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Die neue Welt · 1930-08-01 · Heft 150 (1.8.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 150 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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r Nr. 15Ö Die NEUE WELT Seite 3 yon Kulturfragen, durch Verschiebung der ausschließlich politischen Tendenz im Sinne einer Stellungnahme zu religiösen Dingen u. dgl. nicht zu Konflikten kommen zu lassen, wird über den Punkt f) in hohem Maß erstaunt sein. Herzl war es um eine möglichst geschlossene einheitliche Kongrcßkuudgebung des Weltjudentunis zu tun, so daß ihm in diesem Augenblick ein derartiges Zugeständnis zweckmäßig schien. Auf dieses Konto ist auch der höchst konziliante und freundschaftliche Ton seines Briefes zu setzen, von der ersten Zeile an, die das Wiedererscheinen Dr. Kaminkas begrüßt, bis zum letzten Passus, der Herzls aufrichtige Freude kundgibt. Auf diesen vom 13. März datierten Brief Herzls antwortet Dr. Kaminka umgehend. Herzl muß postwendend in den Besitz des Antwortschreibens gelangt sein, denn vor uns liegt seine vom 15. März 1897 datierte, also bereits zwei Tage uach dem ersten Brief geschriebene Erwiderung. Diese Erwiderung zeigt einen wesentlich anderen Charakter. Wir geben zunächst den faksimilierten Text wieder: Der Text des Briefes lautet: fr m 9?. ■^nmnt^ •■ AlCACTIOD, WIEN ftsloimtrlsg. Fitfitfgsj«» Hr. II. , ' •,.TT\. £,w» £&du>w*»?T^ <s J., .* %2 vve£ *£**tfc Iw * /WA* *t f»* r* ' 42t, ' a r/. . T^^o^iJ^ J^ äUM^a*m. n^Uj 4^f^& t^e$t^ d&f eleu ^JtyLyU *~>*y2yl**<- ttt^u* •xt •** k^°*»~£Z~¥39^*' ^U^jh. cttxUt teufr*^- v^irx IttÄ -F-^^F:i *U ' <? 0/ ft-Ca.r«U«. '*«' tA*~ fi*—, r\ fa+^L Neue Freie Presse Redaction: Wien, Kolowratring, Fichtegasse No. 11. 15. III. 97. Ew. Ehrwürden! Kritik ist gut, zu viel Kritik zerstört die Keime. Wenn Sie die Tagesordnung durch Ihre Anregungen bereichern wollen, so werden Sie mich gern bereit finden, auf das Nützliche einzugehen. München ist als Versammlungsort bestimmt. Dabei bleibt es. (Es folgen nun einige Zeilen, deren Veröffentlichung der Empfänger des Briefes Dr. A. Kaminka derzeit noch nicht gestattet. Sie sind auch im Faksimile weggelassen worden. Anm. d. Red.) Siegreich ist unsere Idee heute noch nicht. Wollen Sie einer der Vorbereiter des Sieges sein, an den ich aus tiefstem Herzen glaube, so kommen Sie. Mit den besten Grüßen Ihr ergebener Th. Herzl: Theodor Herzls Studentenzeit* Wir erhalten folgende Zuschrift: Zu den in Ihrem Blatte abgedruckten „Er« inncrungen He r m a n n Bahrs an Theodor Herzl" Studentenzeit erlaube ich mir zu bemerken, daß in den „Erinnerungen" Hermann Bahrs eine historische Ungcnauigkeit enthalten ist# die wohl dadurch zu erklären ist, daß die deutsche Burschenschaft „Albia", deren Mit* glieder Bahr und Herzl waren, nach außen hin sich den Schein geben wollte, als habe sie tatsächlich Herzl ents lassen. In Wirklichkeit verhielt sich die Sache anders. Das bezügliche Material befindet sich in Leon K e 11 n e rs Herzl*Buch. Ein Brief Herzls aus jener Zeit sei hier wiedergegeben. f' „Löbliche B. C. der W. A. B. Albia." — Aus den Tagesblättern habe ich mit großem Bedauern entnommen, daß der „RichardAVagner^Kommers", unter dessen Ver* anstaltern auch die Couleur sich befand, der als inaktives Mitglied anzugehören ich die Ehre habe, daß ,dieser Kommers sich in seinem Verlaufe zu einer a n t i* semitischen Demonstration gestaltete. Es fällt mir nicht ein, hier gegen diese rückschrittliche Mode des Tages zu polemisieren, ich will nur beläufig erwähnen, daß ich vom Standpunkte der Freiheitsliebe selbst als Nichtjude diese Bewegung verurteilen müßte, der sich allem Anschein nach auch meine Burschenschaft an» geschlossen hat. Allem Anscheine nach, denn wenn man gegen Vorgänge solcher Art nicht vernehmlich protestiert, so haftet man solidarisch mit. Qui tacet, consentire videtur! Ich habe in den Zeitungen, die das Faktum brachten, seitens der W. A. B. A. keine wie immer geartete Erklärung gefunden, die die Teilhaberschaft entrüstet zurückwiese, leider