch dem schönsten Bachur nicht mehr als einen halben Kreuzer. Er ist gewöhnlich von 8 bis 12 Uhr in seinem Geschäft; du gehst hinein und nimmst den halben Kreuzer. Von 12 bis 2 Uhr ist seine Frau im Geschüft, da gehst du eiu zweites Mal hin und bekommst zwei Kreuzer. Nachmittag« ist die Frau, eine sehr fromme Jüdin, allein im Geschüft, da gehst du wieder hin und überbringst ihr herzliche Grüße von der Rebezzin der Jeschiwah, worauf sie sehr stolz sein wird und dir zwei Vierkreuzerstücke gibt. Du mußt dich nur hüten, eine Einladung zum Nachtmahl anzunehmen. Dann ist in dem Dorf F. ein protestantischer Geistlicher, den suchst du auch auf, der gibt jedem Bachur ein schönes Geldgeschenk, dafür mußt du ihm einige gute Thorawörtchen sagen und ihm Neuigkeiten aus der Jeschiwah bringen. Dieser Pastor ist nämlich der Sohu eines Rabbiners und war viele Jahre in der Preßburger Jeschiwah. Plötzlich scheint der Teufel in ihn gefahren zu sein, denn er verschwand und tauchte dann als protestantischer Pastor in jenem Dorf auf. So nebenbei kannst du auch erwähnen, daß du in Budapest einen Seminaristen gleichen Namen kennst — das ist nämlich der Bruder dieses Pastors. Nicht weit von dort ist das Städtchen H., dort in der Oberstadt ist ein Domherr, der gibt jedem Wanderrahbiner einen Zwanziger 'und jedem Bachur eiu Sechserl, dafür muß der Betreffehde mit ihm hebräisch sprechen. Du du das nicht kannst, so gebe ich dir auf einem Zettel die Antworten auf seine Fragen mit — es sind dies immer dieselben; er brüstet sich gerne mit diesen hebräischen Brocken, die er an der Universität gelernt hat. In derselben Stadt wohnt Malke Gäuslerin, eine sehr reiche Frau, die schon seit zehn Jahren einen geeigneten, Bachur für ihre be* reits übertragene Tochter sucht. Bei ihr kannst du dich einige Tage ausfüttern lassen, du mußt dir nur von ihrer Tochter Schillers „Glocke" deklamieren lassen und entzückt sein, wie schön sie deutsch spricht und dabei doch fromm geblieben ist. Wenn du genug hast,

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