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Die neue Welt · 1930-08-15 · Heft 152 (15.8.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 152 (15.8.1930)
Date
1930-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 152 DIE NEUE WEL *JL a Bim I2 mm. gm nach Gemälden berühmter UODGImS JUdloch.r Katar HERZL-Gobeliits erzeugt AteSier Zahradllik Wien, V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U-40-9-17 daß wir so impulsive Kämpfer für unsere Idee in Ingol* Stadt haben." „We11 am Montag" bemerkt dazu: „Offenere Aufhetzung zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden ist überhaupt nicht denkbar. Öer bayrische Staat bildet sich auf seine „Christlichkeit" viel ein. Was sagt die in Bayern regierende Bayrische Volkspartei zu der in Ingolstadt angebahnten Judenverfolgung?" Ti'sdia b'aw in Jerusalem* Vor den Ereignissen. Von Jakob Fichtmann. 1. Erew Tischa be'Aw frühmorgens. Es ist Hoch* sommer, in Tcl*Awiw ist es heiß, zum Ersticken. Die weißen Trottoirs glühen so, daß man die Glut durch die Sohlen spürt. Das Meer irgendwo hinten ist eingeschlafen, liegt einsam, von der Hitzo betäubt. Kein Entrinnen vor der heißen Sonne, die dich trifft, wohin immer du dich ^wendest. Ich weiß selbst nicht, warum ich an jenem Morgen mit dem Entschluß aufstand, heute noch nach Jerusalem zu fahren. Ein Sehnen hatte mich erfaßt nach der steiner* nen Bergstadt, wo ich die letzten Sommermonate zu vor» bringen pflege, wenn es in Tel#Awiw der Hitze wegen nicht auszuhalten ist, dort in meiner stillen Pension, die gebaut iat wie eine kleine Festung, wo der Fußboden aus hellen Steinplatten besteht, die Kühle verbreiten, wo man Erfrischung findet und in der reinen Bergluft anders arbeiten kann, konzentrierter, leichter, fast ohne An« strengung. Die Seele erlebt einen Aufschwung in Jerusalem. Ich gestehe: ich fuhr nach Jerusalem, nicht, wie viele andere, wegen des Tischa be'Aw und des Kotel. Ich liebe es, gerade dann dort zu sein, wenn dort niemand ist, wenn es still und leer ist ringsum. Es ist dann dort irgendwie feierlicher und reiner, man spürt die ganze Heiligkeit des Ortes, Und vergeblich blickte mich Josef Aharonowics, 6— Mann mit dem klaren Kopf, der gerade vorbeiging, als ich in den Autobus stieg, und glaubte, daß auch ich „demonstrieren" wolle, mit stillem Vorwurf an, als wollte er sagen: Du auch? . . . 2. Es zog mich damals instinktiv nach Jerusalem, und erst am Weg bemerkte ich, daß die Chaussee irgendwie belebter, geräuschvoller sei. Große Autobusse, von Jugend besetzt, zogen einer nach dem andern vorüber. Diesmal — ohne Gesang. Alles fuhr still, ernst, feierlich. Da verstand ich erst, daß man zum Kotel fahre, um noch einmal zu zeigen, wie heilig der Platz für uns ist, wie teuer für alt und jung. Für die. die fortgehen, und für die, die kommen. In Jerusalem war noch nichts zu bemerken. Der gleiche stille, halbverhaltene Rhythmus des Jerusalemer Lebens. Das junge Rechawja lag mit seinen neuerbauten Häusern und den zierlichen kleinen Gärten und den sauberen Gäßchen wie menschenleer da. Und meine Pension, die ein wenig abseits liegt war ziemlich cinge* schlummert. Ich ging auf mein kühles Zimmer, wusch mich und vertiefte mich sofort in die Arbeit. 