Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 151 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. I5i Immer dos Beste zum billigten Preise . bietet Ihnen das bekannte MUSIKHAUS EXCEISIOR INHAB1R RICHARD HfRZOO WIEN I« ADLERG4SSE Mr. S Telephon Nr. assas" spmiwNM DAIIIA. und Hundfttnkg«r>t« mfl dl- IIIIIIIVM rejkttm NttsaiMcMuft, «tag* baut«r Antenne «tc towto grftBtes Laejftr Ä,-.„ SCHALLPLATTEN lnsb«*ontf«r« jtid. und h«br. Aufnafimsn Balacaanu von der Regierung vollen Ersatz erhalten, daß ferner vorher alle Schuldigen bestraft und die Ruhe sowie das Leben und Vermögen aller Bürget sicher« gestellt werden, daß weiters alle Terrororganisa* tipnen aufgelöst und in die Schranken gewiesen werden, und daß schließlich eine Kontrolle geschaffen werde, daß die Kredite allen Bürgern und nur diesen zugute kommen. Erst dann kann von Krediten die Rede sein. Die Balkan-Schlauheit darf nicht wieder einmal triumphieren, wie es bisher so oft der Fall gewesen ist. Europa muß hypervorsichtig werden, nachdem es Jahr* zehnte hindurch genasführt wurde. Ungenügender jüdischer Lehrernachwuchs in ... . RuMand. Moskau,, 1> 'August. (j. T. A.)„" Die, jiddische' kommunistische Presse in Rußland beklagt den Mangel an jüdischem Lelircrnachwuclis und stellt fest, daßnidit weniger als 930 Lehrer für die mit Beginn des kommenden Sdiuljahres neu zu eröffnenden, bezw. auszugestaltenden j i d'd ischen Hochschulen, tedinisdien und Berufsschulen in Weißrußland und in den Kreisen Kiew und Odessa fehlen. Audi bestellt ein Mangel an jüdischen Professoren aA den jiddisdien Abteilungen der Universitäten in Moskau, 'Kiew, Odessa und M.insk. Die Zeitungen teilen mit, daß die Studierenden an den -'jüdisdien höheren pädagogischen ' Lehranstalten, die in diesem Jahre-ihr viertes. Lehrjahr beendigen* sofort ihrem Lehrberuf,, zugeführt werden #ür4en; aüch,.würden die Absolventen des dritten Lehrjahres zum Lehrdienst herangezogen werden. Trotzdem wird. es noch an 386 Lehrern fehlen. Die jiddischen Zeitungen »appellieren an die jüdische Jugend, nicht, wie bisher, die pädagogischen Hochschulen zu meiden, sondern sich in den Dienst der Erziehung eines neuen-kommunistischen Gosdiledites *u stellen. i 3 imrnr flfflflifflWJ Gediegenen englischen und. . . , . "; hebräischen Unterricht erteilt Akademiker s Zuschriften unter „Akademiker" an die I Redaktion dieses Blattest |II""IIIM""""1'm.ü,fmiMniliMntNmiiin,nl,n,,n..lll,mBi^l,nl,m,,,rmi.a.mIUml.l,,,nn.l,l,lt,1M|l,li,U Von deutschen Gerichten, Ei gibt auch anständige Siebter. — Gegen den Juden* boykoH. Eine der mächtigsten Stützen des roten Haken* kreuz-Antisemitismus ist das deutsche Gericht. Freisprüche oder lächerlich geringe Strafen für antisemitische Verbrechen, bis zum Mord, ermutigen die Hakenkreuzler zu immer heftigeren Vorstößen gegen Ehre und Sicherheit der Juden in Deutschland. Umso erfreulicher wirkte ein Urteil das von allen anderen absticht Es handelte sich um die Entscheidung der Frage, ob es erlaubt ist, einen Kaufmann um seines Judentums willen zu schädigen. Das Landesgericht Hildesheim hat durch einstweilige Verfügung einem antisemitischen Kaufmann bei Strafe untersagt, über die jüdische Antragstellerin in ihrem Kundenkreise abfällige Aeußerungen, wie die, ob der Kunde denn gar kein Nationalgefühl besäße, wenn er bei der Antragstellern kaufe, oder ähnlichen