glaube ich nicht, daß dies infolge meines vorliegenden Schreibens geschehen werde." „Es ist ziemlich einleuchtend, daß ich, „behaftet mit dem Hindernis des Semitismus" (zur Zeit meines ff 'äKPttefar Wirkend W - . * » (Rheumatischen „ »ÄSUI Gichtischen L\W° oAftjfiitUKl nervösen Schmerzen, Kopfschmerzen, ^j^rZrimiErkältungskrankheiten. Scheidet die Harn« ^JßraS$E«ails*ure aus' Ober 6000 Arzte*Gutachtent 1 ^^^^sa^M Absolut unschädlich. Fragen Sie Ihren Arzt. Einspuriges' war das Wort-hoch ufiWkahrlt), heute nicht um Aufnahme in die B. A, ansuchen würde, die hnir höchstwahrscheinlich aus dem angegebenen Grunde auch verweigert würde — und daß. ich dort nicht bleiben will, wo ich dies voraussetze, das ist jedem anständigen Menschen klar." „Wäre ich „alter Herr", so müßte ich heute frei? willig auf meine Rechte verzichten — als inaktiver Bursch komme ich um Auflösung meines Verhält« nisses zur Couleur ein. Da gegen meine Person, So viel ich glaube, nichts Unhonoriges vorliegt, rechne ich auf honorige Entlassung. Achtungsvoll ergeben cand. jur. Theodor Herzl. . Als Bursch Tancred," Dieser Brief trägt das Datum 7. März 1883. Der Couleur paßte der „Ton der Respektlosigkeit" Herzls nicht, der es wagte aus „Zeitungen Nachrichten" über die Burschenschaft zu schöpfen und erteilte Herzl eine schnodderige Antwort. Die Albia wollte sich, wie es: scheint, nicht gefallen lassen, daß ein jüdischer Bursch' es unter seiner Würde gefunden hat, als Mitglied der Burschenschaft zu gelten. Das Verhalten des 23jährigen! [ Herzl beweist zur Genüge seinen Stolz und seine Vor*' nehmheit. Dr. I, Nussenblatfci f Pogrombewegung m Rumänien. Ein Professor ermordet einen Juden« Kischenew, 28. Juli. Aus Orhciu kommen nähere Meldungen über die Art und Weise, in der der anti* semitische Professor M a c e d o n einen Juden namens Landau ermordet hat. Der pensionierte Professor Petre Macedon, der Mörder, ist ein in ganz Orheiu b e« kannt.er Antisemit. Freitag vormittags befand er sich in einer Schenke in der „Piata Centrala", in der er ein wenig trank. Als er die Schenke verließ, traf er draußen einen Juden namens Ader buch. Der Professor trat auf ihn zu, zog einen Revolver aus der Tasche, fuchtelte mit demselben dem Juden vor die Nase und richtete an ihn einige Fragen über die Geschichte R u m ä n i e n s. Der Jude wußte keine Antwort und konnte aus Angst kein Wort über die Lippen bringen. Als der Schenker. sah, was sich vor seinem Lokale ab« spiele, eilte er sofort hinzu und beruhigte den Professor. Schließlich steckte dieser seinen Revolver ein und ging weiter. Einige Schritte weiter befindet sich die Gemeinde« waage. In der Nähe derselben stand ein Jude, Schmiel Landau. Wie der Professor seiner ansichtig wurde, /fivüt$^ Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke stürzte er sich mit Beleidigungen auf diesen* Unter; anderem schrie er: „Was, ein Jude berührt Gemeinde* vermögen und steht neben demselben?" Er zog abermals \ den Revolver und gab aus demselben fünf Schüsse ab, welche alle ihr Ziel trafen. Drei Kugeln trafen denii Juden in die Brust und zwei den rechten Oberarm* Schmiel Landau fiel sofort zu Boden. Die verständigte Polizei kam herbei und verhaftete den Professor Macedon, Bei seiner Einvernahme erklärte er, daß er aus Siebenbürgen stamme und überzeugter Antisemit sei. Schon lange habe er sich mit der Ab* sieht herumgetragen, einige Juden zu ermorden. Vor sein Haus, das sich gegenwärtig im Bau befindet, beabsichtige er ein Täfelchen anzubringen, auf welchem folgende Worte stehen sollen: „Jeder Jude, der hier vorbeigeht, wird erschossen." Weiters sagt er, daß ihn auch folgende Tatsache *u seinem Entschlüsse, einen Juden zu ermorden, ermutigt; habe. Kürzlich habe er in der Primaria einen Geburti* schein abgeholt. Als er den Schein in Händen hielt, stellte" er fest, daß er von einem jüdischen Vizebürger*: meister unterzeichnet war. Dies war der letzte Anlaß, der seineu Entschluß zur Tat reifen ließ. Die einvers, nehmenden Polizeiorgane gewannen den Eindruck, daß; sie es mit einem Wahnsinnigen(l) zu