3. Erst gegen Abend, als ich auf die offene, breite Veranda trat, von wo man den ganzen südlichen Teil Jerusalems sieht, bemerkte ich, daß die Gassen stiller werden, leerer, als es unmittelbar vor einer großen Feier» lichkeit zu sein pflegt. Nur selten sah man von der Ferne kleine Menschengruppen, die sich silhouettenhaft in der Richtung zum Jaffator bewegten. Die amerikanische gottesfürchtige Lehrerin, die nach jeder Mahlzeit Segenssprüche aus dem Gedächtnis hersagt, ein blondes, sittsames jüdisches Mädchen mit zwei großen, dunklen Augen, warnte mich, als sie sah, daß ich zum Kotel will, heute dorthin zu gehen, weil die Araber sehr aufgeregt seien. Auch habe ihr ein Bekannter, ein englischer Beamter, geraten, nicht hinzugehen. Wenn dem so ist — so beschloß ich natürlich, zu gehen. 4. In den niedrigen Gassen ist es fast schon dunkel. Aber als ich auf den offenen Platz hinauskomme, der gegenüber dem „Russischen Hof" liegt, glüht auf den Mauern noch der rote Purpur der schon untergehenden Sonne, hinter der Zahnmauer des Bezalel Ja, man spürt schon Erew Tischa be'Aw. Auf der Jaffastraße ist alles gesperrt. Die Bewegung in dieser Straße, in dieser leben« digen Ader Jerusalems, hat fast aufgehört. Und obwohl der Menschenstrom in der Richtung zum Jaffator immer größer wird, sehen die Ga««;en wie ausgestorben ius. Still und feierlich wie immer sind die Abend* stunden in Jerusalem. Von allen Bergen weht Kühle, reiner Zug, und jeder Sinn wird hier so demütig wie stark, eine Art Fülle, die strömt, eine Last, die sich aufs Herz legt. Wer in solchen Stunden mit seinem singenden Herzen nicht einsam gewandert ist auf dem Wege von Jericho, auf den steinernen Stegen des Skopus, weiß nicht, welches Glück Jerusalem dem gibt, der ihm treu ist. Und in dieser Stunde, da ich immer mehr in den warmen Menschenstrom hineingezqgen werde, der , zum Kotel zieht, wird das. Gefühl diis Feierlichen, das mich erfüllt, noch stärker. Ich weiß nicht, warum, aber es scheint mir, daß /furi*?* Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke * 3 Q O K OL FRITZ KORTNER o X H —4 o z H o 00 w I z o z o "0 o DEUTSCHES SPRECHFILM DRAMA NACH DEM SCHAUSPIEL VON PAÜL LINDAU mit HEINRICH GEORGE, KÄTHE v. NAGY, OSKAR SIMA JUL. FALKENSTEIN, HERMINE STEHLER und EDUARD v. WINTERSTEIN REQ1E:................... ROBERT WIEHE MIT DIESER URAUFFÜHRUNG^ ERÖFFNET DAS - SCHWEDEN-KINO l II., TABORSTRASSE 1, TEL. A-47-0-BO, R-4V-0-80 _ TÄGLICH 6, 7, 9 UHR SONNTAG AB 3 UHR r SEINE NEUE TONFILM SAISON S ich schon so etwas erlebt habe, daß ich in meiner fernen Kindheit das Vorgefühl hatte, einmal hier zu sein, hier mit Brüdern und Schwestern zusammen zu beten, wo jüdische Trauer und jüdische Hoffnung so innig ver* bunden sind. 5. Die kleineren und größeren Menschenwellen, die von allen Seiten ineinandermünden, werden zu einem mächtigen Strom in der schmalen Gasse der Altstadt, die zum Kotel Maarawi führt. An der Spitze schreiten, die farbig gekleideten-Frommen, hochgewachsene, hoheits* volle; Juden in traditioneller Tracht, alles Rassegestalten, die die Zeit verachten und; alles, was jung und neu ist und wachsen will. Sie gehen in ihrem Gang, abgesondert, eine endlose Zahl Typen von Askenasim, Sephardim, orientalischen Juden, Kaukasiern, Bucharen, Yemeniten — jeder in seinem eigenen Stil, in seiner eigenen Kleidung, mit seiner eigenen Sprache sogar. Hier marschiert das