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Die neue Welt · 1930-09-05 · Heft 155 (5.9.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 155 (5.9.1930)
Date
1930-09-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 155 DIE NEUE WELT werden ihm ein treues, dauerndes Gedenken bewahren. Baruch dajin haemethl * Jakob Krausz wurde am 7. Jänner 1867 als Sohn eines Kultusbeamten in Neutra geboren. Er war für die Rabbinerlaufbahn bestimmt und ging nach Absolvierung des Gymnasiums nach Breslau, wo er das Theologische Seminar absolvierte. Schon in jungen Jahren fühlte er sich von den Fragen und Kämpfen des jüdischen Lebens angezogen und seinem Temperament glückte es, die jüdischnationale Idee in Wort und Schrift zu propagieren und zu organisieren. Zuerst in der „Neutraer Zeitung", später in der „Breslauer Morgenzeitung" fanden seine Aufsätze, die Kampfstil und Witz harmonisch vereinigten, ein lautes Echo. Diese Charakteranlage brachte es mit sich, dafl Jakob Krausz die rabbinische Laufbahn aufgab und zunächst nach Budapest übersiedelte, um von hier aus publizistisch tätig zu sein. Als erster Redakteur des „Jüdischen V o 1 k s b 1 a 11" in Wien war er ein begeisterter Verfechter des H e r z 1 - Z i o n i s m u s. Bis zum Jahre. 1909 war er als Sekretär des jüdischen Gemeindebundes tätig und leistete auch hier wertvolle Arbeit. Eine Reihe jüdischer Vereine verdankt ihm ihre Entstehung und Existenz. Im Jahre 1919 trat Krausz in die Redaktion der Wiener Morgenzeitung'* ein, der er bis zum Schluß angehörte. Als diese von der „Neuen W e 1t" abgelöst wurde, versicherte sich deren Herausgeber seiner Mitarbeit, die von allen Freunden und Lesern des Blattes geschätzt Seite 3 wurde. „Die Neue Welt" wird in den nächsten Nummern die letzten publizistischen Arbeiten des .Verstorbenen veröffentlichen. Die Beerdigung. Die Beerdigung unseres Mitarbeiters fand Mittwoch, den 3. September, halb 11 Uhr vormittags, statt. In der neuen Zeremonienhalle hatte sich eine große Schar von Freunden und Verehrern des Verstorbenen eingefunden. Nach einer eindrucksvollen Trauerrede des Rabbiners Dr. Taglicht entbot Börsenrat Glück im Namen der Wiener Kutusgemeinde Gruß und Dank dem Verblichenen. Im Namen der jüdischen Presse und im besonderen für „Die Neue Welt" nahm Dr. Oskar Rosenfeld Abschied von dem verstorbenen Kollegen, indem er die Lebensarbeit Jakob Krausz' den Trauergästen schilderte und ihn als treuen Vater seines Hauses, als treuen Freund seiner Freunde, uls treuen Sohn seines Volkes zeichnete. Im Namen der Beamten der Kultusgemeinde sprach Worte der Anerkennung und des Dankes Herr H. Rosenfeld. Zahlreich waren die Mitglieder der von Jakob Krausz gegründeten und geförderten Vereine vertreten. Wehmütigen Abschied nahmen der Vorstand des Vereines der Neutraer, des Witwen-Wahlfahrtsvereins und anderer humanitärer Anstalten. Nach den Gedenkreden folgte ein stattlicher Zug dem Sarg des früh Dahingeschiedenen. Unter allgemeiner Teilnahme wurden die sterblichen Reste unseres Kollegen zur ewigen Ruhe bestattet. RUNDSCHAU Herr Wassermann will einen Tempel... In der Berliner A.-C.