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Die neue Welt · 1930-08-08 · Heft 151 (8.8.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 151 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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' Nr. 151 DIE NEUE WELT Seite 3 ALIGEMEINE RENTENANSTALT Hervorgegangen aus der im Jahre 1824 gegründeten Allgemeinen Versorgungsansfalt WIEN, I., GRABEN 20 RENTEN - SPAREINLAGEN (Naglergasse 1;, Tel. U-21-510 Serie , (Altersrente, Witwenpension. Kinderfürsorge usw.) Prospekte u. Auskünfte bereitwilligst u kostenlos ZWIKIANSTALT: Oral, Jakominlplats 23 ...........——-__——————— Bukowina. In Kim polung wurden die Scheiben der jüdischen Häuser eingeschlagen; der Polizcipräfekt Dr. Kobilanski, ein Deutscher, wurde verprügelt. Den Herren Studenten geschah nichts. Nur Dr. K o« bilanski wurde abgesetzt. In Warna wurde schon geplündert. In noch größerem Umfange am 10. Juli 1. J. in Suczawa. Das Merk« würdige ist dabei, daß hier die angesagten Revo« lutionen wirklich stattfinden. So hatte die antisemitische Liga für den 10. Juli ihr Manöver in Suczawa zwei Wochen vorher öffentlich angekündigt. Die Behörden wurden gewarnt. Die jüdischen Vertreter haben beim Generalsekretär der Region Czernowitz, Avel Crudu, vorgesprochen und besonderen Schutz verlangt. Alles vergeblich. Die Plünderungen haben am fest* gesetzten Tage wirklich stattgefunden. Nachher wie immer kam das Militär. Noch tragischer war die Sache in Balaceana, einem Dorfe bei Suczawa. Hier war die „Revolution" für den 12. Juli 1. J., also für zwei Tage später, angesagt. Jeder wußte davon. Qie jüdischen Parlamentarier machten die größten An* strengungen, um bei den Czernowitzer Regierungs* behörden die Entsendung einer Militärabteilung zu er* wirken. — Herr Crudu befolgte die Aufträge seiner Bukarester Vorgesetzten und blieb kalt, allen Bitten gegenüber. Er blieb bei seiner ablehnenden Haltung, auch als der Bezirkspräfckt von Suczawa militärischen Schutz von ihm verlangte. Und so kam es, wie es „ange* sagt" wurde. Freitag, den 12. Juli, um 10 Uhr abend», überfielen 200 Bauern, unter Führung der Studenten Stoler und Blortzu, die 29 jüdischen Familien von Balaceana und zerstörten in vandalischer Weise 29 Wirtschaften. Die Einwohner flüchteten in die Felder, nachdem viele von ihnen grausam mißhandelt und schwer verletzt wur* den. Dann wurden alle Hauseinrichtungen, alle Waren u. 8. f. vollständig zerstört. Das Losungswort der führen* den Studenten, nicht zu rauben, sondern alles zu vernichten, wurde genau befolgt. Das Bild dieser grausigen Zerstörung kann man sich nicht vorstellen. Offiziere, die am nächsten Tage hinge» kommen sind, konnten sich der Tränen nicht er* wehren. Und die Regierung? Um halb 11 Uhr wurde ihr der Beginn des Pogroms gemeldet. Eine Viertelstunde später war die entsprechende Militärabteilung in Su* czawa zur Abfahrt bereit. Herr Crudu stand am Telephon in Czernowitz und traf immer wieder neue Anordnungen über die Art des Transportes, über die Mitnahme von; Staatsanwälten u. s. f., bis es 3 Uhr morgens wurde, der 1 Pogrom zu Ende war und das Militär zu spät kommen mußte. Dabei ist Balaceana 14 km von Suczawa entfernt, wäre mit den bereitgestellten Automobilen also in etwa 20 Minuten zu erreichen gewesen. Das „System" wollte es aber anders. * Pogrom! Die rumänischen Regierungen haben sich immer gegen dieses Wort verwahrt. Das Ausland durfte nur von harmlosen „Ausschreitungen" wissen. Was