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Die neue Welt · 1930-08-08 · Heft 151 (8.8.1930) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 151 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 151 DIE NEUE WELT Seite 7 Moskau will den Kampf der Araber gegen England. Aeuftatingen sie* Tschekisfen Aghabekow* — Waffenschtnuggel n*di PaMstfuJU — ftiMfeft bare Agenten« — Das Kokeilseten mit dem Antisemitismus« Der russisdie Emigrantenkreis in Paris ist um eine interessante Persönlichkeit reicher geworden. Seit kurzer Zeit beherbergt diese politische Zufluchtsstätte einen Mann namens Aghahekow, einen armenischen Russen, der ein Jahrzehnt lang in Diensten der russischen Tscheka (politische Polizei) oder, wie sie sich jetzt nennt, G. P. U., gestanden hat. Aghabekow war Leiter der Ostabteilung des Auslandsdepartements der Tscheka. Zeitweise bekleidete er das hohe Amt des geheimen Hauptdirektors der Tscheka-Abteilungen in der Türkei, Griechenland, Syrien, Palästina und Aegypten. Von ihm gingen die kühnsten und abenteuerlichsten Spionage- und Provokationsunternehmungen in den genannten Ländern aus. Aghabekow hat nun aus unbekannten Gründen Rußland verlassen, sich von den Bolschewiken losgesagt und beschäftigt sich mit der Herausgabe eines Buches, das die außenpolitischen geheimen Wühlereien Sowjetrußlands im Orient behandeln soll. Mit diesem Manne hat der Vertreter der New Yorker sozialdemokratischen, in jiddischer Sprache erscheinenden Tageszeitung „Vorwärts", S. Iwanowatsch, ein Interview gehabt, dem wir die auf den Zionismus und die Lage der Juden Sowjetrußlands bezüglichen Stellen entnehmen. * Auf meine Frage, was er über die kommunistische Arbeit im Zusammenhanf mit den Augustpogromen in Palästina wisse, antworte* Aghabekow ein wenig zurückhaltend und nur in allgemeinen Umrissen: „Es wäre ein Fehler, zu glauben, daß die kommunistische Politik in Palästina eine araberfreundliche und judenfeindliche sei. Palästina interessiert die Moskauer Regierung nur als ein Land, von wo aus man EnglandSchwierigkeiten machen und den lebenswichtigen Suezkanal, den Weg nach Indien, verstopfen kann. Alles, was England stört, ist den Kommunisten angenehm. Die bolschewistische Regierung braucht Palästina als Kraft, die im Falle eines Krieges .im Orient England den Suezkanal versperrt und es so von Indien trennt. Denn in Indien ist ein direkter Zusammenstoß zwischen England und Rußland möglich. Ein Kampf der Araber gegen Englands Herrschaft in Palästina hat für die bolschewistische Regierung die größte Bedeutung, weshalb sie ein solches Treiben mit allen t Mitteln unterstützt. Ich weiß, daß die Araber zahl-' reiche Waffen bekommen, die von den S o w j e tagenten gekauft und ins Land geschmuggelt werden. Die Moskauer Agenten stehen mit den arabischen Führern direkt und indirekt in Verbindung und viele von ihnen werden für ihre geheime Arbeit von den bolschewistischen Agenten entlohnt." Stört es die Kommunisten nicht, daß an der Spitze der arabischen Bewegung Reaktionäre stehen, religiöse Fanatiker, überhaupt Leute, die die Kommunisten als ihre erbittertsten Feinde ansehen müßten? „Das stört die Kommunisten nicht. Arbeiten doch die Kommunisten zusammen mit katholischen Geistlichen! In einigen Ländern hat die Tscheka ihre geheimen bezahlten Agenten auch unter den katholischen Geistlichen .. . Die Moskauer Regierung läßt es sich in Palästina viel Geld für die kommunistischen Gruppen kosten, Sie bestehen aus Arabern und Juden, aber mehr aus Juden, weil diese fortgeschrittener sind und es sich mit ihnen leichter arbeiten läßt. Außer den offenen Kommunisten, die in diesen Gruppen anzutreffen sind, gibt es viele geheime kommunistische Agenten und Spione in allen Organisationen deß Landes, sowohl in den z i o n i s t i s c h en als auch in den arabischen, ja sogar innerhalb der englischen Administration. Die palästinensische Abteilung der G. P. U. weiß von ihren Agenten, was in diese» Organisationen geschieht." „Judenpogrome fallen nicht ins Programm der kommunistischen Tätigkeit in Palästina. Aber die Kommunisten sind nüchterne Politiker und lassen sich von sentimentalen Erwägungen nicht stören. Sie wollen sich die große politische Bedeutung einer a n tieng lisch en Bewegung, wie sie in Pogromen zum Ausdruck kommt, nicht entgehen lassen. Die Kommunisten sind bereit, mit Vertretern jedes Volkes zu verhandeln, wenn man es gegen