-Sitzung war man eich noch nicht darüber schlüssig, ob die Parole vom binationalen Staat und die Negierung des Judenstaates seitens des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Prof. Chajim Weizmann auf Weisung des Lord P a s sfield oder auf dringenden Wunsch seiner niebtzionistiseben Jewish-Agency-Freunde zurückzuführen seien. Eine im Grunde heute überflüssige Erwägung. Immerhin ist es, wäre es nicht so erschütternd, pikant, den Verwalter des Herzischen Erbes, den Führer der zionistischen Bewegung, Ideen aussprechen zu hören, die man bisher bei denen anzutreffen gewöhnt war, die sich hinter der zu nichts verpflichtenden Parole von einem „geistigen Judentum" versdianzten, bei den letzten Epigonen der Assimilationsgeneration. In der Berliner Jewish-Agency-Tagung ließ sieh in der Debatte auch Herr Direktor Oscar Wassermahn -Hören.''Er< sprach über manches zur Sache* Gehörendes. Auch über den Judenstaat. Er ist überflüssig, sagte er, wer braucht ihn? Palästina muß ein Tempel d es Judentums werden. Sagte Herr Wassermann dies etwa auf einer Rabbinerkonferenz reformerisdier Prägung? Oder auf einer Zusammenkunft von Vertretern der „Wissenschaft des Judentums"? Nein. Herr Wassermann predigte das den Ohren einer Körperschaft, die mit Politik, Wirtschaft, Kolonisation, Immigration, Finanzen zu tun hat und — man erschrecke nicht — den Judenstaat aufzubauen hätte. Ja. ja. Ein Tempel fehlt uns. Die Juden Polens krepieren vor Hunger. Dei Juden in Rumänien werden pogromiert. Die Juden Rußlands siechen dahin. Ein Tempel fehlt uns. Dem armen, braven, in Herzlsdier Lehre grau gewordenen Ussischkin standen die grauen Haare zu Berge: Herr Wassermann will einen Tempel. Ussischkin mußte ihm erzählen, daß das jüdische Volk keinen Tempel in Palästina suche, sondern Boden und Brot. Wir haben's weit gebracht. Es geht uns ausgezeichnet. Was Boden! Was Brot! Die Tempel in Wien, Warschau, London, New York, Bukarest genügen uns nicht, auch nicht der Oranienburger Tempel zu Berlin, wo das Kol Nidre vom Jazzsänger AI Jolsön von der Granunophonplatte ertönt. Wir brauchen einen Tempel — des Geistes in Palästina. Armer, grauer .Ussischkin! Du willst nicht zulernen wie dein Freund Weizmann, der mit Passfield und Wassermann zusammen ein geistiges Zentrum braucht. Was fällt dir denn ein, du jüdischer Chauvinist Ussischkin? Wir brauchen einen Tempel — des Geistes in Palästina. Herr Wassermann will ihn haben. * Ein Jude, ein Genie. Die Stadt Frankfurt, Goethes Geburtsstätte, hat Siegmund Freud geehrt Es ist das■ erste Mal, daß Prof. Freud eine Ehrung von interriatlönaler'Resonanz femfVe etigHfttte föoftt ALBERT HARDT _2segedr. 1191 ~5*s_; WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U' 2o-3-4l »HAftSftUftG« anrufenderb*Wsf tagj TEL' «2^-5-20 S€R)£ q zuerkannt wurde, zuerkannt vom Volk der Deutschen im Namen seines größten Geistes, des Diditcrs un<i Denkers Goethe. Der Goethe-Preis fiel diesmal einem großen Menschen zu. Keine Clique hat ihn begünstigt, keine Partei ihn vorgesdioben, keine Denkriditung ihn favorisiert. Die Stadt Frankfurt hat Siegmund Freud geehrt, sich selbst geehrt. Man mag zu Freuds Lehre wie immer stehen — eines bleibt gewiß, daß dieser Mann, ein überragender Geist, einer der größten lebenden Menschen, ein Werk geschaffen hat, riesig in seinen Dimensionen, unabschätzbar in seiner