aber jetzt geschehen, ist, ist ein Pogrom nach echt russischer Manier. In Rußland gab es aber Stu* denten und Intellektuelle, die in die jüdischen Viertel kamen — um die Juden gegen die Huligans zu verteidigen. In Rumänien dagegen rührt sich keine Hand, hört man keine Stimme, gegen den Huliganismus. Die Juden im italienischen Erdbebengebiet* Von Ludwig Bato (Wien). Nach dem furchtbaren Erdbeben, das vor wenigen Tagen in S ü d i t a 1 i e u blühende Städte und Dörfer in Trümmerhaufen verwandelt hat, wendet eich aufrichtige Teilnahme der Menschheit der schwergeprüften Gebiete zu. Aber neben dem menschlichen Mitgefühl erwacht auch das jüdische Interesse an den heimgesuchten Gegenden; gehören sie doch zu deu ältesten jüdischen Siedlungsgebieten Europas, die — mit Ausnahme von Neapel — heute wohl keine Juden mehr beherbergen, aber einst, bis zum Anfang des Mittelalters, eine bedeutsame Rolle in der jüdischen Geschichte spielten. Die erste Epoche der jüdischen Einwanderung nach Europa ist eigentlich noch in Dunkel gehüllt. Es erscheint jedoch mehr als wahrscheinlich, daß in Süditalien, diesem Palästina benachbarten Lande, gleichzeitig mit der jüdischen Kolonie in Rom, also um das Jahr 140 v. Chr., die erste jüdische Siedlung entstanden sei. Juden, die als freie Bürger hier Handel betrieben, die als Soldaten dienten oder als Kriegsgefangene an die Gestade des Tyrrheuischen Meeres gespült wurden, legten den ersten Grundstein zu diesen Gemeinschaften, die später berufen waren, die ersten Ansätze zu dem nach Europa verlegten Schwerpunkt d e 8 Judentums zu bilden. Die neuen Siedlungen» namentlich in Neapel, dem Haupthafen für den Handel mit dem Orient, und in dem um« liegenden Gebiete, das der Schauplatz des jüngsten Erdbebens war, haben bald großen Zuzug aus dem J o r g a, der wie ein Apostel verehrte Rektor der Bukarester Universität, hält in Paris und New York Vor* träge und trieft von Humanität und Kultur. Im Lande aber rafft er sich höchstens zu einem Proteste auf, — wenn man seine geliebten Studenten verhaftet. Keine Stimme eines Menschen ist zu hören. Kein Stern leuchtet in der Nacht der rumäni» sehen Finsternis. Kc i ri W o r t f i n d e t sich zur Beruhigung der Panik von Millionen von Menschen. Im Gegenteil. Kommissionen werden delegiert, um festzustellen, daß„ jüdischer Wucher „provoziert" habe. Der Generalsekretär des Innenministeriums, Viktor Cadere, fährt mit antisemitischen Studenten in die Dörfer, um jüdischen Wucher festzustellen. Sie hören von den Bauern wohl andere Antwort. Der jüdische Dorfbewohner lebt, wie sie selbst, von der Hände Arbeit, als Landarbeiter, Handwerker, höchstens noch als armer Greisler. Sic haben ganz andere Forde* rungen. Die Bauerndeputationen haben sie kurz zu« sammengefaßt: Herabsetzung der Steuern, Herabsetzung des Darlehenszinsfußes und Aufschiebung der Exeku* tionen. Die die Bauern bis zum Weißbluten ausbeutenden Banken sind ausschließlich reinrumänische Institu* tionen, allen voran die liberale Banca Romaneasca und die von ihr finanzierten lokalen Banken. Gegen diese wendet sich die Wut der Bauern. Von Juden haben sie nichts geredet. Erst die kuzistischen Banden haben es verstanden, die Plünderungs* und Zer* störungsinstinkte gegen die Juden, nach der Richtung des geringsten Widerstandes, hinzulenken. * Der Regierung kommt dieses Ablenkungsmanöver gut gelegen. Sie hat den schwer enttäuschten Bauern« massen die größtmöglichen Versprechungen