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Die neue Welt · 1930-08-08 · Heft 151 (8.8.1930) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 151 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife 8 DIE NEUE WELT Nr. 151 wurJc Paier Severinus von einem Vetter, der gleichfalb zum Christentum ubergetreten war und heute als Kartäusermönch unter dem Namen Pater Brocarduß im Ordenshaus von Calci in Italien lebt Einen großen Teil der Sitzplätze in der Budapester Kaimeliterkirche nahm neben , der Mutter der beiden jungen Patres, die noch heute Jüdin ist, eine große Zahl jüdischer Verwandten und Bekannten der beiden Patres ein. Anwesende behaupten, daß die greise Mutter, die Witwe nach dem konservativ jüdischen Großkaufmann Gaspar Szedö, während der Festmes6e und Weiherede ihrer Söhne laut geschluchzt habe. Es wird auch erzählt, daß es den beiden Brüdern gestattet worden sei, nach dem feierlichen Kirchenakt das Mittagmahl gemeinsam mit ihrer jüdischen Mutter einzunehmen. Ein jüdisches Blatt ironisiert diesen unechten Sentimentalitätsausbruch der Renegatenbrüder, indem es die Frage aufwirft, ob die jüdische Mutter ihren zwei Söhnen, den frischgebackenen Patres, und ihrem Neffen, dem Kartäusermönch, mit einem rituell zubereiteten Festmahl aufgewartet habe, wie es ihre Kinder im Elternhaus gewöhnt waren. E6 wäre zu leichtfertig, diese Angelegenheit mit einer ironischen Geste abzutun. Die Flucht aus dem Judentum nimmt in Ungarn und ganz besonders in( Budapest immer erschreckendere Formen an, und es gibt heute keinen jüdischen Führer in diesem Lande, der imstande wäre, diesem infolge jahrzehntelang begangener Sünden einer chauvinistischen Assimilation herbeigeführten Abbröckelungsprozeß Einhalt zu gebieten. * Vorige Woche starb eine berühmte Schönheit, Fräulein Lola Beretvas. Dieser Todesfall hätte für die Leser dieses Blattes eigentlich kein besonderes. Interesse. Aber diese Lola Beretvas war die Tochter des Oberhausmitgliedes Endre von Beretvas und dessen ' Gattin Renee Beretvas, geschiedene Gattin des Simon von Krausz und Tochter des am Ende des vorigen Jahrhunderts berühmt gewesenen Politikers, Financiers und Präsidenten der Budapester Knltusgemeinde Moritz Wahrmann. Hiemit ist der letzte Sprosse der. Familie Wahrmann in Ungarn gestorben. Dieser Tod bringt eine ganze Reihe von Skandalaffären in Erinnerung, die seinerzeit mit dem Namen Wahrmann verknüpft waren." Schon der alte Moritz Wahrmann, der berühmte und gefürchtete Referent des gemeinsamen österreichischungarischen Finanzbudgets in den unrühmlichen Delegationen, war als Jude, trotz seiner Stellung als Präsident der großen Budapester Gemeinde, ein sonderbarer Heiliger. Aus Galizien eingewandert, brachte er es in seiner neuen Heimat ziemlich rasch zu Stellung, Vermögen und Ansehen, spielte als Mitglied des Parlaments wegen seiner hervorragenden Kenntnis des internationalen Finanzlebens sehr bald eine führende Rolle. Der Kaiser hielt sehr viel von ihm und es kursierte eine Menge von Anekdoten über den Verkehr zwischen dem Kaiser und Wahrmann, die wahrscheinlich zum größten Teil erfunden waren. Sieher ist jedoch, daß es Wahrmann trotz seines Finanzgenies und seiner hervorragenden Dienste, die er Ungarn geleistet hat, niemals zum Finanzminister ernannt wurde, obgleich der Kaiser es gerne gesehen hätte. Wahrmann war das Prototyp eines Assimilanten. Charakteristisch hiefür war seine Stellungnahme zu dem sogenannten Rezeptionsgesetz, durch welches die Aufnahme der jüdischen Konfession in die Reihe der in Ungarn anerkannten Konfessionen gesetzlich festgelegt wurde. Eine Abordnung demokratischer Juden. wandte sich damals an den einflußreichen mächtigen Politiker und Präsidenten der jüdischen Gemeinde, Moritz Wahrmann, mit dem Ersuchen, sich -für dieses Gesetz zu engagieren; Walirmann lehnte es ene'rgisch ab. Er halte es für gefährlich, daß Juden in der Politik sich, zu sehr für jüdische Angelegenheiten exponieren, und drohte 6ogar mit einer Bekämpfung des Gesetzentwurfes. Die Rezeption der jüdischen Kpnfession ist gegen den Willen des Kultuspräsidenten Moritz Wahrmann Gesetz geworden; - Nicht lange dauerte es und der Verfall der Familie Wahrmann vollzog sich in unaufhaltsamem Laufe. Seine Söhne tauften sich und wurden Antisemiten. Seine einzige Tochter, die wunderschöne, viel umworbene Ren6e Wahrmann, wurde gegen ihren Willen mit Simon-K rausz, der sich damals am Anfang, einer später so ./glänzend/, ansteigende». Karriere,, auf finanzpolitischem ^Gebiet befand, verheiratet. Eine Ohrfeigengeschichte auf offener Straße in Ischl machte dieser unglücklichen Ehe ein jähes Ende. Renee Krausz- Wahrmaun hat dann mit Wissen und, wie später festgestellt wurde, sogar mit Zustimmung ihres Vaters den protestantischen Glauben angenommen, um die Gattin' eines reiohen Gentrys, Endre von Beretvas, zu werden. Mit dem Einzug der Frau Renee geborenen Wahrmann in den Besitz ihres als äußerst liberal bekannten Gatten zog auch der Antisemitismus auf das Gut ein. Jüdische Angestellte wurden auf ihr Verlangen .entlassen, jüdische Handwerker verloren ihre Arbeit, und so wurde das große Beretvas-Gut, das früher als judenfreundlicher Besitz gegolten hatte, völlig'judenreih, Iiis auf die Besitzerin selbst, die mit den skrupellosesten Mitteln bestrebt war, Ihre ehemalige Zugehörigkeit zum Judentum zu verwischen. Renee Beretvas-Wahrruann ist vor einigen Jahren gestorben. Die Söhne des ulten Wahrmann haben keine Kindel' '» HAOLAM 6fr das hebräische Zentral-Orsan der Zionistischen Organisation ctstüctat wöcbentHch in London onttf der jrt&ndtotfi Mitarbeit v. NAHUM SOKOLO w «. der Redaktion M. KLEINMANN M fcj umfaßt die jüdischen Interessen und die nflVlifin Piobieme Jüd. Löbens in der ganzen Welt Uit#%| AM behande.t »uch die Völker-Piobleme und HMWbfilvl ihre Beziehung zu unseren Interesse* und Bedürfnissen Uflaftl ft ffcJ vereinigt um sich die besten hebräischen nflwbMI*! Schriftsteller und Gelehrten, die jadischen Denker und Philosophen Der Abonnementpreis betragt: Pfd. 1.5 oder Doli. 6.- jfthrl. In Oesterreich kann „HAOLAM" durch folgende Agentur bezogen werden: Dr Conrad Willhelm, Tabak- Trafik „Lloydliof", PiatersttaBe 11, Wien II. hinterlassen. Das Vermögen ihres Vaters wurde vergeudet. Ein Bruder Moritz Wahrmanns, der in Wien lebte und starb, hatte jede Verbindung mit den Kindern seines Bruders Moritz abgebrochen. Nun ist auch der letzte Sprosse des Stammes derer von Moritz Wahrmann gestorben und nichts erinnert mehr an die einstige Größe und Macht des jüdischen Finanzgenies und Kultuspräsidenten Moritz Wahrmann, der die Fülle der politischen und sozialen Macht, die sich in seinen Händen konzentriert Jiatten, zum Schaden und Unheil der ungarischen Juden mißbraucht hat. Sterbendes Judentum* Aus der Berliner Judenstatistik. In der Berliner „Jüdischen Lilb. Ztg." schreibt Herbert Philipsthal: Der jüdische Geburtenrückgang setzt sich in Großberlin weiter fort, die Sterblichkeit nimmt zu, die rein jüdischen Eheschließungen weisen eine rückläufige Tendenz aufcdie Mischehen bewegen sich in steigender Kurve. So lautet in kürzester Form das Ergebnis, das man aus dem zur Verfügung stehenden Zahlenmaterial ziehen kann. Unerfreuliche Daten, die die im. vorigen Jahre an dieser Stelle geäußerten Befürchtungen noch übertreffen. Man möchte kein Pessimist sein, doch die Deutung der Unterlagen läßt keine andere Meinung zu. Einige vergleichende Zahlen beweisen das Gesagte: Die jüdischen Geburten Großberlins betrugen dm Jahre 1927: 1371, 1928: 1332, 1929:1222. Die jüdischen