England benützen kann." Als Beweis führt Aghabekow an, daß im Jahre 1925 das Auslandsdepartement der G. P. U. mit zwei Zionisten, LAURANA ama2m Orthod. kosch. Pension WEISS neu eröffnet IErstklassige Küche MlUlge Preise Auf Wunsch Prospekt* die aus Palästina nach Moskau kamen, Verhandlungen führte. Die zwei Zionisten legten einen Plan zur Gewinnung der palästinensischen Juden gegenEngland ▼or. Der Leiter des Auslandsdepartements aber schöpft« den Verdacht, daß einer der beiden Hin geheiiner englischer Agent sei, und brach die Verhandlungen ab, * Auf die Frage Über die Lage der Juden in Sowjetrußland bemerkte Aghabekow: „Die Sowjetregierung bemüht sich, der großen Masse zu beweisen, daß sie keine jüdische Regierungsei und daß die kommunistische Partei k e i n « jüdische Partei sei. Die jüdischen Kommunisten werden immer mehr aus den leitenden Aemtern beseitigt. Man bekämpft zwar den Antisemitismus, kokettiert aber auch gleichzeitig mit ihm. Man verfolgt alle Religionen, aber die Verfolgung der jüdischen Religion wird besonders unterstrichen . . . So oft die Regierung sieht, daß der oder jener Jude zionistische Sympathien habe, geht sie sofort mit der Verhaftung vor. Sonst absolut unpolitische Menschen, die am Zionismus Interesse haben, werden als gefährliche Gegner des Sowjetsystems angesehen, als Agenten Englands, und dementsprechend behandelt." * In bezug auf die Aeußerungen des gewesenen Tschekisten Aghabekow, die der Vertreter des „Vorwärts" wiedergibt, können wir nur auf die von uns in der Nummer 149 der „Neuen Welt" gemachten Darlegungen hinweisen. Hier wird wieder bestätigt, daß die Mandatarmacht England und die judenfeindliche palästinensische Administration die Parole von einem jüdischen Bolschewismus nicht entkräftet und dadurch auch neben dem zionistischen Werk seine eigene Position gefährdet. Die kommunistische Tätigkeit in PalHstina. — FÄ* Arabisierung des Landes. Jerusalem, 1. August. In den Straßen Jerusa* lems wurde eine Broschüre verteilt, als deren Heraus* geber sich ein Zentralkomitee der kommunistischen J u g e n d Ii g a Palästinas bezeichnet. In dieser Broschüre wird über die Organisation des Hungerstreiks der 88 politischen Häftlinge, die weitverzweigte kom* munistische Propagandatätigkeit und ihren Widerhall, be* sonders unter den Arabern, berichtet. Ferner ist von einer im Mai abgehaltenen Plenarsitzung, an der 27 Delegierte, darunter. 8 Araber, teilgenommen haben und die geheimen Vorbereitungen leiteten, zu lesen. Es wird mitgeteilt, daß zum erstenmal Araber nicht als Gäste, sondern als verantwortliche Partner tätig waren, und daß bei der Plenarsitzung die Unruhen des vergangenen Jahres in dem Bericht, „D i e August?Revolte" genannt, ausführlich diskutiert worden seien. Die Sitzung habe der Anordnung der kommunistische ^Internationale besondere Aufmerksamkeit geschenkt, die dahinging, daß das Land, für welches die B o 1 s c h e w i s i e r u n g die beste Garantie freier Entwicklung darstelle, arabisiert werden müsse. Demzufolge sei auch die Arabisierung der kommunistischen Jugendliga in einer Resolution be« schlössen worden. Geheimverhandlung gegen einen jüdischen Kommunisten in Palästina. Jaffa, 30. Juli. (J. T. A.) Hinter verschlossenen Türen fand im Dienstgebäude des Pistriktskommissars von Juifa die Verhandlung gegen den jüdischen Kommunisten Jerachmiel Lokatscher statt. Lokatscher ist angeklagt, zur Zeit der Unruhen die Beduinen im Distrikt von Tiberias aufgewiegelt und eine kommunistische Versammlung von Arabern organisiert zu haben. Jüdisches Elend in Rußland. Moskau, 3, August. (J. T. A.) Erhebungen über die ökonomische und kulturelle Lage, die vor kurzem in 12 von 13 Städten des Kreises Witebsk durchgeführt worden sind, geben ein Bild von der sozialen S t r uk* tur der jüdischen kleinstädtischen Bevölkerung. Von 9074 jüdischen Seelen in diesen Städten sind 2159 er« werbutätig, und zwar 190 Arbeiter, 490 Angestellt«, 863 Handwerker, 268 Bauern, 566 Empfänger von Re< gierungspension und ohne bestimmte Beschäftigung, 42 Hausierer und 2 Händler- Unter den 190 Arbeitern eind die Bauarbeiter mit inbegriffen, die im Winter »um Teil beschilftii g u n g s 1 o s sind, zum anderen Teil sich mit Flachs« baarbeitung befassen. Unter den Angestellten sind 200 Hausierer, die als Provisionsvertreter der Konsum» genossenschaften und der weißruseiscbeQ stwtlwhjn Handelsgesellschaft in den