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Die neue Welt · 1930-08-08 · Heft 151 (8.8.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 151 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nt. 151 DIE NEUE WELT Seite 5 andere Erleichterungen zu erwägen. Natürlich: Vorsichtig! Langsam! Aber Sicher. Der naive Jude liebt solche „vorsichtige" Worte. Er hält sie für „staatsmännisch" und ist geschmeichelt, wenn man mit ihm in einem so „staatsmännischen" Ton spricht. Das wird das Ende der „Chaluzim-Gesera" sein. Sogar Simpsons Bericht, wie giftig er auch ausfallen wird, kann dies nicht verhindern. Sogar Simpson wird nicht erzählen, daß Palästina untergehen muß, wenn man heuer noch ein paar hundert Chaluzim hineinläßt. Die englische Regierung selbst hat auch keine Lust, sich mit allen Juden wegen „noch ein paar hundert Chaluzim" zu verfeinden, oder eine derartige Lage zu schaffen, daß kein einziger Jude ins Land hineingelassen wird. Das sind ja nur kindische Befürchtungen. Die Zertifikaten-Suspendierung wird abgeschafft werden. "Vielleicht — bald. Und was wird dann sein? Die Ziege losgeworden und wieder zufrieden? Kalt, logisch denkend, muß man die Lage betrachten. Eine Bedingung ist, daß man sich durch konventionelle .»Heiligtümer" nicht einschüchtern läßt. Ein Zertifikat wird bei uns als ..Heiligtum" angesehen, und derjenige, der zu behaupten wagt, daß es wichtigere Dinge gibt, wird in Bann getan. Ich glaube aber, daß es wohl wichtigere Dinge gibt. — Zum Beispiel: Die allgemeinen Bedingungen, welche die Einwanderung nach Palästina erleichtern oder erschweren können, sind unvergleichlich wesentlicher, als die Frage, ob wir dreitausend Zertifikate heute oder morgen bekommen. Auf diesem Standpunkte muß jeder denkende Zionist stehen. Daher glaube ich, daß die Suspendierung der Chaluzini- Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher für Eure Kinder nur in der lUdfschtn Buchhandlung Hermann TllCHllGP Or^Stad'tgutg.? (ick« Taborstraße 62) Tel. R-41-4-20 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! ^mmtuimiinmiw^^ einwanderung nicht das ärgste ist, was uns bisher betroffen hat. Ich glaube, daß im Falle dieses Verbot abgeschafft wird, teilweise oder ganz, dies nicht die Lösung ist, nicht eine wesentliche Aeuderung bedeutet und nicht Grund sein kann, wie es bei uns Sitte ist, zu erklären, daß .l,die Lage sich gebessert h a t". Die Lage wird dann genau so schlecht sein, wie sie jetzt und bereits seit langem ist. Eine Lage, in welcher der Zionismus nicht verwirklicht werden kann. Die Einwanderung von noch 3000 Inhabern von Zertifikaten wird die Situation nicht entscheidend ändern. Es ist gewiß nicht erfreulich, daß man heute, trotz aller bösen Erfahrungen, solch primitive Wahrheiten wiederholen muß. Aber wir kennen ja unseren jüdischen Impressionismus, jene dumme Gewohnheit, alles nach der letzten Woche zu beurteilen. (Ein weiterer Artikel folgt.) Copyright by „Die Neue Weit", Wien. Nachdruck und Uebersetzung nur mit Erlaubnis des Herausgebers, Theodor Herzls tragischer Kampf um den potitisdien Zionismus. Hans Löbl Viky Neurath Verlobte Wien—Mödling, Ansäst 1930 Kall/ ruhig und logisch« Von Vladimir Jabotinsky (Paris). I. Das sind die drei Eigenschaften, die jeder Zionist besitzen muß. Sie sind heute notwendiger als früher, heute, da die jüdischen Massen die Lage richtiger beurteilen und die Bedeutung ihres eigenen Protestes als politischen Faktor richtig einzuschätzen beginnen. Jetzt wäre es besonders gefährlich, in die alte