gemacht und hat nichts gehalten. Um so weniger ist sie in der Lage, angesichts. der Weltwirtschaftskrise großzügige Politik zu machen, billigen Kredit zu schaffen und die mit Exekutionen verfolgten Bauernwirtschaften vor der Verelendung zu bewahren. Da ist es ihr recht, im Juden den Sündenbock zu finden und .den Bauern, wenn schon nicht panem, so doch „circenses" zu bieten. Das Aus* land erwartet aber ein Einschreiten. Da verkündet man so und so viele Verhaftungen. Verschweigt aber, daß auch die Justiz den „Geist der Zeit" ver* steht und die Verhafteten bald losläßt oder die An* geklagten freispricht. Von den etwa 300 im Süden der Bukowina Verhafteten blieben nach paar Tagen nur etwa 50 Angeklagte, von denen der größte Teil nach paar Tagen freigesprochen wurde, während einige wenige je Eine billige Delikatesse .BERNA'xäse Orient, ja sogar aus Alexandrien, dieser Metropole der jüdischen Diaspora im Orient, erhalten. Wellengangartig gestaltet sich in der Folge das Geschick der Juden Italiens. Auf das freie Regime des heidnischen Rom setzt mit der Einführung der christlichen Staatsreligion der erste Auftakt zu Verfolgungen der Juden und Beschränkungen ihrer Rechte ein. Unter der milden Herrschaft der „k e t z er i s c h e n" O s t g o t e n ist ihnen eine Atempause vergönnt. Aber ach, gar bald bekommen sie die schwere Hand der fanatischen Byzantiner zu spüren. Trotz der wechselvollen äußeren Lage entwickeln sich aber die jüdischen Gemeinden, und die jüdische Geistigkeit findet hier ihre erste Pflegestätte in Europa. Bereits im Jahre 846 finden wir eine berühmte und vielbesuchte Talmudschule des Rabbi Na tan ben Efrajim in dem vom Erdbeben zerstörten Venosa, das uns in zeitgenössischen Quellen überhaupt als eine Stadt jüdischer Gelehrsamkeit geschildert wird. Hier wirH im selben Jahrhundert ein Rabbi Silan, ein hebräischer Dichter und genauer Kenner des Uberlieferten Schrifttums, und hier tritt auch ein Schriftgelehrter aus Palästina auf, der in der Synagoge in' hebräischer Sprache einige Midraschini auslegt. Auf welchem Wege talmudische Gelehrsamkeit zu diesen Juden griechischer und römischer Kultur kam, wissen wir nicht mit Bestimmtheit; sie ist ihnen wahrscheinlich durch babylonische Einwanderer vermittelt worden. Wie dem auch sei, diese „Herbergen der T h o r a" nahmen bald einen großen Aufschwung, und von hier aus verpflanzte sich nach Anschauung vieler Historiker das Talmudstudium nach Spanien, Frankreich und Deutschland. Um diese Zeit vollzieht sich in Süditalieu -~ und namentlich in dem Gebiete des letzten Erdbebens »■« 2 bis 3 Wochen Arrest bekamen. Wenn aber paar jugend* liehe Arbeiter Manifeste verteilen, läßt dieselbe Justiz Jahre Kerker regnen. Totu, der Mörder des jüdischen Studenten Dawid Falliks, und Danila, der Zerstörer Borschas, fahren auf Staatskosten durchs ganze Land und fordern offen zu Mord und Raub auf. Der Innenminister verkündet der Presse, daß er ihre Verhaftung angeordnet habe. Beide aber sitzen ruhig im Büro des Kabinettschefs desselben Innenministers und informieren die Zeitungen über ihre Pläne. Am selben Tage und zur gleichen Zeit. Paar Tage später schießen die Herren Studenten auf den Unterstaatssekretär des Innenministers Anghelescu. Der Täter wird verhaftet. Seine Komplizen, die ihn frei be* gleitet haben, werden sofort aus der Haft entlassen. Wohin kann das führen? Zu einer faschistischen Diktatur nach spezifisch rumänischem Format, das heißt zur Auflösung nach