tun haben. Das heißt, daß dem mordenden Professor nichts geschehen wird. lüdfe die Augen« Von Schalom Asch. Wir saßön zu dritt in einein der Warschauer Kaffeehäuser und sprachen über — die Augen jüdischer Frauen. Unser Freund Wladek, der dem Mystizismus zuneigende Christ, ein enthusiastischer Verehrer jüdischer Frauen, ereiferte sich sehr. „Ja, die Augen der jüdischen Frauen tragen in sich noch einen Abglanz des alten Jerusalem!" rief er begeistert aus. „In ihnen liegt die mystische, melancholische Landschaft des glühenden Orients. Der Glanz des gierigen, trunkenen Blickes der Salome funkelt in ihnen, das Glitzern des Schwertes des Herodes -widerspiegelnd, das das Haupt des Johannes fällte. Die Augen der Jüdinnen . . ." Es war ein Anlauf, erst recht loszulegen. „Es genügt!" bremste einer aus der Gesellschaft. „Orientalisches Saitenspiel hört mau hier nicht und nicht perlt der Wein in deinem Glase 1" suchte er den biblischen Ton nachzuahmen. Unser Freund Wladek war abgekühlt und sah den Redenden mit Verdruß an. „Einmal haben mich jüdische Augen hineingelegt,4' begann der im Winkel sitzende Maler Stanislaw, „aber ich schäme mich, es zu erzählen," brach er plötzlich, rot geworden, ab. „Sieh nur, wie sich dieser Heilige schämt!" „Wie, endete es mit einem Knalleffekt?" „Nein, das nicht. Jedenfalls war es keine physische Ohrfeige, aber , s , Uebrigen«, es ist keiner .von euch | besser, jeder von euch würde getan haben, was ich tat, vielmehr tun wollte." „Nun, so erzähl'!', „Ich mußte einmal in einem Hotel übernachten. In einer der jüdischen Gassen, so rund um die Gensi Dzika. Habt ihr dort schon einmal übernachtet? Nein? Daun probiert es einmal! Ich kam müde hin und warf mich aufs Bett. Ich war matt, nervös und — Wanzen,- Erst im Morgengrauen schlief ich ein. Mitten im besten Traum wurde ich geweckt. Ich erwachte, öffnete die Augen. „Was ist los?" , „Wohnt hier Katz?" fragt ein Jude, Bart und Kopf zur Tür hereinsteokend. „Nein, hier wohnt kein Katz!" Der Jude verschwindet. Das .war wahrlich kein Grund, mich aus dem Schlafe zu rütteln. Was tun? Schlafen kann ich nicht mehr. Ich bleibe im Bette liegen und harre der Dinge, die da noch kommen werden. Hausierwaren brauche ich nicht. Keine Taschentücher, Socken, Schuhriemen, Federmesser. Einer Frau gefällt es, meine Tür einfach zu öffnen. Wozu? Es ist ihr zu finster im Gang. Ich liege im Bett, bin in meinem Hotelzimmer und habe das Gefühl, ajs legte man mich nackt auf die Nalewki. Die Tür wird geöffnet, ein sehr junges Frauchen spaziert herein. Unter der Perücke guckt ein frisches Gesichtchen mit funkelndem, schwarzem, schönem Augenpaar. Sie tritt zu mir bis vors Bett und zeigt auf etwa«, das sie hinter der Schürze verborgen hält, „Verbotene Zigaretten!" sagt sie mit schelmischem Blick, verzieht die Lippen und zeigt die blendenden Zähne. „Falsche Zigaretten!" Ich sehe das Frauchen an und will herausfinden, Avas sie meint, Sie reicht mir die Zigaretten. „Probieren Sie!" Ich koste. Ich rauche die Zigarette im Bett, sehe die Frau an und denke: „Mich wirst du nicht verführen. Du meinst nicht die falschen Zigaretten." Ich werfe einen Blick zur Tür. Sie ist nicht gana geschlossen —j sie will also nicht mit mir allein im Räume sein. Ich sehe in ihre Augen — ein diebischer, schelmischer Blick. „Rauchen Sie nur, sie schmecken sehr gut!" sagt sie. „Was kosten sie?" frage ich-absichtlich zweideutig; ebenso mit dem Blick. „Hundert Stück 40 Kopeken!" „So? Hundert Stück 40 Kopeken; die Zigaretten also?" „Ja, hundert Stück", antwortet sie gelassen. 'Aber zum Teufel, warum blinzelt sie mit den Augen? „Gut, gut, 40 Kopeken für hundert," sage ich weiter, im Bett liegend, gemütlich rauchend. „Sie schmecken sehr gut, sehr gut!" Plötzlich fiel es mir ein, zu fragen: „Und zu Hause haben Sie auch Zigaretten?" „Gute Zigaretten, bessere noch als die; ich werde Ihnen bald weldie bringen. Wollen Sie kaufen?" fragt die Frau und sieht mir in die Augen. „Ich werde kaufen", antworte ich. „Soll ich sie hierbei; bringen!''?

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