zionistische Sünde, in den Impressionismus, zu verfallen, in jene dumme Gewohnheit, den Bericht der letzten Wochenereignisse als den Abschluß einer ganzen historischen Periode zu betrachten. War die letzte Woche schlecht — so ist die Lage schlecht; war die letzte Woche gut — so hat sich die Lage „verbessert" und wir haben wieder „Vertrauen". Man kann leider nicht behaupten, daß die Gefahr des Impressionismus endgültig vorüber ist. Die Welle jüdischer Proteste, die jetzt über die ganze Welt geht und anscheinend in England nicht geringen Eindruck macht, ist eine gesunde Erscheinung. Aber auch hier sind gewisse ungesunde Anzeichen vorhanden. Man hat den Protest zu stark mit einem Einzelfall verknüpft, mit der Suspendierung von 3000 Einwanderung-Zertifikaten. Diese „Geeera" ist wirklich schlecht, aber es ist übertrieben zu behaupten, daß gerade sie das Aergste wäre, was uns im englischen Palästina bis nun widerfahren ist. Ich erinnere da an den klugen Rabbi und den dummen Armen und die Ziege. Der Arme klagte Uber die Enge seiner elenden Wohnung. Der Rabbi befahl ihm, die Ziege aus dem Stall zu sich in die Wohnung zu nehmen. Da vergaß der Arme an alle anderen Sorgen, an Hunger, Enge und Krankheit und dachte nur an eines: „Wie werde ich die Ziege los?" Als ihm dann der Rabbi erlaubte., die Ziege wieder aus der Stube in den Stall zu stellen, war der Arme glücklich. Der Rabbi war sehr klug, der Arme aber — das Gegenteil davon. Was wird es ihm schon nützen, wenn er von der letzten „Gesera" befreit wird? Es bleiben ihm doch die Armut, Krankheit, seine unendlichen Leiden. Ein französischer Staatsmann sagte: „Die Welt marschiert nach der Wahrscheinlichkeit." Er wollte damit ausdrücken: Propheten gibt es nicht, niemand kann mit Sicherheit wissen, was morgen sein wird: aber der? jenige ist ein geschickter Mann, der die W a h r s c h c i nlichkeit berechnet und danach handelt. Er hat recht. Alle bitteren „Prophezeiungen" der revisionistischen Kritik sind nicht darum in Erfüllung gegangen, weil die Revisionisten ein „Gefühl" dafür haben, sondern einfach darum, weil sie sich auf kalte Berechnung stützten und sich nicht auf Wunder verlassen wollten, auf den kindischen Glauben, daß uns Gott ein liebevoller Vater sein wird, daß Bedingungen, die bisher immer zu Katastrophen führten, in unserem Fall nicht zu einer Katastrophe führen werden. Mich auf „Wahrscheinlichkeit" gestützt, will ich diesmal eine „angenehme" Prophezeiung aussprechen: Es steht fest, nicht der mindeste Zweifel, daß man uns die Zertifikate zurückgeben wird. Wahrscheinlich bald. Wohl nicht alle dreitausend auf einmal, wahrscheinlich wird man einen Teil zurückgeben und verstehen lassen, daß die Regierung geneigt ist, in der nächsten Zukunft auch sehung seiner großen Verdienste zum Bürger von Neapel ernannt. Aber auch Gewerbefleiß war unter den Juden heimisch: Bäcker, Färber (die Seidenfärberei, diese alte orientalische Kunstfertigkeit, führten sie in Süditalien ein), Gerber, Metzger, Schuhmacher, Schneider, Sticker, Gold- und Silberschmiede, ja sogar Landwirte finden wir unter ihnen. Große Bedeutung hatten ihre Bank- und Warengeschäfte. Sie betrieben Handel mit Drogen, Eisen, Seidenstoffen, Korallen, Kämmen, Wein, Oel, Segeltuch, Stoffen, Seife, Fellen, Getreide, Salz, Käse und Wachs. Aber auch das jüdische Wissen war bei ihnen gut aufgehoben. Bezeichnend für das pulsierende jüdische Leben in Süditalien ist der Umstand, daß das erste hebräische Buch, der so beliebte und volkstümliche Raschi-Kommentar zum Pentateuch, 