Inhalts zu machen. Die Gründe der Entscheidung lauten: „Die Antragstellerin» deren Inhaberin jüdischen Glaubens ist, hat geltend gemacht« daßmder Antraggegner einem ihrer Kunden, dem Malermeister X., vor kurzer Zeit Vorhaltungen darüber gemacht habe, daß er seinen Bedarf bei der Antragstellerin decke. Er habe ihm dies mit dem Vorwurf vorgehalten, ob er denn alwolut kein Nationalgefühl habe. Danach reqhtfertigt sich gemäß dem Gesetz betreffend den unlauteren "Wettbewerb die beantragte einstweilige Verfügung. Der Antragsgegner hat die fragliche Aeußerung gegenüber einem Kunden der Antragstellerin gemacht. Er selbst betreibt in hiesiger Stadt ein Konkurrenzgeschäft Danach kann e$ nicht zweifelhaft sein, daß der Antragsgegtier die Aeußerung dem Kunden der Antragstellerin gegenüber n u r zu m Zwecke des Wettbewerbes gemacht hat nämlich Uim ihn'•für; sich als Kunden; zu gewinnen. Zum Zwecke des Wettbewerbes in dieser Weise die Zugehörigkeit des Konkurrenten zum jüdischen Glauben auszunutzen, verstößt aber gegen das Anstandsgefühl aller gerecht und billig Denkenden im geschäftlichen Verkehr, mag der Antragsgegner auch sonst zu der Rassenf rage stehen wie er will; dies umsomehr, als der Antragsgegner sogar das Nationalgcfühl in den Dienst seiner unlauteren Zwecke stellte." Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Es wäre törichter Optimismus, anzunehmen, daß nunmehr den antisemitischen Kaufleuten und Leitungen in Deutschland die Hetze gegen jüdische^Kauflcute unmöglich gemacht sei; Hildesheim: ist eine kleine Stadt;und es ist nicht anzunehmen, djdß die. Anschauung seines; anständigen Richters .R-echtsgut des. großen..Deutschlands werden wird. Der Anbruch des großen Gerichtstages über Hakenkreuzler ist noch nicht da. Aber jedenfalls verdient dieses, leider Außergewöhnliche aUrteil festgehalten zu werden.; Die Siemens-Werke — ein Hort des Antisemitismus. Berlin, 3. August. Das Elend des Beamtenabbaues in der deutschen Elektroindustrie trifft vor -allem die jüdischen Beamte». Sie werden als erste entlassen. Graf Ernst zu Reventlow; äußert sich in der von der Reichstagsfraktion der Hitler-Partei . herausgegebenen „Nationalsozialistischen Pressekorrespoudenz" .gegen die Ahbaumaßnahm.en der Siemens-Betriebe und spricht in diesem Zusammenhang" von dem „D e m o k r d t c n Karl Friedrich von Siemens'". Dazu? bemerkt die »Voss. Ztg.": „Karl Friedrich von /Siemens ist nach 4er *RcVolu- VORANZEIGE Gottesdienst Im Herzl- und Chajes-Saale des Verbandsheimes findet anläßlich der hohen Feiertage ein GOTTESDIENST statt. Auskünfte u. Vormerkungen auf Betsitze ab 11. August 1930 im Verbandsheim, II, Untere Augärienstraße 38, jeden Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag von 9 bfs Y23 Uhr und abends von 8 bis 0 Uhr Tel, A-45-6-34 tion der D e m o k r a t i s c h e n Partei beigetreten. Es hat sich aber bald gezeigt, daß dieser Sohn eines1 großen und freiheitlichen Vaters kein Verständnis für die Aufgaben einer Partei besaß, die sich bemühte, Brücken der Verständigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu schlagen. Sein vor sechs Jahren erfolgter Austritt öais der Partei war nur die äußere Bestätigung eines längsi vollzogenen Brudies. In den Siemens-Werken werden, wie von den verschiedensten Seiten behauptet wird, die rechtsradikal,en Kreise geflissentlich gefördert