Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 153 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 153 DIE NEUE WELT Seife 5 sarabiens angehören, hat einen Aufruf erlassen, in welchem er die entsetzlichen Leiden der hart betroffenen Judenschaft der Stadt B o r s c h a schildert. In dem Auf« rufe heißt es u. a.t „In den schweren Tagen der Heimsuchung für das rumänische Judentum, als die Feinde Israels ein entsetz* iiches Attentat auf die Juden verübten, waren unsere Borschaer Brüder die ersten und schmerzlichsten Opfer. Nach wochenlangem Terror wurden sie in einer einzigen Nacht dem Unglück preisgegeben. „Unholde in Menschengestalt haben 132 Gebäude vernichtet. Das Resultat dieses großen Unglücks ist, daß 213 jüdische Familien ohne Herd und ohne Obdach geblieben sind." „2100 Menschen kampieren auf Feldern und in dunklen Wäldern: nackt, hungernd und dürstend. Wo werden sie in den herannahenden regnerischen und nebligen Herbsttagen ein schützendes Dach finden?" „Wer wird ihnen die Mittel zu einer Existenz schaffen?" „Die niedergebrannten Häuser der Unglücklichen von Borscha müssen wieder aufgebaut werden. Die Mittel zur Wiederaufrichtung ihrer Existenzen müssen beschafft werden. Wir dürfen unsere ruinierten Brüder von Borscha nicht der Verzweiflung preisgeben und sie dem Tode ent* gegengehen lassen 1" „Unsere Feinde sollen sehen, daß die Judenschaft der ganzen Welt hinter den Betroffenen steht und daß sie bereit ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Im Namen der rumänischen Judenschaft richten wir an die Juden der ganzen Welt den Ruf: Rettet 2000 Menschen« lebenl" Die Pogromhelden aber geben sich mit diesem Resultat nicht zufrieden. Unter den Augen der Behörden hetzen sie weiter. Während ihre jüdischen Opfer, dem nackten Elend preisgegeben, umherirren, ohne daß die Be* hörden etwas für sie tun, wird weiter gegen die Unglück* liehen gehetzt. In dem Borscha benachbarten P o 1 i a n a fand gleichzeitig eine Massenversammlung statt, in der a n t i* «emitische Agitatoren die Amtsenthebung des Leiters der Stadtverwaltung von Borscha. die Auflösung des Gemeinderates, die Zurückziehung der Gendarmerie und die Freilassung des Antisemiten Dumitrescu und der anderen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Borscha verhafteten Cuzisten forderten. Der Präsident des Gerichtshofes zu Maramaros-Szigct erhielt einen anonymen Brief, in dem ihm gedroht wird, er würde gewaltsam beseitigt werden, wenn er die wegen der anti* semitischen Umtriebe in Borscha verhafteten Aufrührer verurteilen sollte. Der Priester Morariu, der be« rüchtigte antisemitische Agitator, hält in Borscha und Umgebung . allabendlich Versammlungen ab, in denen gegen die Juden agitiert wird und antisemitische Resolu« tionen angenommen .werden. Niederbrennung der großen Synagoge in Moramnros-Sziget durch Cuzisten. Am 11. August, abends, wurde die jüdische Bevölke« rung von Maramaros*Sziget durch den Ruf alarmiert, daß die Hauptsynqgoge, die größte jüdische S y n« agoge Rumäniens, auf die die Gemeinde stolz war, in Flammen stehe. Die jüdische Bürgerschaft eilte zur Rettung der Synagoge, als man aber in den Gebetraum eindrang, entdeckte man, daß die Thora*Lade erbrochen war, die Thorarollen durcheinandergeworfen und ange» zündet worden waren. Man entdeckte weiter, daß die Synagoge an mehreren Stellen mit Petroleum über» 'gössen worden war und daß der Brand auch an mehreren staben: „38. Regiment der Royal Füsiliers" und mit hebräischen; »Gedud Lamed-Chet le-Kalaeh ha- Melech". In der Presse und sogar in