vorherigen schrecklichen Pogromen. Der gewesene langjährige österreichische Abgeordnete und rumänische Senator Georg G r i g o r o v i c i, ein guter Rumäne, hat in einem Vortrage offen die Ansicht vertreten, daß sein Vaterland nur dann gerettet werden könnte, wenn es für einige Jahrzehnte englische Kolonie würde. Es ist der Verzweiflungsschrei eines wahr« haften Patrioten, der keinen Ausweg aus dem Chaos sieht. Europa hat das Wortl Wie zur Zeit des Berliner Vertrages und des Friedens von St. Germain. Wenn es noch ein Weltgewissen gibt, muß es sich jetzt zeigen, mit höchster Verantwortlichkeit vor der Geschichte. Zur Rettung von Millionen Minderheiten in dem von Europa geschaffene i Grousrtumänien und auch zur Rettung des rumänischen Volkes selbst. Die europäische Konferenz mit der Tagesordnung „Rumänien" ist ein dringendes Gebot der Stunde. * Im Nachhange verzeichnen wir die Meldungen der Ita, daß Innenminister V a i d a nunmehr erklärt hat, die Regierung werde die schärfsten Maßnahmen ergreifen und auch das Militär zur Aufrechterhaltung der Ruhe heranziehen. Der Pferdefuß zeigt sich aber in der gleichen Enunziation des Innenministers, daß alles gut werden könnte, wenn die amerikanischen Juden Kredite ver« schaffen würdenl Also, für Geld und gute Worte sind beruhigende —- Erklärungen zu haben. Die Unterbrechung der Ver* handlungen wegen des Agrarkredites hat auch den Herren Ministern Furcht eingejagt. Das Ausland ist darauf gekommen, daß die Gewährung von Krediten im gegenwärtigen Zeitpunkte und an die gegenwärtige Re* gierung eine Finanzierung von Pogroms be* deuten würde. Man muß daher verlangen, daß vorher alle Beschädigten in Borscha, Vana, Suczawa und eine tiefgehende Wandlung, die für die geistige Entwicklung des Judentum in der Folgezeit von entscheidender Bedeutung ist: die Abkehr von der lateinischen und griechischen Schriftsprache und Rückkehr zum Hebräischen. Während in den jüdischen Katakomben in Rom fast alle jüdischen Grabsteine aus der Kaiserzeit mit lateinischen oder griechischen Inschriften versehen sind, zeigen die reichen Grabsteinfunde in Venosa — hier allein sind 46 jüdische Grabsteine entdeckt worden — und in Mater na, daß die süditalienischen Juden um die Wende des 8. Jahrhunderts sich auch der griechischen und lateinischen Sprache bedienten, dall aber die hebräische Sprache immer mehr in den Vordergrund rückt und schließlich Siegerin bleibt. Dies ist um so bedeutsamer, als die in anderen europäischen Ländern gefundenen ü'#jsten hebräischen Grabsteine erst aus dem 11. Jahrhundert stammen. Die süditalienischen Juden waren die ersten in der jüdischen Welt, schreibt der um die Erforschung der jüdischen Gebuchte in Italien hochverdiente Historiker F e r o r c 11 i, die dem Griechischen und Lateinischen Lebewohl sagten, um sich ihrer alten nationalen Sprache zu bedienen. De? geistige Aufschwung und die verhältnismäßig günstige politische Lage der Juden in Süditalien verfehlen auf die Juden anderer Länder durchaus nicht ihre Anziehungskraft, und so strömen — wie im Altertum — auch jetzt Juden aus aller Herren Ländern herbei. Im 9. Jahrhundert erscheint aus Bagdad der sagenumrankte Rabbi Ahron ben Samuel Hanasai, ein Meister der Mystik, in Benevento, wo er das „Geheimnis des Gebetee" lehrt, das nachher durch seine Schüler den „Frommen in Deutschland" vermittelt wird. In Benevento begegnet er. übrigens einem jungen Juden

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