Wirkung, alle Bereiche — Denken, Wissen, Diditen — uncndlidi befruchtend. Siegmund Freud ist ein Jude. Ein Jude aus Mühren, in Wien schaffend. Niemals in seinem fünf undsiebzigjährigen Leben hat er gleiöh jenen zahllosen kleinen „Individualitäten" sich einem anderen Volk anzubiedern, sein Judentum zu verleugnen, irgendwo an fremden Tischen Unterschlupf zu finden versucht. In einer autobiographischen Skizze, die zum ersten Male in der Pariser „Revue Juif" ersdiien, weist Freud würdig und weise auf diesen Umstand hin, als mitwirkend, vielleidit bestimmend für die jahrzehntelange Mißaditung, Verkennung, Verleugnung seiner Person und seiner Lehre. Siegmund Freud ging seinen Weg sieher, unbirrt, ruhig, unbeschwert von der assimilantistischcn Gier nach raschem Erfolg, von Ha6t und Hysterie. Gleich den Großen in Israel zu allen Zeiten. * Ein wahrer Herzensfreund der Juden. Die oppositionelle Prässe Rumäniens hat gegen den Innenminister Vaida Voevpd ganz ungeheuerliche Ansdiuldigungen erhoben. Sie wirft ihm nicht mehr und nicht weniger vor, als daßer aus Staatsmitteln die antisemitischen Organisation e n unterstützt, ihnen in seinem Ministerium Bürozirnmer einräumt und die letzten Pogrome mit Steüergeldern finanziert hat. Insbesondere wird ihm vorgehalten, daß. er mit dem Mörder des Prüfekten Manciu und Pogromführer Codreana mehr als freundschaftliche Beziehungen unterhält. Als kürzlich Codreanu unter Mordanklage im Untersuchungsgefängnis saß, sduckte Herr Vaida Beamte dorthin, welche sich Herrn Codreanu zur Verfügung stellten, ihm den Verkehr mit Zeugen vermittelten, kurz alles besorgten, um den inzwischen tatsächlich erfolgten Freisprudi Codreanus zu erzielen. Der Mörder war über Auftrag des Innenministers amtlich bestens bedient. Was sagt Herr Vaida zu diesen netten Vorhalten? Leugnet er? Nein! Er sagt nur, er hätte das alles den Juden zuliebe getan. Er wollte „mit der Zeit" die Antisemiten zu Judenfreunden madien. In einer ihm nahe- Die Anekdote des jüdischen Volkes« Von Chajim Bloch wird demnächst eine neue Schrift „Das jüdische Volk in seiner Anekdote" im Verlag für Kulturpolitik (Berlin) erscheinen. Der Verfasser stellt uns diese interessante Neuerscheinung zum teilweisen Voraibdruok zur Verfügung. Wir veröffentlichen heute einen Abschnitt aus der Einführung und einige Anekdoten. Jadenwitz und Lozale. Eigenartig wie das Judenvolk ist der Judenwitz. Und ich sage an dieser Stelle ganz bestimmt heraus: das was die Welt im großen und ganzen als jüdischen Witz hält, ist kein jüdischer. In der Tat gibt es zweierlei Gattungen dieses Witzes: jüdischen Witz und jüdische „Lozele", von Dr, Josef S. Bloch als „jüdisch-antisemitischer Witz'* benannt. Wir wollen zunächst den Judenwitz näher ins Auge fassen. Sein Grundtrieb ist orientalischer, talmudischer Geist, in ihm ist die Linie gegeben, die zur Judenseele hinführt Er bezieht, sich meistens auf rein jüdische Dinge, bewegt sich im rein jüdischen Milieu und ist dem Westeuropäer unbekannt. Dieser Witz ist keusch und bescheiden, bietet einen eigenartigen Humor, in welchem Sanftmut, Verdruß, Freude, Traurigkeit, Ernst und Spaß miteinander kämpfen. Ich glaube, es war Novalis, der das Wort ausgesprochen hat: „Der Ernst I muß heiter sein» der Scherz muß ernsthaft schimmern." 