der offiziellen Korrespondenz nannte man uns immer „Jewish Regiment". Am der Front trugen alle unsere Offiziere und Soldaten einen David-Stern am Aermel, das erste Bataillon rot, das zweite blau und das dritte violett. Unser „Feldkaplan" war ein Rabbiner: Reverend Falk, ein junger, begeisterter Mißrachist und auch ein tapferer Soldat im feindlichen Feuer. Und Colonel Patterson sah sich gezwungen, alle Einzelheiten des S c h o c he t-Handwerks zu erlernen, da er mit dem War Office und dem Fleischhauern von Portsmouth über die rituelle Fleischschlachtung verhandeln mußte, über Ausschrotung der Venen und Sprungadern und vordere und hintere „Viertel" und — — hier muß ich haltmachen, denn ich 'kenne die rituellen Vorschriften nicht, er aber kennt sie. Von diesem Zeitpunkt an wurde ich überflüssig, und ich freue mich, daß mein Bericht nun, Gott sei D&n&, jene Periode erreicht hat, wo man es unterlassen kann, das Wörtqhen „ich" so oft zu gebrauchen. Es ist nicht meine Schuld, daß ich während der Schilderung der Geburtswehen der Legion dieses Wort auf Schritt und Tritt anwenden mußte. Aber genug davon. Auf den Versammlungen in Amerika pflegten die liebenswürdigen Einberufer mich als den „Kommandanten der jüdischen Legion" vorzustellen. Das war ich niemals und konnte es nicht sein. Die Legion in Palästina bestand aus drei Bataillonen »mit einer Stärke von etwa 5000 Soldaten, die von drei Colonels mit reicher Kriegserfahrung geführt wurden. In einem dieser Bataillone war ich unter zirka 30 Leutnante Stellen gleichzeitig ausgebrochen war. Die ganze Nacht über dauerten die Anstrengungen zur Löschung des Brandes fort, aber erst gegen Morgen konnte der Brand eingedämmt werden, die Synagoge ist fast voll« kommen eingeäschert. Während des Brandes spielten sich sehr bewegte Szenen ab, indem die Polizei sich bemühte, die Bürger, von denen sich mehrere in Lebensgefahr stürzten, um die Thorarollen und die wertvollen Utensilien zu retten, von der brennenden Synagoge fernzuhalten. Man kann nicht das Leben aller Minister für Judenschutz opfern! New York, 18. August. (J. T. A.) Kurz nachdem der rumänische Gesandte in Washington, Herr Dnvila, die Abordnung des American Jewish Congreß empfangen «nd ihr gegenüber der Hoffnung Ausdruck gab, daß die rumänische Regierung ondgültige energische Maßnahmen ergreifen werde, um den antijüdischen Unruhen ein Ende zu machen, besuchte der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur den Gesandten, der sich ihm gegenüber wie folgt äußerte: Wir können nicht das Leben aller Mitglieder der rumänischen Regierung für den Schutz der Juden opfern, wo dieser Schutz bereits das Blut eines Mitgliedes der Regierung gekostet hat. (Der Gesandte spielte auf das antisemitische Attentat gegen den Unterstaatssekretär Anghclesctt an.) Man kann, fuhr der Gesandte Herr Davila fort, von hier aus der rumänischen Regierung keine Ratschläge erteilen, ebensowenig wie das rumänische Volk der amerikanischen Regierung Ratschläge geben könnte. Mit dies?r Acußer-nnig gab der Gesandte Herr Davila also zu verstehen, daß die Mitglieder der rumänischen Regierung aus Gründen der eigenen Sicherheit gegenüber möglichen Anschlägen seitens der Antisemiten die notwendigen Maßnahmen zum Schutze der Juden nidit treffen können, und daß die amerikanischen Juden nicht das Recht haben, zugunsten der verfolgten und bedrohten rumänischen Juden zu intervenieren. Der J. T. A.