Insbesondere werden die Parteigenossen des Grafen Reventlow bei Einstellungen und Beförderungen bevorzugt Die kommunistische Presse behauptet sogar, daß das: Mitgliedsbuch der Hitler-Partei sozusagen obligatorisch sei, wenn man eine Anstellung finden wolle. Von anderer Seite wird berichtet, daß im Machtbereich der Siemens-Werke Bücher und Zeitungen fortschrittlichen Gepräges ausgeschlossen seien." jüdische Turner aus Palästina retten Verunglückte am Rhein. Berlin, 3. August. Wie. uns mitgeteilt wird, .ist die Rettung, bezw.'B.er g.u,ng der .bei dem Autobusunglück an. der 11 m.-J5 r.ii ck e- Verunglücktetn. Mitgliedern ßev palästinensischen .... Makkabi-ßrganisatioh , zu verdanken, die auf ihrer Rückfahrt, von Antwerpen, auf Motorrädern zwischen Weimar und,Erfurt Zeugen des in der Presse geschilderten Unglücksfalles wurden. Vor den Augen der vier an der Spitze fahrenden Makkabim stürzte beim Ueberfahren der Brücke über die Ihn ein mit 40 Personen besetzter Autobus in den Fluß. Die zahlreichen Zusdiauer des Unglücks verharrten untätig, weil der langsam sinkende Autobus keine Aussichten für Rettungsmöglichkeiten bot. Ohne sich der Kleider zu entledigen, sprangen die vier Makkabi-Angehörigen ins Wasser und. befreiten durch Einschlagen der Scheiben die mit dem Tode kämpfenden Menschen. Es gelang ihnen, 36 Personen, darunter 5 Schwerv e riet z t e; z u b « r g e n. Zwei konnten von fhnen nur als Lei dien ans Ufer geschafft werden. Zwei wurden von: den Fluten abgetrieben und konnjep nicht mehr geborgen werden. . '. aus Jerusalem. Ebenfalls nach Benevento wandert im 10. Jahrhundert Chananel ben Paltjel, der Großvater dee Chronisten A c h i m a a z aus O r i a, ein. Unzählige solcher Nachrichten beweisen, daß Juden aus alJen Ecken und Enden nach Süditalien strebten. f« dieser Zeit erhalten wir dag.erste Mal Kunde von einem eigenen Judenv i e r t e .1. „G i u d e c a" genannt, ein Name, der übrigens beute noch einer Insel in- Venedig anhaftet, die den Juden als erste Wohn- .sätte in der Lagunenstadt diente. Die Juden schlössen sich freiwillig zusammen, ohne äußeren Zwang. „Die gemeinsamen Sitten und Gebräuche", sagt ein jüdischer Historiker, „Synagoge und. Lehrhaus, Blutsverwandtschaft, und Volkstum sowie die genieinsame Gefahr führen sie zusammen." Die Giudeca, die weder durch eine Mauer noch sonst.von der Außenwelt abgeschieden ist, hat mit dem Zwang6aufenthalt der Juden im späteren Ghetto nichts zu tun. Eng verbunden mit ihrer Umwelt, sprachen die Juden das in Süditalien um diese Zeit übliche frühitalienische Idiom und viele von ihnen oblagen der Pflege der damals verbreiteten Wissenschaften, als da sind: Medizin, Astrologie und Philosophie. Sie wirkten auch an der Gründung der ältesten Hochschule der Christenheit, der Universität zu Salerno, mit. an der viele lernbegierige Juden sechs . Jahrhunderte hindurch ihre Studien betrieben. Die Juden, die Treuhänder der Wissenschaften der Antike waren und mit der arabischen Kulturwelt in Spanien in stündigen .Beziehungen standen, nahmen , auch sonst Einfluß auf, diese hohe Schule. Mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends beginnt. wider ein neuer Wellengang des jüdischen Geschicken. Uiiter der Herrschaft der Normannen und. der' Hohenstaufen erfreuen sich die Juden einer verhältnismäßig günstigen Behandlung, die natürlich auch