1 Dieses Wort kam mir bei der Bearbeitung dieses Buches oft in den Sinn. Und wenn Schopenhauer sagte: „Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen", so kann das uuf den Juden angewendet werden; er ist auch in seinem Humor ohne Ernst nicht zu denken. Im Judenwitz widerspiegelt sich oft nicht nur das Leben des Einzelnen, sondern auch des Volkes, und aus manchem Witz schält sich auch ein geschichtlich bedeutungsvoller Kern heraus. Dieser Witz ist in den meisten Fällen nicht erklügelt, nicht ersonnen, sondern die Folge eines Ereignisses, die Wirkung des Zufalles; er quillt aus der Seele des Juden. Durch 3ine scherzhafte Anspielung, von Freud als die „mittelbare Darstellung'* bezeichnet, entledigt sich der Jude seines Urteils über Mensch und Ding und gibt durch ein fein geschliffenes „Wörtchen" seiner Anerkennung oder seinem Mißfallen Ausdruck. Dieses „Wörtchen", womit die witzigen Redewendungen gemeint sind, kitzelt und erpreßt ein Lächeln — kein Lachen! Er bedient sich des Witzes, um jemanden eine „Grobheit" zu sagen, um ihn zu „treffen", wobei er mit staunenswerter Gleichgültigkeit eine kleine Bosheit ins Gespräch streut, die so fein und artig ist, daß auch der „Gegner" lächeln, ja sich freueu muß. Der Jude bringt aber auch den Mut auf, durch witzige Ausdrucksmittei eigene Fehler und Schwächen einzugestehen, Wohlergehen und Mißtgesohiok durch ein Wortspiel durch einen „Dreh" anzudeuten, und oft liegt' dem ein nicht beabsichtigter tiefer und lehrreicher Kern zugrunde. So weit der jüdische Witz. Das „Lozale" hingegen, gesucht und unecht, an den Haaren herbeigezogen, ist in seiner Anspielung und Entblößung häufig unverschämt, unkeusch, spöttisch im gemeinsten Sinne des Wortes; ihm ist "die Annahme von der „jüdischen Frechheit", von der „Chuzpah" zu verdanken. Das „Lozale", als dessen Vater Eisenbach zu bezeichnen ist, verhöhnt häufig den Juden, macht ihn zum Schacherer, Betrüger, Ausbeuter,, Protzen, Geizhals, häuft Schmutz in sein Familienleben und ist besonders für die auf sinnlichen Genuß erpichten „Feinschmecker" berechnet; all das Schöne und Herrliche, um das die Juden von der nichtjüdischen Welt beneidet werden, kommt in diesen Witzen fast nie zum Ausdruck. Diese Witze, von Heinrich Heine mit Recht „Flöhe des Gehirns" benannt, werden auf Bühnen und in Weinhäusern einer in Kurzweil erstickenden Menge vorgetragen oder in sogenannter „guter Gesellschaft" erzählt, feiern in verschiedenen Witzblättern ihren Sieg und haben in unserer blinden, hoffnungslosen Zeit ihre höchste Blüte erlebt. Leute von pöbelhaften Neigungen lachen sich in flachem Sinnesgenuß und stumpfer Betäubungsgier auf Kosten der jüdischen Ehre schief und .krümm. Diese faulen Witze tragen nur deshalb eine „jüdische Note", weil man sie von „Juden" erzählen läßt, weil sie in der Tat von Juden — schlechten, getauften und haibgetauften Juden — erzeugt werden, weil sie in einer Mauschelsprache, aber verdorbenen, unmöglichen, wiedergegeben werden, weil ihre „Helden" jüdische Namen haben. (Schon die Tatsache, daß man für sie, neben den biblischen Namen Cohn und Levy, geschmackloseste Namen, wie „Bauohgestank", i

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