-Vertreter erfährt im übrigen, daß die Unterredung zwischen Herrn Davila und den Mitgliedern der Abordnung des American J c w i s ili Congrefi •ziemlich bewegt verlief und daß der Ton, in> dem die Unterhaltung geführt wurde, ein nicht ganz freundlicher war.. , * Die Aufrichtigkeit ist schätzenswert. Sonst behaupten Staatsmänner, daß. sie mit Gut und Blut für die von ihnen übernommenen Pflichten einstehen. Die rumänischen Herren verschmähen so große Worte. Bravo! Bundeskanzler Schober über Antisemitismus und Zionismus« Herr Jakob Landau ans New York, Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur, hatte anläßlich seines von uns bereits gemeldeten Aufenthaltes in Wien ein längeres Gespräch mit Bundeskanzler Schober. Herr Landau hat der „Neuen Welt" nachstehenden Bericht zur Verfügung gestellt. „Der Antisemitismus in Oesterreich hat keine solchen Formen angenommen, daß die Regierung dagegen etwas hätte unternehmen müssen", erklärte Bundeskanzler Dr. Schober. „Der Antisemitismus gelangt bisweilen heute noch zu lärmvollem Ausdruck. Die BlliaMlWlMWfaMWM Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher für Eure Kinder nur in der JUdUchan Buchhandlung Hermann TlICllltQr Or.'stadtgutfl. 7 (Icka TaborstraBe 62) Tel. R-41-4-20 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen i Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos 1 i BIOTltfflffl^^ bürgerliche Gleichberechtigung der Juden ist jedoch jederzeit ungeschmälert geblieben. Die gelegentlichen Hakenkreuzlerkrawalle und Studentendemonstrationen verdienen keineswegs die Bedeutung, die man ihnen von Zeit zu Zeit im Ausland» beimißt. In der Tat waren die antisemitischen Exzesse auf der Universität zur Zeit meiner Studienjahre viel ärger. Damals, Vor 36 Jahren, fand cigentlidi die antisemitische Bewegung ihren stärksten Ausdruck. Damals wurde Lueger zum ersten Male zum Bürgermeister gewählt. Auch unter Lueger blieb die Stellung der Juden als gleichberechtigte Bürger unangetastet, aber der Antisemitismus wurde von Lueger geschickt zur Popularisierung seiner Politik ausgenützt. Es ist symptomatisch für den in Oesterreich herrschenden Geist, daß die Wahl Lucgers nicht anerkannt, der Gemeinderat selbst aufgelöst und ein Regierungsbeamter vorübergehend mit der Verwaltung Wiens betraut wurde. Ich kenne keinen Präzedenzfall ähnlicher Art in irgend einem anderen Lande." Auf eine Frage bezüglich des Gleispach- Falles erklärte der Bundeskanzler sich hiezu nicht äußern zu (können. Ueber seine Stellung zum Zionismus befragt, antwortete Dr. Schober: „Die zionistische Bewegung hat mich stets lobhaft interessiert. Ich habe Verständnis für diese Idee und für die zionistischen Juden, die sich ihrer historischen Verbundenheit mit dem jüdischen Volke bewußt sind und den Aufbau Palästinas in Angriff genommen haben. Den zionistischen Führer Oberbaurat Robert Stricker kenne ich seit vielem Jahren. Auch zu dem leider zu früh verstorbenen Oberrabbiner und Zionistenführer Dr. Chajes unterhielt ich gute Beziehungen. Er war in der Tat eine ungewöhnliche Persönlichkeit und ein starker Charakter." Der Bundeskanzler erzählte in launiger Weise, wie die Tatsache seines vorurteilslosen Verhaltens gegenüber dem Judentum vor einigen Jahren selbst zu Gerüchten Anlaß gab, daß er Jude sei. pamals erschien in einer jüdischen Zeitschrift eine Briefkastennotiz als Antwort auf die Anfrage eines Lesers, ob Schpber Jude sei. Die Notiz lautete: „Schober? Wo denken Sie hin! Leider nein. Er ist weder Jude noch von jüdischer Abstammung. Das beweist schon seine ehemalige Zugehörigkeit zu einer farbentragenden Studentenverbindung auf der Universität." r Hitler kündigt 34.000 nationalsozialistische Versammlungen an. Miindien, 18. August. (J. T. A.) Unter der Riesenübe'rschrift: „Am 18. August beginnt die Lawine;.