ihrer wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung zustatten kommt. Friedrich ßnrbar'ossa, der große Göuner der Künste und Wissenschaften, zieht auch jüdische Gelehrte an seinen Hof in Neapel. Unter ihnen ragt Jakob Anatoli hervor, der durch zahlreiche Uebersetzungen wissenschaftlicher Werke das geistige Rüstzeug des Abendlandes bereichert Auch die Könige aus-dem Hause Anjou sind jüdischen Gelehrten zugetan. So begönnert König Robert (O09—1343), der übrigens auch Hebräisch gelernt haben soll, den Polyhistor Jehuda Romanö, den Vetterdes göttlichen Dichters Immanuele, und den geistreichen Ka 1 onymos ben Kalonymos. Der letztere verfaßte das mitunter satirisch gefärbte Sittenbuch „Ewen bochan" (Prüfstein). Wir sind aber auch schon mitten drin , in der geistigen Atmosphäre der Renaissance, die auf die Juden nidit ohne Einfluß blieb. Nadi Burckhardts Zeug-. nis ist Italien um diese Zeit eine „Laste rschule", alles wird verlacht und verspottet, selbst auf die „Göttliche Komödie" erscheint eine Parodie. Und so geht unser Kalonymos Bin und schreibt einen ulkigen Talmudtraktat über Purim, in dem er, unter Anlehnung, au den Fessacli.Traktat, in witziger Weise die Hinwegräumung jeglichen Wassers auf das eingehendste bespricht Diese Parodie legt Zeugensdiaft ab von der f reien A uf f ass ung der süditalienischen Judenheit Nun ziehen sich aber wieder Wolken; zusanunen.. Während unter dem Regime der Hohenstaufen d,ic*, strengen, : gegen die Juden geriditeten kanonischen, Gesetze kaum beachtet gesdiweige denn angewandt, werejeu, ändert'sich von'Grund'auf das Verhalten der «Obrigkeit den Juden.gegenüber .im Zeitalter .der meisten Könige aus i dem Hause" Anjöu. Verfolgungen, Unter- . drückungen, Konfiskation hebräischer Bücher und Zwangstaufen sind »für diese Epodie bezeichnend. Dann 'winkt noch einmal das Glück: dem toleranten und den Juden wohlwollenden Hause von Aragonlen fällt 1442 der Thron von Neapel zu. v Alfons!, andsein Nachfolger Ferdinand I. nehmen sich Weitherzig der Juden an, ja sie. empfangen mit offenen Armen die aus änderen Ländern vertriebenen und nun heimatlos' umherirrenden Juderi. Aus Deutschland, der Provence, Afrika, der iberischen Halbinsel und aus verschiedenen italienischen Provinzen langen Flüchtlinge e:'.n und finden eine neue Heimat. So wird das Neapolitanische zum d r i 11 e n M ä 1 e ein Asyl für bedrängte Juden. Die Einwanderung nimmt'derart überhand, daßin der -aweiten Hälfte des i5. Jahrhunderts die jüdische Bevölkerung Süditaliens nur zu einem Dritteil aus „Bodenständige n" besteht Unter den Flüchtlingen befinden sich viele Juden von Rang und Ansehen, Reichtum und Gelehrsamkeit So empfängt Ferdinand I. mit grpßeu Ehren den greisen Staatsmann und Gelehrten Don Isaak Abar bau eil, bei dem er 6ich nun des öftern Rat erholt. Es liegt auf der Hand, daß unter der Herrschaft des aragonischen Hauses Handel und Wandel bei den Juden blühen und auch die Wissenschaft viele Jünger in ihrem Kreise findet Sehr interessant ist die soziale Gliederung der Juden dieser Zeit, über die wir gepaue Daten haben. Freie Berufe übten u.ntajr ihuen — außer Rabbinen und l^eluern .— Aerzte, A s tjro 1 o ge n, Philoso:ph<e n und Apotheker aus. Namentlich die Aerzte erfreuten sich;eioßen Ansehens.. So wurde David Caloniino« ..arhuiu et mediciuae doctor vegiue physicus" U97 iu An«