Dörfern deren Waren ver# tr«ib«n, In einigen Ortschaften ist ihnen die Klassifizie« rupg als „Angestellte" zugestanden worden. Die übrige» Angehörigen der Gruppe „Angestellte" sind zum großen Teil von den. Zentralstellen überwjeseRe. Mitarbeitet der Örtlichen sowjetischen Wirtschaft»» und Kulturcinrich« hingen, gehören alfo nicht mt ortsansässigen jüdischen Bevölkerung. Die Gruppe „Handwerker" besteht hauptsiieh* Hch sus selbständig arbeitenden Handwerkern, d i e a b e r aus Mangel an Rohstoffen meist besehtf« tlgungslos sind. Zu den Handwerkern werden auch die Fuhrleute — meist frühere Kleinkrämer — ge» rechnet. Dieses Gewerbe wird nach Fertigstellung der gegenwärtig im Bau befindlichen Kleinbahnen in kurzer Zeit ohne Beschäftigung sein. Wegen Rohstoff* mangels müssen manche Handwerkerkooperativen ver« kleinert oder Überhaupt aufgelöst werden. Hingegen können sich Produktivgenossenschaften, die an Ort und Stelle vorhandene Rohstoffe verarbeiten, erfolgreich be# haupten. Die Jugend wandert zum größtem Teil aus den kleinen Städtchen aus, besucht Fachkurse und versnobt, Arbeit in Fabriken und Unternehmungen der großen Städte zu erhalten. In diesem Bezirk gibt es auch sechs gemischte land« wirtschaftliche Kollektiven, in denen die Zahl der Juden zwischen 5 und 13 Prozent beträgt. Budapester Silhouetten« Priesterweihe bei den Karmelitern. — Karmeliter« mönch Severin. — Franziskanermönch Dionysius. — Kartäusermttnch Pater Brocardus. — Die jüdischen FestgHste. —• Die weinende jüdische Mntter. — Lola Beretvas gestorben. Die Tragödie der Familie Wahrmann. Von unserem Bndapester ra-Korrespondenten. Vor kurzer Zeit fand in der hiesigen Karmeliterkirche eine Priesterweihe mit Fcstmesee statt. Tm allgemeinen sind Priesterweihen und Festmessen in einer katholiscnen Kirche keine jüdische Angelegenheit. Aber schon der äußere Anblick, die überfüllte Kirche mit ihren zahlreichen Ehrengästen aus dem Kreise des katholischen Klerus und der katholischen Notabilitäten. hauptsächlich aber die überaus große Zahl jüdischer Festgäste verriet sofort, daß dieses Kirchanfest eine fast awsschließlich jüdische Angelegenheit war. Die Hauptakteure des kirchlichen Aktes waren drei junge Menschen, Mitglieder einer noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit angeseheneu konservativ-jüdischen Familie. Vor einigen Jahren starb in Budapest ein jüdischer, hochangesehener Großkauf mann, Gaspar S z c d ö, der sein Haus trotz seiner angesehenen sozialen Stellung streng konservativ jüdisch führte. Sein Vater und sein Großvater wqron anerkannte Talmudisten und streng orthodox, er selbst hat nach Möglichkeit diese Tradition weitergeführt. Als er starb, hinterließ er außer der Witwe auch zwei Söhne, I-adielaus und Michael. Beide Söhne wurden in guten Beamtenstellen des Bankfaches untergebracht. Eines Tages Überraschten die zwei Brüder Szedö ihre Kollegen und Vorgesetzten mit der Erklärung, daß sie ihre Stellen kündigen und sich nunmehr ausschließlich dem Studium der katholischen Theologie widmen werden. Einigen wenigen vertrauten Freunden der Brüder bereitete ihr Entschluß keine große Ueberraschung, denn es war ihnen bekannt, daß die zwei jüdischen Beamten vor ihrem Austritt aus ihren gesicherten Stellungen lange Zeit in katholischen Missionskrelsen verkehrten, deren Einfluß schließlich dazu führte, daß Ladislaus und Michael Szedö bald darauf zur katholisch ja Religion übertraten. Die beiden Brüder erfuhren auf der theologischen Fakultät eine besonders bevorzugte Behandlung und eines Tages wurde bekannt, daß Ladislaus in den Karmeliterorden eintrat und' dort den Namen Pater Severinus erhielt, wahrend der jüngere, Michael, »ich den Franziskanern anschloß und dort als Pater Dionysius in der Mission tätig ist. Die Priesterweihe bei den Karmelitern, von weloher eingangs die Rede war, betraf eben jenen Pater Severin!]*, ehemals Ladislaus Szedö, Sohn konservativ jüdischer Eltern und Enkel seinerzeit angesehener Talmud juden. An dteaem Tage hielt Pater Severin«* die erste Messe, während eefo jüngerer Bruder, der Franziskaner Dionysius die feierliche Weiherede hielt Assistiert Wochen-Kalender August 1930 a* inn Ab 5690 * Freitag 14--P Sabbatelngang 7.— 9 Saraitag ll-*9 $abpttsM«flang 8,03 nsna w 'tsen .vana v »pnnrn 10 Sonntag 1H» tl Montag 1?-* 12 DUnstiij l$—rp u Mittwoch tt~* 14 Donnerstag W-a

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