Sterbefälle im Jahre 1927: 2446, 1928: 2574, 1929: 2714. Die Zahlen über die rein jüdischen Eheschließungen lauten: 910, 957, 896 und über die Mischehen: 688, 721 und 741. Die Gegenüberstellung der Geburten und Sterbefälle ergibt, daß die Unterbilanz für 1927: 1075, 1928: 1242 und 1929: 1492 ausmacht, oder für drei Jahre 3809 jüdische Seelen. In zehn Jahren mithin 3 8.6 9 0. Die Geburten aus Mischehen sind hiebei ignoriert, weil sie bekanntlich nur in geringer Zahl dem Judentum zugute kommen. Die Eintritte in und die Austritte aus dem Judentum sind unbekannt, können aber das Endresultat nur wenig beeinflussen. Ueber die jüdische Zu- und Abwanderung fehlen ebenfalls Angaben, doch bei der vorhandenen Wirtschaftsdepression und Arbeitslosigkeit kann sie sich nur in engsten Grenzen bewegen. Die Ehen gehen zurück, die Mischehen schwellen weiter an. Sie erreichen fast die rein jüdischen Eheschließungen. Hier sollte die Gemeindeverwaltung mehr wirken als bisher. Schon oft ausgesprochen, aber bis auf den heutigen Tag vergeblich gesagt. Daß die jüdischen Männer um fast das Doppelte an den Mischehen im Vergleich zu den jüdischen Frauen beteiligt sind (1928: 470 und 251, 1929: 489 und 252), sei noch besonders erwähnt. * Die Seffern, welche Philipsthal bringt, werden «och bedeutsamer, wenn man einige der allgemeinen Statistik hinzufügt. In Preußen entfallen auf 1000 N ichtjuden zirka 20 Geburten. Auf 1000 Juden etwas über fünf Geburten. In Berlin beträgt der S t e r b e ü b e rschuß bei Nichtjuden 1,7 vom Tausend, bei den Berliner Juden fast 7 vom Tausend. Die Juden sind also viermal so schlecht gestellt als die Nichtjuden. Wenn der Prozeß weiter fortschreitet, dann kann man ohne Uebertreibung vom Aussterben des Judentums in Deutschland sprechen. Leider steht der deutsche Fall nicht vereinzelt da. Tribüne* Seltsame Literaturgeschichte. Die „Neue Welt" erhält folgende Zuschrift: In der „N e u e n F r e i e n Presse" vom 3. August 1930 erschien unter dem Titel „Die Geburt einer neuen Literatur" ein'-Interview des Herrn Piero Ilismondo mit dem palästinensischen Schriftsteller A. Schlionsky. In diesem Interview schildert Herr Schüonsky den Werdegang der neuen hebräischen Literatur in einem etwas eigenartigen Lichte. Das Interview ist wohl geeignet, die Herausgeber der „Ketuwim" und seine Mitarbeiter in vollem Glänze erscheinen zu lassen, die neue hebräische Literatur, und auch die palästinensische, kommt dabei ein wenig zu kurz. Itjtthrlfler kräftiger aus besserem jüd. Hause, ehrlich und fleißig, sucht Posten gegen Kostu. Quartier. Unter „Arbeit egal" an die Expedition dieses Blattes „Wer unsere Kunst in Palästina begreifen will, muß einen gewaltigen Gedankensprung tun, von der Zeit der Bibel bis in das Jahr 1930", sagt Schlionsky. Das „Hateatron Haivri" und die hebräische Oper scheinen für Herrn Schlionsky nicht zu existieren. Und tatsächlich gewinnt man beim Lesen des Interviews den Eindruck, als ob zwischen der Bibel und dem „Ohel" ein Vakuum wäre. . „Bis vor 50 Jahren kannte die hebräische Literatur nur religiöse Probleme." Die „Hasskalah" hat also nicht existiert. Gut. „Heute haben wir uns von der Bibel freigemach t", verkündet Schlionsky. Schade! Scheint auch nicht ganz zu stimmen. Saul Tschernichowsky hat sich auch von der Bibel freigemacht und veröffentlichte erst vor einigen Monaten sein neues Drama „Bar Kochba". ein Motiv aus der Bibel, auch dem Inhalte nach. „Können Sie Namen nennen?" Und hier zählt Schlionsky auf: Steinberg, Horowitz, Hasas, Agnon, Hameiri. Gewiß wertvolle Dichter und Schriftsteller. Doch wirkt es komisch, wenn man von der Geburt einer neuen hebräischen Literatur spricht und die Namen Bjalik, Tsckernikowsky, Schneur, Kahan, Fichman, Schofmann nicht erwähnt. Sie haben ja noch vor Schlionsky „den Anschluß an die Welt" gesucht und gefunden. „Was die rein palästinensische Literatur anbetrifft, so kann man sie sich schwer ohne Brenner vorstellen. Auch Bistritzky lebt und wirkt in Jerusalem. Es ist nicht hier die Stelle, das ganze Problem zu behandeln. Den nicht ganz Informierten sei nur gesagt, daß die neue hebräische Literatur, und auch die palästinensische, nicht mit „Trask" begonnen und in „Ketuwim" den Höhepunkt erreicht hat. Nahum Samonsky." Anmerkung der Redaktion: Daß sich Literaten gegenseitig „helfen", ist eine bedauerliche Erscheinung in der europäischen Literatur. Daß diese Methode auch in der jungen hebräischen Literatur Platz zu greifen scheint, ist noch bedauerlicher. Die „Neue Freie Presse" trifft kein Verschulden. Sie hat es gewiH gut gemeint. AUS PALÄSTINA. Neue Beschränkungsmaßnahmen an der Klagemauer. Jerusalem, 3. August. (J. T. A.) Für den Tischa* b'AwsGottesdienst an der Klagemauer wurde der Gc* brauch von Kerzen zitm Lesen der Kinoth (Trauers gebete) und der Gebrauch von Sitzmatten verboten. Der Distriktskommissär von Jerusalem, Keith Roach, teilte dem Waad Leumi und der Agudas Jisroel mit, daß die Zeremonie der Mondvveihe (Kiddusch Lewanah) an der Klagemauer unstatthaft sei. Solche Beschränkungen sind in der Vergangenheit noch nie zur Anwendung ge* kommen. Kein Umzug um die Stadtmauern Jerusalems am diesjährigen Tischa b'Aw. Jerusalem, 1. August. In Anbetracht des bevor» stehenden Tischa b'Aw veröffentlichen die Behörden in Jerusalem das auch sonst an gefährdeten Tagen übliche Verbot für Straßenansammlungen, Tragen von Waffen usw. Wie die J. T. A. erfährt, hat sich der Waad Leumi, um die Gefahr von Zusammenstößen zu vermeiden, an die Jugendorganisationen und andere zuständige Stellen gewendet, um diese von der Veranstaltung eines Umzuges rund um die Stadtmauern abzuhalten. Hingegen erwartet man, daß dem üblichen Gang zur Klagemauer kein Hin« dernis in den Weg gelegt werden wird. Totenfeier für die hingerichteten Araber. Jerusalem, 30. Juli. (J. T. A.) Obwohl die Regierung die Erlaubnis zur Abhaltung religiöser Feiern mit politischem Charakter am 40. Tag nach der Hinrichtung der drei Araber verweigert hat, erließ die arabisdic Exekutive einen Aufruf, in dem die Hingerichteten als Märtyrer dargestellt werden, die mit Lächeln auf den Lippen und mit glaubenerfülltem Herzen als Vorkämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit, frei von jeder Schuld, in den Tod gegangen seien, als Opfer des Imperialismus, der Angriffe Landfremder und einer räuberischen Politik. Nach einer langen Sitzung am letzten Freitag beschloß die arabische Exekutive die religiöse Feier in der Moschee von Acco als halbpolitische Gedenkfeier abzuhalten. In Safed verlief der Freitag ruhig. Die Polizei hatte umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Die arabische Zeitung „El Kännel" berichtete vor einigen Tagen, daß innerhalb der arabischen Exekutive ein ernster Konflikt zwischen dem 80jährigen Präsidenten der Exekutive, Muza Kazim Pascha, und zwischen den Sekretären der Exekutive und ihren hauptsächlich jüngeren Anhängern ausgebrochen ist, als zu dem Verbot der Palästina-Regierung einer politischen Totenfeier für die Hingerichteten innerhalb der Exekutive Stellung genommen werden sollte. Muza Kazira Pascha drohte mit seiner Resignation, entschied sich allerdings später anders. Das gleiche Blatt berichtet über. ejne Unterredung zwischen Moghaaan Elia» Effendi Moghanan und dem stellvertretenden Chefsekretär der Palästina-Regierung, Mills, In diesem Gespräch betonte Mills nachdrücklich, daß die Hinrichtung der drei Teilnehmer an den Unruhen mit Martyrium nichts zu tun habe, vielmehr die Strafe für begangene Morde darstelle.

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