alte Jerusalem, der zersprengte, zerspaltene, zerbröckelte* einstige Jischuw von Jerusalem. Schalem A§ch auf dem deutschen Büchermarkt* Die jüngste Romantrilogie. Die jüngste Produktion des jiddischen Roman» Schriftstellers Schalom Asch ist auf dem deutschen Büchermarkt eine begehrte Ware geworden. Seine Roman* trilogie, von der bisher die zwei ersten Teile „Petersburg" und „Warschau" im Verlag Paul Zsolnay, Wien, er* schienen sind, wird viel besprochen, viel gekauft. Als vor einem Vierteljahrhundert die ersten klei* neren und größeren Erzählungen von Schalom Asch er« schienen, blieb ihre Wirkung auf einen engen Kreis von Westjuden begrenzt, die in den Flitterwochen ostjüdischer Entdeckungen alles begrüßten, was ihnen den Duft ur« sprünglichen Judentums auszuströmen schien. Dem deut* sehen Leser ging diese Exotik nicht sehr nahe. Erst Kriegshysterie und Expansionsbedürfnis der deutschen Welt, die „altes deutsches Kulturgut" im Osten bewahrt und verwertbar glaubte, schwemmte eine Welle der Be* achtung des Jiddisch und seiner Literatur gegen den Westen, wo es damals überhaupt viel Neues gab. In dieser Epoche standen gegenüber Asch die Dichter J. L. Perez, Schalom Alejehern, Mendele Mocher, Sforim und andere im Zentrum der Betrachtung. Asch schien in den Hinter» grund gedrängt zu sein. Nach der darauf folgenden Ruhe* pause — geistige Inflation und literarisches Fxperimen* tieren waren an der Tagesordnung — erholte sich Asch wieder, der es wie kein anderer jiddischer Schriftsteller verstand, dem Atem des Zeitgeistes gerecht zu werden. Am Anfang seiner literarischen Laufbahn bewegte sich Schalom Asch noch im Milieu autochthonen jüdischen Lebens, schrieb die schönen Idyllen „Das Stet!" und „Reb Schlojrae Noggid", fähig, den besten Vorbildern jüdischer Milieukunst nahezukommen. Sein Drang, im westeuro* päischen Kulturkreis Geltung zu erlangen, verführte ihn zu allerlei zweifelhaften Wandlungen, zunächst im miß* lungenen Versuch als Dramatiker. Der Serienerfolg seines „Gott der Rache" in den verschiedensten Ländern trug den Charakter übler Manie. Von hier ging der Weg in eine fruchtlose Periode seines Schaffens, bis er nach allerlei journalistischen Extempores in Amerika zur Epik zurückfand. Der sympathischeste Niederschlag seiner Heimkehr war der Roman „Mary", dem eine nicht unbe* trächtliche Abstiegserie erzählerischer Werke folgte. Nichtsdestoweniger stieg sein Ansehen hauptsächlich in der deutschen Leserwelt, der er ähnlich wie im Falle Morris Rosenfeld als Repräsentant des jiddischen Schrift* tums erschien. Seine Popularität beim deutschen Lesepublikum gewinnt an Boden. Er hat in Zusammenarbeit mit seinem emsigen Uebersetzer Siegfried Schmitz eine Reihe von Romanen, darunter „Onkel Moses", „Die Zauberin von Kastilien", „Motke der Dieb", „Glaubensmartyrium", „Die Mutter" auf den Markt gebracht, ein kunterbuntes Stoff* gebiet, das Variabilität in Diktion und geistigem Gehalt gestattet. Die Vermittlung an den deutschen Leser hat nach den Verlegern Ladyschnikoff in Berlin und R. Löwit in Wien in großzügigem Rahmen Paul Zsolnay übernom* men. Nicht zu Unrecht. Denn in einem Zeitpunkt, da der deutsche Büchermarkt angefüllt ist von einem Wust aus* gerissenster Exotik von der Jazzlyrik bis zur Eskimo* erotik, kann die Darstellung des in Umformung