-34.000 n a.t ionalsoza listische Versammlungen" teilt der „Völkische Beobachter" mit: Während sich die Parteien herumraufen, zersplittern, sich durch immer . größeren Zerfall „einigen", hat die nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei gearbeitet. Alle Gaue haben ihre Tagungen abgehalten, die Versammlungen festauch ein Leutnant, Kommandant eines Zuges, der T aus 50 bis 60 Mann bestand. Zwei Tage vor unserem Ah* transport nach Palästina wurde ich zum Leutnant „promoviert"; und das hatte Mühe gekostet, da ein A u s- 1 ä n d e r nach der englischen Verfassung nicht Offiziersrang bekleiden darf. „Es gibt hier nur zwei Ausnahmen", sagte Patterson lachend. „Sie und Kaiser Wilhelm — und ihm hat man schon hinausgeholfen." Ich weiß nicht, ob das richtig ist; aber ebenso wie der Deutsche Kaiser in der englischen Armee keinen Einfluß besaß, so konnte auch ich in der jüdischen Legion keinen Einfluß haben. Ich hatte nichts dagegen: so war es recht. Ich habe mich bemüht, ein anständiger Leutnant zu sein, wie ich mich in der Sergeantenmesse dn Winchester bemüht hatte, die Tische tüchtig zu scheuern. Und beide Erinnerungen sind mir gleich lieb. Am 2. Februar 1918 marschierte das erste jüdische Bataillon niit aufgepflanztem Bajonett durch die Straßen von London uind durch Whitechapel. Die Mannschaft wurde nach London gebracht und mit außergewöhnlichen Ehren überhäuft. Sie wurde im „Tower o f London" einquartiert, in einem sechshundert Jahre alten Monument der englise)ien Geschichte, Auch die aufgepflanzten Bajonette waren eine besondere Ehre. Es ist ein altes Privilegium, für das ganze Generationen von Londonern Bürgern gekämpft hatten, daß des Königs Truppen nicht mit „Bajonett auf" in die City einmarschieren dürfen, aber uns wurde es gestattet. Aul dem Balkon des Mansion Houae stand der Lord M a y o r in «einer mittelalterlichen Gewandung und nahm den Salut der jüdischen Soldaten entgegen. Komisch: neben ihm stand Major Rothschild, einer unserer erbittertsten Gegner, Teilnehmer jener erwähnten Assimilantendeputation, stand da 6tolz, aufgebläht wie ein angesehener Mecjiutton, und strahlte vor Stolz über ein Werk, das zii zerstören ihm fast gelungen wäre. Von der City marschierte das Bataillon/ nach Whitechapel. Dort erwartete uns der Geueraladjuta'nt Sir Neville Maready mit seinem Stabe und, Zehntausende von Juden auf den Straßen, in den Fenstern über jedem Geschäfte, Frauen vor Freude weinend, alte Juden, die ihre grauen Barte, schüttelten und den „Schehechjanu-Segen" murmelten., Patterson hoch zu Roß, lächelnd und grüßend, eine Rose in der Hand, die ein Mädchen ihm vom Balkon zugeworfen und die er im Fluge aufgefangen hat. Und die Boys, jene „Schneider". Brust an Brust, Baje^ett parallel zu Bajonett, jeder Schritt ein Donnerhäll,'stramm/, berauscht vom H a t i k w a h - H y m n u ä? ►?ünd' yom M^assenlärm, und in der Brust ein Gefühl von nationaler Berufung, die ihresgleichen nicht wiedeigelunde^ jhat, seit sich Bar-Kochba vor Bethar auf sein SÜchwert vfarf, njeht ahnend, daß ihm einst Erben erstehen, würdeü .. ■ . :■•.<■•((■ . Heil euch, ihr meine „Schneider" von Whitechapel und $oho, von Manchester und Leeds! Gut,6 Schneider wäret ihr auf den Straßen, fandet ihr Fetten der zerschlissenen jüdischen Ehre und aus %oen hobt ihr prächtige eine ganae, etye ewi$? F«£hne zusammengenäht. Anderen Tqgas fuhren wir vou Southa^apton über Frankreich, über Aegypten, nach Palästina.