1475, als neunzehn Jahre nach dem Erscheinen der Gutenberg- Bibel, inReggiodiCalabriagedrucktwurde. Zwölf Jahre später entstand in Neapel, von einem deutschen Juden, Josef Gunzenhauser, gegründet, eine h e b r ä i s c h e O f f i z i n, die in fünf Jahren (1487--1492) achtzehn Werke in Druck legte, durchwegs wundervolle Ausgaben; auch heute noch eine Augenweide ftir Bibliophile. In dieser Druckerei wurden auch lateinische, griechische und arabische Bücher hergestellt. In den letzten Jahren betätigte sich in Neapel auch ein Mitglied der berühmten Buchdruckerfamilie S o n c i n o. Mit der Regierung des edlen Königs Ferdinand I, schließt die Geschichte der Juden im Neapolitanischen. Der Wellengang nahm seinen weiteren Lauf, Süditalien kam 1503 unter spanische Herrschaft und damit war es um die Juden geschehen. Nach sieben Jahren werden sie samt und sonders des Landes ver- IV. (Siehe Nr. 148 hk 150.) Der I. Zionistenkongreß steht vor der Tür. War, wie erwähnt, der erste Brief Herzls an Dr. Kaminka vom 13. März 1897 in ungemein freundschaftlichem Tone gehalten, so muß der in gewissem Sinne gereizte Ton des zweiten Schreibens vom 15. März 189? auffallen. Es ist nicht schwer, sich ungefähr ein Bild vom Inhalt der Kaminka- Antwort zu machen. Kaminka muß Herzl gewisse Vorstellungen gemacht haben, die seine zum Teil scheinbar'nützlichen; und von Herzl erwägenswert gefundenen Vorschläge abzuschwächen geeignet waren. Immerhin muß der Brief Kaminkas zuviel Kühles, Skeptisches, ja Ironisches enthalten haben, wTorauf Herzl mit „Kritik ist gut, zuviel Kritik zerstört die Keime" reagiert hat. Im Zusammenhang damit lassen sich Schlüsse ziehen auf die in unserem faksimilierten Dokument fehlenden Zeilen und man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß Herzl liier einen spöttischen Angriff Kaminkas pariert. Dieser Angriff Kaminkas dürfte wohl auf die damals noch nicht allzu große Anhängerschaft Herzls gezielt haben, darauf, daß sich zunächst nur eine Schar jugendlicher Akademiker um Herzl gesammelt hätte. Diese Betrachtungsweise, ein bißchen von oben herab, war damals nicht selten und ließ Herzl sogar an jenen zweifeln, die sich ihm gegebenenfalls zur Verfügung stellen wollten. Wie dem auch sei, die fehlenden Zeilen müssen ohne Zweifel wiesen. Und da wiederholt sich das in vielen Ländern — unter anderem auch in Wien nach der Vertreibung der Juden 1670 — erlebte Schauspiel. Kaum der jüdischen Konkurrenz enthoben, treiben es die christlichen Geldverleiher so arg, daß sie Zinsen biß 240 Prozent erheben. Da geht dem gepeinigten Volk die Geduld aus, es ruft nach den Juden und forciert dringend ihre Rttckberufung. Diese erfolgt auch, gleichzeitig setzt aber auch von neuem das Kesseltreiben gegen sie ein. Endlich siegen die Feinde und die Juden müssen 1541 endgültig das Feld räumen und der Heimat, in, der ihre Ahnen über anderthalb Jahrtausende gelebt haben, entsagen. Zur Zeit der Vertreibung der Juden aus Süditalien, betrug ihre Zahl hunder tfünfzigt a ttse n d Seelen, die in hunder tzweiundsechzig Orten ansässig waren. Diese Seelenzahl ist überaus groß, wenn man bedenkt, daß heute die Zahl der Juden in ganz Italien fünfzigtausend kaum überschreitet und daß die Zahl der Juden, die 1492 Spanien verließen, sich auf sechshunderttausend belief. . Erst zweihundert Jahre später, 1738, erlaubte Karl VIII. einigen jüdischen Kaufleuten die Rückkehr in das wirtschaftlich ganz zerrüttete Königreich Neapel, zog ab>r diese Vergünstigung bald wieder zurück. Die Auswanderung einer großen Gruppe geistig und wirtschaftlich starker Elemente vermochte das Land auf die Dauer nicht zu ertragen und beschleunigte seinen Verfall. Die Ortschaften, in denen einst jüdische Gemeinschaften blühten, wo jüdisches Wissen heimisch war, wo das erste hebräische Buch gedruckt wurde, sie b e h e rbe rgen heute keine Juden mehr. Nur Neapel macht eine Ausnahme. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts siedelte;« sich wieder einige Juden in Neapel an, darunter den für Herzl so charakteristischen stolzen Abwehrton tragen, der sich ja in analogen Fällen belegen ließ. Der Schlußpassus des Herzl-Briefes zeigt die seelische Verfassung Herzls, der sich durchaus bewußt war, vor einer Bewegung zu stehen, die schon in ihren Anfängen manche Niederlagen einstecken, manche Schläge abwehren, das Uebelwollen gewisser Elemente zunichte machen mußte. Herzls Antwortschreiben übte seine Wirkung. Kaminka antwortet, er sei bereit, zu einer Aussprache nach Wien zu kommen. Die Zusammenkunft fand aber nicht unmittelbar nach diesem Briefwechsel statt. Zwischen Herzl und Kaminka muß noch ein Briefaustausch vor sich gegangen sein. Innerhalb dieser Wochen allerdings haben da und dort hinter den Kulissen oder vor Auditorien Kontroversen stattgefunden, die von selten der Gegner Herzls sich nicht immer diplomatisch abwickelten. Denn die Eintragungen Herzls in seine j,Tagebücher" vom 12. April 1897 sind stark affektbetont. Sie lauten: „Eine Stunde,' nachdem ich dies hier eingetragen, kam ein Brief von K . . ., der mich ,zu meiner Initiative beglückwünscht'. Also nachdem er es durch Schmähungen nicht zu vereiteln vermochte, gratuliert er dazu. Ein Typus! Er bittet sogar um ein Referat über hebräische Sprache, denn er will unbedingt zum Kongreß kommen." mmBBmnimmjiunnn^ Baron Carl Meyer Rothschild, einer der „fünf Frankfurter". Um dieselbe Zeit weilte auch Moritz Oppenheim, der bekunnte Maler der jüdischen Gasse, in Neapel. Er wollte nach seiner kürzlich verstorbenen Mutter Kaddisch sagen. „Es war aber nicht leicht", schreibt er in seinen Erinnerungen, „die dazu nötige Anzahl von zehn Juden aufzutreiben, da es zu jener Zeit den Kindern Israels noch nicht gestattet war, dort Wohnung aufzuschlagen; nur zugunsten weniger wurde dieses Verbot übersehen." Einige Jahre später, 1830, wurde nun auch offiziell die Niederlassung der Juden erlaubt, sie kamen aber nur sehr spärlich. Erst im 20. Jahrhundert wanderten Juden in verhältnismäßig größerer Zahl aus Saloniki ein, wo das jüdische Element von den Griechen immer mehr verdrängt wird; überdies zogen auch aus den anderen italienischen Gebieten Juden zu, so daß jetzt die Judenheit in Neapel, bei einer Gesamtbevölkerung von 780.000 Köpfen, an tausend Seelen zählt. Das Land ringsumher ist auch weiterhin judenrein geblieben, wozu freilich auch der Umstand beiträgt, daß die einst großen Städte im Neapolitanischen heute ihre Bedeutung vollständig eingebüßt haben. * J.n der jüdischen Geschichte lückbhitternd, drangt sich einem die Frage auf, ob das Judentum nicht eine ganz a n d e r e Entwicklung genommen hätte, wenn die geistig, wirtschaftlich und zahlenmäßig starke jüdisch0 Siedlung, diese Wiege der jüdischen Gelehrsamkeit in Europa und Asyl für die Juden aller Länder im 1 a c h e nden Süditalien, diesem uralten Kulturlande, erhalten geblieben wäre? Ob das Judentum nicht andere Wege eingeschlagen hätte, als es später kam — unter dem Eiutluß polnischer und russischer Barbarei?

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