begrif* fenen Ostjudentums gewiß auf das Interesse des europäi* sehen Lesers Anspruch erheben. Von nicht abzusehender Wirkung wäre es, wenn dieser durch Revolution, Bürger* krieg, Terror und Unterdrückung hervorgerufene Gärungs* prozeß eines ganzen Volkes von der Hand eines großen Epikers dem deutschen Leser übermittelt würde. Aber diese Substanz, wenn auch anders gestaltet, kann für ihn Gewinn bleiben. In „Petersburg" und „Moskau" wendet sich Asch, ausgestattet mit der Gabe, Charaktere in eine Handlung zu verweben und Handlung aus Charakteren herauszuschälen, dieser Substanz ,zu. Er läßt die jüdischen Figuren, kleine und große, dem Alltag hingegebene und von einer Idee faszinierte, einem straff konzipierten Schicksal zueilen, und wenn sie auch das nicht ahnen und sagen, was dem jüdischen Menschen heute auf dem Gipfel seiner Empfindung aufdämmert, so geben sie doch den Rahmen einer sozialen (allerdings schon überlebten) Sphäre, die viel Aufschlußreiches birgt. Die Fabel ist erzählt, brutal erzählt ohne Zwischen* und Ober töne, in einer Manier, die die großen Naturalisten wie Zola und Sudermann durch ihre Vollendung Absterben verurteilt habe Der Stoff, wie Asch ihn sieht und zu gestalten unternimmt, bedarf keiner feineren Formung. In den beiden Romanen liegt ein Bruchteil des ostjüdischen Volkstums aufgerollt. Denn alle Möglichkeiten dieses Volkstums zusammenzu* fassen, eine solche Aufgabe findet ihre Grenze im Welt* bild des Autors, der das Größte und Erhabenste, das dem Ostjudentum zugeteilt ist, dem Leben überlassen muß. Eine Linie führt zum letzten, noch unveröffentlichten Teil der Trilogie, der „Moskau" heißt. Vielleicht läßt dieser Schlußband eine breitere Deutung zu. Briefe hinler Gittern. Der Rigaer Student Philipp Halsmann wurde des Mordes an seinem Vater schuldig erkannt. Daß die ge# sittete Welt in ihrem verletzten Gerechtigkeitsgefühl den Schuldspruch nicht anerkannte, immer wieder ihre Stimme erhob, psychologische und tatsächliche Momente gegen den Irrsinn der Verurteilung geltend machte, erhöht nur den tragischen Fall, der fast vergessen erscheint. Philipp Halsmann hat nicht eine Tat, sondern die unheilvolle Verkettung von Umständen zu büßen. Aber sein Herz ist festgeblieben, sein Geist aufrecht, sein Stolz hart, seine Sensibilität unangetastet. Das bezeugen seine an die Freundin Ruth aus der Strafanstalt Stein gerichteten Briefe, die ein Kreis von Freunden in Engelhorns Verlag veröffentlicht hat: eine Art Rechenschaft über sich selbst, ein Tagebuch von Gefühlen und Gedanken, die ihn mit der Außenwelt verbinden. Was am meisten auffällt, staunen macht und ergreift, ist die Klarheit der Erkennt« nissc, der Wissensdurst und der intellektuelle Scharfsinn, dem vor keinem Abgrund bange wird, und schließlich eine seelische Wärme, die weder durch Leid noch durch Ein* samkeit verschüttet werden kann. Der Leser möge keine kriminalistische Sensation er« warten. Hier spricht ein junger Mann unseres Jahr« hunderts, aber kein Skeptiker, -sondern ein Bejaher. Hier spricht die Tugend eines Unschuldigen, der aus seinem Schmerz Edles schafft und die Welt, seine Welt, seine Liebe, damit beschenken will. In diesem Sinne nur ist die Herausgabe der Halsmann*Briefe zu rechtfertigen, o. r.

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